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Disput·Ecclesiastica·Exegetica

Das Schweigen der Frauen Ein Besuch in der exegetischen Werkstatt führt bisweilen zu erstaunlichen Erkenntnissen


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3-2-1 – und los geht die wilde Fahrt! Das kann erleben, wer das Gedankenspiel wagt, Frauen (oder generell Laien), also Nicht-Kleriker, im Rahmen der Eucharistiefeier predigen zu lassen. Nur um das klarzustellen: Laien, also Nicht-Kleriker – und zu dieser Gruppe gehören Frauen naturgesetzlich aufgrund ihrer genetischen Ausstattung im 23. Chromosom immer an – können immer und überall predigen und das Wort Gottes erschließen: in Wort-Gottes-Feiern, in Tagzeitenliturgien, in Religionsunterricht und Sakramentenkatechese, ja, sie können sogar öffentlich auf den Straßen und Plätzen der Stadt mit lauter Stimme das Wort Gottes verkünden. Nur in den 10 Minuten nach dem Evangelium in einer Eucharistiefeier ist das strengstens verboten. Wer auch nur ansatzweise die Idee äußert, dass man doch überlegen könnte, ob das nicht ein erster, wenngleich äußerst zaghafter Schritt wäre, der bestehenden Geschlechterungerechtigkeit in der Kirche zu begegnen, kann sich gewiss sein, dass selbsternannte katholische Apologeten alle Geschütze auffahren werden, um den so Redenden der Häresie zu zeihen. Offenkundig ist die Vorstellung, eine Frau könnte in der Eucharistiefeier – andernorts ist es ja jetzt schon kein Problem – das Wort Gottes auslegen, dermaßen ketzerisch, dass man froh sein kann, dass die Zeiten, in denen Scheiterhaufen zum öffentlichen Bild vieler Städte gehörten, vorbei sind. Gott sei Dank hat auch die Kirche mittlerweile eingesehen, dass es keine Hexen gibt …

Was für ein Furor

Der Furor ist dermaßen stark, dass selbst gediegene Theologen, die sicher nicht zu ekklesialer Revolution neigen, wie der Jerusalemer Ordensgeistliche Nikodemus Claudius Schnabel oder Till Magnus Steiner, Mitautor hier im biblischen Weblog „Dei Verbum“, mit einer Welle des Widerstandes überrollt werden, wenn sie sich mit diesem Thema befassen. Wohlgemerkt: Es geht nicht um die Frage, ob Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott ist; es geht nicht um die Frage, ob der Heilige Geist nur aus dem Vater, sondern aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht. Es geht auch nicht um die Frage, ob und welcher Weise Maria Jungfrau vor, während und nach der Geburt war und sie nun Christus- oder Gottesgebärerin ist. Es geht um 10 Minuten nach dem Evangelium in der Eucharistiefeier, bei denen es reicht, darüber nachzudenken, ob da nicht auch Frauen (oder Laien, also Nicht-Kleriker allgemein) ihr Wort an die Versammlung richten dürfen. Wird da nicht der Priester an den Rand gedrängt, wenn er mit dem Vornehmsten, für das er geweiht ist und das niemand an seiner Stelle vollziehen kann, der repraesentatio in christi capitis, der Repräsentation Christi als des Hauptes der Kirche im eucharistischen Teil der Heiligen Messe Vorlieb nehmen und sich auf Epiklese und Anamnese beschränken muss? Ist das nicht heute schon der Fall, wenn ein Diakon die Predigt hält, der seit dem Motu Proprio „Omnium in mentem“ Papst Benedikts XVI eben auch nicht mehr in repraesentatio in christi capitis handelt1) und somit dem einfachen Laien näher steht als dem klerikalen Priesteramt. Gibt es dann kein Problem mit der Einheit von eucharistischer Vorsteherschaft und Verkündigungsdienst? Könnte nicht eine Laiin oder ein Laie sich ebenso wie der Diakon den Segen für den Verkündigungsdienst in der Eucharistiefeier einholen und so die Einheit von Verkündigung und eucharistischer Vorsteherschaft liturgisch manifestiert werden? All das gibt es doch de facto jetzt schon im Verkündigungsdienst der Diakone, sollte es nicht auch für jene, denen in der Firmung die Hände aufgelegt und das Besiegeltsein mit dem Heiligen Geist zugesprochen wurde, auch gelten?

