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conditio humana·Oeconomia

Vor der Tür Europas Zum Zusammenhang von Grenzen und Wohlstand


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Die europäische Idee ist keine Insel der Seligen mehr.1) Der Nationalismus tritt als Grundprinzip wieder in den Vordergrund und zugleich sind die Gesellschaften zutiefst gespalten in der Frage, wie es weitergehen soll. Mancherorts glaubt man, dass das innere Europa nur durch unüberwindbare Grenzen gesichert werden kann. Stacheldraht und Schlagbäume werden zu neuen Hoffnungssymbolen einer begrenzten Zukunft. Eine Grenze bietet aber keine Lösung für Not, Hilflosigkeit und Verzweiflung.2) Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass man einfach seine Haustür schließt und in heimatlicher Romantik auf dem Sofa eindösen kann. Wenn Europa die Eingangstür schließt, dann werden die Geflüchteten durch die Fenster ins Haus gelangen. Nicht Europa gewinnt durch Grenzschließungen, sondern die Schlepper, deren unmenschliches Geschäftsmodell gefördert wird.3) Europa muss sich fragen, was der Sinn von Grenzen ist. Was wäre erreicht, wenn die Löcher in den Grenzen gestopft wären? Was bedeutet es, wenn sich Europa selbst hermetisch begrenzt?

Europas Tür

Im Lukas-Evangelium erzählt Jesus den Pharisäern das Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus (Lukas 16,19-31). Wie ein gutes Märchen beginnt die Erzählung mit dem „Es war einmal…“:

Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte. Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. Lukas 16,19-20

Der märchenhafte Anfang ist geprägt von Kontrasten: Auf der einen Seite ein reicher Mann, der das Leben genießen kann – auf der anderen Seite ein armer Mann. Auf der einen Seite wertvolles Purpur und feines Leinen – auf der anderen Seite ein Leib voller Geschwüre. Die Grenze zwischen beiden Kontrasten ist symbolisiert durch die Tür. Gemäß dem griechischen Text handelt es sich nicht um die Haustür zum Privatbereich, sondern eher um das Eingangsportal zum Grundstück des reichen Mannes (gr. πυλών, gesprochen: pylon).4) Somit steht dieser Begriff auch für die Begrenzung des Besitzes. Die Frage, ob das Tor offen oder zu ist, definiert, wer Anteil an diesem Besitz haben darf. Anders als eine Mauer kann ein Tor verschließend oder einladend sein – somit handelt es sich um eine Wahlmöglichkeit, die der reiche Mann besitzt. Gemäß dem Text hat der arme Mann eine solche Wahl nicht. Er liegt nicht einfach vor dem Tor, sondern er war dorthin gelegt – beziehungsweise wörtlicher –, dorthin geworfen worden (ἐβέβλητο, gesprochen: ebebleto). Aber auch wenn das Leid offensichtlich vor der eigenen Tür positioniert und ganz nah ist, sieht der reiche Mann im armen Lazarus doch nicht den Nächsten, dem seine Liebe gelten soll (siehe Lukas 10,25-37).

In dem Gleichnis klagt Lazarus den Akt der Nächstenliebe nicht ein. Es geht auch nicht um ein Umwerfen sozialer Schranken oder die Verurteilung von Reichtum. Sondern im Leid erhofft sich der Arme nur den Tischabfall des Reichen.

Er [Lazarus, der arme Mann] hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Lukas 16,21

Er träumt von dem, was kein Tischgast mehr isst – was eigentlich den Hunden zufällt (siehe Matthäus 15,27). Aber anstatt, dass er sich mit den Hunden die Reste teilt, lecken die Hunde zur Nachspeise seine Geschwüre. Das Gleichnis verdeutlicht, dass Lazarus von dem reichen Mann keine Hilfe erhalten wird. Ihm kann scheinbar im wahrsten Sinne des Wortes nur noch Gott helfen. Passenderweise leitet sich der Name Lazarus von dem hebräischen Namen אֶלְעָזָר (gesprochen: elʿāzār) ab, was übersetzt bedeutet: „Gott hat geholfen“.5) In der Welt erfährt Lazarus keine Gerechtigkeit – aber nach seinem Tod.

