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conditio humana·Disput·Res publica

Die Lehren des Herrn Tur Tur Eine neutestamentliche Reflexion über das Verhältnis von Stärke des Kleinen und die Schwachheit der Lauten


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Kleinstes kann zur größten Zumutung werden. Die Corona-Krise zeigt das. Das Corona-Virus ist gut einhundertmal kleiner als ein Bakterium. Es ist so klein, dass viele von ihnen in Tröpfchen eingeschlossen sind, den sogenannten Aerosolen. Mit bloßem Auge kann man sie nicht erkennen, aber aus- und auch wieder einatmen. Atemluft ist immer feucht. Sie besteht also aus zahlreichen kleinsten Tröpfchen, die ihrerseits bei einem mit dem Corona-Virus infizierten Menschen zahlreiche Viren enthalten können. Pro Atemzug können das zwischen 1.000 und 50.000 Mikrotröpfchen sein, die im Falle einer Infektion die Viren mit sich tragen1). Die Tröpfchen schweben als Aerosol in der Luft – und warten nur darauf vom nächsten Wirt oder der nächsten Wirtin eingeatmet zu werden. Frischluft und Durchzug können helfen. Nach einem bis ins alte Babylon zurückreichenden Glauben, als man noch dachte, Luftbewegungen im Raum deuteten auf Geister und Dämonen hin, die dem Menschen übel wollen2), denken viele aber heute noch, man würde krank, wenn es zieht – und lassen die Fenster lieber geschlossen. Ob es nun ein kleines, nur in starken Mikroskopen sichtbares Virus oder ein Wind, der weht, wie er will, ist – auch 300 Jahre Aufklärung haben offenkundig nicht dazu beigetragen, dass ein Großteil der Menschen sich von ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien im Stande ist. Dazu würde ja gehören, die Komplexität der Welt als solche anzuerkennen. Stattdessen wird einem grob vereinfachten Agnostizismus gefrönt, der behauptet, was man nicht sehen könne, existiere gar nicht, während gleichzeitig alter Aberglaube in postmodernem Gewand fröhlich Urständ feiert. Statt die vielen Differenzierungen und Komplexitäten als solche auch in ihrer anfänglichen Unüberschaubarkeit anzunehmen, zeichnet mancher ein grob gerastertes Schwarz-Weiß-Bild, in dem man schnell Schuldige und Sündenböcke erkennt und alle anderen, die dann doch lieber mit vorsichtigen Schritten den Dschungel von Daten und Fakten lichten und durchschreiten wollen, als „Schlafschafe“ oder ähnliches abqualifizieren.

Non ad rem, sed ad personam?

Das allein sollte zu denken geben: Wenn Sachargumente persönlichen Angriffen weichen, ist es um die Tiefgründigkeit derer, die so agieren, nicht gut bestellt. Noch schlimmer wird es, wenn Empathie plumpem Pöbeln weicht, wie das Beispiel eines Rentners zeigt, der aufgrund der durch die Corona-Pandemie geltenden Beschränkungen seine an Demenz erkrankte Frau, mit der er 63 Jahre verheiratet ist, nicht besuchen kann. In dieser Ohnmacht nimmt er in Gera an einer Demonstration gegen die corona-pandemie-bedingten Beschränkungen teil und berichtet in diesem Rahmen unter Tränen vor laufender Kamera. Ein junger Mitdemonstrant lässt sich seinerseits die Chance nicht nehmen, um den alten Herrn vor laufender Kamera anzupöbeln und seine eigene Agende hinauszuposaunen. Er ernte dafür Applaus. Der alte Herr steht mit seiner Trauer weiter allein da – nicht ohne den jüngeren Schreihals mit leiser, aber bestimmter Stimme auf die seiner Ansicht nach trotzdem verhältnismäßiger Notwendigkeit der Maßnahmen hinzuweisen. Das aber geht im Geschrei des Gegenübers unter …3)