Angesichts dieser grundsätzlichgen Überlegungen erscheint der Furor eher hysterischer, mithin irrealer Natur zu sein. Da hilft es auch nichts, wenn die Beflissensten unter den selbsternannten katholischen Exegeten sich selbst abzusichern versuchen, indem sie mit Bibelzitaten um sich werfen. Eines der beliebtesten in diesen Zeiten ist jenes mit der Qualität, die Diskussion um die LaiInnen-Predigt von vorneherein totzuschlagen. Natürlich – Sie ahnen es, liebe Leserin und lieber Leser, seien sie geweiht oder ungeweiht – ist es jenes dem Paulus zugeschriebene Wort, das doch unzweideutig die Frauen aufs Parkett verweist:

Die Frauen in den Versammlungen schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden: Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie etwas lernen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, in der Versammlung zu reden. 1 Korinther 14,34-35

Wenn nichts so scheint, wie es ist

An der Art der Argumentation derer, die diese Verse behände im Munde führen oder mit oft zu flinken Fingern in die Kommentarspalten speien, erkennt man den Unkundigen – zumindest den Unkundigen des Urtextes. Es ist zweifellos festzustellen, dass es keine frühkirchlichen Lesarten gibt, die diese Verse nicht enthielten. Wohl aber ist der Ort, an dem sie sich finden, alles andere als eindeutig. Die beliebte Lesart, die in den einschlägigen Übersetzungen präsentiert wird, verortet die Verse 1 Korinther 14,34-35 hinter dem Vers 33. Dort wird mithilfe von Vers 33b noch suggeriert, dass es sich um eine allgemein übliche Praxis handeln würde:

Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in den Versammlungen schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden: Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie etwas lernen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, in der Versammlung zu reden. 1 Korinther 14,33b-35

Eine ganze Reihe früher Handschriften, die durchaus auch von hoher Qualität sind, setzen die Verse 34-35 aber hinter Vers 40 ans Ende des Kapitels und vor den Beginn eines komplett neuen Gedankenganges um die Auferstehung Jesu Christi, der in 1 Korinther 15,1 beginnt. In diesen Handschriften lautet der Passus dann wie folgt:

Die Äußerung prophetischer Eingebungen ist nämlich dem Willen der Propheten unterworfen. Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens, wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist. Ist etwa das Gotteswort von euch ausgegangen? Ist es etwa nur zu euch gekommen? Wenn einer meint, Prophet zu sein oder geisterfüllt, soll er in dem, was ich euch schreibe, ein Gebot des Herrn erkennen. Wer das nicht anerkennt, wird nicht anerkannt. Strebt also nach dem prophetischen Reden, meine Brüder und Schwestern, und verhindert nicht das Reden in Zungen! Doch alles soll in Anstand und Ordnung geschehen. Die Frauen sollen in den Versammlungen schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden: Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie etwas lernen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, in der Versammlung zu reden. 1 Korinther 14,32-33.36-40[34-35]

Wohlgemerkt: Bei dieser Variante handelt es sich nicht um exegetisches Wunschdenken, sondern um eine ebenso gut bezeugte textkritische Variante wie die, die üblicherweise in den Übersetzungen abgedruckt wird. Zweifelsohne ändert sich durch die andere Kontextualisierung die Bedeutung der beiden Verse. In der allgemein bekannten Kontextualisierung (Verse 34-35 hinter Vers 33) erscheint die Weisung als generelles Schweigegebot; in der zweiten Variante geht es um die Einhaltung von Anstand und Ordnung. Hier könnte es darum gehen, dass Frauen immer wieder und unvermittelt dazwischenrufen und so Anstand und Ordnung (εὐσχημόνος καὶ κατὰ τάξιν – gesprochen: euschemónos kaì katà táxin) des Gottesdienstes gefährden. Es ist also alles andere als unerheblich, an welcher Stelle sich diese Verse befinden. Wo gehören Sie nun hin?

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Der Textkritische Apparat der 28. Ausgabe des Nestle-Aland zu 1 Korinther 14,34-35.

