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Nähe und Distanz Neutestamentliche Anmerkungen über eine nicht nur pastorale Herausforderung in Zeiten der Corona-Pandemie


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Berührungen waren immer schon ambivalent. Zwischen wohlwollender und erwünschter Nähe und Zärtlichkeit, die zu Glücksempfindungen durch die Freisetzung von Oxytocin und Endorphin führt, und dem ungewollten und unangenehmen Übergriff liegt mehr als eine Armlänge Abstand. Berührungen setzen gegenseitiges Einvernehmen voraus. Erst dann entfalten sie ihre fast seligmachende Dynamik; andernfalls werden sie zum Fluch. Berührungen sind damit eine besondere Form somatischer Kommunikation, die in der virtuellen und digitalen Welt nicht möglich ist. Sicher: Man kann sich im Innersten anrühren lassen, wie es von Jesus Christus in den Evangelien mehrfach erzählt wird – etwa, wenn er schon zu Beginn seines öffentlichen Wirkens dem Aussätzigen in Galiläa1) oder später den beiden Blinden vor Jericho begegnet2). Hier wie dort findet sich im griechischen Urtext das Wort σπλαγχνίζεσθαι (gesprochen: splangchnízesthai), das in enger Verbindung mit dem Substantiv σπλάγχνον (gesprochen: splángchnon) steht, das die Eingeweide oder auch das Herz bezeichnet. Σπλγαγχνίζεσθαι meint also viel mehr als bloßes Mitleidhaben; es beschreibt ein im Innersten berührt sein, etwas, das einem im wahrsten Sinn des Wortes in die Eingeweide fährt. Größere Nähe kann man wohl kaum empfinden als sie Jesus in diesen Situationen wahrnimmt, wenn er sich vom Schicksal derer, die ihm dort begegnen im Innersten berühren lässt.

Grenzüberschreitungen

Das Sich-berühren-Lassen gehört in den synoptischen Evangelien fast schon zu einem festen jesuanischen Charakteristikum. Das Wort σπλαγχνίζεσθαι findet sich hier nach Auskunft der Konkordanz immerhin 12mal, während es außerhalb der Synoptiker keine Verwendung findet. Der irdische Jesus ist zutiefst berührbar – und er berührt. Viele Heilungserzählungen in den Evangelien beschreiben die große Nähe schaffenden Berührungen Jesu, die bisweilen fast übergriffig, in jedem Fall aber äußerst körperlich dargestellt werden – wie ebenso exemplarisch wie drastisch an der Erzählung von der Heilung des Taubstummen zu erkennen ist:

Jesus verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis. Da brachten sie zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, er möge ihm die Hand auflegen. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden. Jesus verbot ihnen, jemandem davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr verkündeten sie es. Sie staunten über alle Maßen und sagten: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen. Markus 7,31-37 par

Man führe sich den Vorgang plastisch vor Augen: Jesus legt dem Taubstummen die Finger in die Ohren und berührt die Zunge des Mannes mit Speichel. Die verbindende Konjunktion καί (gesprochen kaí – „und“) deutet hier die Parallelität des Vorgangs an: Das Berühren der Ohren mit den Fingern und der Zunge des Taubstummen mit Speichel geschieht gleichzeitig. Das kann nur möglich sein, wenn Jesus den Mann küsst, während er die Ohren berührt. Es ist also ein Vorgang von hoher und berührungsintensiver Intimität, der hier beschrieben wird. Nicht umsonst hat Jesus den Taubstummen ja beiseite genommen und von der Menge weggeführt. Es ist eine berührende Grenzüberschreitung, die hier zur Heilung führt.

Grenzverletzungen

Ist damit gesagt, dass jede grenzüberschreitende Berührung heilend ist? Wohl kaum! Es bedarf der beiderseitigen Übereinkunft. Nur dann können Berührungen ihre heilende und beglückende Wirkung entfalten. Dass Jesus selbst bisweilen hier Grenzverletzungen an seiner Person wahrnimmt, wird in der Erzählung von der Heilung einer blutflüssigen Frau deutlich, die in die Rahmenerzählung der Auferweckung der Tochter des Synagogenvorstehers (vgl. Markus 5,21-43 parr) eingebettet ist:

Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn. 25 Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutfluss litt. Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden. Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten heran und berührte sein Gewand. Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. Und sofort versiegte die Quelle des Blutes und sie spürte in ihrem Leib, dass sie von ihrem Leiden geheilt war. Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt? Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt? Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte. Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein. Markus 5,24-34 parr

Die Geschichte findet ein heilendes Ende – und doch ist die Irritation im Text spürbar. Selbst die Berührung des äußersten Zipfels seines Gewandes wird von ihm offenkundig trotz des Gedränges als Grenzüberschreitung wahrgenommen, setzt die Berührung doch eine Kraft frei, die er von sich strömen fühlt. Das passt zu den modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über den taktilen Sinn und die (ambivalente) Dynamik, die Berührungen zu eigen sind:

„Die Körper-Grenze zur Außenwelt und damit auch die Oberfläche, an der wir angefasst werden, ist die Haut. Sie ist das größte Organ des Körpers und enthält Millionen von Berührungsrezeptoren. Mit ihnen spüren wir Wärme und Kälte, Strukturen, Texturen und Druck, aber auch die Richtung und Geschwindigkeit von Berührungen. Von den Haut-Rezeptoren aus werden die Signale über Nervenbahnen an das Gehirn geschickt. Dabei werden aber nicht nur die harten Fakten übermittelt, wie Struktur und Ort der Berührung – sondern über spezielle Nervenverbindung auch eine emotionale Bewertung der Berührung. Ist die Berührung positiv oder negativ, angenehm oder unangenehm?“3)

Berührende Kommunikation erzeugt soziale Nähe

Berührungen sind also in ihrer ganzen Ambivalenz in sich kommunikativ. Gerade wenn gegenseitige Übereinkunft besteht, erzeugen sie soziale Nähe und stärken den Zusammenhalt:

„Nicht nur Umarmungen und Massagen haben einen Effekt auf Menschen. Studien aus dem Alltag zeigen: Schon kurze Berührungen können unser Denken und unser Handeln beeinflussen. Zum einen ist Körperkontakt gut für die Gruppendynamik. In Freundesgruppen, in denen Berührungen untereinander normal und häufig sind, gibt es weniger Aggressionen.“4)

In diesem Sinn wohnt ihnen tatsächlich ein heilendes Potential inne, das zerstört wird, wenn die gegenseitige Übereinkunft nicht vorhanden ist. Gerade da, wo Menschen in gewollten Gruppen zusammenleben – wie es etwa in Familien der Fall ist – spielen Berührungen wie Umarmungen, der Austausch zärtlicher Gesten aber auch der Segen eine wichtige Rolle. Sie schaffen soziale Nähe und Zusammenhalt. Wo diese gegenseitig gewollten Berührungen fehlen, kann selbst dann Einsamkeit entstehen, wenn Menschen eng zusammenleben. Es ist wohl kaum verwunderlich, wenn viele Alte und Sterbende die Hände von Pflegenden kaum loslassen möchten, auch wenn es sich nicht um enge Anverwandte handelt. Berührungen haben diese soziale Dimension – eine Dimension, die in Zeiten der Corona-Pandemie auf eine harte Probe gestellt wird; denn da, wo man zum Schutz vor Infektionen mindestens zwei Meter Abstand halten soll und Enkel die eigenen Großeltern, weil sie allein schon altersbedingt zur Risikogruppe gehören, nicht mehr leibhaftig heimsuchen können, fällt genau die Berührung als zutiefst menschliches Bedürfnis und Zeichen sozialer Nähe der medizinischen Vernunft zum Opfer. Keine digitale Kommunikation kann diese somatische Dimension des menschlichen Existentials vollständig kompensieren. Wie wird es weitergehen, wo sich Menschen aus blanker Angst, aber auch vernünftiger Sorge um den Schutz von Risikogruppen vor Infektionen mit SARS-CoV-2 selbst in die vorgebliche Sicherheit der eigenen vier Wände begeben und die Türen weitestgehend geschlossen halten. Kann es in dieser nun notwendigen physischen Distanz noch soziale Nähe geben?

Nähe und Distanz?

