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Pastoralia·Res publica

Betende Gartenzwerge Neutestamentliche Anmerkungen zur gefühlten Einschränkung der Meinungsfreiheit


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Wenn alle immer allen alles sagen können – das muss wahre Freiheit sein. So jedenfalls klangen die Verheißungen noch vor wenigen Jahren, als das Internet für die Massen zugänglich wurde und sogenannte soziale Medien wie Facebook und Twitter den Nutzerinnen und Nutzern den ungehinderten Zugang zur Öffentlichkeit verschafften, ohne dass redaktionelle Barrieren die Publikation der eigenen Elaborate irgendwie filtern konnten. Jeder konnte nun zum Sender werden, jede zu Publizistin. Kein Verlag, keine Lektorin, kein Korrektor ist mehr da, der die Gedanken vor der Veröffentlichung hinterfragt, korrigiert, weiterentwickelt oder schärft, ja die Gedankengänge zum Schutz der Urheberinnen und Verursacher vielleicht sogar an dieselben zurückgibt, weil sie dann doch nicht die Reife haben, das Licht der Öffentlichkeit zu erblicken. Ist das wirklich das verheißene demokratische Paradies der Meinungsfreiheit?

Streitlust und Zwiebelrhetorik

Was waren das noch für Zeiten, als Rhetorik eine Kunst und das Zuhören oder Lesen einer durchdachten Argumentation ein bisweilen sogar lustvoller Genuss mit dem Versprechen eines Erkenntnisgewinns war, selbst wenn der Gedankengang dem eigenen Ansatz diametral entgegenstand. Der konstruktive und von Respekt geprägte Streit war zu allen Zeiten der Keim intellektuellen Fortschritts und geistigen Wachstums der rhetorischen Kombattanten – eine Praxis, die nicht zuletzt die frühen jüdischen Lehrhäuser prägte, die eben keine ruhigen Orte stiller selbstverliebter Rezeption, sondern Räume ebenso enthusiastischen wie respektvollen Ringens um die Wahrheit sind, in der die Rabinnen mit Lust für die eigene Sicht eintraten, wissend, dass man im Unrecht und das Gegenüber der Wahrheit näher sein könnte1). Die jüdische Streitkultur hat das perfektioniert, indem mit dem Talmud nicht nur der synchrone Streit im Lehrhaus, sondern sogar der diachrone Streit mit den Altvorderen gepflegt wird. Man lässt die Sicht eine Gelehrten zu einer gegebenen Frage auch dann stehen, wenn man sie für falsch hält, schreibt seine eigene aber daneben, so dass sich die Diskussion wie die Schalen einer Zwiebel um das fragliche Problem legt. So können sich die Leserinnen und Leser ihr eigenes Urteil bilden und selbst durch Raum und Zeit das intellektuelle Kräftemessen zum Zweck des Erkenntnisgewinns fortsetzen. Wie konnte es dazu kommen, dass Streiten keine Lust, sondern zur Last geworden ist?

Gefühlte Wahrheiten

Die Wahrheit jedenfalls ist von flüchtigem Wesen. Zahlen, Daten und Fakten haben es in Zeiten, in denen man sich die Wirklichkeit mit alternativen Fakten selbst erschafft, während gleichzeitig Fakenews ihre manipulativen Kräfte in der destruktiven Dekonstruktion hin zu gefühlten Wahrheiten entfalten. Die feinziselierte Redekunst verkommt wieder einmal zu einem Werkzeugkasten für brachiale Grobrhetoriker; an die Stelle der Überzeugungskraft des besseren Argumentes tritt die brutale Schlagkraft der Lüge, der Erniedrigung, der Desavouierung und Beleidung des Gegenübers. Das ist nicht neu. Das gab es immer wieder, wie etwa im 19. Jahrhundert, als man begann in der Aufhebung der Grenzen des Sagbaren den Keim jenes rassistischen Anisemitismus legte, der im Holocaust aufging. Der Anschlag und die Morde von Halle am 9. Oktober 2019 , aber auch der Mord am Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke, der am 2. Juni 2019 von einem Rechtsextrimisten erschossen wurde, zeigen die todbringende Saat einer Rhetorik, die jeden Anstand vor dem Gegenüber verloren hat. Wer angesichts der gegenwärtig erneut grassierenden verbalen Grobschlächtereien von Alarmzeichen spricht und „Wehret den Anfängen!“ ruft, hat übersehen, dass der Anfang längst wieder gemacht wurde …

