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Disput·Res publica

Apologize! Die Kirche braucht mehr Theologie und die Gesellschaft echte Propheten – ein Plädoyer


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Die Komfortzone europäischer Wohligkeit hat sich als schillernde Seifenblase erwiesen. Das vergangene Jahr 2015 wurde zur großen Prüfung des Selbstverständnisses eines Europas, das sich vor allem auch als Solidargemeinschaft definierte. Was aber mit den Lippen bekannt wird, muss sich in der Realität praktisch beweisen. Die großen und kleinen Krisen des Jahres 2015 lassen aber genau daran Zweifel aufkommen: Die Griechenlandkrise, die Herausforderung durch die vielen aus ihrer Heimat durch Krieg und Gewalt Vertriebenen, die gewalterweiternden Reaktionen auf die Terroranschläge in Paris Anfang und Ende des Jahres und der aufkeimende Nationalismus in einigen europäischen Staaten zeigen, dass Solidarität vor allem als Forderung an andere verstanden wird, nicht aber als selbst zu lebender Wert.

Eine Welt im „Gefällt mir“-Modus

Es ist schon länger zu beobachten, dass demoskopische Umfragen das Finden von Wegen über den politischen Diskurs ersetzen. Milieustudien substituieren die konkrete Auseinandersetzung mit den Menschen vor Ort. Das gilt auch für die Kirchen. An die Stelle theologischer Auseinandersetzungen ist die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner getreten. Man will, wie es ein hochrangiger Beamter einer deutschen Großstadt – sicher stellvertretend für viele Glaubende – sagte, den Glauben zwar fröhlich bekennen, aber nicht unbedingt rechtfertigen.

So ereignet sich das religiöse Leben nunmehr immer öfter auch in bunt erleuchteten Kirchenräumen. Kerzenlicht und bunte Strahler erzeugen oberflächlich mystische Atmosphären, in denen manch einer eine Nähe Gottes zu verspüren meint, die leider nicht mehr so erschreckt, wie es die Propheten und Auserwählten des Alten und Neuen Testamentes erfahren haben. Niemand weicht mehr erschrocken zurück und sagt:

Ach, mein Gott und Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung. Jeremia 1,6

Niemand wird mehr von Furcht ergriffen, weil die Stimme Gottes laut ist wie Donnerhall, wie es der Seher Johannes erfahren musste:

Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist ergriffen und hörte hinter mir eine laute Stimme1) wie eine Posaune. Offenbarung 1,10

Wie auch, wo doch immer zur Stille gemahnt wird, weil Gott erst dann hörbar sei? Die Heilige Schrift der Juden und Christen freilich weiß davon nichts: Gottes Stimme ist unüberhörbar, laut, wie Wasserrauschen, wie der Hall des Donners, wie eine Posaune. Sie erklingt auch unüberhörbar in einer Welt, vor der sich aber diejenigen, die den stillen Schein suchen, in die sedierend-betörende Wirkung pastellbunt erleuchteter Sakralräume zurückziehen. Dort wird dann entweder still angebetet oder man veranstaltet Preacher-Slams und Predigt-Battles; man bekennt das, was man gerne glauben möchte, und scheut gleichzeitig die Auseinandersetzung mit einer Welt, die in vielfacher Weise anders oder gar nicht glaubt.

Ist das schon fromm oder einfach nur denkfaul?

Die Situation der Gegenwart ist an sich nicht neu. Vom Virus frommer Selbstreferenz wurden schon die Christusgläubigen in neutestamentlicher Zeit befallen. Nicht umsonst beklagt sich der Autor des Schreibens an die Hebräer über eine Entwicklung der Gemeinde, die er als „hörträge“ (νωθροὶ γεγόνατε ταῖς ἀκοαῖς – gesprochen: nothroì gegónate taîs akoaîs: wörtlich: faul/träge seid ihr geworden dem Hören) – man könnte heute auch von „Denkfaulheit“ sprechen – bezeichnet:

Denn obwohl ihr der Zeit nach schon Lehrer sein müsstet, braucht ihr von neuem einen, der euch die Anfangsgründe der Lehre von der Offenbarung Gottes beibringt; Milch habt ihr nötig, nicht feste Speise. Denn jeder, der noch mit Milch genährt wird, ist unfähig, richtiges Reden zu verstehen; er ist ja ein unmündiges Kind. Hebräer 5,12-13

Man bekannte damals den Glauben noch einigermaßen, war aber nicht mehr in der Lage, den Glauben zu verstehen, geschweige denn zu rechtfertigen, schon gar nicht selbst zu lehren. Das aber wäre die Aufgabe der Mitglieder der Gemeinde gewesen, an die sich das sogenannte Hebräerschreiben richtet. Stattdessen erging sie sich wohl in Kindereien. Die Kritik des Autors ist eindeutig:

Feste Speise aber ist für Erwachsene, deren Sinne durch Gewöhnung geübt sind, Gut und Böse zu unterscheiden. Hebräer 5,14

Die Unterscheidung von Gut und Böse bezieht sich auf die in der Tradition sogenannte „Erzählung vom Sündenfall“ in Genesis 32).

