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Annus Liturgicus·Ecclesiastica·Pastoralia

Und der Knabe schweigt Neutestamentliche Betrachtungen zu einem außergewöhnlichen Weihnachtsfest 2020

Es wird eine stille Nacht werden. Weihnachten im Jahr 2020 findet im Zeichen der Corona-Pandemie statt. Wo sonst die Kirchen voller Menschen waren, findet die Christmetten, so sie denn stattfinden, unter der pandemischen Bedingungen sozialer Distanz statt. In Kirchen, in denen sonst hunderte in weihrauchaerosol-geschwängerter Luft dicht an dicht das Evangelium von der Geburt des Gottessohnes hörten, Weihnachtslieder sangen und die Krippe besuchten, werden sich, wenn überhaupt, nur ein paar Leute einfinden dürfen. Singen ist vielerorts unter-, Distanz ist angesagt. Das wird ein Fest werden! Ob diese Nacht wirklich auch heilig sein wird?

Die Versuchungen des Heiligen

Bereits im April 2020 beklagte der Erfurter Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann in einem Domradio-Interview eine einseitige Fixiertheit auf die Eucharistie. Mit Blick auf die ersten liturgischen Gehversuche auf dem digitalen Kontinent, die angesichts des Ausfalls von Präsenzgottesdiensten an Ostern, dem höchsten Fest des Kirchenjahres, vielerorts erprobt wurden, stellt wer fest:

„Alternative Formen wie digitale Wortgottesdienste, Hausgottesdienste, Verknüpfungen von Musik und Gebet, Anregungen fürs persönliche Gebet – in den vergangenen Wochen sind viele kreative Formate entwickelt und erprobt worden, die dürfen mit der Lockerung des öffentlichen Gottesdienstverbots nicht wieder unter den Tisch fallen.“1)

Dabei betont er, dass es ihm nicht um eine Kritik an der Eucharistie geht. Wie sollte das ein Theologe römisch-katholischer Provenienz auch tun, wo die Eucharistie doch Quelle, Mitte und Höhepunkt des gesamten christlichen Lebens ist2). Gleichwohl stellt die Corona-Pandemie und die infektionsschutzbedingte Distanz die Feier der Eucharistie vor besondere Herausforderungen. Steigen dann noch wie Advent 2020 die Werte der 7-Tage-Inzidenz vielerorts über die kritische Marke von 200 Infizierten pro 100.000 Einwohner, ist nicht nur für die Politik Handeln angesagt, sondern ganz sicher auch für die Kirchen. Das Corona-Virus ist konfessionslos. Wer hier glaubt, der Glaube würde vor aller Gefahr schützen, erliegt wohl eher jener diabolischen Versuchung, die Jesus selbst in seiner Wüstenerfahrung macht, aber schroff zurückweist:

Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er um deinetwillen, und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Matthäus 4,5-7

Zwischen Botschaft und Ritual

Vielerorts begegnet man um den vierten Advent der bleibend drohenden Infektionsgefahr – Gott sei Dank! – nicht mit ebenso fatalistischer wie letztlich fataler Frömmigkeit, sondern mit gottvertrauender Vernunft und sagt die weihnachtlichen Eucharistiefeiern ab. Andere zögern hingegen, weil ihnen das Ritual als solches heilig ist. Der Riss geht bis in den Episkopat. Manche Bischöfe rufen zur Vernunft, andere reklamieren die auch rituell praktizierte Religionsfreiheit.

