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Ecclesiastica·Liturgica·Pastoralia

Was ist eigentlich Eucharistie? Eine neutestamentliche Suche nach Mitte, Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens


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Alles wird wohl anders bleiben. Zumindest hat sich das gesellschaftliche wie das kirchliche Leben durch das SARS-CoV-2-Virus in kürzester Zeit gewandelt. Masken gehören mittlerweile zum fast gewohnten Bild des Alltags wie das nicht nur höfliche Abstandhalten und das neue Bewusstsein für Handhygiene. Letztere spielt auch im liturgischen Bereich eine wichtige Rolle, wenn auf dem Kredenztisch neben Brot und Wein, Patene und Kelch aus Gold nun wie selbstverständlich auch ein Plastikfläschchen mit Desinfektionsmittel bereitsteht, um das Lavabo, das liturgische Händewaschen der Zelebranten, vor der Kommunionausteilung noch medizinisch korrekt zu komplettieren. Die Gottesdienstgemeinde sitzt nun in sicherem Abstand zueinander am Rand der Bänke, so dass der Friedensgruß, bei dem es noch vor wenigen Wochen in manchen Kirchen ungestüm über dieselben ging, als sei er die innere Mitte der Eucharistiefeier, in der sich jener Geist der Begeisterung endlich Bahn brechen durfte, der im Wortgottesdienst und Hochgebet wohl eher ziemlich gezähmt wurde, nun eher mit einem schüchternen Kopfnicken erledigt wird, wobei manche wohl zur unnötigen Aerosolvermeidung die Luft anhalten, wenn sie nicht gar die Maske anlassen … man weiß ja, dass der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ein Lächeln ist. Ganz besonders aber ist die Austeilung der Kommunion von den neuen Gegebenheiten beeinflusst, geschieht sie doch wahlweise in einzelnen Muffinförmchen, mit Gebäckzangen oder hinter Plexiglasschreiben durch die mit Mund- und Nasenschutz versehenen Kommunionausteiler, als handele es sich um Eintrittskarten ins Himmelreich. Analogien zu Bank- und Fahrkartenschaltern sind natürlich rein zufällig …

Traditionale Kreativität

Fast überall zeitigten im kirchlichen die durch die Corona-Pandemie notwendig gewordenen Beschränkungen eine nahezu unerwartete Kreativität. Von heute auf morgen entdeckten selbst technikskeptische Fromme, dass Technik durchaus geistliches Leben ermöglichen kann, ja, bisweilen sogar Voraussetzungen für die Aufrechterhalten desselben ist. Eucharistiefeiern wurden gestreamt; neue, wie längst erprobte digitale Andachtsformen reüssierten, wie etwa die Projekte „Lingualpfeife“ oder die Netzgemeinde „da_zwischen“. Feiern wie Erstkommunionen, Hochzeiten und Taufen wurden zuerst abgesagt. Mittlerweile sind sie unter bestimmten Bedingungen wieder möglich – auch wenn diese mit dem Gewohnten nicht mehr viel zu tun haben. Woran sollen sich etwa Erstkommunionkinder erinnern, wenn in der Kirche wegen der Auflagen nur Eltern und Geschwister sein dürfen, Großeltern, Onkel und Tanten aber außen vor bleiben müssen. Was bleibt, wenn die Erstkommunion in Autokinos gefeiert wird1), womöglich im Zeitfenster zwischen den Auftritten ortsansässiger Kabarettisten und dem nächsten Auftritt der heimatlichen Band? Die erste Begegnung mit dem hygienisch durch den geöffneten Fensterspalt am Auto gereichten Leib Christi, bei dem die Erstkommunionkinder in Kleid und Anzug andächtig auf der Rückbank weilen und danach das Amen durch das Betätigen der Lichthupe bekräftigt wird, wird ein Highlight in der religiösen Biographie aller sein. Es kann kein Zweifel bestehen, dass man so etwas nicht vergessen wird.

