Kapitel
Annus Liturgicus·Exegetica

Todsicher auferstanden! Oder: Mit Paulus lernen, wie man Theologie treibt


den Artikel
vorlesen lassen

Der Skandal des unausweichlichen Faktums des Todes ist nicht schönzureden. Der Tod bildet eine unüberwindliche Grenze menschlicher Erkenntnisfähigkeit. Selbst wenn die Menschen danach fragen, woher sie kommen und wohin sie gehen – eine Behauptung, die die christliche Theologie gerne aufstellt, ohne dass sie den Beweis der Allgemeingültigkeit antritt, dass dies wirklich Fragen sind, die alle Menschen stellen –: die zeit-räumliche Existenz des Menschen, die mit seiner Geburt beginnt und mit dem Tod endet, verhindert eine empirische, faktenbasierte Antwort. Niemand kann aus sich heraus wissen, woher er kommt und was nach dem Tod sein wird. Jede innerweltliche Erkenntnis findet hier ihre Grenze. Wer in Raum und Zeit existiert, vermag über den Tod, in dem Zeit und Raum erlöschen, nichts mehr zu sagen. Tote haben keine Zeit mehr …

Das agnostische Axiom

Selbst die Allmacht Gottes, so es ihn denn gibt, scheint hier ihre Grenze zu finden. Das ist das agnostische Axiom: Worüber man nichts wissen kann, darüber muss man schweigen. Die christliche Behauptung einer Auferstehung von den Toten erscheint in dieser Perspektive nicht nur als steil; sie widerspricht auch jeder menschlichen Erfahrung. Nach allem, was man weiß, vermodern Tote in ihren Gräbern. Wer auch immer behaupten würde, ihm sei ein Toter leibhaftig erschienen, läuft Gefahr, für verrückt erklärt zu werden. Und doch bildet genau diese Behauptung den inneren Kern des christlichen Glaubens, auf dem alles andere aufbaut. Der Glaube an die Auferstehung von den Toten ist so essentiell, dass Paulus im 1. Korintherbrief gleich zweimal in wenigen Versen voneinander getrennt auf ihm insistiert:

Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube. Wir werden dann auch als falsche Zeugen Gottes entlarvt, weil wir im Widerspruch zu Gott das Zeugnis abgelegt haben: Er hat Christus auferweckt. Er hat ihn eben nicht auferweckt, wenn Tote nicht auferweckt werden. Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden; und auch die in Christus Entschlafenen sind dann verloren. 1 Korinther 15,13-18

Wenn die Hoffnung fährt ...

In der Tat: Ohne die Auferstehung des Gekreuzigten bleibt der Glaube leer. Der Handwerkerssohn aus Nazareth mag ein wortgewaltiger Prediger gewesen sein, einer, der die messianischen Verheißungen zu erfüllen suchte, der Lahme gehend und Blinde sehend machte, der sich den Armen zuwandte und der eine ansehnliche Anhängerschaft hinter sich scharrte. Er setzte prophetische Zeichen und wurde in seiner Ankündigung des nahen Reiches Gottes wohl missverstanden; manch einer sah in ihm wohl einen politischen Messias – eine Interpretation, die wohl auch seinen Gegner zu eigen war und die ihn deshalb aus dem Weg räumen wollten. Spätestens bei seiner Verhaftung im Garten Gethsemane am Pesach-Fest in Jerusalem wurden die politischen Assoziationen jäh zerstört: Als selbst der gestandene Fischer Simon von Kafarnaum, genannt Kephas, wohl eher im Umgang mit Netzen als mit Waffen geübt, zum Schwert greift, muss er sich von dem bereits Gefesselten zurechtweisen lassen:

Steck das Schwert in die Scheide! Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat – soll ich ihn nicht trinken? Johannes 18,11

Ähnlich auch die Überlieferung der Szene im Matthäusevangelium:

Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte? Wie würden dann aber die Schriften erfüllt, dass es so geschehen muss? Matthäus 26,52-54

Mit seiner Verhaftung und seiner Kreuzigung nur wenige Stunden später endet alle in ihn gesetzte irdische Hoffnung. Die, die ihm noch wenige Stunden zuvor gefolgt waren, zerstreuen sich entsetzt, machen sich davon, fliehen, voller Angst, als Komplizen eines vermeintlichen Aufrührers sein Schicksal zu teilen. Mitgefangen bedeutete schon damals mitgehangen!