Exegese als Wissenschaft ist der Vernunft verpflichtet

Wer Exegese nicht mit dem Bauch betreibt, sondern mit kühlem Verstand, folgt nicht nur dem Rat des Paulus, den er wenige Verse später den Korinthern ins Stammbuch schreibt:

Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet werden, wenn ihr festhaltet an dem Wort, das ich euch verkündet habe, es sei denn, ihr hättet den Glauben unüberlegt angenommen. 1 Korinther 15,2

Auch mahnt Paulus selbst die Korinther, genau auf seine Wort zu achten, denn er schreibt nur das, was er meint:

Denn wir schreiben euch nichts anderes, als was ihr lest und kennt; ich hoffe, ihr werdet noch ganz erkennen, wie ihr uns zum Teil schon erkannt habt, nämlich dass wir euer Ruhm sind, so wie ihr unser Ruhm seid, am Tag unseres Herrn Jesus. 2 Korinther 1,13-14

Wie schwer es aber ist, sich den Worten des Paulus anzunähern, war schon zu neutestamentlicher Zeit bekannt; nicht umsonst mahnt der Autor des 2. Petrusbriefes:

Deswegen, Geliebte, die ihr dies erwartet, bemüht euch darum, von ihm ohne Makel und Fehler in Frieden angetroffen zu werden! Und die Geduld unseres Herrn betrachtet als eure Rettung. Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist einiges schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, werden diese Stellen ebenso verdrehen wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben. 2 Petrus 3,14-16

Im Umgang mit Paulusbriefen ist also Vorsicht geboten. Man darf sich ihnen nur mit kühlem Verstand und nicht mit heißem Kopf nähern, sonst läuft man schnell in die Irre – oder, um es wieder mit den Worte Paulus‘ selbst zu sagen:

Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden, damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes. 1 Korinther 2,4-5

Wer mit Bibelsprüchen, insbesondere aber Versen aus Paulusbriefen um sich und auf andere einschlägt wie mit nassen Tüchern, sollte sich gewiss sein, dass das Urteil des Paulus über ihn oder sie längst schon feststeht. Vorsicht ist also geboten und Überzeugungskraft. Überredung reicht nicht, Totschlagargumente verbieten sich da gar von selbst.

Der Kontext macht’s!

Angesichts der nicht zu übersehenden neutestamentlichen Warnungen muss man sich mit Blick auf die hier zu besprechenden Verse also Rechenschaft darüber ablegen, in welchen Kontext sie nun gehören, bevor man sich an die Auslegung ihres Verständnisses macht. Der Kontext gehört zum Verständnis zwingend hinzu. Ein Beispiel:

Heinz, der auf dem Sofa sitzend seiner Frau Erna in der Küche zuruft „Das Bier ist alle!“ hat völlig andere Absichten als ein Heinz, der im Keller den leeren Bierkasten in der Hand haltend seiner Frau Erna denselben Satz zuruft, um danach zu Getränkemarkt zu fahren.

Ein Satz – zwei Bedeutungen. Der Kontext macht’s! Was bedeutet das für die hier zur Debatte stehenden Verse?

Zweifellos folgen die meisten Übersetzer der textkritischen Regel der lectio difficilior, nach der die schwer verständlichere Lesart die ursprünglichere ist. In der Tat scheint die allgemein bekannte Lesart (Verse 34-35 hinter Vers 33) dieser Regel zu genügen, durchbrechen sie doch an dieser Stelle einen eigentlich schlüssigen Gedankengang, der unmittelbar von Vers 33 in Vers 36 mündet:

Was soll also geschehen, Brüder und Schwestern? Wenn ihr zusammenkommt, trägt jeder etwas bei: einer einen Psalm, ein anderer eine Lehre, der dritte eine Offenbarung; einer redet in Zungen und ein anderer übersetzt es. Alles geschehe so, dass es aufbaut. Wenn man in Zungen reden will, so sollen es nur zwei tun, höchstens drei, und zwar einer nach dem anderen; dann soll einer übersetzen. Wenn aber niemand übersetzen kann, soll der Zungenredner in der Gemeinde schweigen. Er soll es bei sich selber tun und vor Gott. Auch zwei oder drei Propheten sollen zu Wort kommen; die anderen sollen urteilen. Wenn aber noch einem andern Anwesenden eine Offenbarung zuteilwird, soll der erste schweigen; einer nach dem andern könnt ihr alle prophetisch reden. So lernen alle etwas und alle werden ermutigt. Die Äußerung prophetischer Eingebungen ist nämlich dem Willen der Propheten unterworfen. Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens, wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist. Ist etwa das Gotteswort von euch ausgegangen? Ist es etwa nur zu euch gekommen? Wenn einer meint, Prophet zu sein oder geisterfüllt, soll er in dem, was ich euch schreibe, ein Gebot des Herrn erkennen.Wer das nicht anerkennt, wird nicht anerkannt. Strebt also nach dem prophetischen Reden, meine Brüder und Schwestern, und verhindert nicht das Reden in Zungen! Doch alles soll in Anstand und Ordnung geschehen. 1 Korinther 14,26-33.36-40

Der gesamte Passus ist von der Thematik der Zungenrede geprägt – eine Praxis, der Paulus erkennbar skeptisch gegenüber steht, weil der deren Nutzen für die Verkündigung in Frage stellt. Eigentlich soll nur dann in Zungen geredet werden, wenn ein Prophet (oder ein Prophetin) anwesend ist, die die Zungenrede auslegen kann. Dann aber, so Paulus, wäre die Zungenrede ja gar nicht nötig:

Ich danke Gott, dass ich mehr als ihr alle in Zungen rede. Doch vor der Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit meinem Verstand reden, um auch andere zu unterweisen, als zehntausend Worte in Zungen stammeln. Seid doch nicht Kinder an Einsicht, Brüder und Schwestern! Seid unmündig an Bosheit, an Einsicht aber seid vollkommen! Im Gesetz steht: Durch Leute, die anders und in anderen Sprachen reden, werde ich zu diesem Volk sprechen; aber auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr. So ist Zungenreden ein Zeichen nicht für die Glaubenden, sondern für die Ungläubigen, prophetisches Reden aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Glaubenden. Wenn also die ganze Gemeinde sich versammelt und alle in Zungen reden und es kommen Unkundige oder Ungläubige herein, werden sie dann nicht sagen: Ihr seid verrückt? Wenn aber alle prophetisch reden und ein Ungläubiger oder Unkundiger kommt herein, dann wird er von allen überführt, von allen geprüft; was in seinem Herzen verborgen ist, wird aufgedeckt. Und so wird er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen: Wahrhaftig, Gott ist bei euch! 1 Korinther 14,18-25

Propheten und Prophetinnen!

Das Lob des Prophetentums, das mit Vernunft das Wort Gottes verkündet, ist unübersehbar. Nun wendet sich Paulus aber zu Beginn des großen Absatzes im 1. Korintherbrief, in dem es um die Liturgie geht – und auch 1 Korinther 14 gehört in diesen Makrokontext – gegen eine äußeres (!) Erscheinungsbild von Frauen, das nicht dem üblichen Brauch (! – vgl. hierzu 1 Korinther 11,16: συνήθεια – gesprochen: synétheia/Brauch, Gepflogenheit)2) entspricht:

Jede Frau aber, die betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt, entehrt ihr Haupt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen. 1 Korinther 11,5

Unabhängig von den Anweisungen das äußere Erscheinungsbild betreffend ist hier unzweifelhaft von Frauen die Rede, die beten und gar prophetisch reden (προφητεύουσα – gesprochen: propheteúousa)! Hier findet sich kein Verdikt, dass Frauen als Prophetinnen zurückweist. Ganz im Gegenteil: Paulus anerkennt die Prophetinnen in der korinthischen Gemeinde, so wie er anerkennt, dass es vor Gott keinen Unterschied zwischen männlich und weiblich gibt, sonder alle einer in Christus sind (vgl. Galater 3,28) und wie er Prisca und Junia gleichberechtigt neben ihren Männern Aquila und Andronikus erwähnt und so offenkundig ihren Verkündigungsdienst (Junia wird Apostolin gennant) bzw. die mit ihrer Hausherrinnenschaft (Prisca steht neben Aquila) verbundene Vorsteherinnenfunktion anerkennt (vgl. hierzu Römer 16,3-7).