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Die Erlangung der Erkenntnis von Gut und Böse ist ein Zeichen der Reifung der Menschen, die auch die Entwicklung des Schamgefühls mit sich bringt. (Der Sündenfall - Szene eines Kapitells der Abbaye de la Sauve Majeure)

Zu allem fähig, aber für nichts verantwortlich

Der in Genesis 3 überlieferte Mythos erzählt tatsächlich weniger von einem Sündenfall Adams und Evas; vielmehr wird dort ihr Erwachsenwerden und das Erlangen intellektueller Mündigkeit mit all ihren Konsequenzen beschrieben3). Eine einfache Beobachtung macht die rasante Entwicklung der Persönlichkeiten Adams und Evas deutlich. Vor Beginn der Erzählung wird fast beiläufig erwähnt, dass Adam und Evan nackt sind:

Beide, Adam und seine Frau waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander. Genesis 2,25

Die ungenierte Nacktheit, mit der sich Adam und Evan gegenüber stehen, erinnert an Kleinkinder, die sich ihrer Nacktheit eben nicht schämen. Es ist der geradezu paradiesische Urzustand des Menschen mit all seiner Unbekümmertheit, in der er bar jeder Verantwortung umsorgt und gepflegt wird. Genauso leben Adam und Eva im Garten Eden. Es wird aber gerade die Nacktheit sein, die im weiteren Verlauf der Erzählung eine besondere Rolle spielen wird.

Gott, der Schöpfer, hat im Garten für das Gedeihen Adams und Evas alles bereit gestellt. Zwei Bäume wachsen in der Mitte des Gartens: der Baum des Lebens und der Baum der Unterscheidung von Gut und Böse. Der Schöpfer verbietet den beiden Menschenkindern von diesen beiden Bäumen zu essen. Eltern wissen: Nichts ist geeigneter, eine Übertretung zu provozieren, als ein Verbot. Und tatsächlich können die Menschkinder nicht anders. Die Versuchung, groß sein zu wollen, ist übermächtig. Sie essen schließlich vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. So zur Unterscheidung fähig geworden, werden sie sich auch ihrer Nacktheit bewusst:

Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz. Genesis 3,7

Werdet erwachsen!

Adam und Eva sind gereift. Aus schamlosen Kindern sind Personen geworden, die beschämt sein können:

Gott, der Herr, rief Adam zu und sprach: Wo bist du? Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich. Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? Genesis 3,9-11a

Jugendlichen gleich, die zu allem fähig, aber für nichts verantwortlich sein wollen, weist Adam jede Verantwortung von sich:

Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen. Genesis 3,12

Gott aber nimmt Adam und Eva in die Verantwortung. Sie sind zu Jugendlichen gereift; ihre Reifung ist aber noch nicht abgeschlossen. Sie müssen erwachsen werden. Die Unterscheidungsfähigkeit von Gut und Böse war der erste Schritt zum Erwachsenwerden, das in der Übernahme der vollen Verantwortung abgeschlossen wird. Mündig ist, wer nicht nur Gut und Böse unterscheiden kann, sondern wer auch die Verantwortung für sein Handeln übernimmt. Mündig ist, wer wirklich schuldig werden kann – das ist die Quintessenz der Erzählung von Genesis 3: Gott stellt Adam und Eva nicht nur das Nötigste für das Überleben im wahren Leben bereit, indem er ihnen Felle macht, mit denen sie ihre Nacktheit bedecken können (vgl. Genesis 3,21). Er gibt ihnen auch den Auftrag, als Erwachsene ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten (vgl. Genesis 3,16-19). Schließlich verhindert er den Rückfall in die paradiesische, letztlich aber doch infantile Unmündigkeit, indem er sie aus dem Paradies entfernt:

Er [Gott] vertrieb den Menschen und stellte östlich des Gartens Eden die Kerubim auf und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten. Genesis 3,24

Damit wird nicht nur ausgesagt, dass dem Menschen als mündigem Wesen zwar die Unterscheidung von Gut und Böse zukommt, die Macht über Leben und Tod aber gerade nicht; der letzte Vers beinhaltet vielmehr auch den Imperativ: Werdet und bleibt erwachsen!4)