TalPassion_Kreuzigung
Die Vernichtung eines Menschen am Kreuz - Ende und aus?

Gerichtshof

Vor dem Gerichtshof der Welt wird das Urteil über den Mann aus Nazareth gefällt. Sein Tod am Kreuz besiegelt nicht nur sein Leben, sondern auch sein Schicksal: Er stirbt als Verfluchter, als Gottverlassener1), so wie es schon in der Thora heißt:

Wenn jemand ein Verbrechen begangen hat, auf das die Todesstrafe steht, wenn er hingerichtet wird und du den Toten an einen Pfahl hängst, dann soll die Leiche nicht über Nacht am Pfahl hängen bleiben, sondern du sollst ihn noch am gleichen Tag begraben; denn ein Gehenkter ist ein von Gott Verfluchter. Deuteronomium 21,22-23

Und ausgerechnet dieser Mann soll von den Toten auferstanden sein? Ausgerechnet diese Behauptung soll die Basis für einen neuen Glauben sein? Das ist doch eher eine hysterische Ausgeburt frömmelnder Phantasie, eine Tagträumerei, mit der man der Wirklichkeit fliehen will, ein Opium, mit dem man die eigene Todesangst hinwegsediert, ein weibisches Geschwätz, nichts für Männer, die sich wie die jesuanische Gefolgschaft ängstlich verstecken und nur ihrer beschränkten Erfahrung vertrauen. Ihre Reaktion am Sonntag nach der Kreuzigung ist eindeutig, als die Frauen vom Grab Jesu zu ihnen gelaufen kommen:

Sie [die Frauen] kehrten vom Grab zurück und berichteten das alles den Elf und allen Übrigen. Es waren Maria von Magdala, Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus, und die übrigen Frauen mit ihnen. Sie erzählten es den Aposteln. Doch die Apostel hielten diese Reden für Geschwätz und glaubten ihnen nicht. Lukas 24,9-11

Genau so ergeht es auch heute noch allen, die von der Auferstehung der Toten überzeugt sind. Märchen seien das, Mythen, Hirngespinste. So etwas ist nichts für die Vernunftstolzen der Gegenwart, die sich auf prominente Zeitgenossen der Vergangenheit berufen können. Bereits in der von Paulus gegründeten korinthischen Gemeinde scheint man Schwierigkeiten mit diesem Glauben gehabt zu haben. Wie sonst erklärt sich Invektive im 15. Kapitel des 1. Korintherbriefes, wenn er auf der essentiellen Bedeutung der Auferstehung Jesu Christi vom Kreuzestod insistiert. Eine bloße Behauptung aber hilft dem Skeptiker damals wie heute wohl nicht über die Hürde der eigenen Erkenntnisschranken. Da müssen schon Beweise her.

Beweisaufnahme

Wie aber beweist man etwas, dass der allgemeinen Erfahrung zuwiderläuft? Mit realen Erfahrungen – und Zeugen, die diese Erfahrungen glaubhaft machen. Genau diesen Beweis tritt Paulus zu Beginn des 15. Kapitels im 1. Korintherbrief an. Seine Beweisaufnahme erfolgt dabei in drei Stufen:

Ich erinnere euch, Brüder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet werden, wenn ihr festhaltet an dem Wort, das ich euch verkündet habe, es sei denn, ihr hättet den Glauben unüberlegt angenommen. 1 Korinther 15,1-2

