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Disput·Ecclesiastica·Pastoralia

Wann endlich kommen die Tage der Not? Ein Essay zur Frage der Reformunfähigkeit der Kirche


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Die Kirche ist eine sehr weltliche Institution. Man kann es daran sehen, dass die Besitzstandswahrung zu den vornehmsten Zielen gehört, die die Basis wie die Kirchenführung miteinander verbindet. Sicher: Zu den immer wieder und gerne beschworenen Sentenzen gehört die des „Ecclesia semper reformanda“ – die Kirche muss ständig erneuert werden. Leider sagt dabei niemand, wer diese Änderung vollziehen soll. Meist wird sie deshalb von anderen erwartet. Das Kirchenvolk an der Basis, die sogenannten „Laien“1), erwartet eine Änderung der Haltung der Bischöfe und Priester; die Bischöfe und Priester hingegen erwarten eine Änderung der Basis. Haltungsänderungen werden gerne beschworen – solange es nicht um die eigene Haltung geht. Das Mantra des „Ecclesia semper reformanda“ wird durch stetes Wiederholen längst nicht Wirklichkeit – es sei denn, man huldigt einem magischen Schamanismus oder einem ekklesialen Voodoo, der – ähnlich einem Tanz um ein goldenes Kalb – Veränderung durch Beschwörung der jeweils anderen bewirkt: Ich will so bleiben, wie ich bin, deshalb musst Du Dich ändern! Jede Ehetherapie scheitert an dieser Haltung. Und auch die Kirche wird gerade in einer Situation, in der ihre Glaubwürdigkeit in die möglicherweise größte Krise ihrer Geschichte gerät, so nicht voran kommen.

Grundlegungen

Symptomatisch für diese Haltung ist die Mangelanalyse, die von einer bemerkenswerten Betriebsblindheit zeugt. Menschen der Kirche, Weihevolle wie Weihelose, beklagen gerne den Mangel: Priestermangel, Glaubendenmangel, Glaubensmangel – vieles verdunstet da angeblich. Auf der anderen Seite erfreuen sich viele andere spirituelle Bewegungen – oder solche, die sich dafür ausgeben – einer steigenden Beliebtheit: Pfingstbewegungen, Yogakurse, Achtsamkeitsseminare – sie alle zeugen davon, dass die Menschen durchaus nach Sinn und Inhalt suchen – aber eben nicht mehr bei der Kirche. Könnte es da nicht eher sein, dass die Kirche des Glaubens nicht mehr würdig ist und es statt eines Glaubensmangels einen Mangel an Glaubwürdigkeit gibt?

Wie auch immer – das Klima hat sich gewandelt. Das Volk folgt nicht einfach mehr, weil Bischöfe oder Priester etwas sagen. Wo die Argumente fehlen, kann kein Glaube wachsen. Wie labil ein Glaube ohne Argumente ist, weiß schon Paulus, wenn er die Korinther daran erinnert, wie wichtig der Verstand für den Glauben ist:

Ich erinnere euch, Brüder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet werden, wenn ihr festhaltet an dem Wort, das ich euch verkündet habe, es sei denn, ihr hättet den Glauben unüberlegt angenommen. Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift. 1 Korinther 15,1-4

Der Glaube muss erklärt und begründet werden. Nur begründet wird er Grund und Fundament, aus dem eine Lebenshaltung erwachsen kann, in der man fest steht:

Seid wachsam, steht fest im Glauben, seid mutig, seid stark! Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe. 1 Korinther 16,13-14

Ein solcher Glaube, der auf tief verwurzelter Erkenntnis beruht, macht nicht nur frei und mündig; er braucht auch keinen paternalistischen Schutz vermeintlicher Glaubenswächter mehr, die ihr Selbstbewusstsein aus einer selbstreferentiellen Beziehungsdefinition ziehen, bei der eine Herde dumm gehaltener Schafe der beständigen Weisung auf den Weiden der Wahrheit durch weihevolle Führer bedarf, die sich in im Glanz überirdischer Heiligkeit selbst im Sein überhöhen. Paulus ist so etwas jedenfalls fremd, wenn er der korinthischen Gemeinde Glaubensfestigkeit attestiert:

Wir sind nicht Herren über euren Glauben, sondern wir sind Mitarbeiter eurer Freude; denn im Glauben steht ihr fest. 2 Korinther 1,24

Das Klima stimmt schon lange nicht mehr

Das aber scheint in einer Kirche der Gegenwart, in der beständig Veränderung von anderen gefordert wird, weit entfernt zu sein. Das Klima zwischen Kirchenvolk und Kirchenführung stimmt schon lange nicht mehr. Hinzu kommen mit der Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker oder der Entdeckung eines merkwürdigen Finanzgebarens in Bistümern, ja selbst im Vatikan weitere Krisen, die die vermeintliche Heiligkeit als Schein entlarven und vor Augen führen, dass die Kirche letztlich eine weltliche Institution ist. Das kann wenig verwundern, wenn der noch irdische Jesus vor seinem Leiden und Sterben den Seinen beim letzten Abendmahl verheißt:

Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von Neuem davon trinke im Reich Gottes. Markus 14,25 parr

„Bis zu dem Tag im Reich Gottes“ – die Kirche ist eine Institution unter Vorbehalt. Sie hat ihre Zeit – aber eben in der Zeit. Sie ist Sachwalterin des vom Kreuzestod Auferstandenen bis zu seiner Wiederkunft – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Weil sie eine Institution in Zeit und Raum ist, partizipiert sie an den Dingen der Welt. Sie unterliegt ebenso den Gesetzen der Natur wie denen der Soziologie, der Ökonomie, der Psychologie und der Juristerei. Sie kann sich nicht davon entheben, ohne sich lächerlich und belanglos zu machen. Dass sie es immer wieder tut, führt in Zeiten, in denen sie ihre geistliche Macht nicht mehr durch weltliche Gewalt absichern kann, zu einem immer stärkeren Relevanzverlust – jedenfalls solange die in der Kirche Verantwortlichen nicht verstehen, dass es keine Existenz wider die Natur geben kann: Gratiam supponit naturam – die Gnade setzt die Natur voraus, lautet die Erkenntnis des Thomas von Aquin.

Wo diese Erkenntnis aus dem Blick gerät, ähnelt offenkundige Unfähigkeit zu kirchlichen Veränderungen dem Unvermögen, die richtigen Schlüsse aus dem Klimawandel zu ziehen. Hier wie dort wäre Haltungs- wie Verhaltensänderungen notwendig. Man sieht die drohende Gefahr irgendwann, in ferner Zukunft kommen. Sie ist aber nicht unmittelbar genug. Deshalb verschiebt man das Problem auf den St. Nimmerleinstag, bis es irgendwann zu spät ist. Angesichts des Klimawandels fragen dabei viele, warum in der durch die Corona-Pandemie ausgelösten Krise ebenso unmittelbare wie tiefgreifende Maßnahmen ergriffen werden können, während beim Klimawandel geredet und beraten, aber nichts oder nur selten Konkretes beschlossen wird, obwohl es auch hier drängt. Die Antwort liegt auf der Hand: Es fehlt der unmittelbare Schmerz, die vor Augen liegende Konsequenz, der physische Mangel. Einsicht und Umkehr sind offenkundig eben keine Ergebnisse rein rationaler Erkenntnis, sondern Folgen eines ebenso unmittelbaren wie existentiellen Mangels, der sich „im Idealfall“ sogar in physischem Schmerz manifestiert.

Mittendrin

Das lehrt auf bemerkenswerte Weise das Gleichnis vom verlorenen Sohn, das auch als Gleichnis vom barmherzigen Vater bezeichnet wird. Der Streit um diese Frage ist unerheblich, weil so oder so jeweils der Fokus auf die Gleichniserzählung neu justiert wird2). Die unterschiedlichen Möglichkeiten der Fokussierung zeigen allerdings auch, dass die Gleichnisse Jesu eben nicht nur auf ein einzelnes tertium comparationis, ein singuläres Vergleichsmoment hinauslaufen, wie es einst der Bibelwissenschaftler Adolf Jülicher vorschlug3). Tatsächlich sind Gleichnisse, insbesondere die Gleichnisse Jesu Erzählungen mit vielschichtig narrativen Tiefendimensionen. Das gilt insbesondere für die längeren Gleichnisse, zu denen auch das Gleichnis vom verlorenen Sohn bzw. barmherzigen Vater gehört.