Helmut Schmidts Aphorismus, dass sich in der Krise der Charakter zeige, wird in diesen Tagen ein ums andere Mal bestätigt. Dabei erstaunt es wenig, dass die wenigen Schreihälse sich als Erleuchtete sehen, die eine Weltverschwörung aufgedeckt hätten, die mal von Bill Gates, mal von den Bilderbergern, mal von den Illuminaten oder den Freimaurern und den sonstigen üblichen Verdächtigen betrieben würde. Ansonsten sind es 5G-Masten, militärische Kreise, chinesische Laboratorien oder (natürlich!) die Chemtrails, die das Virus verursachen. Und natürlich wehrt man sich gegen eine Impfpflicht, von der nie die Rede gewesen ist – zumal es ja noch gar keinen Impfstoff gibt und es noch gar nicht ausgemacht ist, dass es ihn geben wird. So groß ist die Herrschaft des Menschen über die Natur nicht, dass sie sich all ihre Geheimnisse abringen ließe. Man denke nur an das HIV-Virus, bei dem auch Jahrzehnte nach seinem Auftauchen immer noch keine wirksame Vakzine verfügbar ist.

Das alle kümmert die laut protestierenden Anti-Coronaten nicht. Sie wollen ihre Freiheit zurück (die man ihnen, streng besehen, trotz verhältnismäßig notwendiger und zeitlich sehr begrenzter Einschränkungen nie genommen hatte). Sie wollen endlich wieder tun und lassen können, was sie wollen. Sie halten sich für die Starken und Wissenden, alle anderen werden dagegen abqualifiziert. Solche Meinungsstärke ist – zumindest was die Lautstärke angeht – imposant; der Schaum vor dem Mund aber spricht nicht unbedingt für eine auf Denkstärke gegründete Gelassenheit. Dabei ist das Phänomen als solches nicht neu. Bereits in biblischen Zeiten kann man selbstüberheblichen Freiheitsdrang beobachten, der Verständigeren das Leben schwer macht.

Regelkunde

Die früheste christliche Geschichte war alles andere als konfliktfrei. Zwar zeichnet Lukas in der Apostelgeschichte ein geradezu paradiesisches Bild der Urgemeinde, wenn er schreibt:

Alle wurden von Furcht ergriffen; und durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen. Und alle, die glaubten, waren an demselben Ort und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Lauterkeit des Herzens. Sie lobten Gott und fanden Gunst beim ganzen Volk. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten. Apostelgeschichte 2,43-47

Angesichts soviel Einmütigkeit, Einfalt und Einheit kann man nur vor Neid erblassen. Welche Gemeinde oder welche Kirche ist heute noch zu so etwas fähig? Tatsächlich zerbricht auch der urgemeindliche Friede schnell am Vorteilsstreben einzelner. Nur wenige Abschnitte später wird die urgemeindliche Gütergemeinschaft, an die Lukas in Apostelgeschichte 4,32-37 noch einmal betonend erinnern wird, durch den Betrug des Hananias und der Saphira jäh zerstört (vgl. Apostelgeschichte 5,1-11) – übrigens mit einem bösen Ende für jene beiden, die es besser zu wissen glaubten (vgl. Apostelgeschichte 5,10).

Das wird freilich nicht der einzige Konflikt in der noch sehr jungen Kirche bleiben. Schnell bilden sich weitere christliche Zentren. Neben der Jerusalemer Urgemeinde entsteht in Antiochien ein zweiter Schwerpunkt. Dort wird man das Evangelium der Auferstehung des Gekreuzigten konsequent theologisch reflektieren und als Ergebnis der göttlichen Rettung des nach Ausweis der Thora gottverlassen Gestorbenen die Heidentaufe proklamieren. Das riecht nicht nur nach Konflikt. Das führt zum Streit: Können Unbeschnittene zum Volk Israel gehören? Genau darum ging es ja: Um die Zugehörigkeit jenes Volkes Israels, dessen „verlorene Schafe“ Jesus gekommen war zu sammeln. Nicht ohne Grund weist er deshalb die heidnische kanaanäische Frau mit ihrer Bitte um Heilung ihrer Tochter zuerst jäh zurück:

Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Matthäus 15,24

Erst danach lässt er sich vom Vertrauen, das die Frau in ihn setzt, überwinden.