Der erste Schritt besteht in der Erinnerung der Adressaten an ihre eigene erste Reaktion auf das ihnen verkündete Evangelium. Bereits hier betont Paulus, dass dieses Evangelium der Grund ist, auf dem sie stehen. Die Gemeinde ist aus dem Hören auf diese Botschaft entstanden. Wichtig ist hier vor allem aber der Hinweis, dass der Glaube gerade kein Produkt emotionaler Gestimmtheiten ist, sondern eine Erkenntnis, die auf vernünftiger Überlegung beruht. Deshalb betont Paulus, dass der Glaube seitens der skeptischen Korinther doch wohl gerade nicht unüberlegt angenommen, wörtlich: umsonst geglaubt (ἐκτὸς εἰ μὴ εἰκῇ ἐπιστεύσατε – gesprochen: ektòs ei mè eikê episteúsate). Für Paulus steht fest: Der Glaube ist, wenn man nicht umsonst glauben will, eine Sache des Verstehens und Verstandes.

Von hier aus entwickelt er den zweiten Schritt, wenn er die Korinther an den von ihnen mit Überlegung übernommenen Glauben erinnert:

Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift. 1 Korinther 15,3-4

Schon die Einleitung ist bemerkenswert: Paulus hat überliefert, was er selbst empfangen hat. Er hat dieses Textfragment nicht selbst verfasst, sondern schon vorgefunden. Wenn man – der synoptischen Tradition folgend2) – das Jahr 30 der allgemeinen Zeitrechnung als Todesjahr Jesu annimmt und gleichzeitig anhand der autobiographischen Angaben, die Paulus selbst in Galater 1,15-2,1 das Bekehrungsjahr des Paulus zwischen 33 und 35 der allgemeinen Zeitrechnung datiert, dann wird durch die kleine Notiz des Paulus deutlich, dass das formelhafte Textfragment nicht nur das frühestchristliche Glaubensbekenntnis ist; es muss schon zwischen 30 und 33/35 der allgemeinen Zeitrechnung entstanden sein. Es bildet als Kern des christlichen Glaubens noch heute die Mitte des nicaeno-constantinopolitaneischen Symbolons, in dem eben genau Kreuzestod und Auferstehung Jesu Christi bekannt werden. Das ist die jenseits aller Worte und Taten Jesu die Mitte des Glaubens ohne die alles andere nichts wäre. Wäre Jesus nicht vom Kreuzestod auferstanden – wahrscheinlich wüssten wir heute nichts mehr von diesem Mann aus Nazareth …

Genau damit aber wird die Skepsis bereits der Korinther aber auch mancher moderner Zeitgenossen adressiert. Die Auferstehung behaupten kann man sicher – aber ist sie wirklich geschehen. An dieser Stelle tritt Paulus in den dritten Schritt seiner Beweisaufnahme ein, wenn er darstellt, dass der Auferstandene

dem Kephas, dann den Zwölf [erschien]. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Zuletzt erschien er auch mir, gleichsam der Missgeburt. 1 Korinther 15,5-8