Es zeigt sich, dass es eben kein Fortschritt ist, wenn alle allen allezeit alles sagen dürfen. Das ist eben kein Fortschritt der Freiheit, sondern führt zur lauten Verlotterung und Verrohung der Sitten, in der die Leisen und Schüchternen von den Lauten und Respektlosen niedergemacht werden. Dabei entpuppen sich gerade diejenigen, die für sich in Anspruch nehmen, dass man doch wohl noch sagen darf, was man gerade sagt, trotz aller Lautstärke als ich-schwache Sensibelchen, wenn man das, was sie da als „Meinung“ von sich geben, hinterfragt, kritisiert oder sogar mit einer alternativen Argumentation konfrontiert. Sofort wird dann der gefühlte Verlust der Meinungsfreiheit in Anschlag gebracht. Der rhetorische Sittenverfall, der sich darin zeigt, dass die Emotion die Information verdrängt, führt mittlerweile nicht nur dazu, dass

„63% der Deutschen glauben, man müsse sehr aufpassen, wenn man seine Meinung öffentlich äußert.“2)

Es zeitigt bei denen, die in besonderer Weise im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung stehen, zunehmend die digitalen Stammtische verlassen, wie Grünen-Chef Robert Habeck oder Ulf Poschardt, der angesichts der Demaskierung der Verheißungen sogenannter sozialer Medien, in denen eben nicht der demokratische Diskurs in Beteiligung der Vielen endlich möglich wurde; stattdessen werden sie offenkundig zunehmend von destruktiven Demagogen okkupiert, so das Ulf Poschardt ernüchtert feststellt:

„Die Frage ist, wohin das kultivierte Diskutieren mit Pointen und Überraschungen nun wandert. Der Markt ist gerecht. Die Klügeren finden ihren Ort. Und die liberalen, pluralismuspositivistischen Medien müssen auf ihren Plattformen selbst jene Aufgaben übernehmen, zu denen Facebook oder Twitter offensichtlich nicht in der Lage sind.“3)

Rhetorische Hygieneanweisungen

Die Freiheit, seine eigene Meinung zu äußern, ist ein hohes Gut. Diese Gut steht in unserer Gesellschaft derzeit überhaupt nicht zur Disposition. Es findet keine Zensur statt – wobei immer wieder betont werden muss, dass nur der Staat Zensur ausüben kann. Wer in seinem persönlichen Account in den sozialen Medien Kommentare, die es an Respekt mangeln lassen, die rassistisch, sexistisch, erniedrigend oder auf eine andere Weise beleidigend sind, löscht, übt keine Zensur, sondern eher eine Art Hausrecht aus. Gerade Facebook ist hier trügerisch, bezeichnen die sich dort verbundenen doch als „Freunde“, was an und für sich für eine besondere Qualität der Beziehung steht. Nun stelle man sich aber vor, dass ein „Freund“ oder eine „Freundin“ in der analogen Welt sich im eigenen Wohnzimmer breit macht und dort zu pöbeln anfängt. Man würde doch wohl schnell versuchen, eine solche Person des Hauses zu verweisen – möglichweise sogar unter Hinzuziehung staatlicher Ordnungskräfte, wenn gutes Zureden alleine nicht mehr hilft. Die Meinungsfreiheit wird dadurch aber weder in analogen noch digitalen Sphären eingeschränkt, können diese Personen ihre Ansichten doch weiter bei sich im eigenen analogen oder digitalen Wohnzimmer weiterverbreiten. Ob dort aber jemand zuhören möchte? Gott sei Dank gibt es keine dem allgemeinen Recht auf Meinungsfreiheit korrespondierende allgemeine Pflicht, sich auch alles anzuhören, was andere da so meinen. Solche Art rhetorischer Hygiene erinnert an die spitzfindige, ja ans satirische grenzende Anmerkung jenes durchaus geschliffenen jüdischen Rhetorikers aus Nazareth, den Christen als fleischgewordenes Wort Gottes verehren (vgl. Johannes 1,14), das alleine Weg, Wahrheit und Leben ist (vgl. Johannes 14,6):