Das alles erwächst keiner blanken Willkür. Im Hintergrund steht die Thora. Sie ist die Weisung, die Gott seinem Volk gegeben hat, die Regel, die Leben möglich macht. Regeln sind wichtig, um das Zusammenleben der Menschen zu ermöglichen. Das gilt für ein ganzes Volk wie Israel ebenso wie für die Urgemeinde, zu deren Regeln das Ideal eines gemeinsamen Besitzes gehörte. Dass Regeln zum Heil anderer überwunden und novelliert werden können und bisweilen sogar müssen, ist eine grundlegende Erfahrung der Menschheitsgeschichte.

Neue Regeln

Die antiochenische Erkenntnis des theologisch Neuen, das aus Kreuzestod und Auferstehung Jesu aufscheint, führt zu so einer Novellierung. Durch die Taufe werden Heiden unbeschnitten Glieder Israels. Das bleibt nicht unwidersprochen – bei den Juden, für die die Beschneidung Zeichen des Bundes ist, sowieso nicht; aber auch nicht bei den Judenchristen in der Jerusalemer Urgemeinde, in der die zwölf Apostel ihre Basis hatten. Regelkonflikte können nur fruchtbar geheilt werden, wenn sie verhandelt werden. So trifft man sich zu jener Versammlung die als Apostelkonzil bekennt ist. Zweimal wird im Neuen Testament über diese wichtige Konferenz gesprochen, bei der wohl profilierte Delegierte miteinander theologische gerungen haben. Die eine Notiz stammt von Paulus und ist autobiographisch in Galater 2,1-10 dokumentier. Die andere Beschreibung findet sich in Apostelgeschichte 15,6-28. Beide Texte stimmen darin überein, dass die Heidentaufe als solche anerkannt wurde. Unterschiede gibt es in den neuen Regeln, die aufgestellt werden. Während Paulus betont, es habe keine Auflagen gegeben (vgl. Galater 2,6), zeichnet die Apostelgeschichte ein anderes Bild, wenn Jakobus als Ergebnis der Versammlung feststellt:

Darum halte ich es für richtig, den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufzubürden; man weise sie nur an, Verunreinigung durch Götzenopferfleisch und Unzucht zu meiden und weder Ersticktes noch Blut zu essen. Apostelgeschichte 15,19-20

Es ist eine andere Welt, in der man zwischen "Freiheit" und "Freizeit" nicht unterscheiden kann, "Gesellschaft" sagt und "Zielgruppe" meint, von einem "Konzept" spricht und nicht einmal eine "Idee" besitzt, von einer "Idee" spricht und nicht einmal einen Einfall hat. Roger Willemsen

Die infantile Lust zum Regelbruch

Dass die sogenannte Jakobusklausel durchaus historisch ist, gleichwohl dem Paulus Schwierigkeiten bereiten sollte, ist aus einer Begebenheit zu ersehen, die im Hintergrund des 1. Korintherbriefes zu erkennen ist. Für dessen Verständnis ist die Erkenntnis wichtig, dass Paulus als gediegen antiochenischer Theologe wohl die vorbehaltlose Liebe Gottes verkündet hat, aus der jene, die sich ihm zuwenden, nie und nimmer fallen können. Dass Christus am Kreuz wie ein gottverlassener Sünder stirbt und doch von Gott gerettet wird, bedeutet für ihn, dass die Sünde ihre Macht verloren hat. Wer in der Taufe wie Christus stirbt und aufersteht, hat daran Anteil, so dass Paulus unumwunden verkündet:

Was sollen wir nun sagen? Sollen wir an der Sünde festhalten, damit die Gnade umso mächtiger werde? Keineswegs! Wie können wir, die wir für die Sünde tot sind, noch in ihr leben? Wisst ihr denn nicht, dass wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln. Römer 6,1-4

Wer also auf Kreuzestod und Auferstehung Jesu Christi getauft ist, kann so gesehen nicht mehr sündigen. Er ist für die Sünde in jeder Hinsicht gestorben.

