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Ethica·Res publica·Sanitas

Gehorsam folgsam oder freiwillig einsichtig Neutestamentliche Überlegungen über kindliche Sicherheitsbedürfnisse und reife Mündigkeit


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Masken mussten schon für vieles herhalten. Im Karneval behauptet manch ein Zeitgenosse, man könne maskiert endlich so sein, wie man eigentlich sei. Ob das nun ein Zeichen außerordentlicher Freiheit ist oder nicht eher Symptom einer psychotischen Veranlagung zur Selbstverknechtung, wenn man 360 Tage im Jahr – in einem Schaltjahr sogar 361 Tage! – sein wahres Wesen verbergen muss, sei einmal dahingestellt. Die Frage bleibt, warum man sein wahres Wesen sonst verbergen muss. Im venezianischen Karneval diente die Maske jedenfalls nicht der Freisetzung innerer Bedürfnisse, sondern eher der Anonymisierung derer, die den Karneval eher im Stil von Bacchanalien begangen, bei denen die Bacchanten und Bacchantinnen ihren Trieben oft mit wilder Ausgelassenheit freien Lauf ließen. Da war es besser, wenn man unerkannt bliebt – schließlich wollte man später ja noch allen Ernstes Geschäfte miteinander machen. Das wahre Wesen der Maske ist von jeher eher ein verhüllendes, denn ein enthüllendes. Insbesondere die Mitglieder jener Zunft, die sich am Eigentum anderer bereichert, weiß um dieses ganz besondere Wesen der Maske, die man weniger aus Gründen besonders gesetzestreuen Gehorsams, sondern eher mit dem Ziel freier Beuterei trägt.

Maskiert euch! Sofort!

In den Zeiten der Corona-Pandemie erfährt die Maske einen Bedeutungszuwachs. Sie wird zum Symbol der Solidarität hochstilisiert. Ob tatsächlich jeder hübsche selbstgenähte Gesichtsschutz über den solidaritätsschmückenden Effekt hinaus eine tatsächliche Schutzfunktion hat, mag man getreulich der Expertise medizinischen Fachpersonals überlassen. Faktisch erfüllen sie sicher den Zweck eines im Niesvorgang vor Mund und Nase gehaltenen Taschentuchs. So einfach geht in Zeiten der Corona-Pandemie Solidarität. Da kann man die Maske gleich auflassen und – um ein Bonmot des schon 25 Jahre nicht mehr als Arzt praktizierenden Komikers aufzugreifen1) – sich so auf den Stand eines Betrunkenen begeben, der zwar nicht das Gegenüber benässt hat, weil er ja eine Hose anhatte, sich jetzt aber mit dieser durchnässten Hose, so er sie denn nicht wechselt, überall hinsetzt und so doch für die eine oder andere feuchte Überraschung sorgen wird.

Die Maske wird somit zur Lingerie für das Gesicht – und so sehen manche Kinn-Mund-Nasen-Verhüllungen auch aus. Wie lange die Schutzwirkung solcher Erzeugnisse tatsächlich anhält, ist völlig offen. Dass die Kontamination mit Viren sich nicht auf eingenähte Kaffeefilter – auch das ein Tipp des komikversierten Mediziners – beschränkt, sondern diese sich entweder bei Eigeninfektion auf dem Innenbereich der Maske oder bei Infektion des Gegenübers auf dem Außenbereich der Maske ansammeln, bleibt ebenso unbedacht wie die Tatsache, dass Kaffeefilter bisher nicht dafür bekannt waren, Flüssigkeiten zurückzuhalten, sondern Kaffeepulver, das in seiner Größe die eines Coronavirus um ein Milliardenfaches überseigt. Dem Corona-Virus Sars-CoV-2 dürften die Poren eines herkömmlichen Kaffeefilters so viel Widerstand entgegensetzen wie die Heilige Pforte am Petersdom bei ihrer Öffnung in den Heiligen Jahren den reuigen Sündern.