Nun steht freilich die Religionsfreiheit als solches gar nicht zur Debatte, wohl aber die Frage, ob angesichts in die Höhe schnellender Infektionszahlen, steigender Todesraten und drohender Triagen auf den Intensivstationen das Aufrechterhalten ritueller Feiern die richtige Botschaft ist. Sicher muss man Antworten auf die Frage, was Jesus wohl tun würde, mit Vorsicht genießen. Trotzdem legt der Spiegelkolumnist Christian Stöcker mit seiner Antwort den Finger an die richtige wunde Stelle:

„Was die Nächstenliebe in diesen Tagen gebietet, ist völlig klar, wenn man sich noch einmal selbst vor Augen führt, worum es wirklich geht und was dafür zu tun ist (…).
Jesus hätte Oma dieses Jahr nicht besucht. Aber stattdessen vielleicht ab sofort mal jeden Tag mit ihr telefoniert. Oder ihr sogar telefonisch beigebracht, Skype, Facetime, WhatsApp-Video, Hangouts oder eines der vielen anderen entsprechenden Werkzeuge zu benutzen. Noch nie war es so einfach wie heute, Präsenz herzustellen, ohne physisch anwesend zu sein.“3)

Er führt damit die Ambivalenz von Botschaft und Ritual vor Augen. Die ist bei stattfinden Christmetten in diesem pandemischen Jahr nämlich gleich mehrfach fragwürdig: Wie feierlich ist ein Festritual, bei dem man auf Distanz bleiben muss und nicht singen darf? Ist eine auf Distanz gedrillte Gemeinde noch ein heiliger Rest oder eher ein verlorener Haufen? Was ist mit denen, die keinen Einlass mehr finden, weil kein Platz mehr in der kirchlichen Herberge ist? Geht das Ritual wirklich vor der Erkenntnis, dass in diesem Jahr eben nichts so ist, wie es war? Oder besteht die wahre Nachfolge Jesu nicht gerade darin, in dem entscheidenden Moment das Notwendige zu tun, auch wenn es den rituellen Vorschriften widerspricht:

In jener Zeit ging Jesus am Sabbat durch die Kornfelder. Seine Jünger hatten Hunger; sie rissen Ähren ab und aßen davon. Die Pharisäer sahen es und sagten zu ihm: Sieh her, deine Jünger tun etwas, das am Sabbat verboten ist. Da sagte er zu ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren – wie er in das Haus Gottes ging und wie sie die Schaubrote aßen, die weder er noch seine Begleiter, sondern nur die Priester essen durften? Oder habt ihr nicht im Gesetz gelesen, dass am Sabbat die Priester im Tempel den Sabbat entweihen, ohne sich schuldig zu machen? Ich sage euch: Hier ist Größeres als der Tempel. Wenn ihr begriffen hättet, was das heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer, dann hättet ihr nicht Unschuldige verurteilt; denn der Menschensohn ist Herr über den Sabbat. Matthäus 12,1-8 parr

Die Liturgie der Barmherzigkeit

Das Bemerkenswerte an dieser matthäischen Variante der Erzählung ist der Hinweis auf die Verfehlung der Priester im Tempel, die den Sabbat entweihen. Bei Markus (Markus 2,23-28) und Lukas (Lukas 6,1-5) ist nur von Begleitern Davids die Rede. Matthäus macht auf die besonderen Gefahren ritualisierten Handelns aufmerksam, dass den Menschen aus dem Blick verliert. Jesus geht es nicht um den Ritus, sondern um Barmherzigkeit (ἔλεος – gesprochen: éleos). Ἔλεος bezeichnet dabei Akte der Barmherzigkeit, die Menschen an Menschen, vor allem aber Gott an Menschen wirkt. Ἔλεος hat damit eine spezifisch göttliche Konnotation; ja, der Akt einer solchen Barmherzigkeit ist ein göttlicher Dienst am Menschen, ein echter Gottesdienst. In diesem Sinne kann man nachvollziehen, wenn Paulus den tätigen Dienst am Menschen als λειτουργία (gesprochen: leitourgía) bezeichnen kann. So ruft er mit Blick auf die von ihm initiiert Sammlung für die Armen in Jerusalem (vgl. Galater 2,10) den Korinthern zu:

In allem werdet ihr reich genug sein zu jeder selbstlosen Güte; sie wird durch uns Dank an Gott hervorrufen. Denn dieser heilige Dienst (ἡ διακονία τῆς λειτουργίας – gesprochen: he diakonía tês leitourgías) füllt nicht nur die leeren Hände der Heiligen, sondern wird weiterwirken als vielfältiger Dank an Gott. Vom Zeugnis eines solchen Dienstes bewegt, werden sie Gott dafür preisen, dass ihr euch gehorsam zum Evangelium Christi bekannt und dass ihr ihnen und allen selbstlos geholfen habt. In ihrem Gebet für euch werden sie sich angesichts der übergroßen Gnade, die Gott euch geschenkt hat, eng mit euch verbunden fühlen. Dank sei Gott für sein unfassbares Geschenk! 2 Korinther 9,11-15

Den hier zum Ausdruck kommenden, ein rein rituelles Verständnis von Liturgie bereits erweiternde Interpretation dessen, was Gottesdienst ist, wird von Paulus im Philipperbrief sogar noch überboten, wenn er schreibt:

Doch wenn auch mein Leben dargebracht wird zusammen mit dem Opfer und Gottesdienst eures Glaubens (λειτουργίᾳ τῆς πίστεως – gesprochen: leitourgía tês písteos), freue ich mich und freue mich mit euch allen. Philipper 2,17

Das ganze Leben wird hier zur Liturgie. Hier wird nicht nur deutlich, dass Spiritualität nichts ist, was man mal tut. Nein, hier wird erkennbar, was Paulus meint, wenn er die Thessaloniker auffordert:

Betet ohne Unterlass! 1 Thessalonicher 5,17

Das geht eben nur, wenn man den Glauben existentiell als Lebensaufgabe und nicht als praktizierten Ritus begreift. Dann wird das Leben selbst zum Gottesdienst und praktizierte Barmherzigkeit und Nächstenliebe zur wahren Liturgie, in der sich jene Gottesbegegnung ereignet, auf die Jesus selbst verweist:

Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Matthäus 25,40

Existenzfragen

Ein Befolgen der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils, dass die Eucharistie Quelle, Mitte und Höhepunkt des gesamten christlichen Lebens ist, muss genau das beachten. Man darf das Verständnis nicht auf die rituelle Feier der Eucharistie fixieren. Diese ist als Vergegenwärtigung von Kreuzestod und Auferstehung Jesu Christi zweifelsohne von höchster Bedeutung. Aber praktizierte Glaube darf sich nicht in der Feier der Riten erschöpfen. Der Prediger im Alten Testament mahnt bereits, dass alles seine Zeit hat:

Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit. Kohelet 3,1

Er erkennt:

Alles, was Gott tut, geschieht in Ewigkeit. Man kann nichts hinzufügen und nichts abschneiden und Gott hat bewirkt, dass die Menschen ihn fürchten. Was auch immer geschehen ist, war schon vorher da, und was geschehen soll, ist schon geschehen und Gott wird das Verjagte wieder suchen. Kohelet 3,14-15

Durch die rituelle Liturgie wird dem Heil also nichts hinzugefügt. Die Erlösung in Kreuzestod und Auferstehung Jesu Christi ist schon geschehen. Er kommt auch an Weihnachten nicht neu zur Welt. Er ist schon da! Und er bleibt! Nichts fügt eine rituelle Liturgie dem schon gewirkten Heil hinzu. Sie stärkt, vergegenwärtigt, entsendet immer neu ins Leben – jenem Spielfeld des Glaubens, in dem sich der wahre Gottesdienst ereignen sollte. Wer deshalb die Eucharistie als Quelle, Mitte und Höhepunkt des gesamten christlichen Lebens begreift, darf nicht nur auf die Liturgie schauen, sondern eben auf das gesamte christliche Leben!

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Brotvermehrung
Die Brotvermehrung stellt die Hauptszene der Wuppertaler Künstler-Krippe 2020 dar. Sie kann Wirklichkeit werden, weil Jesus die Menschen ermächtigt, es ihm gleich zu tun. In Gruppen sollen sie sich zusammensetzen - so wird aus einer Menge Mensch, eine Vielzahl von Nachbarschaften, in der Menschen Namen und Ansehen haben. Die Brotbrechung Jesu setzt ein Zeichen ganz eigener Art.