Daraus könnte man nun den Schluss ziehen, dass dann ja jede Regel obsolet wäre. Dann kann man anarchisch leben, weil die Liebe Gottes ja immer hält. In der Tat scheinen in Korinth einige diesen Schluss für sich gezogen zu haben, was in anderen Teilen der Gemeinde wohl nicht unwidersprochen bliebe. In Korinth gab es so dringende Fragen – Fragen, die man an Paulus als Gründer der Gemeinde per Brief vortrug (vgl. 1 Korinther 7,1), der offenkundig von Leuten der Chloë überbracht wurde, die zudem noch von Spaltungen in der Gemeinde berichteten:

Ich ermahne euch aber, Brüder und Schwestern, im Namen unseres Herrn Jesus Christus: Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch; seid vielmehr eines Sinnes und einer Meinung! Es wurde mir nämlich, meine Brüder und Schwestern, von den Leuten der Chloë berichtet, dass es Streitigkeiten unter euch gibt. 1 Korinther 1,10-11

Zu den vorgetragenen Problemen, die in der Gemeinde offenkundig strittig waren, gehörten Fragen zur Ehe und zur Ehelosigkeit, zum Umgang mit außergewöhnlichen Geistbegabungen, aber auch der Fall eines Mannes, der offenkundig mit der Frau seines Vaters zusammenlebte. Besonders auffällig im hier gegebenen Zusammenhang ist dann aber die Frage nach dem Verzehr von Götzenopferfleisch. Sie betrifft unmittelbar jene Einschränkung, die die Jakobusklausel den getauften Heiden auferlegt:

Nun zur Frage des Götzenopferfleisches. Gewiss, wir alle haben Erkenntnis. Doch die Erkenntnis macht aufgeblasen, die Liebe dagegen baut auf. Wenn einer meint, er sei zur Erkenntnis gelangt, hat er noch nicht so erkannt, wie man erkennen muss. Wer aber Gott liebt, der ist von ihm erkannt worden. Was nun das Essen von Götzenopferfleisch angeht, so wissen wir, dass es keine Götzen gibt in der Welt und keinen Gott außer dem einen. Und selbst wenn es im Himmel oder auf der Erde sogenannte Götter gibt – und solche Götter und Herren gibt es viele – , so haben doch wir nur einen Gott, den Vater. Von ihm stammt alles und wir leben auf ihn hin. Und einer ist der Herr: Jesus Christus. Durch ihn ist alles und wir sind durch ihn. Aber nicht alle haben die Erkenntnis. Einige essen, weil sie bisher an die Götzen gewöhnt waren, das Fleisch noch als Götzenopferfleisch und so wird ihr schwaches Gewissen befleckt. Speise aber wird uns Gott nicht näherbringen. Wenn wir nicht essen, verlieren wir nichts, und wenn wir essen, gewinnen wir nichts. 1 Korinther 8,1-8

Götzenopferfleisch – griechisch: εἰδωλόθυτος (gesprochen: eidolóthytos) – war Fleisch von Tieren, die im heidnischen Götterkult geopfert wurden. Es wurde dort in Kultmählern verzehrt – darauf weist der Wortbestandteil εἰδωλ (gesprochen: eidol) hin, der den unmittelbaren Zusammenhang mit den Kultbildern, die εἴδωλον (gesprochen: eídolon) genannt werden. Außerdem verweist er selbst auf andere Möglichkeiten der Fleischversorgung, bei denen er darauf verweist, dass Herkunft des Fleisches dort in jeder Hinsicht unbedenklich ist:

Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird, das esst, ohne aus Gewissensgründen nachzuforschen. 1 Korinther 10.25

Wer also Götzenopferfleisch verzehrte, muss dieses im Zusammenhang mit dem heidnischen Götterkult getan haben. Er musste also an diesem Kult teilgenommen haben – möglicherweise auch aus gesellschaftlichen oder geschäftlichen Gründen. Dass ein solches Vorgehen trotzdem einen Regelbruch darstellt, dürfte auch den so Handelnden bekannt gewesen sein, denn die Ausführungen des Paulus rekurrieren auf deren Argumentation: Da es nur einen Gott gibt, kann es keine anderen Götzen geben – folglich kann es auch kein Götzenopferfleisch geben.