Europas Zukunft

Sowohl Lazarus als auch der reiche Mann sterben:

Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. Lukas 16,22

Der reiche Mann erhält eine ehrenvolle Beerdigung. Ob Lazarus eine solche letzte Ehre im Diesseits erhalten hat, lässt das Gleichnis offen. Aber der Tod stellt die positive Wende dar. Von Engeln, den Boten und Dienern Gottes, wird Lazarus in den Schoß Abrahams getragen. Der Schoß ist ein Bild der liebenden Nähe (siehe Johannes 1,18 und Johannes 13,23). Der Erzvater Israels, mit dem die Geschichte des Volkes als Verheißung für alle Völker begann, versorgt Lazarus. Abraham, der gemäß Genesis 18 als ein Paradebeispiel für Gastfreundschaft gehandelt hat,6) versorgt den Armen.

Das Schicksal des reichen Mannes ist nach dem Tod weniger angenehm:

In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß. Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden. Lukas 16,23-25

Dem Reichen ging es schon zu seinen Lebzeiten gut, daher muss er nun leiden. Eine solche Logik widerstrebt jedem westlichen Gerechtigkeitssinn. Aber es geht nicht um Reichtum, sondern um Barmherzigkeit. Der reiche Mann ruft Abraham um Hilfe an:

Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir! Lukas 16,24

Bereits die Anrede verdeutlicht einen Anspruch7), der jedoch im Angesicht Jesu aus sich heraus keine Berechtigung hat. Bereits Johannes der Täufer lehrte nicht die Ehre des Status, sondern das Ansehen aufgrund von Taten:

Bringt Früchte hervor, die eure Umkehr zeigen, und fangt nicht an zu sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen. Lukas 3,8

Dass der reiche Mann den Namen des Lazarus kennt – also auch sein Leid wahrgenommen und ihm zu Lebzeiten nicht geholfen hat –, zeigt seinen Mangel an rechtem Handeln, an wahrer Umkehr zum Guten. Er bittet um Erbarmen, hat sich aber selbst Lazarus nicht erbarmt. Die fehlende Barmherzigkeit hat aus der Nähe – nur getrennt durch ein Tor –, eine unüberbrückbare Kluft geschaffen.

Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte. Lukas 16,26

Zwischen Abraham und Lazarus auf der einen Seite und dem reichen Mann auf der anderen Seite ist ein unüberwindbarer Abgrund, der aufgrund der fehlenden Barmherzigkeit im Leben errichtet wurde.

Kein Zurück mehr!?

Die Qual des einen hat sich im Jenseits zum Trost gewandelt. Aus dem Genuss am Leben des anderen ist im Jenseits Qual geworden:

Selig ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. … Aber weh euch, die ihr reich seid, denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Lukas 6,20.24

Im Gleichnis ist das Urteil über den Reichen gefallen – beziehungsweise: Er hat das Urteil im Leben durch sein irdisches Handeln selbst verursacht. Der vor sein Tor gelegte Lazarus bot die Möglichkeit seine Barmherzigkeit zu zeigen. Anstatt dessen entschied sich der Reiche für das Nichthandeln. Aus der passiven Haltung entstand aktive Schuld. Der reiche Mann ist sich dieser Schuld bewusst und nimmt das Urteil an, aber will zumindest diejenigen im Diesseits retten, die für ihn seine Nächsten sind:

Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater [Abraham], schick ihn [Lazarus] in das Haus meines Vaters! Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. Lukas 16,27-28

Zwar hat sich der reiche Mann aus seinem Egoismus gelöst und kümmert sich nun um Andere – aber seine Perspektive zeigt seine eingeengte Wahrnehmung. Er kümmert sich um seine Angehörigen. Damit verhält er sich immer noch wie zu seinen Lebzeiten. Im Diesseits gab er ein Paradebeispiel für die Kritik Jesu an dem falschen Verständnis von Gastgeberschaft:

Dann sagte er [Jesus] zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich ein, und damit ist dir wieder alles vergolten. Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten. Lukas 14,12-14

Und auch im Jenseits denkt er nur an die Seinen und beantwortet die Frage „Wer ist mein Nächster?“ (siehe Lukas 10,29) mit seinem begrenzten Horizont. Abraham erteilt dieser Fürsorge eine klare Absage:

Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sie hören sollen. Er [der reiche Mann] erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht. Lukas 16,29-31

Ethisch verantwortliches Handeln entsteht dort, wo der Mensch sein Handeln am Anderen ausrichtet; wo Maßstäbe nicht willkürlich gesetzt, sondern angenommen, reflektiert und gelebt werden. Im christlichen Glauben richtet sich der Handlungsmaßstab am Neuen Testament aus, das auf dem Alten Testament fußt. Auch für Christen haben die alttestamentlichen Gesetze und die Auslegung durch die Propheten Relevanz. Das Evangelium vom Reich Gottes baut auf den Verkündigungen des Alten Testaments auf, wie es Jesus im Lukas-Evangelium selbst betont, kurz bevor er das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus erzählt:

Bis zu Johannes hatte man nur das Gesetz und die Propheten. Seitdem wird das Evangelium vom Reich Gottes verkündet, und alle drängen sich danach hineinzukommen. Aber eher werden Himmel und Erde vergehen, als daß auch nur der kleinste Buchstabe im Gesetz wegfällt. Lukas 16,16-17

Es geht im Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus nicht um die Verurteilung von Reichtum. Sondern es geht um die Frage, wie man mit seinem Reichtum umgeht. Sowohl das Wort über die Unvergänglichkeit des alttestamentlichen Gesetztes und den Auslegungen der Propheten sowie auch das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus sind eine Reaktion Jesu auf die Pharisäer, die über seine Lehren lachten, die Jesus zuvor über den rechten Umgang mit Reichtum verkündet hatte (siehe Lukas 16,9-13). Lukas beschreibt die Pharisäer als Menschen,

… die sehr am Geld hingen … Lukas 16,14

Reichtum und Wohlstand lassen sich nicht durch geschlossene Türen sichern, denn aus ihnen erwächst Verantwortung. Erst wenn Reichtum und Wohlstand kein Selbstzweck sind, sondern zu offenen Toren führen, verdient man sich das Himmelreich – beziehungsweise nur dann hat man eine Chance auf der anderen Seite des Abgrunds im Schoß Abrahams zu sitzen.8)

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Bildnachweis

Titelbild: „Tor“ von kewinlagowski980. Lizenziert unter CC0 1.0.

Erstes Bild im Textverlauf: „Der reiche Mann und der arme Lazarus “(1865), Eduard Gebhardt. Lizenziert unter CC0 1.0.

Zweites Bild im Textverlauf: „Verbotsschild “, succo. Lizenziert unter CC0 1.0.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Oder wie Werner Kleine in Anbetracht der europäischen Krisen im vergangenen Jahr geschrieben hat: „Die Komfortzone europäischer Wohligkeit hat sich als schillernde Seifenblase erwiesen.“ („Apologize! Die Kirche braucht mehr Theologie und die Gesellschaft echte Propheten – ein Plädoyer“, Werner Kleine, Dei Verbum [Stand: 04. März 2016].
2. Anders ausgedrückt: „Eine Grenze ist ein Mittel der Gerechtigkeit – wenn jeder innerhalb seiner Grenzen sicher leben kann, dann sind Grenzen sinnvoll. Wer dem Chaos ausgeliefert ist, sehnt sich nach dem Schutz einer Grenze, die dem hilfsbedürftigen Menschen Sicherheit bietet.“ („Grenzenlose Gerechtigkeit? Aspekte der Bedeutung von Grenzen im Alten Testament“, Till Magnus Steiner, Dei Verbum, [Stand: 04. März 2016]).
3. Vgl. „An der Grenze boomt das Geschäft mit der Verzweiflung“, Paul Nehf, Die Welt, 02.03.2016 [Stand: 04. März 2016].
4. Vgl. Apostelgeschichte 12,13-14.
5. In keinem anderen Gleichnis des Neuen Testaments trägt eine Person einen Namen.
6. Siehe „Gastfreundschaft: den Fremden lieben. Biblische Aspekte für eine Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen“, Till Magnus Steiner, Dei Verbum [Stand:04. März 2016].
7. Der Anspruch wird auch deutlich in den Fakt, dass der reiche Mann auch im Tod Lazarus als niederer gestellt ansieht und via Abraham Laraus als Diener „benutzen“ will, um die eigenen Bedürfnisse zu stillen.
8. Die Idee für den Text geht zurück auf einen Facebook-Beitrag von Prof. Dr. Eva-Maria Faber, die am 25. Februar 2016 Folgendes schrieb: „”Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus”. Vor den Türen des im Vergleich zu anderen Teilen der Erde mit Wohlstand verwöhnten Europa lagen und standen und wanderten und fuhren auf Booten durch Armut und Krieg ihrer Existenz beraubte
Kinder und Männer und Frauen. Europa aber zog einen tiefen und unüberwindlichen Abgrund zwischen sich und diesen Menschen. Zäune. Mauern. Das Mittelmeer wurde zum abgründigen Grab für sie. Für die Fortsetzung der Geschichte vgl. Lk 16,19-31.“
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