Eine weihnachtliche Herausforderung

Und genau da wird das Weihnachtsfest 2020 zu einer besonderen Herausforderung. Was ist wichtiger – die rituelle Feier des hochheiligen Weihnachtsfestes oder der in diesem Jahr in besonderer Weise zu Gebote stehende Schutz des göttlichen Lebensgeschenkes. Die Kirche feiert doch den Beginn eines neuen irdischen Lebens, in dem Gott selbst in sein Eigentum kommt. Dabei ist bemerkenswert, dass der so fleischgewordene Logos, jenes inkarnierte göttliche Wort (vgl. Johannes 1,14) in allen weihnachtlichen Erzählungen merkwürdig stumm bleibt. Nicht, dass diese Heilige Nacht still gewesen wäre. Engelchöre jubeln, Hirten eilen, Weise aus dem Morgenland erweisen dem Neugeborenen die Ehre. Nein – still wird es nicht gewesen sein in Bethlehem. Nur der menschgewordene Gottessohn schweigt. Was soll er auch tun, als Neugeborener?

Es ist nicht bekannt, welche Worte er als Kind zuerst sprach. Mama? Papa? Abba? – man weiß es nicht! Erst als Zwölfjähriger wird er in der lukanischen Überlieferung seine ersten Worte sprechen – und das im Tempel zu Jerusalem. Dort gibt er seinen verzweifelten Eltern, die ihn gesucht haben, eine zwei Fragen als Antwort:

Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Lukas 2,49

Also findet man ihn doch im Tempel? Wohl kaum! Der Tempel in Jerusalem ist seit seiner Zerstörung durch die Römer im Jahr 70 n.d.Z. nicht mehr. Paulus hingegen erkennt, dass Gott im Menschen selbst wohnt:

Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören. Denn Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr. 1 Korinther 3,16-17

Das liegt auf der Linie des Jesus von Nazareth, wie sie in der Mahnung im Matthäusevangelium aufscheint, dass alles, was den Geringsten getan wird, ihm getan wird. Um Gott zu finden, muss man ins Leben gehen und Leben ermöglichen. Das ist in diesem Jahr die eigentliche weihnachtliche Botschaft: Gott ist schon da! Sucht ihn, ihr werdet ihn finden – im eigenen Leben, im Nächsten, im Anderen! Weihnachten wird anders sein. Weihnachten wird neu sein. Gott kommt!

Und die Gottesdienste?

Im ausgehenden Advent 2020 ringt die Kirche um die Frage, ob Präsenzgottesdienste stattfinden können oder nicht. Einige, wie der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer, sehen in weihnachtlichen Präsenzgottesdiensten durchaus ein riskantes Wagnis. So stellt Klaus Pfeffer in einem Facebook-Post fest:

„Von unseren öffentlichen Gottesdiensten hängt doch nicht das Leben ab; und von ihnen hängt auch nicht die beständige Nähe unseres Gottes ab. ‘Gott ist nicht im Lockdown’, hat unser Bischof Franz-Josef Overbeck in diesen Tagen geschrieben. ER verschwindet nicht, sondern ER ist und bleibt da!
Allerdings hängt das Leben vieler Menschen davon ab, ob es uns gelingt, die Pandemie einzudämmen. Und deshalb müssen wir sehr ernsthaft prüfen, was jede und jeder von uns dazu beitragen kann – auch an Verzicht. Niemand soll sich in diesen Tagen völlig einsperren, aber es braucht eine gründliche Abwägung, welche Kontakte ich zulasse und wo ich guten Gewissens verzichten kann. Die konkrete Entscheidung bleibt aber immer auch eine persönliche Gewissens-Entscheidung.“4)

Andere, darunter auch die Journalisten Tilmann Kleinjung5) und Heribert Prantl, verweisen auf die hohen Hygienestandards in römisch-katholischen Gottesdiensten und sehen in der Aufrechterhaltung der Präsenzgottesdienste wichtige Hoffnungszeichen. Heribert Prantl etwa betont:

„Ich habe bereits vor einigen Monaten keinen Hehl daraus gemacht, dass mir ist diese Haltung lieber ist, weil in der Pandemie Ermutigung und Trost wichtig sind. Wenn es nur noch Rückzug gibt, leidet die Hoffnung, leidet das Vertrauen, leidet der Zusammenhalt, der dringend nötig ist. Weihnachten ist eine Gelegenheit, Kraft zu schöpfen und sich gegenseitig zu stärken. Es geht um verantwortlichen Mut.“6)

Bisweilen stehen sich die Positionen unversöhnlich gegenüber. Dabei werden die falschen Alternativen eröffnet. Wenn keiner der beiden Wege ideal erscheint, sollte man einen dritten Weg suchen. Vielleicht ist das dereinst einer der Aspekte, den die Kirche aus der Corona-Pandemie gelernt hat: Die auch liturgische Ermächtigung der Brüder und Schwestern im Glauben, nicht nur tätig an dem Weihnachtgottesdiensten teilzunehmen, was die klerikalen Mitbrüder vorstehend feiern. Liturgische Communio, gottesdienstliche Gemeinschaft hängt ja nicht am Kirchenraum – schon gar nicht an einem Kirchenraum, in dem sich aus Infektionsschutzgründen nur eine kleine Gemeinschaft auf Abstand versammeln darf. Liturgie kann auch in der Familie vollgültig gefeiert werden, in den Vorgärten der Nachbarschaften, auf den Straßen und Plätzen und sicher auch digital. Die Gottesdienste fallen nicht aus, sie werden nur anders gefeiert. Und wer weiß – vielleicht ist die tätige Teilnahme dort dann so intensiv, dass es für die Brüder und Schwestern im Glauben ein echtes und nicht ein bloß frontal behauptetes Mitfeiern ist. Wer so Weihnachten feiert, feiert Präsenzgottesdienste – nur an einem anderen Ort, in kleiner, aber trauter Gemeinschaft. Und Gott wird da sein … Wer hier nur auf die großen Kirchenräume schaut, macht die falschen Alternativen auf. Die liturgische Ermächtigung der Brüder und Schwestern hingegen könnte weit über die aktuelle Lage heraus wirken und das mündige Christsein an sich stärken.

Ein anderes Weihnachten

Weihnachten wird anders sein – und vielleicht sogar anders bleiben. Wer weiß schon, ob dieses pandemische Jahr nicht seine eigene prophetische Kraft hat. Die Welt hat sich durch die Pandemie verändert, sie wird anders bleiben. Eine Kirche, die hier zu spät kommt und blind an Überkommenem festhält, wird vom Leben bestraft werden. Deshalb gilt auch hier:

Prüft alles, das Gute behaltet. 1 Thessalonicher 5,21

Auch wenn Gottesdienste erlaubt sind, denkt an Paulus, der die Korinther mahnt:

Alles ist mir erlaubt – aber nicht alles nützt mir. 1 Korinther 6,12

Wenn Weihnachten das Fest dessen ist, der das Leben liebt, sollten es nicht zum Anlass werden, dass man in einigen Wochen Trauerfeiern wird halten müssen. Achtet das Leben. Denn das Leben ist der wahre Gottesdienst. Vielleicht ist es jetzt besser, auf einen Ritus zu verzichten, um die Eucharistie, die Danksagung vieler noch lange zu ermöglichen. Das erste Wort Jesu im Markusevangelium mag hier den Weg weisen:

Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium! Markus 1,15

Die spricht er irgendwo in Galiläa, unter Menschen, mitten in der Welt. Erst einige Verse später wird er in eine Synagoge gehen, um dort zu lehren. Offenkundig liebt Gott die Felder mehr als ihm geweihte Häuser. Die Engel jeden Fall singen draußen bei den Hirten. Sollten wir daraus nicht lernen? Wenigstens in diesem Jahr? Gott findet den Weg. Er wird einkehren und bei den Menschen zu Gast sein – manchmal erkannt, manchmal unerkannt. Nur eines ist unzweifelhaft: Auch ohne priesterliches Handeln ist er der „Ich bin da“!

