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Ecclesiastica·Exegetica

Auf Brote schauen! Anmerkungen zum verwirrenden Leitwort des Ökumenischen Kirchentages

„Schaut hin“, oder wie es in der neuen Einheitsübersetzung steht, „seht nach“ – das ist das Leitwort für den Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt am Main. Eigentlich ist es kein Leitwort, sondern ein Teilvers, der in der Manier des Steinbruchs einfach aus der Bibel hinausgeschlagen wurde. Er stammt aus der Erzählung über die Speisung der 5000.

Er [Jesus] sagte zu ihnen [zu seinen Jüngern]: Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach! Sie sahen nach und berichteten: Fünf Brote und außerdem zwei Fische. Markus 6,38

Das Wunder ist noch nicht geschehen. Die Jünger müssen erst die Inventaraufnahme vollziehen. Nein, es geht nicht darum, durch das Schauen in der Gegenwart das Wunder schon zu erkennen. Das Schauen soll an dieser Stelle für die Jünger nicht schon zum Staunen werden, sondern es geht um den nüchternen Blick auf das Hier und Jetzt – da ist noch keine Hoffnung. Wohin also soll dieses Leitwort den Ökumenischen Kirchentag führen?

Genau hinsehen!

Im griechischen Text ist dieses Leitwort gar nur ein Wort: ἴδετε (gesprochen: ídete). Im Neuen Testament kommt es in dieser Form nur an dieser Stelle im Markus-Evangelium vor. In der antiken griechischen Übersetzung des Alten Testaments lässt sich jedoch erkennen, dass es nichts anderes ist als die Aufforderung etwas zu sehen. Ach, wäre dem Evangelischen Kirchentag und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken doch einfach ein Flüchtigkeitsfehler unterlaufen. Hätten sie doch anstatt Markus 6,38 als Stellenangabe Habakuk 1,5 angegeben. Denn dort steht in der antiken griechischen Übersetzung auch ἴδετε. Dort übersetzt es die hebräische Aufforderung ‎רְא֤וּ (gesprochen: re’u) und leitet folgenden prophetischen Satz ein:

Seht auf die Völker, schaut hin, staunt und erstarrt! Denn gewiss vollbringt er [Gott] in euren Tagen ein Werk – würde man euch davon erzählen, ihr glaubtet es nicht. Habakuk 1,5

Das Wunder, von dem der Prophet hier redet, ist wenig friedvoll: Gott lässt ein gewalttätiges Volk über die Welt hineinbrechen. Das ist jedoch leider auch kein geeignetes Leitwort für einen Ökumenischen Kirchentag.

Lest!

Es wäre so lohnend, wenn ökumenisch, ja gemeinsam verbindend auf den einen Gott und seine Geschichte mit der Welt geschaut würde. Doch dafür muss man hinschauen, ja die Bibel als Ort lesen, in dem man diesem Gott begegnen kann. Das Leitwort des Ökumenischen Kirchentages ist im Endeffekt eigentlich ungewollt eine Mahnung: Ist nun die Zeit für eine Inventur, in der die Christen schauen sollen, was sie noch zu bieten haben, um die Massen der am Glauben Interessierten zu versorgen?

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Bildnachweis

Titelbild: Brote. Fotografiert von L. Kenzel. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

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