Das ernsthafte Ringen und Bemühen um gute und gangbare Lösungen ist vielerorts sichtbar und mit großem Respekt anzuerkennen. Die traditionale Kreativität macht bisweilen aber auch vor Skurrilitäten nicht halt. Und das gilt nicht nur für Erstkommunionfeiern. Über Bilder, bei denen mit Wasserpistolen getauft wird2), mag man schmunzeln. Die Frage, ob das Fake-Bilder sind, ist durchaus berechtigt. Fatal ist, dass man in diesen Zeiten solche Aktionen skurril-traditionaler liturgischer Kreativität durchaus für real halten kann – wenn sie nicht sogar real sind …

Offen bleibt da nicht, warum vielerorts nicht das Gespräch mit den Familien gesucht wird, in welcher Form und auch wann die Erstkommunion gefeiert werden soll. Vielleicht wäre es doch oft besser, auf bessere Zeiten zu wahren. Fraglich ist hingegen vor allem, welches Verständnis von Sakrament und Liturgie hinter dem Beharren auf traditionalen Formen bis an den Rand des Bizarren steckt. Ohne Zweifel lehrt das Zweite Vatikanische Konzil, dass die

„Teilnahme am eucharistischen Opfer, (…) Quelle und (…) Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“3)

ist, während das Bischofsdekret „Christus Dominus“ insbesondere die Pfarrer anhält, dafür zu sorgen,

„dass die Feier des eucharistischen Opfers Mitte und Höhepunkt des ganzen Lebens der christlichen Gemeinde ist“4).

Informiert oder deformiert?

Angesichts der Bedeutung, die das Zweite Vatikanische Konzil der Eucharistie als „Quelle, Mitte und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ beimisst, kann es nicht verwundern, wenn eben dieses Konzil mit Blick auf die mediale Distribution von Eucharistiefeiern betont, dass

„die Übertragung heiliger Handlungen durch Rundfunk und Fernsehen (…), besonders wenn es sich um die heilige Eucharistie handelt, taktvoll und würdig geschehen [soll], und zwar unter der Leitung und Verantwortung einer geeigneten Persönlichkeit, die für diese Aufgabe von den Bischöfen bestimmt ist.“5)

Schließlich wird

„der Bund Gottes mit den Menschen in der Feier der Eucharistie neu bekräftigt (…), werden die Gläubigen von der drängenden Liebe Christi angezogen und entzündet.“6)

Die Form kann da nicht vom Inhalt getrennt werden. Im Gegenteil gilt auch hier: Form follows function! Die Art der Feier spricht auch über das, was die so Feiernden eigentlich begehen. Deshalb wird ja auf Takt und Würde Wert gelegt. Es geht schließlich in jeder Hinsicht um das Allerheiligste. Entscheidend ist daher immer die Frage, ob die Feier der Information oder der Deformation des Allerheiligsten dient – und das ist beileibe mehr als eine Frage des rite et recte, also einer formal korrekten Liturgie. Jede Form bleibt ohne Information hohl und deformiert letzten Endes.

Danke wofür?

Die Zeiten der Corona-Pandemie bedeuten für eine über Jahrhunderte gewachsenen Liturgie der Eucharistie in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung. Weil die Eucharistie Quelle, Mitte und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens ist, ist sie unverzichtbar. Für Glaubende ist es in der Tat ein großes Opfer gewesen, über Woche und gerade über das Osterfest 2020 auf die unmittelbare Feier der Eucharistie zu verzichten. Digitales Mitfeiern bot vielerorts mal mehr, mal weniger würdig eine Kompensation an. Immerhin: Mehr als nichts … mehr aber wohl auch nicht. Gleichzeitig ist bei den unter den Einschränkungen und Bedingungen der Corona-Pandemie gefeierten Liturgien doch ein merkwürdiges Unbehagen nicht zu verhehlen. Ist – bei allem Bemühen um Würde und Takt – das wirklich die Feierform, die wohl über Monate bestehen bleiben wird? Was sagt das über das aus, was da eigentlich gefeiert wird? Und genau an dieser Stelle lohnt sich ein Blick in das Neue Testament, bedeutet εὐχαριστεῖν (gesprochen: eucharisteîn) doch wörtlich „danken“. Wofür steht dieser Begriff dort?