Wenn ein unreiner Geist aus einem Menschen ausfährt, durchwandert er wasserlose Gegenden, um eine Ruhestätte zu suchen, findet aber keine. Dann sagt er: Ich will in mein Haus zurückkehren, das ich verlassen habe. Und er kommt und findet es leer, sauber und geschmückt. Dann geht er und nimmt sieben andere Geister mit sich, die noch schlimmer sind als er selbst. Sie ziehen dort ein und lassen sich nieder. Und die letzten Dinge jenes Menschen werden schlimmer sein als die ersten. Dieser bösen Generation wird es genauso gehen. Matthäus 12,43-45

Wer sich der rhetorischen Trolle und Dämonen des digitalen Neulandes erwehren möchte, darf und muss also wachsam sein. Auch ein rhetorischer Dämon wandert weiter, treibt dann aber andernorts sein Unwesen. Wo er Aufmerksamkeit findet, wird er sich wieder niederlassen und mit seinen alternativen Wahrheiten und einfachen Weltsichten wieder die Seelen derjenigen ins Verderben führen, die nur allzu gern die eigene verengte Perspektive für den Mittelpunkt des Universums halten.

Aber nicht nur das. Die Worte Jesu mahnen auch zur Wachsamkeit. In der digitalen Sphäre kann man nie sicher sein, ob ein „Freund“ wirklich die Person ist, für die er sich ausgibt. Die fehlende Pflicht zum Klarnahmen ist für Dissidenten unter totalitären Regimen bisweilen ein Segen, führt aber auch zu Fake-Accounts und Pseudonymen, die den wahren Charakter verschleiern. So kann es kommen, dass der „Freund“ oder die „Freundin“, die man des eigenen digitalen Wohnzimmers verwiesen hat, sich doch wieder einschleicht und möglicherweise sogar noch ein paar andere trollige Freundinnen und Freund mitbringt, so dass nur noch die Aufgabe des eigenen digitalen Hauses den inneren Frieden wiederherstellen kann …

Platzrede-1
Die freie Meinungsäußerung ist gewährleistet. Der Autor dieses Beitrags hält jedenfalls regelmäßig öffentliche Platzreden auf dem Berliner Platz in Wuppertal-Oberbarmen, in denen er pointiert zu aktuellen gesellschaftlichen und kirchlichen Themen Stellung bezieht.

Christliche Lust und Pflicht zum Freimut

Dabei ist die παρρησία (gesprochen: parresía), die Freimütigkeit und Unerschrockenheit der (öffentlichen) Rede eine christliche Grundtugend, derer sich insbesondere Paulus immer wieder rühmt. So betont er etwa im Konflikt mit der korinthischen Gemeinde gleich mehrfach, wie freimütig er gerade in der fragilen Lage seiner Beziehung zur Gemeinde ist:

Weil wir also eine solche Hoffnung haben, treten wir mit großem Freimut auf. 2 Korinther 3,12

Und später:

Ich bin ganz offen4) zu euch; ich bin sehr stolz auf euch. Trotz all unserer Not bin ich von Trost erfüllt und ströme über von Freude. 2 Korinther 7,4

Für Paulus gehört die παρρησία zum Charakter eines Verkünders, der eben nicht nur mit Worten, sondern mit seiner ganzen Existenz öffentlich für die Botschaft, die ihm anvertraut ist, eintritt:

Denn ich erwarte und hoffe, dass ich in keiner Hinsicht beschämt werde, dass vielmehr Christus in aller Öffentlichkeit (ἐν πάςῃ παρρησίᾳ) – wie immer, so auch jetzt – verherrlicht werden wird in meinem Leibe, ob ich lebe oder sterbe. Philipper 1,20

Die παρρησία wird damit zu einem unaufgebbaren Existential der Verkünderinnen und Verkünder, das nicht nur Pflicht, sondern auch Lust ist, gerade weil sie sich Jesus Christus selbst verdankt:

Obwohl ich durch Christus volle Freiheit (πολλὴν παρρησίαν) habe, dir zu befehlen, was du tun sollst, ziehe ich es um der Liebe willen vor, dich zu bitten. Philemon 8-9

Es fällt sogar nachgerade auf, wie oft der Freimut, die παρρησία sogar noch durch universalisierende Zusätze wie πᾶς (gesprochen: pâs – alles) oder πολλή (gesprochen: pollé – viel) gesteigert wird.