Das Zusammenspiel von Nähe und Distanz zu erlernen, ist für alle, die in Berufen arbeiten, die seelische oder körperliche Nähe zu Menschen voraussetzen, von hoher Bedeutung. Ärztinnen und Krankenpfleger, Physiotherapeuten und Psychologinnen sind davon ebenso betroffen wie Seelsorgerinnen und Seelsorger – um nur einige der Berufe zu nennen, die sich mit diesem Zusammenspiel auseinandersetzen müssen. Bei aller notwendigen Nähe ist immer auch eine notwendige Distanz zu wahren, um die gegenseitige Übereinkunft in situationsbedingt komplementären Beziehungsdefinitionen nicht zu gefährden. Was aber bedeutet das Verhältnis von Nähe und Distanz in Zeiten, wo die physische Distanz selbst zu geliebten Angehörigen zur medizinisch notwendigen conditio sine qua non erhoben wird?

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Eine Sonnenfinsternis ereignet sich nur im ausgewogenen Zusammenspiel von Nähe und Distanz. Das Wunder des Strahlenkranzes löst bei Menschen zu allen Zeiten aber auch ambivalente Empfindungen zwischen Staunen und Erschrecken aus.

Unberührbar

Es wurde hier bereits dargestellt, dass gerade in den synoptischen Evangelien die Bedeutung auch intensiver, ja bisweilen intimer Berührungen im Handeln Jesu herausgestellt wird – freilich auch hier in durchaus ambivalenter Weise. Umso bemerkenswerter ist allerdings die Beobachtung, dass der Auferstandene sich jeder Form von Berührung entzieht. Gerade im Johannesevangelium wird der Aspekt der physischen Distanz des Auferstandenen zu seiner und seinen engsten Vertrauten mehrfach hervorgehoben. Maria von Magdala etwa erblickt zwar, nachdem sie im gar nicht so leeren Grab zwei Engel gesehen hat, vor dem Grab eine Gestalt, die sie erst an der Stimme als den auferstandenen Jesus erkennt, der sich nicht mehr berühren lässt:

Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen. Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Johannes 20,14-17

Ähnlich scheint es auch dem zweifelnden Apostel Thomas ergangen zu sein, der bei der ersten Erscheinung des Auferstandenen im Apostelkreis nicht dabei war und nicht glauben kann, was ihm die anderen erzählen:

Thomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Johannes 20,24-29

Der Text suggeriert dem ersten Anschein nach zwar, dass der Auferstandene die Berührung durch den zweifelnden Thomas zulässt. Schlussendlich aber heißt es nicht, dass dieser ihn begriffen und berührt, sondern gesehen habe und deshalb glaube. Offenkundig ist der zweifelnde Thomas im letzten Moment doch vor dem taktilen Anfassen der nun ewigen Leiblichkeit zurückgeschreckt. Man muss wohl rundherum konstatieren: So sehr der irdische Jesus berührbar war und sich im Innersten berühren ließ – der Auferstandene ist nicht mehr berührbar. Er ist nicht mehr Teil der geschöpflichen Physis. Ist in dieser physischen Distanz überhaupt noch soziale Nähe für die, die ihm in Wort und Tat nachfolgen, möglich?

Nähe in der Distanz

Wie sehr sich Jesus im Innersten vom Schicksal der Menschen berühren lässt – gerade, wenn es sich um die Seinen handelt – wird gerade im Johannesevangelium deutlich. In den dortigen Abschiedsreden Jesu nimmt er die Situation der physischen Distanz vorweg, deutet aber gleichzeitig eine entscheidende Maßnahme zur Aufrechterhaltung der notwendigen sozialen Nähe in dieser unüberwindbaren Distanz an:

Noch eine kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen. Da sagten einige von seinen Jüngern zueinander: Was meint er damit, wenn er zu uns sagt: Noch eine kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen? Und: Ich gehe zum Vater? Sie sagten: Was heißt das, wenn er sagt: eine kurze Zeit? Wir wissen nicht, wovon er redet. Jesus erkannte, dass sie ihn fragen wollten, und sagte zu ihnen: Ihr macht euch untereinander Gedanken darüber, dass ich euch gesagt habe: Noch eine kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen. Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, aber eure Trauer wird sich in Freude verwandeln. Johannes 16,16-20

Der Abschied ist unabwendbar. Er wird irreversibel sein. Die so entstehende physische Distanz wird unüberbrückbar sein. Wenige Verse zuvor aber hat Jesus bereits angedeutet, auf welche Weise die physische Distanz kompensiert werden wird:

Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden. Johannes 16,7

Die Einheitsübersetzung von 2016 übersetzt hier vielleicht sogar etwas missverständlich, wenn sie davon spricht, dass das Fortgehen Jesu „gut“ für die Jünger sei. Das Verb συμφέρειν (gesprochen: symphérein) bedeutet eigentlich eher, dass etwas „nützlich“ ist. Das Fortgehen Jesu nutzt den Jüngern, weil sie etwas Neues bekommen werden – nämlich den von Jesus nach seinem Fortgehen gesendeten Beistand. Der Beistand ist das πνεῦμα (gesprochen: pneûma), als der lebenspendende Hauch Gottes, der Atem, durch den schon Adam als erstes Menschenwesen von Gott behaucht zum Leben kam. Ebenso wird der Auferstanden im Johannesevangelium den Jüngern neues Leben einhauchen. Zuvor aber werden sie einen Prozess des Lernens und Aneignung durchleben müssen, der für sie selbst Absonderung und Distanz bedeutet:

Siehe, die Stunde kommt und sie ist schon da, in der ihr versprengt sein werdet, jeder in sein Haus, und mich alleinlassen werdet. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. Johannes 16,32

Und genau das erleben die Jüngerinnen und Jünger Jesu, die sich nach dessen Kreuzestod und trotz der Auferstehungserfahrung zunächst von der Welt distanzieren und sich ängstlich einschließen – fast so, wie es in Zeiten der Corona-Pandemie der Fall ist. Der Auferstandene aber lässt sich von verschlossenen Räumen nicht abhalten, sein lebendigmachender Geisteshauch auch nicht:

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten. Johannes 20,19-23

Neue Naherfahrungen

An die Stelle der realen Begegnung mit dem Leib Christi tritt die inwendige, ja intrinsische Gegenwart Gottes im Menschen selbst. Das ist eine neue Weise des Seins, die da geschaffen wird. Sie wird nicht unmittelbar von den Jüngerinnen und Jüngern begriffen. Erst die Erfahrung der physischen Abwesenheit und endgültigen Distanz Jesu führt wohl zu einem Reifen jener Erkenntnis, dass nun sie selbst gefordert sind, im lebendigmachenden Geist Jesu sein Werk fortzuführen. Aus Jüngerinnen und Jüngern, Schülerinnen und Schülern eben, werden so mündige Zeuginnen und Zeugen. Genau so lautet der Auftrag des Auferstandenen an die Seinen in der Apostelgeschichte:

Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde. Apostelgeschichte 1,7-8

Es liegt nun an ihnen, sich selbst (im Innersten) berühren zu lassen, berührsam und berührend zu sein – gegenseitige Einvernehmen im Geiste Jesu strikt vorausgesetzt!

Es kommt aber noch etwas hinzu. Der Auferstandene gibt seinen Geist nicht exklusiv. Petrus wird vor der Taufe des heidnischen Hauptmann Cornelius erfahren müssen, dass dieser den Heiligen Geist schon hat, ohne dass er getauft ist (vgl. Apostelgeschichte 10,47). Offenkundig lässt sich der göttliche Geist in seiner Dynamik durch keinerlei menschliches Regelwerk bändigen. Mit dem Bewusstsein der Gegenwart des lebendigmachenden Geistes Gottes in allem was atmet wächst bei den Glaubenden eine neue Erkenntnis, die Paulus aus seiner Sicht so zusammenfasst:

Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören. Denn Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr. 1 Korinther 3,16-17

Physische Krücken sozialer Nähe

Der Leib des Menschen wird durch Gottes Atem lebendig. Folglich ist Gott in jedem Menschen, ob er es glaubt oder nicht, gegenwärtig. Als Wohnsitz des göttlichen Geistes wird der menschliche Leib deshalb zum Tempel. Es braucht keinen physischen Ort der Gottesverehrung mehr. Die Menschen, vor allem aber die Glaubenden sind in dem Bewusstsein, Trägerinnen und Träger des göttlichen Geistes zu sein, untereinander verbunden. Selbst in der physischen Distanz wird so soziale Nähe über aller Widerfahrnisse hinweg möglich. Und doch braucht selbst Paulus, der um die verbindende Dynamik des göttlichen Pneumas weiß, das physische Medium der Verbindung, dass Nähe begreifbar macht. In seiner Zeit waren das Briefe. So schreibt er gerade dort, wo aufgrund eines Konfliktes die Vergewisserung sozialer Nähe in der physischen Distanz notwendiger denn je ist, an die korinthische Gemeinde „unter Tränen“ einen Brief:

Denn ich schrieb euch aus großer Bedrängnis und Herzensnot, unter vielen Tränen, nicht um euch zu betrüben, nein, um euch meine übergroße Liebe spüren zu lassen. 2 Korinther 2,4

Der Brief freilich ist mehr Krücke als Ersatz für eine konkreten Besuch, der physische Begegnungen und Nähe ermöglicht. Auch ein Konflikt lässt sich in physischer Gegenwart besser klären als durch medial Vermittlung:

Deswegen schreibe ich das alles aus der Ferne, um nicht, wenn ich zu euch komme, Strenge gebrauchen zu müssen kraft der Vollmacht, die der Herr mir zum Aufbauen, nicht zum Niederreißen gegeben hat. Im Übrigen, Brüder und Schwestern, freut euch, kehrt zur Ordnung zurück, lasst euch ermahnen, seid eines Sinnes, haltet Frieden! Dann wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Grüßt einander mit dem heiligen Kuss! Es grüßen euch alle Heiligen. Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! 2 Korinther 13,10-13

Küssen kann man nämlich nicht wirklich virtuell – weder mit analogen Briefen noch mit digitalen Streams. Mediale Kommunikation aber ist imstand, physische Distanz sozial zu überbrücken – in der Sehnsucht, dass auch die physische Nähe bald wieder möglich sein wird. Gerade davon leben ja auch die Sakramente, die Zeichen und Realsymbol einer Gegenwart Gottes in Wort und Tat sind, die man noch in einem Spiegel schaut bis die physische Distanz in eine neue leibliche Gegenwart hinein verwandelt wird:

Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe. 1 Korinther 13,12-13

Schon, aber noch nicht

Das ist ein Bewusstsein, in dem Christen generell leben: Die Erfahrung einer sakramentalen Nähe Gottes, die aber doch immer nur Abglanz bleibt, bis sie keine symbolische Vermittlung mehr braucht, weil Gott selbst in der Mitte seines Volkes gegenwärtig ist. Das könnte eine der Lehren aus den Erfahrungen der Corona-Pandemie sein: Ein stärkeres Bewusstsein, sich nicht mit dem zufriedenzugeben, wie Kirche halt so ist, sondern eine stärkere Orientierung auf die erhoffte und unverhüllte Gegenwart Gottes. Eine zweite Lehre für die irdische und physische Existenz ist es dann, die gegenwärtig notwendig physische Distanz zu geliebten Menschen nicht bloß auszuhalten, sondern alles medial Mögliche zu unternehmen, um sie sozial zu überbrücken – wenn es sein muss, auch mit digitalen Krücken – und sich jetzt schon darauf zu freuen, das die Zeit kommen wird, in der man sich wieder ganz unvermittelt umarmen und berühren kann. Daran besteht kein Zweifel: Das wird kommen – so oder so!

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Bildnachweis

Titelbild: Jacobs Ladder (Hugh Mitton) – Quelle: Wikicommons – lizenziert als CC BY 3.0.

Bild 1: Solar eclipse 1994 (Luc Viatour) – Quelle: Wikicommons – lizenziert als CC BY-SA 3.0.

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1. Siehe hierzu Markus 1,40-45 parr.
2. Siehe Matthäus 20,29-34.
3. Sophia Wagner, Darum sind Berührungen so wichtig, Quarks.de, 19.6.2019, Quelle: https://www.quarks.de/gesundheit/darum-sind-beruehrungen-so-wichtig/ [Stand: 29. März 2020] – Hervorhebungen im Original.
4. Sophia Wagner, Darum sind Berührungen so wichtig, Quarks.de, 19.6.2019, Quelle: https://www.quarks.de/gesundheit/darum-sind-beruehrungen-so-wichtig/ [Stand: 29. März 2020] – Hervorhebungen im Original.
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1 Reply

  1. “Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.”

    Mit diesem Satz endet die Erzählung von dem Leben Jesu nach dem Evangelisten Matthäus.

    Jesus lebt in UNS und lebt mit UNS, nicht nur in einem Haus aus Stein!

    Nein, Bischof Athanasius Schneider:

    “Epidemie ist KEIN göttliches Eingreifen, um Welt und Kirche zu reinigen!”

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