Trotzdem fühlt man sich jetzt gut beschützt. Die Maskenpflicht tut ein Übriges. Pflicht gilt! Wer jetzt gehorsam folgt, macht nichts falsch. Und schon kann man die ganz besonders Gehorsamen hören, jene, die schon früher in der Schule ihre nicht selten mangelnde Wissenskompetenz kompensierten, indem sie die mehr oder weniger großen Verfehlungen anderer Schülerinnen und Schüler aufmerksam registrierten, protokollierten und anzeigen: Der Kevin hat die Maske nicht auf und die Chantal auch nicht, Herr Lehrer! – Ist gut, Justin. Kevin, Chantal? Masken auf! Sofort!

Wie ein Tanz von Kühen

Nur damit kein Missverständnis aufkommt: Wenn alle dort eine Maske tragen, wo in Zeiten der Corona-Pandemie die für eine Vermeidung von Infektionen notwendige physische Distanz von mindesten 1,5-2 Metern nicht eingehalten werden kann, sind sie wirklich hilfreich und wirksam. Ihre Wirksamkeit bleibt aber nur dann erhalten, wenn man fachgerecht mit ihnen umgeht. Theoretisch müsste man also alle 30 Minuten eine neue Maske aufziehen und die alte entsorgen oder sterilisieren. Wo das unterbleibt, suggeriert das süße kleine Nichts im Gesicht eine Sicherheit und einen Schutz, den es dann eben nicht mehr geben kann. Psychologisch aber führt diese Suggestion zu einer Vernachlässigung des eigentlichen Schutzes der physischen Distanz. Die Diskussion um die Maskenpflicht kommt just zu dem Zeitpunkt auf, in der der coronabedingte Lockdown gelockert wird. Beides zusammen erzeugt den eigentlich nicht zutreffenden Eindruck, die Situation sei im Griff – und führt zu entsprechendem Verhalten, wie auch der Soziologe Armin Nassehi feststellt, der mit Blick auf den von Bundeskanzlerin Angela Merkel geprägten Begriff der „Öffnungsdiskussionsorgie“ sagt:

„Seit diese Diskussion geführt wird, bekommt sie eine Art Eigendynamik. Wir merken das jetzt schon. Es gibt jetzt noch keine sozialwissenschaftlichen Daten dafür, aber durchaus einige Evidenz, dass, seit diese Diskussion geführt wird, die Menschen sich auch freier draußen bewegen. Die Fußgängerzonen sind natürlich etwas voller, man sieht, na ja, wir diskutieren jetzt über so etwas wie Öffnungen, also werden wir uns womöglich selbst nicht mehr ganz so vorsichtig verhalten. Das ist gar nicht so kognitiv repräsentiert, sondern das ist jetzt eine Atmosphäre, in der die Dinge eher in Richtung Öffnung, als in Richtung Schließung gehen. Und das wirkt sich natürlich auf das habitualisierte Verhalten von Menschen aus.“2)

Er fügt noch hinzu:

„Wenn ich ganz ehrlich bin, macht mir das durchaus Sorgen. Ich glaube, dass wir womöglich zu früh in manche dieser Prozesse hineingehen.“3)

Woher aber kommt diese merkwürdige Reaktion von Menschen, die sicher einerseits ohne großes Murren in einen Lockdown begeben wie Kühe, die die Sennerin abends in den Stall ruft, dann aber andererseits bei der kleinsten Öffnungen draußen herumtollen und springen wie eben jene Kühe, die man nach langem Stallwinter wieder ins frische Frühlingsgras lässt. Ist da wirklich nichts gewesen? Armin Nassehi stellt soziologisch sachlich mit Blick auf den ursprünglichen Lockdown fest:

„Ja, sie halten sich eigentlich erstaunlich gut. Wir merken ja, dass es eigentlich relativ wenig Protest und wenig Kritik dagegen gab. Es geht natürlich schon auch um etwas Wichtiges. Also wir wissen, dass niemand irgendwelche willkürlichen Maßnahmen, willkürliche Herrschaft anwendet, sondern es gibt ja, gab ja gute Gründe, diese Dinge jetzt zu tun. Die Lockerungsmaßnahmen sind viel, viel schwieriger, weil man da nicht so eindeutig, man könnte sagen, binär entscheiden kann, entweder wir machen es oder wir machen es nicht, sondern hier ist jetzt tatsächlich die Frage, mit welcher Geschwindigkeit geht man raus aus den Maßnahmen?“4)

Ein Volk von Kindern

Der Lockdown war eben eindeutig, die Lockerung ist es gerade nicht. Wo die Unsicherheit aber groß ist, bedarf es mündiger und vernünftiger Persönlichkeiten mit den neuen Freiheiten umzugehen. Freiheit und Unsicherheit gehen ja Hand in Hand. Wo das Streben nach absoluter Sicherheit die Oberhand gewinnt, wird die Freiheit ins zweite Glied gestellt. Absolute Sicherheit erfordert Gehorsam und unhinterfragte Pflichterfüllung; Freiheit erfordert Erkenntnis und Einsicht, freie Entscheidung und Handeln, mitunter eben auch Verzicht aus freiem Willen. Der mündige Mensch tut aus freiem Willen das Richtige, weil er verstanden hat und erkennt, wohin welcher Weg ihn führt. Nur der freie Mensch kann mit dem Psalmisten ebenso aufrecht und aufrichtig beten:

Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern sein Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt. Psalm 1,1-2

Im Gegensatz dazu führt die Komplexität einer Krise, wie sie auch die Corona-Pandemie darstellt, zu einer Sehnsucht nach der starken Frau und dem starken Mann, die oder der weiß, was gut für das Volk ist. Es ist die Stunde der Landesmütter und -väter, die ihren Landeskindern die richtigen Weisungen geben, die von diesen nach Kindesart mit kindlichem Gemüt gehorsam befolgt werden. Eine selbstentmündigende Pflichterfüllung entlastet schließlich ungemein von den Unbilden und Mühen eigenen Einsichtsstrebens und Erkenntnisgewinns. So stellt auch Armin Nassehi fest:

„Also eine Pflicht ist insofern sinnvoll, als man sozusagen nicht mehr selber entscheiden muss. Wir haben das Gleiche ja bei der Einführung des Shutdowns oder Lockdowns oder wie auch immer man das nennen will auch gehabt. Da gab es ja am Anfang auch eher Appelle, man solle Distanzregeln wahren und Ähnliches. Das hat in dieser Form nicht geklappt. Als das eine verbindliche Norm war, dann haben die Leute sich tatsächlich daran gehalten. Aber das ist ja tatsächlich jetzt eine der kleineren Maßnahmen. Ich glaube nicht, dass sich die gesamte Krise jetzt mithilfe solcher Masken lösen lässt. Aber es ist interessant, dass wir uns im Moment so stark darauf beziehen, weil das etwas ist, bei dem man ja relativ eindeutige Sätze sagen kann.“5)

Und so bekommt die Maske noch eine weiter Symbolik: Sie steht für einen kindlichen Gehorsam und eine Selbstentlastung angesichts einer komplexen, für die Einzelnen kaum fassbaren Situation. Ob sie hilft, ist da schon gar nicht mehr wichtig. Sie gibt das Gefühl, nicht mehr ohnmächtig. Dabei ist die Pflicht, eine Maske zu tragen, in sich ein Zeichen, dass die Gehorsamen eben ohne Macht sind.

Wenn Liebe keinen Zwang verträgt, ist Gehorsam der Liebe Tod.