Das alles steht in so eklatantem Widerspruch zu einem vermeintlichen allgemeinen Schweigegebot für Frauen in der gemeindlichen Versammlung, dass die Stellung der Verse 1 Korinther 14,34-35 hinter Vers 33 keinen Sinn macht. Die lectio difficilior kann hier deshalb nicht zum Tragen kommen, weil sie einem, vor allem auch briefinternem Widerspruch des Paulus mit seiner sonstigen Verkündigung gleichkommt. Er anerkennt Frauen als Prophetinnen. Insofern sich die prophetische Rede nach Ausweis seiner eigenen Ausführungen in 1 Korinther 11-14 vor allem in der gemeindlichen Versammlung ereignet (vgl. insbesondere auch den unmittelbaren Textzusammenhang mit 1 Korinther 14,1-25), kann kein Zweifel daran bestehen, dass Frauen mit paulinischer Zustimmung in der gemeindlichen Versammlung verkündet, mithin also gerade nicht geschwiegen haben!

Entstörung

Die Verse 1 Korinther 14,34-35 sind also hinter den Vers 40 zu verorten. Dort aber bekommen sie eine ganz andere Bedeutung. Hier geht es nicht mehr um das Schweigen von Frauen an sich, sondern um die Wahrung von „Anstand und Ordnung“ (vgl. 1 Korinther 14,40). Hinzu kommt noch folgende Beobachtung: Der Text adressiert nicht Frauen allgemein, sondern spricht offenkundig ganz konkret bekannte Frauen an. So ist in 1 Korinther 14,34 nicht unbestimmt von γυναῖκες (gesprochen: gynaîkes), sondern bestimmt von αἱ γυναῖκες (gesprochen: hai gynaîkes) die Rede. Der bestimmte Artikel αἱ (gesprochen: hai) macht hier den entscheidenden Unterschied, weil er eine deiktische Funktion hat: Es werden ganz konkrete Frauen angesprochen. Mit dem zeitlichen Abstand von gut zweitausend Jahren ist nicht mehr bekannt, um wen es sich konkret handelt. Die adressierte korinthische Gemeinde wird gewusst haben, um wen es sich handelt; die so angesprochenen Frauen sowieso. Für diese Interpretation spricht eine Vorgang im 2. Korintherbrief, in der ein vergleichbares Phänomen beobachtet werden kann. In 2 Korinther 2,5 spricht Paulus ganz allgemein mit der Partikel τις (gesprochen: tis) eine Person an, die ihn offenkundig beleidigt hat. Den Korinther gegenüber muss Paulus den Namen gar nicht nennen; jeder und jedem dürfte bekannt gewesen sein, um wen es sich handelt. Heute ist dieses Wissen mangels persönlicher Erfahrung nicht mehr gegeben.

In der Summe also handelt es sich bei den hier zu untersuchenden Versen um eine Mahnung, mit denen ganz konkrete Frauen aufgefordert werden, die Versammlung nicht weiter zu stören, sonder sich um Ordnung und Anstand zu bemühen. Ob diese Frauen durch Zwischenrufe oder einfach störende Tuschelei aufgefallen sind, kann nicht mehr gesagt werden. Ebenso ist unbekannt, ob auch Männer, so sie denn störten, von einem solchen Verdikt getroffen worden wären (sie werden es an anderer Stelle, wenn es darum geht, die gemeindliche Versammlung nicht zur Befriedigung körperlicher Primärbedürfnisse auf Kosten der Armen zu nutzen und so das Mahl des Herrn unwürdig werden lassen – vgl. 1 Korinther 11,21-23). So oder so: Es handelt sich um Anweisungen, mit denen Ordnung und Anstand des Herrenmahles gewährleistet werden sollen und die eine Verkündigung mit Verstand ermöglichen – sei es durch Propheten oder eben Prophetinnen, die Paulus selbst in 1 Korinther 11,5 offenkundig anerkennt.