Die Vermehrung des Dankens

Ein kurzer Blick in eine Konkordanz zeigt, dass das Wortfeld „εὐχαριστεῖν/εὐχαριστία“ (gesprochen: eucharisteîn/eucharistía) im Neuen Testament weit verbreitet ist. Das Wort kann dabei durchaus profan verwendet werden. So ist in Apg 24,3 von der „großen Dankbarkeit“ die der Hohepriester Hananias und einige der Ältesten dem Statthalter Felix „immer und überall“ für sein Handeln bezeugen. Mehrheitlich wird es jedoch in Verbindung mit dem Dativ τῷ θεῷ (gesprochen: tô theô) verwendet. Der Dank richtet sich dann an Gott als Adressaten. In die gleiche Richtung wendet sich der Dank bei der ebenfalls zu findenden Formel mit Κυρίῳ (gesprochen: kyrío), wenn „der Herr“ in hebraisierender Sprechweise als Adressat des Dankes determiniert wird. Auch hier ist letztlich Gott der Adressat – oder eben Jesus Christus, dessen göttliche Herrlichkeit in der Auferstehung vom Kreuzestod offenbar geworden ist. In diesen Fällen nimmt der „Dank“ die Form eines Stoßgebetes an. Die so Sprechenden bzw. Schreibenden – und in einer besonders auffälligen Häufigkeit ist es Paulus in seinen Briefen – danken Gott in einer Art Ausruf – z.B. für die Gemeinde oder für eine Erfahrung. Der als Gebet ausgerufene Dank erweist sich hier als kommunikativ-rhetorisches Mittel, auch um die Gemeinschaft zwischen Adressaten und Absendern herzustellen (der Absender dankt im Angesicht der Adressaten eben nicht ohne Grund für sie) oder um den Adressaten seine besondere Rolle zu verdeutlichen (etwa wenn er für eine göttliche Rettung aus Gefahr dankt). So oder so bewirkt die εὐχαριστία (gesprochen: eucharistía) in diesen Fällen eine rhetorische Komplizenschaft zwischen Absender und Adressaten, die entweder zustimmend staunen oder ihrerseits zustimmend für die Gemeinschaft danken. Der gebetete Dank knüpft so oder so ein kommunikatives Band im Angesicht Gottes, so dass eine (im Fall brieflicher Kommunikation) eine kommunikative κοινωνία (gesprochen: koinonía), eine Gemeinschaft entsteht. Das Ziel solcher Art des Dankens beschreibt Paulus selbst – mit Blick auf die Kollekte für die Jerusalemer Urgemeinde – ganz unumwunden:

In allem werdet ihr reich genug sein zu jeder selbstlosen Güte; sie wird durch uns Dank an Gott hervorrufen. Denn dieser heilige Dienst füllt nicht nur die leeren Hände der Heiligen, sondern wird weiterwirken als vielfältiger Dank an Gott. 2 Korinther 9,11-12

Dank bewirkt also mehr Dank. Er steigert sich geradezu exponentiell.

Danken als Liturgie

Ein gebeteter Dank ist noch keine Liturgie. Freilich kennt das Neue Testament aber den liturgischen Dank – vor allem dort, wo sich Jesus selbst auf jüdische Gebetspraxis bezieht. Das gilt insbesondere bei Gebeten über Brot (und beim letzten Abendmahl auch über den Wein). Dann nämlich ist ausdrücklich davon die Rede, dass er dankte – wie etwa bei der Speisung der Viertausend:

Und er nahm die sieben Brote und die Fische, sprach das Dankgebet, brach sie und gab sie den Jüngern und die Jünger gaben sie den Menschen. Matthäus 15,36 parr

Ähnlich heißt es in den Abendmahlsberichten:

Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, gab ihn den Jüngern und sie tranken alle daraus. Markus 14,23 parr

Bemerkenswert ist hier, dass in diesen Fällen immer das Aoristpartizip εὐχαριστήσας (gesprochen: eucharistésas) verwendet wird, dass die Vollendung eines genannten Vorgangs ausdrückt7). Dieser Dank kann entsprechend nicht vermehrt werden, wie Paulus es bei dem spontanen Dankstoßgebet insinuiert. Das Dankgebet Jesu über Brot (und Wein) ist vollständig. Ihm kann nichts mehr hinzugefügt werden. Wenn es eine liturgische εὐχαριστία im Neuen Testament gibt, kommt das jesuanische Dankgebet dem am nächsten.

