Kapitel
Disput·Ecclesiastica

Kein ehernes Konzept Ein alttestamentlicher Blick auf die Ehe

„Zum Beispiel als ‚Liebe für immer‘ oder ‚Bio-Ehe‘.“ So würde der Churer Bischof Joseph Bonnemain – falls in der Schweiz die „Ehe für alle“ eingeführt würde – „die aus der Bibel begründete Partnerschaft zwischen Mann und Frau neu benennen“.1) Auf der biblischen Grundlage sei mit dem Begriff „Ehe“ eine bestimmte Art der Partnerschaft bezeichnet, die es zu schützen gilt: „Es ist dies eine lebenslange, treue, für das Leben offene Partnerschaft zwischen Mann und Frau. Andere zwischenmenschliche Beziehungen haben auch einen Wert und vermitteln den Menschen Geborgenheit, aber sie sind nicht dasselbe wie eine Ehe.“2) Wortspielereien und Namengebungen sind immer interessanter Zeitvertreib; das gilt auch für die Frage nach der Herkunft von Begriffen. Das westgermanische Wort ēwa / ēwī, aus dem sich der heutige hochdeutsche Begriff „Ehe“ ableitet, bedeutete ursprünglich „Gesetz, recht, göttliches Gebot, Vertrag“. Offen hingegen ist, ob eine Wurzel des heutigen Ehebegriffs in einem zweiten westgermanischen Wort liegt, aus dem sich das heutige hochdeutsche Wort „ewig“ ableitet: ēwa. Somit kann zumindest etymologisch nicht geklärt werden, ob „Ehe“ ein ewig geltendes Recht bezeichnet.

Vom Besitz zur Ehe

Dass das Konzept der Ehe jedoch in der Geschichte einem stetigen Wandel unterlag, lehrt bereits ein Blick in das Alte Testament. Zwar kennt die Hebräische Bibel noch keinen abstrakten Begriff für „Ehe“, aber eine klare Definition des Ehemanns: Er ist der Besitzer der Frau – das ist jedenfalls die Bedeutung des hebräischen Wortes בַּעַל (gesprochen: ba’al). Ein Heiratsantrag wurde durch den Bräutigam in spe beim zukünftigen Schwiegervater gestellt; oder die Ehe wurde direkt durch die beiden Familien ausgehandelt (siehe Genesis 24,33-41). Das Machtverhältnis dieser arrangierten Partnerschaft zeigt sich deutlich in der Sprache. Der Mann heiratet, die Frau wird ge- bzw. verheiratet.

Wenn ein Mann eine Frau geheiratet hat und ihr Ehemann [בַּעַל] geworden ist, … Deuteronomium 24,1

Saul sagte zu David: Hier ist meine älteste Tochter Merab. Ich will sie dir zur Frau geben, wenn du dich mir als tapfer erweist und die Kriege des HERRN führst. 1 Samuel 18,17

Eine Ehefrau kann gar als diejenige bezeichnet werden, die von ihrem Herrn besessen wird (‎בְּעֻלַת בָּֽעַל, gesprochen: be’ulat ba’al). Diese Tradition der Ehe ist heute zumindest theologisch nicht mehr relevant – hoffentlich! In der Welt des Alten Testament war das Recht auf Heirat und damit verbundener Ansprüche noch durch Geld-, Sach- und Dienstleistungen vom Vater der Braut käuflich erwerbbar (siehe Genesis 34,12 und 1 Samuel 18,25). Die Frau wurde zwar erworben, aber sie war doch nicht als freiverfügbarer Besitz gekauft, sondern sie hatte auch Rechte. Der Mann durfte ihr den Geschlechtsverkehr und somit die Möglichkeit auf männliche Nachkommen nicht verwehren:

Nimmt er [d.h. der Ehemann] sich noch eine andere Frau, darf er sie in Nahrung, Kleidung und Beischlaf nicht benachteiligen. Exodus 21,10