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Lk15-Sprechzeichnen
Die beiden mit der Methode des Sprechzeichnens erstellten Visualierungen bestehen aus identischen Szenen. Aus der Anordnung heraus ergibt sich so einmal das Gleichnis vom verlorenen Sohn, dass den Umkehraspekt herausstellt; im anderen Fall ist es das Gleichnis vom barmherzigen Vater, dass die Nähe liebenden Vater in allen Lebenssituationen anzeigt. Die Visualisierungen machen deutlich, dass mindestens beide Aspekte im Gleichnis aufgehoben sind (Visualisierung von Werner Kleine).

Hinzu kommt, dass die Erzähltechnik Jesu sich häufig des – vor allem auch im jüdischen Kontext sehr beliebten – Stilmittels der Lakonie bedient4). Dabei werden im Text bzw. der Erzählung bewusst narrative Leerstellen gelassen, die die Leserinnen bzw. Hörer – ob sie wollen oder nicht – im Akt der Rezeption unmittelbar selbst füllen. Auf diese Weise werden sie selbst Teil der Erzählung, hier der Gleichnisse. Sie agieren an der Erzählung mit – ein Vorgang, den der Erzähler durch die Schaffung von Leerstellen bewusst initiiert, intendiert und letztlich auch seine Leser und Hörerinnen so manipuliert und im Idealfall zu einer Haltungsänderung motiviert.

Im Gleichnis vom barmherzigen Vater bzw. verlorenen Sohn findet sich eine solche Leerstelle am Schluss. Die Doppelstruktur des Gleichnisses legt den Fokus in der ersten Hälfte auf den jüngeren Sohn, der verloren war und wiedergefunden wird, während in der zweiten Hälfte der ältere Sohn in den Blick kommt. Er ist neidisch ob des Festes, das für den gefeiert wird, der doch eigentlich das Erbe verprasst hat. Der Vater versucht, ihm seine Freude begreiflich zu machen und fordert ihn auf, mitzufeiern. Ob er das aber tut oder ob er nun zu einem verlorenen Sohn wird, bleibt am Ende des Gleichnisses offen. Die Leserinnen und Hörer des Gleichnisses aber füllen diese Leerstelle selbst. Sie sind nun dieser Sohn. Wie würden sie an seiner Stelle entscheiden?

Besitzstandsverwahrlosung

Fast unscheinbar kommt allerdings ein anderer Aspekt in diesem Gleichnis zu Sprache, das hier nun, da der Fokus auf dem drohenden Verlorengehen des jüngeren Sohnes liegt, dann auch zum „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ wird – wenigstens vorübergehend …

Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht! Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er begann Not zu leiden. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner! Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Lukas 15,11-20

Das Sujet ist bekannt. Der Sohn fordert Unverschämtes. Geerbt wird eigentlich erst, wenn der Erblasser verstorben ist. Er aber fordert sein Erbteil zu Lebzeiten des Vaters. Damit verweigert er nicht nur die Pflicht, als Sohn für seinen alten Herrn zu sorgen und ihn zu ehren; er nimmt ihm sogar einen Teil seiner Existenz und erklärt mit seiner Forderung gewissermaßen, dass der Vater für ihn längst gestorben ist. An Ehre mangelt es ihm auch weiterhin, verschleudert er das sauer verdiente Geld seines Vaters in zweifelhaften Situationen. Er sieht nur sich und sonst niemanden. Sein eigenes Wohlergehen ist das Einzige, was er kennt. Besitzstandswahrung ist seine Haltung um den Preis, dass er das, was er besitzt, verliert. So artet die Besitzstandswahrung zur Besitzstandsverwahrlosung aus. Sein Unvermögen mit dem, was ihm gegeben ist, vernünftig umzugehen und stattdessen sich nur selbst zu genießen, führt zum Verlust. Erzählerisch wird hier entfaltet, was– mit Blick auf das Matthäusevangelium – auch als „Matthäuseffekt“ bezeichnet wird:

Denn wer hat, dem wird gegeben werden und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Matthäus 25,29

Wer nicht mit dem, was ihm anvertraut ist, wuchert – so das Ergebnis des matthäischen Gleichnisses von den anvertrauten Talenten (vgl. Matthäus 25,14-30) – wird auch das, was er hat, verlieren.