Danken als Verkündigung

Bemerkenswert ist, dass die Ineinssetzung von εὐχαριστία (eucharistía) und Liturgie, wie sie heute geläufig ist, im Neuen Testament nicht zu finden ist. Das, was heute als Eucharistiefeier bezeichnet wird, begegnet im Neuen Testament als „Brotbrechen“ (ἡ κλασία τοῦ ἀρτοῦ – gesprochen: he klasía toû artoû), also als Artoklasia. Das ist der Terminus technicus mit dem etwa in der Apostelgeschichte die Feier des Herrenmahles beschrieben wird:

Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Lauterkeit des Herzens. Apostelgeschichte 2,46

Ähnlich beschreibt Lukas den Schluss der Begegnung der Emmausjünger mit dem Auferstandenen:

Und es geschah, als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen. Lukas 24,30

Bemerkenswert ist, dass in beiden Fällen der für das heutige Verständnis so zentrale Begriff der εὐχαριστία (eucharistía) fehlt. Stattdessen ist in Lukas 24,30 von einer Eulogie (εὐλόγησεν – gesprochen: eulógesen) die Rede, also einem lobpreisenden Segen.

Wie also kommt die Bezeichnung „Eucharistie“ für das zustande, was im Neuen Testament als „Brotbrechen“ oder „Herrenmahl“ (κυριακὸν δεῖπνον – gesprochen: kyriakòn deîpnon – siehe etwa 1 Korinther 11,20) bezeichnet wird? Ein erster Hinweis liegt in dem, was dort schon nach Auffassung der neutestamentlichen Überlieferer gefeiert wird. So fasst Paulus den inneren Sinn des Herrenmahls folgendermaßen zusammen:

Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. 1 Korinther 11,26

Im Herrenmahl vollzieht sich die Verkündigung des Kreuzestodes Jesu Christi. Das macht nur Sinn, wenn er vom Kreuzestod auferstanden ist. Deshalb findet sich der Hinweis auf seine Wiederkunft. Die ist aber noch aus einem anderen Grund bedeutsam, insofern das Herrnmahl nur solange gefeiert wird, „bis er kommt“. Wenn er selbst wieder unmittelbar gegenwärtig ist, braucht es das Herrenmahl nicht mehr. In ähnlicher Weise formulieren die Synoptiker Matthäus, Markus und Lukas diesen Gedanken im sogenannten „eschatologischen Ausblick“, bei dem Jesus nach den Brot- und Weinworten sagt:

Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von Neuem davon trinke im Reich Gottes. Markus 14,25 parr

Das Herrenmahl wird damit zum Symbol der bleibenden Gegenwart des vom Kreuzestod Auferstandenen, ein Unterpfand oder eine Anzahlung auf die endgültige Vollendung. Nicht ohne Grund ist das eben das Geheimnis des Glaubens:

Deinen Tod, o Herr, verkünden wir
und Deine Auferstehung preisen wir
bis Du kommst in Herrlichkeit.

Das ist der eine Anlass für den Dank; der andere, wichtigere aber ist die Feier von Kreuzestod und Auferstehung an sich, jene einmalige Erlösungsgabe, in der offenbar wurde, dass nicht nur der Tod nicht von der Liebe Gottes trennen kann, sondern – gerade weil Jesus den Fluchtod der Gottverlassenheit stirbt und doch von Gott gerettet wird – auch die Machtlosigkeit der Sünde aufgedeckt wird:

Was sollen wir nun dazu sagen? Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht. Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: Der auferweckt worden ist, er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein. Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat. Doch in alldem tragen wir einen glänzenden Sieg davon durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. Römer 8,31-39

Das ist wohl Anlass genug, zu danken!

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Liturgie ist kein Kult

Es ist also nur zu berechtigt, die Feier des Herrenmahls als εὐχαριστία (eucharistía), als Danksagung zu bezeichnen. Tatsächlich zeigen die synoptischen und paulinischen Einsetzungsberichte bei aller Differenziertheit so große Übereinstimmungen, dass man schon von einer frühen und sicher auf Jesus zurückgehenden rituellen Prägung sprechen kann. Bemerkenswerterweise wird in den frühen Schriften des Neuen Testamentes hier nicht von λειτουργία (gesprochen: leitourgía), von Liturgie, gesprochen. Die rituelle Verwendung des Begriffes begegnet erst im relativ spät (zwischen 80 und 90 n.d.Z.) entstandenen Hebräerbrief. Dort heißt es etwa

Jetzt aber ist ihm ein umso erhabenerer Priesterdienst (λειτουργίας) übertragen worden, weil er auch Mittler eines besseren Bundes ist, der auf bessere Verheißungen gegründet ist. Hebräer 8,6

In ähnlicher Weise wird der Begriff bei Lukas zur Umschreibung der Aufgabe des Zacharias, des Vaters Johannes‘ des Täufers verwendet:

Als die Tage seines Dienstes (αἱ ἡμέραι τῆς λειτουργίας) zu Ende waren, kehrte er nach Hause zurück. Lukas 1,23

Auf der anderen Seite begegnet der Begriff als adjektivische Bestimmung von Kultwerkzeugen:

Dann besprengte er auch das Zelt und alle gottesdienstlichen Geräte (τῆς λειτουργίας) auf gleiche Weise mit dem Blut. Hebräer 9,21

Hier handelt es sich bei „Liturgie“ immer noch nicht um den Ritus als solchen, aber der rituelle Zusammenhang lässt sich nicht verleugnen.

Das ist in den paulinischen Schriften des Neuen Testamentes noch anders. Dort begegnet der Begriff λειτουργία in einer sehr existentialen Weise. Er betrifft das Leben der Glaubenden selbst. Ihm eignet eine ebenso alltägliche wie tatkräftige Komponente – so etwa im Philipperbrief:

Doch wenn auch mein Leben dargebracht wird zusammen mit dem Opfer und Gottesdienst eures Glaubens (λειτουργία τῆς πίστεως), freue ich mich und freue mich mit euch allen. Philipper 2,17

oder mit Blick auf den paulinische Mitarbeiter Epaphroditus, den er der Gemeinde mit folgenden Worten empfiehlt:

Nehmt ihn also im Herrn mit aller Freude auf und haltet Menschen wie ihn in Ehren, denn wegen des Werkes Christi kam er dem Tod nahe! Er hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, um zu vollenden, was an eurem Dienst (λειτουργία) für mich noch gefehlt hat. Philipper 2,29-30

Dienen – Feiern – Zeugnis geben

Die dritte paulinische Verwendung des Begriffes λειτουργία findet sich in einer bemerkenswerten Stelle – just am Schluss der beiden großen Kapitel des 2. Korintherbriefes, mit denen Paulus eindringlich für seine beim Apostelkonzil versprochenen Kollekte für die Jerusalemer Urgemeinde wirbt. Die war wohl in der korinthischen Gemeinde nicht unumstritten, so dass Paulus in 2 Korinther 8-9 alles gibt, um die Korinther doch noch zu überzeugen. Seine Argumentation gipfelt dort in einem ultimativen Schlussakkord:

Denkt daran: Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten; wer mit Segen sät, wird mit Segen ernten. Jeder gebe, wie er es sich in seinem Herzen vorgenommen hat, nicht verdrossen und nicht unter Zwang; denn Gott liebt einen fröhlichen Geber. In seiner Macht kann Gott alle Gaben über euch ausschütten, sodass euch allezeit in allem alles Nötige ausreichend zur Verfügung steht und ihr noch genug habt, um allen Gutes zu tun, wie es in der Schrift heißt: Er teilte aus, er gab den Armen; seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer. Gott, der Samen gibt für die Aussaat und Brot zur Nahrung, wird auch euch das Saatgut geben und die Saat aufgehen lassen; er wird die Früchte eurer Gerechtigkeit wachsen lassen. In allem werdet ihr reich genug sein zu jeder selbstlosen Güte; sie wird durch uns Dank an Gott hervorrufen. Denn dieser heilige Dienst (ἡ διακονία τῆς λειτουργίας) füllt nicht nur die leeren Hände der Heiligen, sondern wird weiterwirken als vielfältiger Dank an Gott. Vom Zeugnis eines solchen Dienstes bewegt, werden sie Gott dafür preisen, dass ihr euch gehorsam zum Evangelium Christi bekannt und dass ihr ihnen und allen selbstlos geholfen habt. In ihrem Gebet für euch werden sie sich angesichts der übergroßen Gnade, die Gott euch geschenkt hat, eng mit euch verbunden fühlen. Dank sei Gott für sein unfassbares Geschenk! 2 Korinther 9,6-14

Der Heilige Dienst, von dem Paulus hier spricht, ist eben kein Ritus, sondern das tätige Werk der Kollekte. Der Passus wurde weiter oben schon einmal zitiert. Er mündet in die Vervielfältigung der εὐχαριστία, des Dankes an Gott.