Gehorsam und freier Wille

Das vertrackte Wechselspiel von Gehorsam und freiem Willen ist Christinnen und Christen, gerade jener römisch-katholischer Provenienz, durchaus geläufig – aber nicht nur ihnen. Während Martin Luther zwar von der „Freiheit eines Christenmenschen“ sprach, davon aber später ausdrücklich jene Bauern ausnahm, die aufgestanden waren, um ihre Freiheiten zu erkämpfen, kennt die römisch-katholische Kirche das wunderbare Paradox – wenn es nicht gar ein Oxymoron ist – von einem freiwilligen Gehorsam. Nur der sei wirklich frei, der auf die Freiheit verzichte und Gehorsam übe, so wie der Herr gehorsam gewesen sei. Das lässt aufhorchen, heißt es doch im 2. Hochgebet:

„Denn am Abend, an dem er ausgeliefert wurde und sich aus freien Willen dem Leiden unterwarf, nahm er das Brot und sagte Dank, brach es, reichte es seinen Jüngern und sprach: Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“

Eine Unterwerfung aus freiem Willen ist etwas anderes als Gehorsam. Wer sich aus freiem Willen unterwirft, hat die Wahl gehabt, genau das nicht zu tun. Und tatsächlich findet sich in der Vita Jesu ja genau dieses Ringen um die richtige Entscheidung, wenn zwischen Abendmahl und Passion die Möglichkeit zur Flucht offensteht:

Und er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Da ergriff ihn Furcht und Angst und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht! Und er ging ein Stück weiter, warf sich auf die Erde nieder und betete, dass die Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe. Er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst. Markus 14,33-36 parr

Das Ringen Jesu ist offenkundig – und wird doch überdeckt durch den Schlussakkord des Gebetes, dass nicht sein Wille, sondern der des Vaters geschehen solle. Sind nicht er und der Vater eins, wie es im Johannesevangelium heißt (vgl. Johannes 10,30)?

Man wird die innertrinitarische Dynamik hier nicht überdehnen dürfen, zumal das Neue Testament so gesehen erst am Anfang der christologischen und trinitätstheologischen Reflexionen steht. In den synoptischen Evangelien deutet sich jedenfalls gerade auch in diesem Schlusssatz des ersten Gethsemane-Gebetes an, dass Jesus gerade mit dem Vater ringt, dass sein Wille möglicherweise ein anderer sein könnte, ja, dass er möglicherweise (und das ist freilich hoch spekulativ, aber eben doch möglich) mit dem Gedanken spielt, sich dem Zugriff der nahenden Häscher zu entziehen. Das wäre nicht nur gehorsam, sondern ein Akt des freien Willens – ein verständlicher noch dazu.

Freiheit und Erkenntnis

Tatsächlich spielt gerade in dieser Szene der freie Wille Jesu eine bedeutendere Rolle, als es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Matthäus etwa hebt diesen Aspekt hervor, wenn er notiert:

Und siehe, einer von den Begleitern Jesu streckte die Hand aus, zog sein Schwert, schlug auf den Diener des Hohepriesters ein und hieb ihm ein Ohr ab. Da sagte Jesus zu ihm: Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte? Wie würden dann aber die Schriften erfüllt, dass es so geschehen muss? Matthäus 26,51-54

Jesus hätte also um himmlischen Beistand bitten können. Hat er aber nicht. Er hätte aber die Wahl gehabt. Gerade in dieser Notiz schwingt mit, dass es sich hier um eine freie Entscheidung Jesu gehandelt hat. Das wiederum ist ein Aspekt, der im Johannesevangelium die gesamte Passionserzählung durchzieht. Jesus erscheint geradezu als Souverän, der in freier Vollmacht das Kreuz wie einen Königsthron besteigt. Das hat sicher nichts mit den tatsächlichen historischen Tatsachen und der demütigen Qual des Kreuzestodes zu tun, zeigt aber gerade deshalb, wie Johannes den freien Willen Jesu betont. Er hat nicht einfach nur gehorsam gelitten, er hat sich für diesen Weg entschieden. Das wird schon in der Szene deutlich, in der Judas als Verräter enttarnt wird:

Nach diesen Worten wurde Jesus im Geiste erschüttert und bezeugte: Amen, amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern. Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte. Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte. Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche. Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es? Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn. Jesus sagte zu ihm: Was du tun willst, das tue bald! Aber keiner der Anwesenden verstand, warum er ihm das sagte. Weil Judas die Kasse hatte, meinten einige, Jesus wolle ihm sagen: Kaufe, was wir zum Fest brauchen! oder Jesus trage ihm auf, den Armen etwas zu geben. Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht. Johannes 13,21-30

Johannes hebt nicht ohne Grund darauf ab, dass die anderen Jünger den Eindruck bekommen haben, Jesus habe Judas mit einem bestimmten Auftrag entsandt. Tatsächlich wird der Verrat des Judas als Entsendung durch Jesus dargestellt, der den Plan des Judas kennt und ihn durch die initiale Sendung auslöst:

Was du tun willst, das tue bald! Johannes 13,27

Auch hier hätte es ja Handlungsalternativen gegeben. Jesus hätte Judas zur Rede stellen können. Er hätte die anderen Jünger aufrufen könne, Judas zu überwältigen. Er hätte fliehen können. Nichts dergleichen tut er. Er fügt sich aber auch nicht einfach in sein Schicksal. Er handelt souverän. Und eben diese Souveränität scheint auch im Pilatusprozess durch, wenn sich der mächtige Statthalter von dem schon Gegeißelten, Dornengekrönten und Verspotteten anhören muss:

Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre; darum hat auch der eine größere Sünde, der mich dir ausgeliefert hat. Johannes 19,11

Der Gefesselte scheint innerlich immer noch frei. Der Niedergeprügelte bleibt aufrecht. Das ist keine gehorsame Schicksalsergebenheit, das ist Freiheit mit Würde!

Freiheitsfolgen

Gerade der freie Wille Jesu macht seine Passion bedeutsam. Er hat es auf sich genommen für die Seinen – aber warum? Der Aspekt kommt in einem hymnischen Abschnitt des 1. Petrusbriefes zu Sprache:

Dazu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. Er hat keine Sünde begangen und in seinem Mund war keine Falschheit. Als er geschmäht wurde, schmähte er nicht; als er litt, drohte er nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter. Er hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot sind für die Sünden und leben für die Gerechtigkeit. Durch seine Wunden seid ihr geheilt. 1 Petrus 2,21-34

Das Handeln Jesu ist beispielhaft. Er überlässt seine Sache dem gerechten Richter – also Gott. Wer ihm darin nachfolgt, der kann gewiss sein, dass auch seine Wunden geheilt werden. Was geschieht aber mit jenen, die sich anders entscheiden? Ist die Wahl möglicherweise doch nicht so frei, wie es scheint?

Tatsächlich kommt diese Schlussfolgerung im Schreiben an die Hebräer zum Ausdruck. Dort heißt es:

Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde zu tilgen. Und wie es dem Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben, worauf dann das Gericht folgt, so wurde auch Christus ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinwegzunehmen; beim zweiten Mal wird er nicht wegen der Sünde erscheinen, sondern um die zu retten, die ihn erwarten. Hebräer 9,26-27

Wer also von der freien Wahlmöglichkeit Gebrauch macht, sich gegen das Beispiel Jesu zu entscheiden, wird schon sehen, was er davon hat – er hat nichts weniger als sein Heil verwirkt. Jedenfalls, wenn er durch die Taufe einmalig des Heiles teilhaftig wurde. Danach gibt es keine zweite Chance mehr …