Zeugen alleine reichen nicht – sie müssen schon glaubwürdig sein

Die Zeugeneinvernahme des Paulus ist bemerkenswert. Nach damaliger Auffassung hätte ja schon das übereinstimmende Zeugnis zehn sogenannter Gerechter genügt, um eine Behauptung als bewiesen zu erachten. Der Rekurs auf den Zwölferkreis, der ja gleich zweimal – einmal unter der Führung des Kephas (das ist die hebräische Version des gräzisierten Πέτρος – gesprochen Pétros, also Petrus), einmal unter der Führung des Jakobus – erwähnt wird, scheint aber nicht zu reichen. Skeptiker könnten bei dieser eingeschworenen Bruderschaft, die ja sogar bereit war, zu den Waffen zu greifen, durchaus eine Verschwörung insinuieren. Auch sein eigenes Zeugnis, das er abschließend einführt, reicht an sich nicht – zu skeptisch sind mindestens Teile der korinthischen Gemeinde ihm gegenüber gewesen, wie alleine die in Korinth existierenden Parteiungen (vgl. 1 Korinther 1,10-17), aber auch der korinthische Vorwurf der Unlauterkeit an ihn, die den Hintergrund des Schreibens 2 Korinther 1-93) erkennen lässt. Hauptgewährszeugen sind deshalb die über 500 Brüder, denen der Auferstandene zugleich erschien. Über 500 können sich nicht mehr verschwören; bei einer so großen Zahl von Menschen gibt es immer Lücken, die jede Verschwörung entlarven würden. Zudem betont Paulus die Gleichzeitigkeit der Erscheinung, die gegen das Einbildungsvermögen Einzelner spricht. Außerdem betont er, dass die meisten noch am Leben sind, also unmittelbar von den skeptischen Korinthern befragt werden könnten. Auch wenn es hier keine Notizen gibt, ist angesichts der korinthischen Misstrauens Paulus gegenüber davon auszugehen, dass die Skeptiker von solchen Befragungen Gebrauch gemacht haben – zumindest spielt diese Frage im später geschriebenen 2. Korintherbrief keine Rolle mehr. Vielmehr kann sich Paulus nun selbst auf die Faktizität seiner eigenen Erfahrung sogar argumentativ berufen, wenn er dort in der sogenannten Narrenrede sich selbst maskierend anführt:

Ich muss mich ja rühmen; zwar nützt es nichts, trotzdem will ich jetzt von Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn sprechen. Ich kenne einen Menschen in Christus, der vor vierzehn Jahren bis in den dritten Himmel entrückt wurde; ich weiß allerdings nicht, ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, nur Gott weiß es. Und ich weiß, dass dieser Mensch in das Paradies entrückt wurde; ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, weiß ich nicht, nur Gott weiß es. Er hörte unsagbare Worte, die ein Mensch nicht aussprechen darf. Diesen Menschen will ich rühmen; meiner selbst will ich mich nicht rühmen, höchstens meiner Schwachheit. 2 Korinther 12,1-5

Paradoxe Beweisfolgen

Für Paulus ist die Auferstehung des Gekreuzigten damit bewiesen. Insofern dieser Beweis gerade den Skeptikern in Korinth gegenüber erfolgt, gilt er prinzipiell auch heute noch: Es ist auf keinen Fall unvernünftig an die Auferstehung des Gekreuzigten zu glauben. Glaubt man aber an die Auferstehung des Gekreuzigten, ergibt sich ein bemerkenswertes Paradox. Die Auferstehung an sich kann ja nur durch das Wirken Gottes erfolgen. Nur Gott ist in der Lage, Leben aus Totem zu erschaffen. Jesus stirbt aber als Gottverlassener. Der Gottverlassene wird von Gott gerettet? Das ist paradox!

Paulus muss dieses Paradox umgetrieben haben. Es bildet den Hintergrund vieler seiner Gedanken. Dreimal kommt er in seinen Briefen ausdrücklich darauf zu sprechen. Neben dem Galaterbrief (Galater 3,13) auch im Römerbrief 3,21-26, vor allem aber im 2. Korintherbrief:

Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden. 2 Korinther 5,21

In formelhafter Weise bringt Paulus hier seine Erkenntnis auf den Punkt: Insofern Sünde die Gottverlassenheit an sich bedeutet, wird Jesus, der keine Sünde kennen kann, weil Gott in ihm ja wirkt, er also nicht von Gott getrennt ist, zur Sünde gemacht – eben am Kreuz den Tod der Gottverlassenheit stirbt. Nun muss aber die Frage nach dem Sinn an sich gestellt werden. Der Sinn erhellt in der Gegenwart Gottes in Jesus. Offenkundig identifiziert sich Gott in Jesus total mit der menschlichen Existenz, damit die Menschen in ihm erkennen, dass Gott der „Ich bin da“ ist. Auch wenn man Gott, der ja als Gott nicht in Raum und Zeit steht, nicht ohne Weiteres begreifen kann, kann sich dieser doch offenbaren. Das Jesusereignis, das erst von der Auferstehung her als solches erkennbar wird, zeigt, dass Gott nicht einfach nur da ist, sondern sich total mit seinem Geschöpf identifiziert – und damit an dessen Sterblichkeit partizipiert; aber nicht nur an der Sterblichkeit an sich. Seine Identifikation schließt den tiefsten Tod am Kreuz gerade nicht aus. Er identifiziert sich sogar mit jenen, die diesen Tod – wenn man das überhaupt sagen kann! – verdient hätten. Jesus aber bleibt nicht im Tod, er ersteht von den Toten auf. Die Logik befiehlt nun, dass die Totalidentifikation Gottes nun im Umkehrschluss selbst für die Menschen – und zwar für alle! – gilt. Alle werden wie Jesus zu Gott kommen und dort Gerechtigkeit werden.

TalPassion_Auferstehung
Das jüngste Gericht - eine Läuterung im Feuer der Liebe des vom Kreuzestod Auferstandenen.

Gerecht gerichtet!

Gerechtigkeit ist das zentrale Stichwort. Wenn die theologische Schlussfolgerung des Paulus aus dem Faktum von Kreuzestod und Auferstehung Jesu zutrifft, dann bedeutet das ja, dass alle Menschen zu Gott kommen werden. Damit aber stellt sich eben genau die Frage nach der Gerechtigkeit: Kann es sein, dass ein Mörder wie sein Mordopfer in das Himmelreich eingehen wird? Die dem Paulus eigene Dialektik sagt: Ja und nein! So stellt er fest:

Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat. 2 Korinther 5,10

Das Gericht ist ein Offenbarwerden (φανέρωσις – gesprochen: phanérosis). Nichts bleibt verborgen. Alles wird offenbar werden – das Gute wie das Böse, das im Leben getan wurde. Dafür aber gibt es keine Strafe, sondern Lohn. Das Gericht ist also kein Strafgericht, sondern ein Gericht, das Gerechtigkeit aufrichtet. Die Gerechtigkeit muss also über die Frage des Lohns entschieden werden. Genau hierzu aber hatte Paulus sich schon im 1. Korintherbrief geäußert, wobei er auf den Grund des Glaubens, das von ihm verkündete Evangelium rekurriert:

Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut. Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus. Ob aber jemand auf dem Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiterbaut: Das Werk eines jeden wird offenbar werden; denn der Tag wird es sichtbar machen, weil er sich mit Feuer offenbart. Und wie das Werk eines jeden beschaffen ist, wird das Feuer prüfen. Hält das Werk stand, das er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn. Brennt es nieder, dann muss er den Verlust tragen. Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch. 1 Korinther 3,10-15

Das Bild des Paulus ist bemerkenswert. Es ermöglicht ein Sein aller bei Gott, der Guten wie der weniger Guten, und trotzdem das Aufrichten der Gerechtigkeit. Es ist also gerade nicht unerheblich, wie der Mensch seine irdische Existenz entfaltet. Er sammelt sich entweder Schätze bei Gott (vgl. auch die Rede Jesu in Matthäus 6,19-20), die als Gold, Silber und Edelsteine für ein ewiges, beständiges himmlisches, nicht von Menschenhand gemachtes Haus (vgl. 2 Korinther 5,1) tauge, dass auch dem feurig-prüfenden Blick des himmlischen Richters standhalten wird, oder eben verderbliche Materialien, die das Feuer hinwegfegen wird. Der Mensch aber wird immer gerettet werden. Die Frage ist nur, wie er in der Ewigkeit existieren wird: Voll Freude in der Anschauung Gottes oder mit gesenktem Blick auf die eigene Nacktheit, die die Liebe Gottes nicht genießen kann. Himmel und Hölle sind keine Orte nach dem Gericht. Himmel und Hölle bereitet sich in diesem paulinischen Sinn der Mensch selbst in sich. Es lohnt sich also der Liebe Gottes schon in diesem irdischen Leben gemäß zu leben.