Das ist das eigentlich Bemerkenswerte bei Paulus: Der eigentliche Gottesdienst ereignet sich nicht im Kult, sondern im Dienst am Nächsten. Mehr noch: Der Dienst am Nächsten wird zur εὐχαριστία, zur Eucharistie und bewirkt Vermehrung des Dankes. So erscheinen hier an dieser Stelle die ekklesialen Grundvollzüge des Dienens (Diakonia), des Verkündens (Martyria) und des Feierns (Liturgie) erstmalig zusammen:

Vom Zeugnis eines solchen Dienstes bewegt, werden sie Gott dafür preisen, dass ihr euch gehorsam zum Evangelium Christi bekannt und dass ihr ihnen und allen selbstlos geholfen habt. 2 Korinther 9,13

Freilich wird dabei deutlich, dass das „Feiern“ als Liturgie das Dienen voraussetzt, ja, sich sogar im Dienen ereignet, weil erst so der vielfältige Dank an Gott, die Eucharistie notwendig wird. Eucharistie ohne Dienst am Nächsten ist absurd! Oder anders formuliert: Wer vor dem Allerheiligsten die Knie beugt, muss sich auch vor dem Nächsten verbeugen, weil auch er ein Glied des Leibes Christi ist oder Gottes Geist in ihm wohnt – und zwar gelegen oder ungelegen!

Ab in die Mitte – auf zur Quelle

Die Corona-Krise als Chance zu bezeichnen, erscheint angesichts der vielen Kranken, Sterbenden und Gestorbenen zynisch. Man sollte mit solchen Redeweisen vorsichtig sein. Gleichwohl tragen Krisen immer die Potenz der Klärung in sich. Etwas vergeht, etwas entwickelt sich weiter. Vielleicht wird die Kirchengeschichte rückschauend auf diese Zeit der Corona-Pandemie eine Entwicklung der Liturgie feststellen können: Nach anfänglichem und verzagtem Festhalten an Vertrautem, traditionaler Kreativität, die bisweilen Skurriles zu Tage förderte, hin zu einem neuen lebendigen Verständnis von Liturgie und Eucharistie, das sich nicht mehr im bloß Kultisch-Rituellen erschöpft. Im Neuen Testament ist vorgeprägt, dass Liturgie mehr ist als nur Beten. Liturgie ist Dienst am Menschen durch Menschen. Wenn dieses Bewusstsein wächst, dass sich der wahre Gottesdienst nicht in Kathedralen, sondern auf den Straßen und Plätzen der Stadt vollzieht, könnte sich der Dank an Gott erneut vervielfachen. Man sollte nie vergessen, dass Grund für den Dank und damit Quelle, Mitte und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens Kreuzestod und Auferstehung Jesu Christi sind. Die vollzogen sich nicht in liturgischen Räumen, sondern auf einer Schädelhöhe und einem Felsengrab. Profaner geht es kaum. Heiliger aber auch nicht. Gottes Spielfeld ist die Welt. Das heilige Spiel hat längst begonnen. Verpasst es nicht …

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Bildnachweis

Titelbild: Brot und Himmel und Weizenkörner, die gestorben und auferstanden sind (Werner Kleine) – lizenziert als CC BY-SA 3.0.

Video: Kath 2:30 – Episode 25: eucharisteîn (Katholische Citykirche Wuppertal/Christoph Schönbach) – Quelle: Vimeo – alle Rechte vorbehalten.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Vgl. hierzu https://www.domradio.de/themen/bistuemer/2020-06-07/fuer-56-kinder-erstkommunion-im-autokino [Stand: 7. Juni 2020].
2. Vgl. hierzu https://www.pro-medienmagazin.de/medien/internet/2020/05/27/taufe-per-wasserpistole-geht-viral/ [Stand: 7. Juni 2020].
3. 2. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution „Lumen gentium“ über die Kirche, Nr. 11 (Quelle: http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19641121_lumen-gentium_ge.html [Stand: 7. Juni 2020]).
4. 2. Vatikanisches Konzil, Dekret „Christus Dominus“ über die Hirtenaufgabe der Bischöfe, Nr. 30 (Quelle: http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decree_19651028_christus-dominus_ge.html [Stand: 7. Juni 2020]).
5. 2. Vatikanisches Konzil, Konstitution über die Heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“, Nr. 20 (Quelle: http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19631204_sacrosanctum-concilium_ge.html [Stand: 7. Juni 2020]).
6. 2. Vatikanisches Konzil, Konstitution über die Heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“, Nr. 10 (Quelle: http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19631204_sacrosanctum-concilium_ge.html [Stand: 7. Juni 2020]).
7. Vgl. hierzu Friedrich Blass/Albert Debrunner, Grammatik des neutestamentlichen Griechisch, Göttingen 1990, §339.
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3 Replies

  1. Hallo,

    Danke für diese sehr wertvollen Gedanken. Ja, Corona hat Auswirkungen auf unseren christlichen Glauben in all seinen Facetten.