Wie Umkehr geht

Zu dieser durch Besitzstandsverwahrlosung korrumpierten existentiellen Haltung maximaler Selbstverliebtheit kommt jetzt noch eine äußere Krise hinzu. Eine Hungersnot kommt über das Land. Der Junge gerät in Not, ist aber immer noch nicht zum Umdenken bereit. Er ist auch noch nicht am Tiefpunkt. Der aber ist auch dann noch nicht erreicht, als er – mittellos geworden – die Schweine hüten muss. Gerne hätte er seinen Hunger mit deren Futterschoten gestillt – welch eine Demütigung. Aber selbst davon bekommt er nicht. Der Hunger beißt und schmerzt. Es ist dieser physische Schmerz, der Mangel an Nahrung, der das Umdenken bewirkt, nicht eine irgendwie geartete höhere Erkenntnis, ein rationaler Schluss aufgrund von Fakten. Der blanke Hunger treibt ihn um und zum Umdenken. Erst mit röhrend leerem Magen denkt er daran, dass es jedem Tagelöhner seines Vaters besser geht. Und erst jetzt reift der Entschluss zu Umkehr. Umkehr ist nie zuerst ein Nachdenken. So wie erst das Fressen und dann die Moral kommt, so kommt der physische Mangel vor der Konsequenz, umzudenken und die eigene Haltung zu ändern. Auch hier gilt also offenkundig: Gratiam supponit naturam!

Ecclesia non reformanda – ...

Das ist das Problem, das den Klimawandel mit einer Kirche verbindet, die ständig vom Aufbruch redet, in der aber niemand wirklich aufbricht. Es ist schon eine irritierende Erfahrung, die man als Laie machen kann, wenn man an klerikalen Konferenzen teilnimmt. Beständig werden dort geistliche Wege beschworen und Aufbrüche, die allerorten initiiert werden. Allein wenn dem so wäre, es gäbe keine Krise, der sich die Kirche gegenüber sieht. Die Gottesdienste wären voll, die Austrittszahlen niedrig. Theologinnen und Theologen wären überall in gesellschaftliche Prozesse eingebunden. Die Kirche wäre mit der Welt im Gespräch. Sie wäre wie eine leuchtende Stadt auf dem Berg, ein Haus, das voll Glorie über das weite Land schaut. All das ist aber erkennbar nicht der Fall. Die Kirche ist irrelevant für die Welt. Sie genügt sich selbst. Selbstreferentiell fordern die, die es sich unter den Krummstäben gut eingerichtet haben, Veränderung von anderen. Für sie soll alles so bleiben, wie es ist. Die Zahlen sprechen dabei eine deutliche Sprache. Bis zum Jahr 2030 wird es nur noch die Hälfte der hauptamtlichen pastoralen Dienste geben, bis zum Jahr 2060 wird sich die Zahl der Kirchenmitglieder halbiert haben. Durch die große durch die Corona-Pandemie ausgelösten Krise werden sich diese Prozesse noch beschleunigen, weil durch Kontaktbeschränkungen und Zugangsregelungen für Gottesdienste Bindungen lockern und neue Gewohnheiten der Menschen entstehen werden. Kleriker aber ficht das alles in der Regel nicht an. Wo tiefschneidende Maßnahmen gefordert wären, suchen sie ihre Pfründe zu sichern – das Erbteil, das sie erhalten haben. Sie sind dabei es zu verschleudern, statt mit ihm zu wuchern. Sie gehen kein Risiko ein. Sie wollen ihren Besitzstand wahren. Sie werden früher oder später, weil sie die Zeichen der Zeit verkennen, zu Besitzstandverwahrlosten. Sie reden dann gerne, dass sie über Geistliches, statt über Strukturen reden möchten, reden dann aber selbst nur über die Strukturen, die sie bewahren möchten – jene Strukturen, aus denen sich der Geist offenkundig längst verabschiedet hat. Dabei ist die Gegenwart ein so offenkundig prophetisches Zeichen, wie es schon im bei Ezechiel aufscheint:

So spricht GOTT, der Herr: Weh den Hirten Israels, die sich selbst geweidet haben! Müssen die Hirten nicht die Schafe weiden? Das Fett verzehrt ihr und mit der Wolle kleidet ihr euch. Das Mastvieh schlachtet ihr, die Schafe aber weidet ihr nicht. Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt, das Kranke habt ihr nicht geheilt, das Verletzte habt ihr nicht verbunden, das Vertriebene habt ihr nicht zurückgeholt, das Verlorene habt ihr nicht gesucht; mit Härte habt ihr sie niedergetreten und mit Gewalt. Und weil kein Hirt da war, zerstreuten sie sich und sie wurden zum Fraß für alles Getier des Feldes, als sie zerstreut waren. Meine Schafe irren auf allen Bergen und auf jedem hohen Hügel umher und über die ganze Erdoberfläche sind meine Schafe zerstreut. Doch da ist keiner, der fragt, und da ist keiner, der auf die Suche geht. Darum, Hirten, hört das Wort des HERRN: 8 So wahr ich lebe, Spruch GOTTES, des Herrn: Weil meine Schafe zum Raub und meine Schafe zum Fraß für alles Getier des Feldes wurden – denn es war kein Hirt da – und meine Hirten nicht nach meinen Schafen fragten, sondern die Hirten sich selbst geweidet und nicht meine Schafe geweidet haben, darum, ihr Hirten, hört das Wort des HERRN: So spricht GOTT, der Herr: Siehe, nun gehe ich gegen die Hirten vor und fordere meine Schafe aus ihrer Hand zurück. Ich mache dem Weiden der Schafe ein Ende. Die Hirten sollen nicht länger sich selbst weiden: Ich rette meine Schafe aus ihrem Rachen, sie sollen nicht länger ihr Fraß sein. Ezechiel 34,2-10

... es sei denn ...

Bei Ezechiel nimmt Gott selbst den selbstzufrieden gewordenen Hirten die Herde aus der Hand. Sie haben sich nicht bewährt, sondern sind zu Besitzstandsverwahrlosten geworden. Gott aber handelt neu5):

Das Verlorene werde ich suchen, das Vertriebene werde ich zurückbringen, das Verletzte werde ich verbinden, das Kranke werde ich kräftigen. Doch das Fette und Starke werde ich vertilgen. Ich werde es weiden durch Rechtsentscheid. Ihr aber, meine Herde – so spricht GOTT, der Herr – , siehe, ich sorge für Recht zwischen Schaf und Schaf. Ezechiel 34,16-17

Die Hirten haben ausgedient. Gott richtet ob ihres Versagens und ihrer Unmöglichkeit zur Umkehr eine neue Ordnung auf. Recht gilt jetzt zwischen Schaf und Schaf – ganz ohne Hirten als Zwischeninstanzen zwischen Gott als Besitzer und seiner Herde. Was, wenn so etwas Schule macht …

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn lehrt, dass erst der physische Mangel zur Umkehr führt. Vielen, die als Kleriker in der Kirche Verantwortung tragen, als leitende Pfarrer, Stadt- oder Kreisdekane, ja sogar Bischöfe, versuchen noch mit vermeintlich milden Eingriffen ihre Pfründe zu sichern. Sie werden alles verlieren. Erst, wenn nichts mehr da ist, erst, wenn Fakten kein Material zum Jonglieren, sondern die harten Böden sind, auf denen man aufschlägt, erst, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass „geistlich“ nur „weltlich“ geht, wird sich die alternativlose Erkenntnis durchsetzen, dass man früher hätte handeln können, als man das noch vermochte. Dann wird man zu Getriebenen geworden sein, die nicht mehr gestalten, sondern bloß noch um Aufnahme bitten können. Ach, hättet ihr doch beizeiten Weitblick bewiesen. So aber schaut ihr nur auf eure Besitzstände. Wer so fixiert ist, hat die Herde längst aus dem Blick verloren – und die verlorenen Schafe sowieso. Und der Geist Gottes weht in der Zwischenzeit anderswo und sammelt die verlorenen Schafe, wie er will und wenn es sein muss zu einer neuen Ordnung. Erkennt ihr diese Zeichen wirklich nicht? Ihr seid doch schon mittendrin in der Geschichte der verlorenen Söhne. Wann endlich kommen die Tage der Not, damit echte Veränderung möglich wird?