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Bildnachweis

Titelbild: Ihr seid dran – Ausschnitt aus der Wuppertaler Künstlerkrippe 2020 (Annette Marks/Christoph Schönbach/Katholische Citykirche Wuppertal) – alle Rechte vorbehalten.

Bild 1: Brotvermehrung – Ausschnitt aus der Wuppertaler Künstlerkrippe 2020 (Annette Marks/Christoph Schönbach/Katholische Citykirche Wuppertal) – alle Rechte vorbehalten.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Domradio, Theologe Kranemann kritisiert „Eucharistie-Fixiertheit“, Domradio.de, 29.4.2020, Quelle: https://www.domradio.de/themen/corona/2020-04-29/eine-unbequeme-situation-theologe-kranemann-kritisiert-eucharistie-fixiertheit [Stand: 20. Dezember 2020].
2. Vgl. hierzu 2. Vatikanisches Konzil, Dekret „Christus Dominus“ über die Hirtenaufgabe der Bischöfe, Nr. 30 (Quelle: http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decree_19651028_christus-dominus_ge.html [Stand: 20. Dezember 2020]) sowie 2. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution „Lumen gentium“ über die Kirche, Nr. 11 (Quelle: http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19641121_lumen-gentium_ge.html [Stand: 20. Dezember 2020]).
3. Christian Stöcker, Jesus hätte Oma nicht besucht, Spiegel online, 12.12.2020, Quelle: https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/corona-und-weihnachten-jesus-haette-oma-nicht-besucht-kolumne-a-cb1ced1f-a6cd-4dfa-9439-cdc89ff68508?fbclid=IwAR0fIxieuHpJ9EVJSIslVyukwCquwN4uZ_7yXmWjl2gHJ7y9nBJznKxSY1E [Stand: 20. Dezember 2020].
4. Klaus Pfeffer, Facebook-Post vom 21.12.2020, Quelle: https://www.facebook.com/klaus.pfeffer.948/posts/1566739513512268 [Stand: 21.12.2020].
5. Siehe hierzu Tilmann Kleinjung, Dieser Abend ist heilig. Kein Gottesdienstverbot an Weihnachten!, BR.de, 21.12.2020 – Quelle: https://www.br.de/themen/religion/kommentar-kleinjung-gottesdienst-verbot-weihnachten-100.html [Stand: 21.12.2020].
6. Heribert Prantl, Rechthaberismus an Weihnachten, SZ-online, 20.12.2020 – Quelle: https://www.sueddeutsche.de/politik/prantls-blick-weihnachten-gottesdienst-coronavirus-1.5153913-0#seite-2 [Stand: 21.12.2020].
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3 Replies

  1. Grüss Gott Herr Kleine

    Wie erklärt man einem Kind, dass Mami und Papi um oder vor Mitternacht, zusammen mit Schwestern und Brüder in die Kirche geht?

    Eine mögliche Antwort:

    “Das Christkind feiert den Tag seiner Geburt!

    Und deswegen lädt das Christus Kind, auch dich, meine Tochter, auch dich, mein Sohn zu dieser Feier um Mitternacht ein.

    Du lädst ja deine Freundinnen und deine Freunde am Geburtstag zu dir, nach Hause ein, oder nicht!

    Und die Kirche ist das Haus vom Mami und vom Papi vom Christkind!

    Und du darf solange aufbleiben und du musst nicht schon um 8 Uhr ins Bett! Mami und Papi begleiten dich zu dieser Geburtstags Feier!”

    Nein, es gibt hier in unseren Landen, keinen Santa Clas, keine Sonnenwendfeier, sondern das Christkind feiert seine Geburt, mit Mami und Papi!

    Ein schönes Beispiel war wir heute Nacht verpassen:

    https://www.youtube.com/watch?v=l1wHyMR_SCA

    “Herbei oh ihr Gläubigen …”

    So stelle ich mir “Katholische Weihnachten” vor, mit feierlichem Einzug und Huldigung des Christkindes!

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