Nun ist das Schreiben an die Hebräer eher ein Motivationsschreiben, das an eine müde gewordene Gemeinde gerichtet ist. Es ist im Duktus weniger eine dogmatische Vorlesung denn eine Kabinenansprache, in der der Trainer eine Mannschaft, die zur Halbzeit zurückliegt, motivieren und zum Sieg treiben möchte. Da ist der Ton eben deutlicher. Ohne diese kommunikativen Rahmen, den Globe, aber entfaltet ein solcher Text natürlich eine eigene Wirkung, die die Bedeutung des freien Willens eher in den Hintergrund treten lässt. Tatsächlich aber stünde eine solche Auffassung in deutlichem Widerspruch zur paulinischen Maxime, dass durch Kreuzestod und Auferstehung Jesu das Heil ein für allemal und nicht rücknehmbar gewirkt ist:

Was sollen wir nun sagen? Sollen wir an der Sünde festhalten, damit die Gnade umso mächtiger werde? Keineswegs! Wie können wir, die wir für die Sünde tot sind, noch in ihr leben? Wisst ihr denn nicht, dass wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln. Römer 6,1-4

So gesehen können Getaufte gar nicht mehr sündigen. Sie können nicht mehr aus der Liebe Gottes herausfallen. Wohl aber können sie natürlich durch ihr Verhalten, das auf freiem Willen beruht, Schuld auf sich laden, für die sie Verantwortung tragen. Nur aus der Liebe Gottes fallen können sie nicht. Deshalb ist Freiheit für Paulus ein hohes Gut:

Der Herr aber ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. 2 Korinther 3,17

... oder nicht doch gehorsame Pflichterfüllung

Es ist kein Zufall, dass sich das letzte Zitat im 2. Korintherbrief findet, also einem Schreiben mit dem Paulus um die Wiederherstellung einer guten Beziehung mit der Gemeinde ringt. Die Korinther waren offenkundig sehr freiheitsliebend. Sie lassen sich nicht einfach befehligen. Auch das hat Paulus, der die Freiheit sonst im Worte führt, wohl versucht:

Was zieht ihr vor: Soll ich mit dem Stock zu euch kommen oder mit Liebe und im Geist der Sanftmut? 1 Korinther 4,21

Die Korinther sehen sich von ihrem Gemeindegründer, der Wert darauf legt, Apostel wie die Zwölf zu sein und entsprechende Autorität beansprucht, vor die freie Wahl des Gehorsams gestellt … sonst setzt es etwas!

Faktisch scheint diese Strategie nicht ganz funktioniert zu haben. Der Konflikt zwischen freiheitsbewusster Gemeinde und autoritätsbewusstem Apostel eskaliert und führt zu einem überstürzten Kommunikationsabbruch (vgl. 2 Korinther 2,1-13). Jedenfalls ändert Paulus seine kommunikative Strategie – weg vom blanken Fordern von Gehorsam, hin zu werbendem Loben und Anerkennen:

Wir sind nicht Herren über euren Glauben, sondern wir sind Mitarbeiter eurer Freude; denn im Glauben steht ihr fest. 2 Korinther 1,24

Das hört sich zwar schon anders an. Trotzdem stellt er wenige Verse später fest:

Gerade deswegen habe ich euch ja auch geschrieben, weil ich wissen wollte, ob ihr wirklich in allen Stücken gehorsam seid. 2 Korinther 2,9

Als Gründervater kann man eben nie sicher sein, ob die Gemeindekinder auch tun, was man selbst möchte, dass sie tun sollen. Solange der freie Wille der Gemeindekinder mit dem übereinstimmt, was der Gemeindevater will, ist alles gut … sonst wird es schwierig. Da kann man dann auch schon einmal auf das Beispiel Jesu verweisen, das dann eben weniger freiwillig voranschreitend, sondern aus Gehorsam geschah:

Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters. Philipper 2,5-11

In diesem Hymnus der frühen Christenheit ist nicht nur deutlich davon die Rede, dass Jesus gehorsam bis zum Tod war. Syntaktisch ist es gerade dieser Gehorsam, der zum Grund („darum“ – διό/gesprochen: dió) für die Erhöhung wird. Dieser Hymnus zeigt, dass es neben der Linie des „freien Willens Jesu“ auch noch ein anderes Deutemuster für den Skandal des Kreuzestodes Jesu gab: nämlich seinen Gehorsam.