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Bildnachweis

Titelbild: Ruine Kirche (Alviva-Medien) – Quelle: Pixabay – lizenziert mit Pixabay License.

Bild 1: Visualisierung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn/barmherziger Vater mithilfe der Methode des Sprechzeichnens (Werner Kleine) – alle Rechte vorbehalten.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Von λάος (gesprochen: láos) – Volk.
2. Vgl. zu diesem Aspekt auch das Video “Die Bibel gegen den Strich gelesen” von Werner Kleine (2013) ab 37:22 Minuten unter https://youtu.be/Nnxl0z9JibY?t=2242 [Stand: 22. November 2020], wo der Autor dieses Beitrages mithilfe der Methode des „Sprechzeichnens“ diese Doppelperspektive visuell verdeutlicht. Zur Methode des Sprechzeichnens siehe: Werner Kleine, Sprechzeichnen. Eine erzählbegleitende Methode zur Visualisierung biblischer Texte, Wuppertal 2013.
3. Vgl. hierzu Adolf Jülicher, Die Gleichnisreden Jesu, 2 Bde., 1910.
4. Vgl. zur Lakonie: Werner Kleine, Die Kunst der Auslassung. Das Stilmittel der Lakonie in der Gleichnisverkündigung Jesu, in: Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Essen, Hildesheim, Köln, Osnabrück, 2008 (60. Jg.), S. 259-264.
5. Vgl. zum Folgenden auch https://www.in-principio.de/sonntags-lesungen/lesung/1.-Lesung-Ez-3411-12.15-17/ [Stand: 23. November 2020].
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1 Reply

  1. Grüezi Herr Kleine

    Morgen Sonntag wird das Feuer der zweiten Adventskerze entfacht. Bewusst verwende ich das Wort entfacht. Ein kluger Rabiner sprach einmal oder soll gesprochen haben:

    “Wenn in einer Glut noch ein Funke Glaube vorhanden ist, kann er durch einen Windstoss entfacht werden!”

    In einige Tälern mussten vor einem Föhnsturm die Glut in den Öfen vollständig gelöscht werden. Ein Funke genügte, um ein Dorf durch Feuer zu verwüsten.

    Im Moment herrscht in der Schweiz im Bereich Glaubens-Leere, pardon Glauben-Lehre auch ein heftiger Föhnsturm, genauer gesagt in der Bündnerherrschaft.

    Der Föhnsturm, in Chur enfacht, erhitzte die Köpfe vieler Katholiken. Wobei die Katholiken streiten darüber, wer ein Echter oder ein ein Taufscheinkatholik ist.

    Grund war ein Zwei-Fach verschlossener Brief, der den Weg über die Alpen nach Chur fand. Darin standen drei Namen von Priestern.

    Und es erhub sich ein Streit über die drei Priester! Ein Teil des Verwaltungsrates des Bistums Chur zweifelte, ob die drei Mitbrüder auch Katholiken, zugegeben in Ihrem, pardon, Starrsinn, sind.

    Dabei wurden angeblich unschöne Worte über den Heiligen Vater Papst Franziskus gesprochen.

    “Wir sind die Verfechter der Glaubens-Leere sprachen die Einen”: gemeint war wohl die Glaubens-Lehre!

    Veränderungen, es müssen nicht gleich Reformen sein, ist für diese sogenannten Katholischen Kreise undenkbar!

    Ich wünsche Ihnen einen frohen Advent, wenn die zweite Kerze brennt!

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