Ursachenforschung

Die Frage freilich bleibt, ob die hier untersuchten Verse von Paulus selbst formuliert wurden oder ob es sich um eine spätere Interpolation, also einen nachträglichen Einschub handelt. Die Frage ist nicht leicht zu beantworten und darf auch nicht leichtfertig beantwortet werden. Das hängt mit der Frage zusammen, auf welcher textlichen Basis das Neue Testament beruht. Es sind nämlich keine Urskripte der Texte enthalten. Die ältesten Abschriften der Texte datieren auf das frühe zweite Jahrhundert nach der allgemeinen Zeitrechnung. Es handelt sich immer um Abschriften und Kopien. Textvervielfältigung geschah damals dadurch, dass ein Lektor einen Text vor einer Gruppe sogenannter Skriptoren vorlas, die das Gehörte wieder aufschrieben. Es kann kein Zweifel bestehen, dass es hier zu Schreibfehlern kam oder ein unaufmerksamer Skriptor eine Zusatzbemerkung des Lektors mitschrieb, Blätter vor der Fixierung vertauscht wurden, der Lektor versehentlich Wörter umstellte oder ausließ usw. usw. Auf diese Weise haben sich Fehler in die Texttradition eingeschlichen, die in den vorliegenden Abschriften zu verschiedenen Lesarten, den sogenannten variae lectiones führten. Eine solche varia lectio liegt auch bezüglich der hier verhandelten Verse 1 Korinther 14,34-35 vor. Um den Urtext zu sichern, muss also am Anfang eine textkritische Untersuchung stattfinden, wie sie auch hier vorgenommen wurde. Sie führte zu dem Schluss, dass die Verse 34 und 35 eher an das Ende des 14. Kapitels des 1. Korintherbriefes gehören.

Nun ist aber mit Blick auf die Frage der paulinischen Verfasserschaft festzustellen, dass zwar die textkritische Situation bezüglich der Verortung der Verse nicht eindeutig ist; allerdings sind keine Abschriften bekannt, die die fraglichen Verse nicht enthielten. Das bedeutet entweder, dass die Verse tatsächlich auf Paulus selbst zurückgehen oder aber eine Einfügung – eben eine sogenannte Interpolation – schon sehr früh stattgefunden haben muss.

In der Tat sind aus sprachlichen Gründen Zweifel an der paulinischen Urheberschaft anzumelden3). So häufen sich in dem fraglichen Abschnitt Wendungen, die sich nur hier finden. Ein Beispiel ist die Formulierung καθὼς καὶ ὁ νόμος λέγει (gesprochen: kathòs kaì ho nómos légei – „wie auch das Gesetz sagt“) in Vers 34 – eine bei Paulus völlig singuläre Zitationsformel, die zudem in gewissem Widerspruch zu seinem Evangelium der Gesetzesfreiheit steht. Üblicherweise leitet er daher Zitate mit Verweis auf die Schrift ein – etwa καθὼς γέγραπται (gesprochen: kathós gégraptai – wie geschrieben steht). Sowohl diese sprachlichen als auch die hier analysierten textkritischen und -dramaturgischen Argumenten legen daher den Schluss nahe, dass es die fraglischen Verse eher nicht von Paulus stammen, sondern später, freilich sehr früh ursprünglich hinter V. 40 eingefügt worden sein müssen.

Eine entscheidende Weichenstellung

Für diese Schlussfolgerung spricht noch eine weitere Beobachtung. So findet sich in den deuteropaulinischen Pastoralbriefen ein weitere Aufforderung an die Frauen, sich gerade in der Liturgie unterzuordnen und zu lernen statt zu lehren:

Eine Frau soll sich still und in voller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot. Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn diese in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führen. 1 Timotheus 2,11-15