Söhne waren für Frauen, besonders für Witwen, eine Absicherung ihrer Altersversorgung. Dies galt umso mehr in der damaligen üblichen Polygynie. Im gesamten Alten Orient war es erlaubt und akzeptiert, dass die Ehe keine exklusive Partnerschaft war, sondern dass ein verheirateter Mann mehr als eine Frau oder Nebenfrau hatte, zum Beispiel: Abraham war verheiratet mit Sarah und Ketura und zeugte auch einen Sohn mit Hagar (Genesis 25,6); Jakob heiratete seine Cousinen, die Schwestern Leah und Rebekka (Gen 29,21-30) etc. Auch die alttestamentlichen Gesetze zeigen, dass Polygynie, bzw. meistens wohl Bigynie zur Normalität gehörte:

Wenn ein Mann zwei Frauen hat, eine, die er liebt, und eine, die er nicht liebt, und wenn beide ihm Söhne gebären, die geliebte wie die ungeliebte, und der erstgeborene Sohn von der ungeliebten stammt, dann darf er, wenn er sein Erbe unter seine Söhne verteilt, den Sohn der geliebten Frau nicht als Erstgeborenen behandeln und damit gegen das Recht des wirklichen Erstgeborenen, des Sohnes der ungeliebten Frau, verstoßen. Vielmehr soll er den Erstgeborenen, den Sohn der Ungeliebten, anerkennen, indem er ihm von allem, was er besitzt, den doppelten Anteil gibt. Ihn hat er zuerst gezeugt, er besitzt das Erstgeborenenrecht. Exodus 21,15-17

Die Mehrfrauenehe hat als biblische Wurzel der Ehetradition im christlichen Verständnis nicht überlebt – und das ist gut so. Die Zeiten ändern sich und damit auch die Traditionen und erst recht die Theologie. Galten im Alten Testament unverheiratete Männer noch mit Argwohn betrachtet, gilt diese Lebensform, wenn sie mit der Priesterweihe einhergeht doch als ein besonderes Ideal, dem viele heute aus anderen Gründen argwöhnisch gegenüberstehen. Der Weisheitslehrer Jesus Sirach hatte jedenfalls eine klare Meinung:

Eine Frau zu erwerben, ist der Anfang vom Besitz, eine Hilfe, die ihm entspricht, und eine Säule der Ruhe. Fehlt ein Zaun, wird der Besitz geplündert, fehlt einem die Frau, wird er herumirren und klagen. Denn wer wird einem flinken Räuber vertrauen, der von Stadt zu Stadt springt? So ist ein Mensch, der kein Heim hat und überall Halt macht, wo er gerade am Abend ist. Sirach 36,29-31

Vom Anfang zum Ende

Wer die biblischen Wurzeln der Ehe beschwört, macht einen schwerwiegenden Fehler, wenn er sie als ehernes Konzept betrachtet. Die „Ehe für alle“ vermindert das katholische Verständnis von Ehe nicht. Ideal und Wirklichkeit treffen immer aufeinander; da helfen auch keine Wortspielereien. Nebenbei, das eigentliche Ideal der biblischen Ehe zwischen Mann und Frau liegt doch darin begründet, dass es eine gleichberechtigte Partnerschaft ist – erst nach dem sogenannten Sündenfall spricht Gott zur:

Nach deinem Mann hast du Verlangen und er wird über dich herrschen. Genesis 3,16

Das Verhältnis der Geschlechter untereinander ist nicht mehr gleichberechtigt. Durch ihr sexuelles Verlangen ist die Frau dem Mann unterworfen. Der hebräische Begriff, der in den Worten Gottes auf Deutsch durch “Verlangen” wiedergegeben wird, ist תְּשׁוּקָה (gesprochen: tschuka). Dieses Wort ist äußerst selten im hebräischen Alten Testament. Im Hohelied wird mit ihm der weibliche Widerspruch gegen das Gottesurteil ausgesprochen:

Ich gehöre meinem Geliebten und ihn verlangt es nach mir.Hohelied 7,11

Der Widerstand gegen die patriarchale Wirklichkeit ist ausgesprochen und die Rückkehr zum paradiesischen Zustand verkündet – und das ist mehr als eine Wortspielerei!

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Bildnachweis

Titelbild: fotografiert von Npostiglioni, verfügbar auf PxHere.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Interview mit Bischof Joseph Bonnemain, am 05.07.2021 erschienen in Neue Zürcher Zeitung.
2. Interview mit Bischof Joseph Bonnemain, am 05.07.2021 erschienen in Neue Zürcher Zeitung.
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