Dass echte παρρησία bisweilen schonungslos ist und auch die unangenehmen Wahrheiten benennt, wird in der johanneischen Lazarusperikope deutlich:

Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt (παρρησίᾳ): Lazarus ist gestorben. Johannes 11,14

Mut zur Freiheit

Überhaupt gehört der Begriff παρρησία im Johannesevangelium zu den Begriffen, die das Evangelium wie ein roter Faden durchziehen, dabei aber durchaus ambivalent sind. Er findet sich etwa in der Forderung der Juden an Jesus, sich doch endlich offen zu seinem Messiastum zu bekennen:

Da umringten ihn die Juden und fragten ihn: Wie lange hältst du uns noch hin? Wenn du der Christus bist, sag es uns offen (παρρησίᾳ)! Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, aber ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich im Namen meines Vaters vollbringe, legen Zeugnis für mich ab; ihr aber glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört. Johannes 10,24-26

Die παρρησία ist dabei schon alleine deshalb eine existentielle Grundtugend für Verkünderinnen und Verkünder, weil nur so das Evangelium überhaupt bekannt werden kann:

Denn niemand wirkt im Verborgenen, wenn er öffentlich bekannt sein möchte. Wenn du dies tust, offenbare dich der Welt! Johannes 7,4

Παρρησία, öffentlicher Freimut und Offenbarwerdung (φανέρωσις – gesprochen: phanérosis) Gottes in der Welt korrelieren miteinander. Das Wort Gottes offenbart sich eben auch nach Menschenart gesprochener menschlicher Sprache – in Tat und Wort, verbal und nonverbal.

Dass die menschliche Sprache immer auch der Decodierung bedarf – eine Aufgabe, die angesichts des gegenwärtig zunehmenden Verlustes der Fähigkeit, sprachliche Feinheiten wie Ironie, Satire, Metaphorik oder auch Sarkasmus zu erkennen und dementsprechend zu dechiffrieren – wird deutlich, dass wahre Offenheit erst im Angesicht Gottes möglich sein wird:

Dies habe ich in Bildreden zu euch gesagt; es kommt die Stunde, in der ich nicht mehr in Bildreden zu euch sprechen, sondern euch offen vom Vater künden werde. Johannes 16,25

Diese Worte spricht Jesus in den johanneischen Abschiedsreden im Angesicht seines bevorstehenden Schicksals, das keine Kompromisse mehr braucht. Deshalb antworten seine Jünger:

Da sagten seine Jünger: Siehe, jetzt redest du offen und sprichst nicht mehr in Bildreden. Johannes 16,29

Von der Angst, ohne Argumente totgeschlagen zu werden ...

Dass die freie Rede in damaligen Zeiten durchaus Mut brauchte, wird freilich am Schicksal Jesu selbst deutlich. Es ist nicht nur die Angst vor den Konsequenzen für Leib und Leben, die die παρρησία zurückdrängt:

Aber niemand redete öffentlich über ihn aus Furcht vor den Juden. Johannes 7,13

Auch das Schicksal Jesu selbst weist darauf, was wirklicher Verlust freimütiger Redefreiheit bedeutet:

Der Hohepriester befragte Jesus über seine Jünger und über seine Lehre. Jesus antwortete ihm: Ich habe offen (παρρησίᾳ) vor aller Welt gesprochen. Ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammenkommen. Nichts habe ich im Geheimen gesprochen. Warum fragst du mich? Frag doch die, die gehört haben, was ich zu ihnen gesagt habe; siehe, sie wissen, was ich geredet habe. Als er dies sagte, schlug einer von den Dienern, der dabeistand, Jesus ins Gesicht und sagte: Antwortest du so dem Hohepriester? Jesus entgegnete ihm: Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich? Johannes 18,19-23

Erst vor dem Hintergrund dieser Konsequenzen, die denen, die in der damaligen Zeit freimütig auftragen, drohten, wird klar, warum die Rede von „freiem Mut“ ist. Für die Äußerung eigener Meinung möglicherweise mit dem eigenen Leben zu bezahlen – das bedarf Mut. Das erklärt die Angst, die eine Angst um die eigene Existenz ist, die den Mut nehmen kann, offen zu verkünden. Um so bedeutsamer erscheinen da das Zeugnis der Apostel und der anderen Verkünderinnen und Verkünder der frühen Kirche.

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Freimut wirkt - wie die Platzreden in Wuppertal-Oberbarmen zeigen.