Freiwillig gehorsam? Nein: Einsicht!

Beide Deutekategorien finden sich parallel. Sie konkurrieren nicht wirklich miteinander. Der paradoxe Harmonisierungsversuch eines freiwilligen Gehorsams will zusammenfügen, was nicht zusammenkommen kann. Die freiwillige Übernahme des verfluchten Kreuzestodes erscheint schlicht so absurd, dass sie nur durch einen Akt des Gehorsams kompensiert und erklärt werden kann. Gerade darin aber scheint auf, dass es die Möglichkeit der Wahl gegeben hätte. Wäre der Kreuzestod Jesu schicksalshaft und unausweichlich gewesen, wäre das Reden von „Gehorsam“ völlig absurd. Die ὑπακοή (gesprochen: hypakoé), der Gehorsam scheint also eher eine Deutekategorie zu sein, die die Absurdität der Freiwilligkeit des Leidens am Kreuz zu erklären vermag.

Tatsächlich weist die Verwendung des Begriffs ὑπακοή aber noch tiefer. Er trägt nämlich neben der Bedeutung „Gehorsam“, die – ähnlich wie im Deutschen – auf die etymologische Verwandtschaft mit dem Hören (ἀκούειν – gesprochen: akoúein) zurückgeht. Gerade darin aber scheint ein viel tieferes Erkennen auf, bedeutet das altgriechische ἀκούειν eben nicht bloß „hören“, sondern auch „wahrnehmen“ und „verstehen“. Demzufolge meint die ὑπακοή auch nicht einfach nur „Gehorsam“, sondern kann auch „Antwort“ heißen – eine Antwort, die aus Erkenntnis erwächst. Erkenntnis aber ist die Frucht freien Suchens der Wahrheit. Auch dort, wo Jesus scheinbar gehorsam gelitten hat, ist das kein fatales Ergeben in ein unabwendbares Schicksal. Es ist Entscheidung aus freiem Willen, der auf Erkenntnis und Einsicht beruht und eine entsprechende Antwort erfordert, soll die eigene Erkenntnis nicht verworfen werden. Das aber ist eine Frage der eigenen mündigen Aufrichtigkeit und des erwachsenen Willens, eben nicht eines bloß kindlichen Gehorsams.

1

Seid nicht kindisch! Versteht endlich, worum es geht!

Was das alles mit Masken zu tun hat? Viel. Wer die Maske bloß aus kindischer Pflichterfüllung und infantilem Gehorsam selbst im Auto trägt, dann aber doch pubertär der Aufstand probt und sich in dicht gedrängte Versammlungen stellt, im Park grillen geht und vor Imbissbuden gemeinsam aus Flaschen trinkt, hat es eben nicht verstanden. Wer den Sinn und Zweck der Masken versteht, wird froh und frei seiner Wege gehen, wenn es darauf ankommt, sie in Situationen, in denen die physische Distanz zur Vermeidung von Infektionen nicht immer gewahrt werden kann wie im Öffentlichen Personennahverkehr oder in Einkaufsläden, anziehen – nicht aus Pflichterfüllung, sondern freiwillig aus mündiger Einsicht. Wieder einmal muss die Kabinenpredigt des Schreibens an die Hebräer herhalten:

Darüber hätten wir viel zu sagen; es ist aber schwer verständlich zu machen, da ihr träge geworden seid im Hören. Denn obwohl ihr der Zeit nach schon Lehrer sein müsstet, braucht ihr von Neuem einen, der euch in den Anfangsgründen der Worte Gottes unterweist; und ihr seid solche geworden, die Milch nötig haben, nicht feste Speise. Denn jeder, der noch mit Milch genährt wird, ist unerfahren im richtigen Reden; er ist ja ein unmündiges Kind; feste Speise aber ist für Erwachsene, deren Sinne durch Gebrauch geübt sind, Gut und Böse zu unterscheiden. Hebräer 5,11-14