Wider die fromme Lethargie

Genau auf diesen impliziten Imperativ spielt der Autor des Schreibens an die Hebräer an, wenn er die Gemeinde daran erinnert, dass Erwachsene sich dadurch auszeichnen, dass ihre

Sinne durch Gewöhnung geübt sind, Gut und Böse zu unterscheiden. Hebräer 5,14b

Er kritisiert aber nicht nur den Zustand der Gemeinde, er hält auch eine Therapie bereit:

Darum wollen wir beiseite lassen, was man zuerst von Christus verkünden muss, und uns dem Vollkommeneren zuwenden; wir wollen nicht noch einmal den Grund legen mit der Belehrung über die Abkehr von toten Werken, über den Glauben an Gott, über die Taufen, die Handauflegung, die Auferstehung der Toten und das ewige Gericht; das wollen wir dann tun, wenn Gott es will. Denn es ist unmöglich, Menschen, die einmal erleuchtet worden sind, die von der himmlischen Gabe genossen und Anteil am Heiligen Geist empfangen haben, die das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt kennengelernt haben, dann aber abgefallen sind, erneut zur Umkehr zu bringen. Hebräer 6,1-6

Die harsche Diagnose ist eindeutig: Manche begreifen es nicht. Anderes dagegen erhofft sich der Autor von der adressierten Gemeinde:

Bei euch aber, liebe Brüder, sind wir trotz des Gesagten vom Besseren überzeugt und davon, dass ihr am Heil teilhabt. Denn Gott ist nicht so ungerecht, euer Tun zu vergessen und die Liebe, die ihr seinem Namen bewiesen habt, indem ihr den Heiligen gedient habt und noch dient. Wir wünschen aber, dass jeder von euch im Blick auf den Reichtum unserer Hoffnung bis zum Ende den gleichen Eifer zeigt, damit ihr nicht müde werdet, sondern Nachahmer derer seid, die aufgrund ihres Glaubens und ihrer Ausdauer Erben der Verheißungen sind. Hebräer 6,9-12

Die Therapie und das Therapieziel lautet: Mehr echte Theologie! Der Autor erinnert an die grundlegende Verkündigung und Annahme des Verkündeten, die durch Taufe und Handauflegung besiegelt wurde. Die Verkündigung beinhaltet aber nicht nur den seligen Aspekt der Auferstehung, sondern die Auferstehung von den Toten und das Gericht. Wer diese Trias von Tod, Auferstehung und Gericht vergegenwärtig, befindet sich nicht mehr in der Komfortzone wohliger Frömmigkeit. Ein solcher Mensch erkennt vielmehr, dass er Träger des Heiligen Geistes ist, der ihn nicht nur fähig macht, sondern auch in die Verantwortung nimmt. Die adressierte Gemeinde hatte in früheren Zeiten bereits unter Beweis gestellt, dass sie diese erleuchtende Erkenntnis besaß. Jetzt aber ist sie lethargisch geworden. Sie übernimmt keine Verantwortung mehr für die Verbreitung der Lehre. Sie sollten selbst schon Lehrer sein, verhalten sich aber wie unmündig Kinder (vgl. Hebräer 5,12).

Der gemeinsame Nenner ist zu klein für wirklich Großes

Diesen Eindruck kann man auch gewinnen, wenn man auf den gegenwärtigen Zustand der Kirche schaut. Die Herausforderungen der Zeit sind gewaltig. So konstatiert der Jesuit Eckhard Bieger mit Blick auf die Herausforderungen, die sich aus der Konfrontation mit einer gewalttätigen Interpretation des Koran, wie sie sich durch die Greueltaten von Daesh5) auch auf das theologische Gespräch mit und über den Islam ergeben:

Man könnte nun erwarten, dass die Christenheit die intellektuellen Ressourcen für eine Auseinandersetzung die durchschlagenden Argumente bereitstellt, die der Islam nicht mit der Behauptung wegwischen kann, die westlichen Staaten seien von Gott abgefallen und daher in ihrer Konzeption irrelevant. Man hört eigentlich eher Stimmen, die dafür plädieren, den Islam zu verstehen.6)

Das ist eben jene Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, die keinen Dialog ermöglicht. Da lässt man sich eher gegenseitig in Ruhe. Man stört niemanden und wird nicht gestört – und ist dann doch überrascht und wird von Angst befallen, wenn die eigene so begründete intellektuelle Nacktheit bewusst wird:

Welche christlichen Prediger erklären den Gottesdienstbesuchern, dass der Unterschied zum Islam nicht in der Verschleierung oder der Burka, in der Geltung der Scharia oder anderen kulturellen Ausdrucksformen besteht, sondern im Gottesbild. Unter theologischen Gesichtspunkten ist der Islam nichts anderes als eine arianische Form der Gottesferne7). Gott ist nicht Mensch geworden, sondern thront in einer fernen Welt. Jesus ist auch nicht am Kreuz gestorben, sondern ist mit Maria Magdalena nach Persien gegangen. Der Himmel ist nicht zuerst Erfahrung der Nähe Gottes. Das sexuelle Begehren bleibt deshalb die höchste Erfahrung und wird endlich erfüllt. Die verwaschene Form des europäischen Christentums ist offensichtlich nicht mehr in der Lage, den Dialog dort mit dem Islam zu suchen, wo es um die zentralen religiösen Fragen geht.8)

Leuchtkräftig sollt ihr sein, nicht geschmacklos

Die Gegenwart ist fordert wieder zur Apologie heraus. Die Therapie, die der Autor des Hebräerbriefes der Gemeinde verordnet, ist neu aktuell. Es reicht schon lange nicht mehr, den Glauben fröhlich zu bekennen. Ein solcher Glaube ist gesellschaftlich irrelevant. Das Diktum Jesu ist eindeutig:

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. Matthäus 5,13-16

Glaube ist eben nie Privatsache. Der christliche Glaube ist in sich schon deshalb gesellschaftlich relevant, weil er das Leben der Glaubenden umfänglich betrifft. Er ist in diesem Sinn grundsätzlich katholisch (vom griechischen καθολικός – gesprochen: katholikós, übersetzt: alle bzw. alles betreffend)9). Gerade deshalb fordert Jesus

Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann ich verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. Matthäus 5,14-16

Das Leuchten der Christusnachfolger erleuchtet die Welt. Die Erleuchtung geschieht in der Verkündigung. Verkündigung aber ist Verstandessache. Nicht ohne Grund erinnert Paulus die Korinther an seine Verkündigung und ihrer Reaktion darauf:

Ich erinnere euch, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe; es sei denn, dass ihr nicht gläubig geworden wärt. 1 Korinther 15,1-2

Apologie statt Party

Glauben korreliert mit Verstehen. Man glaubt nicht einfach an etwas. Das ist eben kein Glaube. Glaube ist Erkenntnis, die Verstand und Verstehen voraussetzt und nicht übergeht. Das ist der Grund für die Mahnung des 1. Petrusbriefes, wie sich die Christusnachfolger gerade in der Welt und den Herausforderungen der Welt gegenüber verhalten sollen:

Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen. Dann werden die, die euch beschimpfen, weil ihr in Christus ein rechtschaffenes Leben führt, sich wegen ihrer Verleumdungen schämen müssen. Es ist besser, für gute Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, also für böse. 1 Petrus 3,15b-17

Vor allem der erste Vers ist schon so oft zitiert worden, dass er schon wieder als Sedativum wirkt. Dabei enthält er ein wichtiges Stichwort: ἀπολογία (gesprochen: apología – wörtlich übersetzt: Verteidigung/Rechtfertigung). Der Christ muss bereit sein, jederzeit (!) und jedem (!) Rechenschaft über den Glauben abzulegen. Christsein ist vor allem auch eine intellektuelle Herausforderung:. Das Geglaubte muss auch wirklich verstanden werden – nicht einfach das, was man selbst glauben möchte, sondern das, was der Grund des Glaubens selbst mit all seinen Konsequenzen ist.

Dabei lassen die folgenden Verse aufschrecken. Christsein kann man nicht in der Komfortzone wohliger Frömmigkeit. Christen ecken an. Christsein ist keine Partyexistenz. Nicht umsonst lautet die letzte, die achte Seligpreisung, die sich ob ihrer Endstellung besonders einprägt10):

Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt. Matthäus 5,11

Nicht dass jede erfahrene Kritik schon Ausweis göttlichen Prophetentums wäre. Gleichwohl scheut der Prophet die Kritik nicht. Dem „Partykatholizismus“ fehlt es letztlich an gesellschaftskritischem Potential. Die Kirche von heute, sie braucht wieder Propheten, nicht die amtlichen, deren Worte durch allzu große Redundanz stumpf geplappert wurden, sondern die echten, die mit der Welt so reden, wie die Welt eben redet; die aber das Wort Gottes mit der Welt reden und mit denen streiten, die anders oder gar nicht glauben. Dann werden vielleicht Brüche sichtbar, die nicht mehr auf kleinste gemeinsame Nenner zu bringen sind. Aber so, wie man aus Kreisen keine Quadrate machen kann, so ist die Wahrheit des Glaubens an sich unverhandel-, aber gleichwohl kommunikativ verkündbar.