Paulus freilich entlarvt diese Argumentation als kindisch. Er erkennt die Absicht dahinter. Man will sich nicht konsequent von den bisherigen Gewohnheiten abgrenzen, wo es für die christliche Identität und die Integrität der Gemeinde notwendig wäre. Wie oft auch bei Kindern steht also das Eigenbedürfnis vor dem Wohl der Gemeinde. Die Art der Begründung für den Regelbruch ist dabei sogar naiv und entlarvt die infantile Lust am Regelbruch.

Paradoxe Interventionen

Interessant ist nun die Reaktion des Paulus auf den Regelbruch. Er entlarvt ohne Umschweife die Oberflächlichkeit der Begründung. In seiner Strategie, die Regelbrecher auf den rechten Pfad zurückzuführen und gleichzeitig die Integrität der Gemeinde zu stärken, greift er zu einer Art paradoxer Intervention:

Doch gebt Acht, dass diese eure Freiheit nicht den Schwachen zum Anstoß wird! Wenn nämlich einer dich, der du Erkenntnis hast, im Götzentempel beim Mahl sieht, wird dann nicht sein Gewissen, da er schwach ist, verleitet, auch Götzenopferfleisch zu essen? Der Schwache geht an deiner Erkenntnis zugrunde, er, dein Bruder, für den Christus gestorben ist. Wenn ihr euch auf diese Weise gegen eure Brüder versündigt und ihr schwaches Gewissen verletzt, versündigt ihr euch gegen Christus. Wenn darum eine Speise meinem Bruder zum Anstoß wird, will ich bis in Ewigkeit kein Fleisch mehr essen, um meinem Bruder keinen Anstoß zu geben. 1 Korinther 8,9-13

Statt die Regelbrecher auf die Anklagebank zu setzen und zu verurteilen, schreibt er ihnen sogar einen besonders starken Glauben zu. In der Tat: Sie haben ja verstanden, dass nichts und niemand sie aus der Liebe Gottes bringen kann. Auch das Essen von Götzenopferfleisch stellt in diesem Sinn keine Sünde dar. Es ist also ein „starker Glauben“, denen er ihnen attestiert.

Dass das nicht ohne Ironie gesagt – nein: geschrieben ist – wird deutlich, wenn Paulus den vermeintlich Starkgläubigen die Konsequenzen ihres Handelns ausmalt. Ihr Verhalten wird zum Ärgernis für jene, die nicht so einen „starken“ Glauben haben, also als „schwach“ erscheinen. Sie versündigen sich also nicht gegen Gott, sondern gegen den Bruder und die Schwester aus der Gemeinde. Die Begrifflichkeit ist nicht zufällig: das Verhalten der vermeintlich „Starken“ wird zur familiären Störung. Das darf nicht sein. Die Integrität der Gemeinde steht über dem kindlichen Bedürfnis nach Befriedigung – und sei es die Befriedigung gesellschaftlicher und geschäftlicher Interessen oder einfach nur die der Lust am Regelbruch. Wo das Miteinander der Gemeinde gefährdet ist, müssen die Einzelnen ihre Bedürfnisse zurückstellen.

Lob der Leisen, Schwachen und Unmündigen

Dass es in der Tat die vermeintlich Schwachen, Leisen und Unmündigen sind, die den Sinn für die Mühsal des Durchdringens von Zahlen, Daten und Fakten zum Zwecke der Aufdeckung von Wahrheit haben, wird in einem besonderen Lobpreis Jesu deutlich:

In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Matthäus 11,25-30

Das Joch bleibt. Erkenntnis bedeutet immer Arbeit und Ringen. Trotzdem redet Jesus davon, dass ein Joch sanft und die Last leicht sei. Das scheint paradox. Es ist paradox! Die Lösung dieses Paradoxons findet man im Johannesevangelium:

Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien. Johannes 8,31-32

Mit der Wahrheit als Ziel allen Ringens um Erkenntnis, erscheint die Last, die Last bleibt, letztlich leicht. Das ist bis heute das Ziel jeder Wissenschaft: Die Idee neuer Erkenntnisse, die dem Leben der Menschen dienen, wird zum Antrieb für alle Anstrengungen, in Versuch und Irrtum dieses Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Per aspera ad astram – durch Anstrengungen zu den Sternen. Aber eben zu den Sternen!