Corona wird noch lange bleiben. Es braucht jetzt die einsichtige Mündigkeit der Erwachsener, um der Pandemie Herr zu werden. Wollt ihr bloß endlich wieder auf der Weide spielen? Oder wollt ihr den unsichtbaren Gegner bezwingen? Ihr habt die freie Wahl. Wieder einmal ist Zeit der Entscheidung – ganz aus freiem Willen, dafür aber mit allen Konsequenzen. So oder so …

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Bildnachweis

Titelbild: Obediencia (andrescarlofotografia) – Quelle: pixabay – lizenziert als pixabay-Lizenz.

Video: Der Laie – Kath 2:30 Episode 26 (Kath. Citykirche Wuppertal/Christoph Schönbach) – Quelle: Vimeo – alle Rechte vorbehalten.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Vgl. hierzu Steven Sowa im Interview mit Eckart von Hirschhausen, „Die eigentlich fette Krise kommt erst noch – mit Ansage“, t-online.de, 19.4.2020, Quelle: https://www.t-online.de/unterhaltung/stars/id_87731036/von-hirschhausen-zur-corona-krise-hoechste-zeit-dass-wir-jetzt-asiatischer-werden-.html [Stand: 26. April 2020].
2. Armin Nassehi im Gespräch mit Philipp May, „Unglaublich schwierig, politisch die richtige Entscheidung zu treffen“, Deutschlandfunk, 22.4.2020, Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/dynamik-in-der-coronadebatte-unglaublich-schwierig.694.de.html?_pjax=%23content&dram:article_id=475201&fbclid=IwAR1z20rQXgPAAcm-RhHcXLlde_39NI1W1XDA5aUBSqfFW172m983TpUZffI&xtor=AD-252-%5B%5D-%5B%5D-%5B%5D-%5Bdlf-desktop%5D-%5B%5D-%5B%5D [Stand: 26.4.20201].
3. Armin Nassehi im Gespräch mit Philipp May, „Unglaublich schwierig, politisch die richtige Entscheidung zu treffen“, Deutschlandfunk, 22.4.2020, Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/dynamik-in-der-coronadebatte-unglaublich-schwierig.694.de.html?_pjax=%23content&dram:article_id=475201&fbclid=IwAR1z20rQXgPAAcm-RhHcXLlde_39NI1W1XDA5aUBSqfFW172m983TpUZffI&xtor=AD-252-%5B%5D-%5B%5D-%5B%5D-%5Bdlf-desktop%5D-%5B%5D-%5B%5D [Stand: 26.4.20201].
4. Armin Nassehi im Gespräch mit Philipp May, „Unglaublich schwierig, politisch die richtige Entscheidung zu treffen“, Deutschlandfunk, 22.4.2020, Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/dynamik-in-der-coronadebatte-unglaublich-schwierig.694.de.html?_pjax=%23content&dram:article_id=475201&fbclid=IwAR1z20rQXgPAAcm-RhHcXLlde_39NI1W1XDA5aUBSqfFW172m983TpUZffI&xtor=AD-252-%5B%5D-%5B%5D-%5B%5D-%5Bdlf-desktop%5D-%5B%5D-%5B%5D [Stand: 26.4.20201].
5. Armin Nassehi im Gespräch mit Philipp May, „Unglaublich schwierig, politisch die richtige Entscheidung zu treffen“, Deutschlandfunk, 22.4.2020, Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/dynamik-in-der-coronadebatte-unglaublich-schwierig.694.de.html?_pjax=%23content&dram:article_id=475201&fbclid=IwAR1z20rQXgPAAcm-RhHcXLlde_39NI1W1XDA5aUBSqfFW172m983TpUZffI&xtor=AD-252-%5B%5D-%5B%5D-%5B%5D-%5Bdlf-desktop%5D-%5B%5D-%5B%5D [Stand: 26.4.20201].
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