Auch diese Stelle spielt in der Argumentation der Zurückweisung etwa der Frauenordination, aber auch der Homilie durch Frauen eine wichtige Rolle. Freilich spiegelt sie historisch eine spätere Gemeindesituation wider. Während der 1. Korintherbrief um 53/54 der allgemeinen Zeitrechnung geschrieben wurde, wird der 1. Brief an Timotheus um die Jahrhundertwende, in der Zeit des Übergangs von der zweiten zur dritten christlichen Generation verfasst. Die Gemeinden weisen hier einen viel stärkeren Institutionalisierungsgrad auf, als es in den von Paulus gegründeten Gemeinden des Anfangs der Fall war. Paulus, der die Wiederkunft Christi als unmittelbar bevorstehend erwartete, war selbst an keiner grundlegenden Institutionalisierung gelegen; sie hätte sich aus seiner Sicht gar nicht gelohnt. Im ausgehenden ersten Jahrhundert aber hatten sich die christlichen Gemeinden schon im Hier und Jetzt eingerichtet. Institutionalisierungsprozesse sind da unausweichlich. Folgerichtig enthält der 1. Timotheusbrief eine ganze Reihe von Anweisungen für die Ordnung der Gemeinden, bei denen auch Elemente einfließen, die typisch für den historischen gesellschaftlichen Kontext einer patriarchal geprägten Umwelt waren. Nicht ohne Grund findet sich deshalb dort auch der Hinweis, dass nur ein bewährter verheirateter Mann, der in der Erziehung von Kindern erprobt ist und sich als guter Familienvater (pater familias) erwiesen hat als Bischof glaubwürdig das Wort verkünden kann (vgl. 1 Timotheus 3,1-7). Hier ist nicht nur eine zölibatär Lebensweise völlig undenkbar; die Exitenz als lebenserfahrener Ehemann und Familienvater erscheint geradezu in einer ebenso patriarchal wie familial geprägten Umwelt als unabdingbare Voraussetzung für das Bischofsamt. Alles andere wäre unglaubwürdig gewesen.

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Die antike Frau als Lernende und Kinderhüterin (Darstellung auf einem Sarkophag)

Die Äußerungen über die Voraussetzungen für die Übernahme des Bischofsamtes finden sich unmittelbar nach den Ausführungen des Autors von 1 Timotheus zum Verhalten der Frau im Gottesdienst. Auch diese sind offenkundig gut 50 Jahre nach der Abfassung des 1. Korintherbriefes den Erfordernissen der Zeit angepasst worden. Frauen, die in der Öffentlichkeit als Lehrerinnen auftraten, waren auch in der Umwelt eher eine Seltenheit; das gehörte sich einfach nicht. Eine Christengemeinde, die sich anständig in den gesellschaftlichen Kontext integriert, passt sich hier halt an.

Bemerkenswert ist freilich, dass das Schweigen der Frauen hier mit einem Auszug aus der Thora, dem νόμος (gesprochen: nómos), also dem Gesetz, begründet wird: Adam und Eva müssen herhalten, um das Verhältnis der Geschlechter klarzustellen.

Die Begründung weist genau jene Strategie auf, die sich auch in 1 Korinther 14,34-35 findet. Auch sonst sind die Parallelen frappierend4), so dass man zu dem Schluss kommen kann, dass die Interpolation von 1 Korinther 14,34-35 im zeitlichen Kontext der Abfassung von 1 Timotheus gestanden haben könnte, ja, vielleicht sogar – aber das ist in der Tat hochspekulativ – mit diesem Schreiben in Verbindung stehen könnte, wird so doch die Freiheit, das Frauen in den paulinischen Gemeinden offenkundig wie selbstverständlich als Prophetinnen wirken konnten, gezähmt.

Alles bleibt anders

Das Schweigen der Frauen war damals schon teuer erkauft. Heute entdeckt man Maria von Magdala, die man über Jahrhunderte auf päpstliches Geheiß als Prostituierte diffamiert hatte5), als erste Zeugin der Auferstehung und damit als Apostolin der Apostel wieder. Wie sehr man schon im zeitgenössischen Kontext der Entstehung von 1 Timotheus mit dieser besonderen Frau gerungen hat, zeigt das apokrpyhe, freilich auch gnostische Evangelium der Maria6), das wohl um 160 nach der allgemeinen Zeitrechnung entstanden ist: Hier wird Maria von Magdala durch den Auferstandenen ein besonderes Wissen zuteil, das die Apostel nicht haben. Der im Text angesprochene Konflikt mit Petrus spricht für sich. Dass es den Text allerdings überhaupt gibt, zeigt, dass das Wissen und die Auseinandersetzung um die prophetische Kraft und Kompetenz der Frauen zumindest in der zweiten Hälfte des zweiten christlichen Jahrhunderts gerade noch nicht endgültig entschieden, sondern in vollem Gange war.