Glaube ist kein Gefühl. Glaube ist Erkenntnis. Die Gegenwart braucht deshalb leidenschaftliche Propheten, die wirklich Rechenschaft über den Glauben ablegen. Wenn die Verkündigung überzeugen soll, braucht sie das Schwarzbrot einer Theologie, die nicht nur das Herz, sondern vor allem den Verstand erreicht.

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Bildnachweis

Titelbild: Reifeprozess – von: Nordreisender/Photocase – lizenziert als Photocase Basislizenz

Video: Kath 2:30 – Episode 26: Der Laie – Quelle: https://vimeo.com/40231369 – Katholische Citykirche Wuppertal

Bild: Der Sündenfall – Kapitell der Abbaye de la Sauve Majeure (Ophelia 2) – Quelle: Wikicommons – lizenziert als CC BY-SA 3.0

Einzelnachweis   [ + ]

1. Der Text spricht wörtlich von einer „großen Stimme“ (φωνὴ μεγάλη – gesprochen: phonè megále).
2. Der folgende kleine Ausflug eines Neutestamentlers in das Alte Testament ist aus gegebenem Anlass besonders dem geschätzten Kollegen Till Magnus Steiner und seiner Frau gewidmet: מזל טוב
3. Vgl. zum folgenden auch die erhellenden Überlegungen von Dieter Funke, Das Schulddilemma. Wege zu einem versöhnten Leben, Göttingen 2000, S. 128-137 sowie ders., Im Glauben erwachsen. Psychische Voraussetzungen der religiösen Reifung, München 1986.
4. Vgl. hierzu auch Dieter Funke, Glaube, S. 139: „Der Mensch, der ‚Christus angezogen‘ hat, behauptet, daß er das Ziel seines Lebens nie ganz erreichen wird in seiner irdischen Existenz, daß aber nach dem letzten Bruch, dem Tod, der Mensch sein wahres Selbst findet. (…) Die größte Sünde besteht darin, daß der Mensch diesen Prozeß zum Stillstand bringt und schon jetzt ganz vollendet sein will. Sünde ist deshalb nicht in erster Linie moralische Fehlleistung, sondern das Haftenbleiben am Paradies und das Verpassen von Entwicklung. Die Ermutigung zum Sünder-Sein ist somit eine Einladung, die eigene Entwicklung und Individuation in Gang zu halten.“
5. Vgl. zur Benutzung des Kürzels „Daesh“ für den selbsternannten und sogenannten „Islamischen Staat“: http://www.sueddeutsche.de/politik/terrororganisation-warum-der-name-daesch-den-islamischen-staat-aergert-1.2745175 [Stand: 3. Januar 2016].
6. Eckhard Bieger, 2016 gilt weiter: Der Terror ist religiös, Quelle: http://hinsehen.net/2016/01/02/2016-gilt-weiter-der-terror-ist-religioes/ [Stand: 3. Januar 2016].
7. Eckhard Bieger verweist hier selbst auf seinen Beitrag unter http://www.explizit.net/Archiv/Dialog-mit-dem-Islam [Stand: 4. Januar 2016].
8. Eckhard Bieger, 2016, Quelle: http://hinsehen.net/2016/01/02/2016-gilt-weiter-der-terror-ist-religioes/ [Stand: 3. Januar 2016]
9. An dieser Stelle sei angemerkt, dass „katholisch“ nicht unmittelbar mit „römisch-katholisch“ als Konfessionsbezeichnung zu identifizieren ist. Das zweite Vatikanische Konzil merkt hierzu an, dass die Kirche in der „römisch-katholischen“ Kirche subsistiert, deren Merkmale die Leitung durch den Bischof von Rom als Nachfolger Petri und die Gemeinschaft der Bischöfe ist: „Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfaßt und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird.“ (Lumen gentium 8 – Quelle: http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19641121_lumen-gentium_ge.html [Stand: 4. Januar 2016]).
10. Die Exegeten sprechen hier vom sogenannten „Achtergewicht“.
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2 Replies

    • Das ist nur scheinbar so. Wenn man den Verstand richtig einsetzt und nicht nur oberflächlich fragt, dann wird er nicht nur vom Glauben inspiriert, sondern eröffnet auch neue Einsichten in den Glauben. Den neutestamentlichen Schriftstellern war er jedenfalls nicht im Weg. Ganz im Gegenteil! Und die großen Dogmen der ersten Konzilien wären ohne verstandesmäßige Reflexion auch nicht zustande gekommen.

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