Wider die rhetorische Selbstverzwergung

Niemand aber ist in unserer Gesellschaft heute von solchen Konsequenzen bedroht. Niemand muss um sein Leben fürchten, weil er eine missliebige Ansicht äußert. Niemand ist existentiell bedroht. Wohl muss man unter Umständen mit Kritik und Widerspruch rechnen. Das aber ist nicht nur der Preis der Meinungsfreiheit, sondern ihr Wesen. Alles andere wäre Meinungsherrschaft, die eben jenen Freimut, jene παρρησία erst notwendig macht, die Jesus vorlebte und die auch die frühen Zeuginnen und Zeugen des Wortes Gottes auszeichnet, die trotz drohender Konsequenzen nicht schwiegen. Wo diese Konsequenzen nicht drohen, braucht es noch nicht einmal Mut, seine Meinung frei zu äußern.

Wer sich freilich nicht die Mühe eines ebenso respektvollen wie argumentationsgestützten und faktenbasierten Diskurses zum Zwecke des allgemeinen Erkenntnisfortschrittes machen will, ja, wer einfach nur so, vor allem aber unwidersprochen daherbabbeln möchte, ist entweder vom Virus der Logorrhoe, des Wortdurchfalls befallen – dann kann man ihn oder sie getrost ignorieren und auf Gesundung hoffen – oder er nimmt für sich in Anspruch die Meinungsfreiheit durch Aufrichtung der Herrschaft der eigenen Meinung zu torpedieren. Das ist die Perfidie der rhetorischen Trolle und Dämonen der Gegenwart, die die Arglosen ins Verderben führen und so eine Alternative für Dumme werden, auf deren Rücken sie ihr ruchloses Spiel spielen werden. Alle anderen aber, die bloß glauben, sie dürften ihre Meinung nicht sagen, weil da jemand etwas anders sehen und das auch noch im Namen der Meinungsfreiheit sagen könnte, all diese, die eine Irritation fühlen, dass man Dinge anders sehen kann, all jene, die bloß fühlen statt lustvoll zu leben, gleichen betenden Gartenzwergen, die stumm einen Zustand der Selbstverzwergung und Selbstentmündigung beklagen, in den sie sich begeben und so selbst eingekerkert haben. Ihnen allen sei gesagt: Liebe Zwerge, macht euch frei. Die Meinungsfreiheit ist ein Recht und kein Gefühl! Vielleicht mag euch niemand zuhören. Vielleicht seid ihr nicht überall willkommen. Aber es gibt niemanden, der euch den Mund verbietet. Nicht hier in unserer Gesellschaft. Auch in der Kirche nutzt es ja schon längst nicht mehr, Denk- und Redeverbote zu erteilen … Ermündigt und ermuntert euch also, nehmt die selbstgeklebten Pflaster von den Mündern und redet frei. Vor allem aber: Redet mit Respekt und so, wie ihr möchtet, dass man mit euch redet. Ihr werdet sehen: Man wird euch zuhören – und womöglich antworten … Daran freilich führt kein Weg vorbei!

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Bildnachweis

Titelbild: Gartenzwerge hinter Gittern (Werner Kleine) – alle Rechte vorbehalten.

Bild 1: Platzrede 1 (Katholische Citykirche Wuppertal/Christoph Schönbach) – alle Rechte vorbehalten.

Bild 2: Platzrede 2 (Katholische Citykirche Wuppertal/Christoph Schönbach) – alle Rechte vorbehalten.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Ein Beispiel hierfür aus dem frühen 1. Jahrhundert liefert Klaus Müller im Jahr 2017 in seinem Vortrag „‚Nun gehe hin und lerne!‘ – Lernschritte auf dem Weg zu einer christlichen Theologie in Israels Gegenwart“ anlässlich der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an die Konferenz Landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden (KLAK): „ – Quelle: https://www.deutscher-koordinierungsrat.de/wdb-aktuell-Klaus-Mueller-Preistraegervortrag-2017 [Stand: 10. November 2019].
2. So der Aufmacher der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 30. Oktober 2019, S. 1.
3. Ulf Poschardt, Warum ich Twitter verlassen, in: Welt online, 7.11.2019, Quelle: https://www.welt.de/kultur/medien/plus203178620/Hort-von-Hass-und-Opportunismus-Warum-ich-Twitter-verlasse.html [Stand 9. November 2019].
4. Wörtlich: πολλή μοι παρρησία ὑμᾶς (gesprochen: pollé moi parresía hymâs) – Mir ist euch (gegenüber) viel Freimut.
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