Man mag die sich in 1 Timotheus 2,11-15 abzeichnende Entwicklung der Zähmung weiblicher Verkündigungskompetenz als historisch-kontextuelle Anpassung an die gesellschaftlichen Gegebenheiten oder – was Traditionalisten gerne tun – als Wirken des Heiligen Geistes interpretieren – so oder so zeigt sie, dass die Kirche sich aus dem Ursprung heraus verändert hat und sich immer wieder verändern muss, sei es, weil sie sich historisch-kontextuell anpassen muss oder der Heilige Geist einfach weiterwirkt. Alles bleibt immer anders.

Schweigt nicht! Niemals!

Es wird deutlich, dass die hier untersuchten Verse nicht dazu taugen, eine Schweigegebot von Frauen in der Liturgie oder in der Kirche zu rechtfertigen. Sie befassen sich mit Anordnungen für einen Liturgie mit Anstand und Ordnung als Voraussetzung für eine fruchtbare Verkündigung. Die Verkündigung selbst kann aber nur fruchtbar sein, wenn die Verkünderinnen und Verkünder ihr homiletisches und rhetorisches Handwerk auch beherrschen. Auch dass wusste Paulus wohl, wenn er anerkennend auf die Zusammenarbeit mit seinem Mitarbeiter Apollos verweist, der selbst kein Apostel seiend wohl doch in der Qualität der Rede dem Paulus überlegen war und gerade darin seinen Anteil am Gelingen der Verkündigung des Evangeliums hatte:

Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber ließ wachsen. So ist weder der etwas, der pflanzt, noch der, der begießt, sondern nur Gott, der wachsen lässt. Wer pflanzt und wer begießt: Beide sind eins, jeder aber erhält seinen eigenen Lohn entsprechend seiner Mühe. Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bau. 1 Korinther 3,6-9

Es sollten also diejenigen predigen, die es am besten können. Da sollte nicht mehr geweiht oder ungeweiht, männlich oder weiblich gelten. Gottes Ackerfeld ist noch groß. Es ist wieder Zeit zum Säen. Gerade wenn das Ackerland unfruchtbar scheint, hat das Wort Gottes die besten Auslegerinnen und Ausleger verdient, damit er wieder wachsen lassen kann.

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Bildnachweis

Titelbild: Schweigende Frau – Quelle: pxhere – lizenziert als CC0

Bild 1: Auszug aus dem textkritischen Apparat des Nestle-Aland (28. Ausgabe) (Werner Kleine) – alle Rechte vorbehalten

Bild 2: Grabstein einer gebildeten Frau (Agnete) – Quelle: Wikicommons – lizenziert als CC BY 3.0

Einzelnachweis   [ + ]

1. Vgl. hierzu Benedikt XVI, Motu Proprio „Omnium in mentem“, 2009, Art. 2 (Quelle: http://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/apost_letters/documents/hf_ben-xvi_apl_20091026_codex-iuris-canonici.html [Stand: 28. Juli 2019]); vgl. ebenso den mit diesem Motu Proprio geänderten Can. 1009 §3 CIC 1983.
2. Vgl. hierzu Werner Kleine, Privatsache Kopftuch, Blog „Dei Verbum“, 7.4.2015, Quelle: https://www.dei-verbum.de/privatsache-kopftuch/ [Stand: 28. Juli 2019].
3. Vgl. zum Folgenden Wolfgang Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK (Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament – Studienausgabe), Band VII, 3. Teilband, Neukirchen-Vluyn 1999, S. 481ff.
4. Vgl. hierzu die erhellende Gegenüberstellung von 1 Korinther 14,33-36 und 1 Timotheus 2,11-15 bei Jürgen Roloff, Der erste Brief an Timotheus, EKK (Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament), Band XV, Neukirchen-Vluyn 1988, S. 129.
5. Papst Gregor I setzte im Jahr 591 der allgemeinen Zeitrechnung Maria von Magdala mit der Sünderin aus Lukas 7,36-50 gleich, wobei man „Sünderin“ in der weiteren Wirkungsgeschichte als „Prostituierte“ deutete.
6. Vgl. hierzu Wilhelm Schneelmelcher (Hrsg.), Neutestamentlicher Apokryphen in deutscher Übersetzung, Bd. I: Evangelien, Tübingen 1999, S. 313-315.
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