    Gott sei Dank, wem sonst(?), ist unser himmlischer Vater an einer persönlichen Beziehung interessiert und nicht an religiöser Betätigung.

    Gottes Segen für Ihre Arbeit wünscht
    Michael Rothe

  2. Ist die Heilige Messe eine Feier, “Christus ist erstanden von den Toten” oder wird der Tod am Kreuz “zelebriert”!

    Ohne das Opfer von Jesus Christus ist die Auferstehung von den Toten nicht möglich!

    Als Sekundarschüler wurde unsere Klasse, zur Überraschung unseres Klassenlehrers zur Schlachtfeier in Sempach verknurrt. Deshalb haftet der Begriff “Opferfeier, Opfermahl” in meinem Gedächtnis. Die Fahnen der Opfer von Sempach sind heute noch in der Franziskanerkirche in Luzern zu sehen.

    Feiern, inklusiv der Heiligen Messe, ist in meinen Augen Positiv, “Christus ist erstanden von den Toten” und nicht der qualvolle Tod am Kreuz.

    • Lieber Herr Fessler, die Deutung des Kreuzestodes Jesu als “Opfer” ist nur eine von vielen, die es im Neuen Testament gibt. Auch ist da zu fragen, was denn genau “Opfer” meint. Es darf nämlich nicht im “germanischen” Sinn verstanden werden, da sei ein “Opfer” notwendig, um Gott gnädig zu stimmen. Die Opfertheologie, die im Hebräerbrief etwa entfaltet wird, geht in eine ganz andere Richtung. Sie beruht auf dem Verständnis der Schriften, die wir gemeinhin das “Alte Testament” nennen. Da bedeutet “Opfer” aber vorwiegend das “In-Beziehung-Treten” mit Gott. Beten ist Opfern. Da findet aber schon in den Schriften des Alten Testamentes ein wichtiger Bewusstseinswandelt statt, wenn es etwa bei Joël heißt: “Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider, und kehrt um zum HERRN, eurem Gott!” (Joël 2,13), dann deutet sich da eben an, dass es nicht um materiale Opferungen, sondern um Hinwendung zu Gott geht. Das führt natürlich vor die Frage, warum der Tod Jesu in einigen Schriften des NT als “Opfer” gedeutet wird. Dabei ist klar, dass durch Kreuzestod und (!) Auferstehung Jesu (man muss eben beides zusammen nehmen!) deutlich wird, dass der Zugang zu Gott nun für alle (!) Menschen offen steht. Er stirbt wie ein Gottverlassener den Fluchtod (vgl. Dtn 21,23), wird aber doch gerettet; Gott durchbricht also die alten Kategorien. In diesem Sinn, der auf das jüdische Opferverständnis zurückgeht, sprechen manche ntl. Schriften vom “Opfer” Jesu, weil er Beziehung herstellt. Gleichzeitig betont der Hebräerbrief, dass das einmalig und unwiederholbar war. Das macht es, auch und trotz der Gewissheit, dass in der Messe eine Vergegenwärtigung und nicht eine Wiederholung stattfindet, problematisch, hier permanent von “Opferung” zu sprechen. Der Priester “opfert” da nichts. Wenn überhaupt, dann sind wir als Mitfeiernde das “Opfer”, weshalb in den Hochgebeten ja auch immer wieder betont wird, dass es “unsere” Opfergaben sind, die dargebracht werden. Und da haben Sie eben völlig Recht: Ohne die Auferstehung Jesu bliebe sein Kreuzestod einfach sinnlos. So aber besteht, weil ein vermeintlich Gottverlassener von Gott gerettet wurde, Interpretationsbedarf. Und da gibt es so manche Deutung im NT: die des Opfers, des Prophetenschicksals, des Sühnetodes, des stellvertretenden Sühnetodes usw. Wer “opfern” hingegen als Kommunikation mit Gott versteht, ist zumindest schon einmal auf einer richtigen Fährte …
      Dr. Werner Kleine

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