Und Herr Tur Tur?

Der nette Herr Tur Tur ist von besonderem Wesen. In der Erzählung „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ von Michael Ende tritt er als Scheinriese auf. Er wirkt nur auf Entfernung groß und größer, je weiter er weg ist. Steht er vor einem, ist er ein normaler Mensch. Bei all dem Geschrei und Gelärm um Verschwörungstheorien auf den sogenannten „Hygiene-Demos“ sollte man die Lehren des Herrn Tur Tur nicht vergessen: Medien braucht es, um Fernes zu berichten. Aus der Ferne erscheint manches größer, als es ist. Bei Nähe betrachtet entpuppen sich viele, die dort laut protestieren, dann doch eher als infantile Schreihälse, die noch nicht in der Lage sind, die Herausforderungen und Zumutungen, die das Corona-Virus mit sich bringt, erwachsen zu bewältigen. Sie wollen halt nur, was sie wollen. Sie gleichen darin Kindern in der Quengelzone, die jetzt ihre Kinderschokolade haben wollen. Und mittendrin in diesem Haufen unreifer Halbstarker ist dieser Rentner, der weint, weil er die Frau seines Lebens nicht besuchen kann. Ein echter Kerl, der weiß, worum es geht – und zwar in jeder Hinsicht. Er ist leise. Seine Schwachheit sollte Anlass für alle Anständigen sein, sich stark zu machen, damit er stark wird. Korinth ist überall. Jetzt geht es nicht nur um die Integrität einer Gemeinde. Es geht um die Integrität einer ganzen Gesellschaft. Ihr, die ihr euch für stark haltet, achtet ihr die Schwachen? Sie sind es, um die es eigentlich immer geht: die Alten, Kranken und Schwachen. So verschworen ihr auch seid – lasst sie doch nicht an eurer Erkenntnis zugrunde gehen. Das muten die vermeintlich Kleinsten euch zu, damit wirklich Großes werden kann.

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Bildnachweis

Titelbild: Cat-Lion-Shadow – Quelle: Wallpaperscraft – lizenziert als “no license”.

Bild 1: People’s Climate March 2017 in Washington, D.C. (Edward Kimmel) – Quelle: Wikicommons – lizenziert als CC BY-SA 2.0

Einzelnachweis   [ + ]

1. Vgl. hierzu Benjamin Esche, Bakterien oder Viren – wo ist der Unterschied?, quarks.de, 15.4.2020, Quelle: https://www.quarks.de/gesundheit/medizin/der-unterschied-zwischen-bakterien-und-viren/ [Stand: 24. Mai 2020].
2. Vgl. hierzu einen bereits aus dem Jahr 1968 stammenden Artikel aus dem Spiegel, verfügbar unter https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46034539.html [Stand: 24. Mai 2020]; anders dagegen Angela Schuh, Zugluft ist gesundheitsschädlich, Spiegel online, 2.7.2014, Quelle: https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/wie-klimaanlage-und-ventilator-der-gesundheit-schaden-koennen-a-978599.html [Stand 24. Mai 2020], die in ihrem Beitrag die These vertritt, dass bei Zugluft die Temperatur der Rachenschleimhaut sinken würde und vorhandene Viren dann bessere Lebensbedingungen hätte. Dagegen verweist der Virologe Christian Drosten in seinem NDR-Corona-Podcast, auf die Notwendigkeit gerade mit Blick auf die Vermeidung einer Vireninfektion die Fenster zu öffnen und so für einen Luftaustausch zu sorgen, weil das zum Abtransport potentiell virenverseuchter Aerosole führt – Quelle: https://www.merkur.de/welt/coronavirus-christian-drosten-kritik-deutschland-covid-19-virologe-china-experte-labor-zr-13761655.html [Stand 24. Mai 2020].
3. Vgl. hierzu etwa https://www.general-anzeiger-bonn.de/news/panorama/rentner-wird-auf-corona-demo-in-gera-niedergebruellt_aid-51254943 [Stand: 24. Mai 2020].
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