Ecclesiastica·Res publica

Glücklich sind die im Geist Armen Nachbemerkung zum Welttag der Armen

Schön, wenn so ein Sonntag, der als Welttag der Armen kirchlich begangen wird, hinter einem liegt. Das Thema ist abgespeist. Erklärungen und Predigten sind gelesen und verklungen – und nun beruhigt sich das kirchliche Gewissen wieder durch die gute Arbeit der Hilfsorganisationen. Zurück zum Alltag – denn arm-sein und reich-sein gehört doch zu jeder Gesellschaft dazu; das weiß schon der biblische Weisheitslehrer Jesus Sirach:

Gutes und Schlechtes, Leben und Tod, Armut und Reichtum kommen vom Herrn. Sirach 11,4

Sicherlich kann man unterscheiden, zwischen selbst- oder unverschuldeter Armut. Dasselbe gilt auch für Reichtum. Gott verurteilt im Buch Micha nicht diejenigen, die reich sind, sondern die Ihren Reichtum unehrenhaft erworben haben:

Kann ich vergessen das Haus des Frevlers, die frevlerisch erworbenen Schätze und das geschrumpfte Maß, das verdammte? Soll ich freisprechen bei ungerechter Waage und bei einem Beutel mit falschen Gewichten? Ja, die Reichen in der Stadt sind voll von Gewalttat und ihre Bewohner reden Lüge und ihre Zunge ist trügerisch in ihrem Mund. Micha 6,10-12

Ja, selig diejenigen, die rechtschaffend reich werden. Die Welt wäre so einfach, wenn das Buch der Sprichwörter recht behalten würde:

Träge Hand bringt Armut, fleißige Hand macht reich. Sprichwörter 10,4

Ach, leider sind die Reichen immer die anderen. Und die Reichen unterdrücken die Armen. Zum Glück können wir ja auf unseren Gott vertrauen, denn es gilt:

Da rief ein Armer und der HERR erhörte ihn und half ihm aus all seinen Nöten. Psalm 34,7

So ist es. Armut und Reichtum gehören einfach zur Welt dazu – und zur Not hilft Gott den Armen. Hauptsache wir fleißigen Gläubigen sind selbst nicht arm. Selig sind diejenigen, die weder arm noch reich sind – so ist man auf der sicheren Seite zumindest im Diesseits. Das Himmelreich ist ja noch fern.

Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Matthäus 5,3

So verkündet Jesus. Das dieser Satz jedoch nicht auf das Jenseits bezogen ist, wird leicht übersehen, nachdem man das so altertümlich klingende Wort „selig“ gelesen hat. Die diesem übersetzten Wort zugrundeliegende griechische Vokabel μακάριος (gesprochen: makarios) meint hier jedoch ein Glücklichsein im vollen Sinne im Hier und Jetzt. Es beschreibt ein geglücktes Leben. Wessen leben glückt? Die Antwort ist schon im Leben nicht einfach und auch nicht in dieser Seligpreisung Jesu, die wörtlich übersetzt so beginnt: „Glücklich sind die im Geist Armen…“ Selig, die durch den eigenen Geist, also freiwillig, arm sind? Selig, die durch den göttlichen Geist, also durch dessen Wirkung, arm sind? Und ist hier eine wirtschaftliche Armut gemeint oder beschreibt das griechische Wort πτωχοὶ (gesprochen: ptochoi) im übertragenen Sinne die Demütigen? Die Realität – wie dieser einzelne Bibelvers – ist Interpretationssache. Aber der Frage kann man dann ja nächstes Jahr am Welttag der Armen nachgehen. Jetzt steht erst einmal das Christkönigsfest an. Ja, Dominus Noster Iesus Christus Universorum Rex – und wen preist unser Herr Jesus Christus, König des Universums, in seinem Reich hier und jetzt selig? Jedenfalls nicht diejenigen, die im Angesicht der Armut gleichgültig verharren.

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Bildnachweis

Titelbild: fotografiert von Magdalena Roeseler, gepostet auf PxHere.

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