Zeit und Stunde?

Wenn Himmel und Hölle schon keine Räume der Ewigkeit sind – und es nicht sein können, weil die Ewigkeit weder Raum noch Zeit kennt, sondern pure, reine Gegenwart in der höchsten Dynamik der Präsenz Gottes ist, dann stellt sich auch die Frage nach der Zeit. Wann wird sich dieses Gericht ereignen? Wann ist der jüngste Tag?

Paulus selbst hat offenkundig die Wiederkunft Christi mit diesem jüngsten Tag verbunden. Nun geschah es aber wohl, dass die ersten Christen verstarben, ohne dass sich die Wiederkunft Christi ereignet hatte. In Thessaloniki führte das zu besorgten Fragen: Waren diese Glaubenden jetzt verloren? Die Antwort des Paulus gibt Anlass zur Hoffnung:

Brüder und Schwestern, wir wollen euch über die Entschlafenen nicht in Unkenntnis lassen, damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben. Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott die Entschlafenen durch Jesus in die Gemeinschaft mit ihm führen. Denn dies sagen wir euch nach einem Wort des Herrn: Wir, die Lebenden, die noch übrig sind bei der Ankunft des Herrn, werden den Entschlafenen nichts voraushaben. Denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen, wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt. Zuerst werden die in Christus Verstorbenen auferstehen; dann werden wir, die Lebenden, die noch übrig sind, zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt zur Begegnung mit dem Herrn. Dann werden wir immer beim Herrn sein. Tröstet also einander mit diesen Worten! 1 Thessalonicher 4,13-18

Aus dieser Perspektive lohnt es sich fast, vorzeitig zu sterben, weil die Toten bei der Wiederkunft Christ den Vortritt vor den Lebenden bekommen. Und doch entsteht hier eine neue Frage: Wo sind die Toten jetzt? Die vergänglichen Leiber sind bestattet. Wo sind die Seelen? Eine leiblose Seele ist ja weder für Juden noch für Christen vorstellbar, hängt an der Leiblichkeit doch die Identität!

Paulus hat sich wohl mit dieser Frage beschäftigt – und findet im 2. Korintherbrief die Antwort:

Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel. Im gegenwärtigen Zustand seufzen wir und sehnen uns danach, mit dem himmlischen Haus überkleidet zu werden. So bekleidet, werden wir nicht nackt erscheinen. Solange wir nämlich in diesem Zelt leben, seufzen wir unter schwerem Druck, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit so das Sterbliche vom Leben verschlungen werde. 2 Korinther 5,1-4

Allein schon die Einleitung ist bemerkenswert: Wir wissen (οἴδαμεν – gesprochen: oídamen)! Für Paulus ist das keine Frage des bloßen Hoffens oder Vermutens mehr. Als Glaubender hat er Erkenntnis und Gewissheit. Das ist Glauben – eine eigene Form gewisshafter Erkenntnis, die nie gegen den Verstand stehen kann. Sein Glaube beruht auf Kreuzestod und Auferstehung Jesu Christi, an der er nicht mehr zweifeln kann!

Heute noch!

Von hier aus aber kommt er nun zur Schlussfolgerung, dass a) die Auferstehung mit einem Wechsel des Modus der Existenz einhergeht. Deshalb spricht er von einem Überkleiden. Die Seele kann nicht nackt, also leiblos sein. Während aber die irdische Existenz von Werden und Vergehen geprägt ist, ist die himmlische Existenz ewig und unvergänglich: Aus einem Zelt wird ein Haus. So wie aus Zeit und Raum Ewigkeit wird, so wird aus irdischer Leiblichkeit eine ewige Leiblichkeit – für deren Zustand gewissermaßen die im irdischen Leben gesammelten „Baumaterialien“ verantwortlich sind. Es gibt also eine Diskontinuität der Seinsweisen bei maximaler Kontinuität der Identität – so wie es auch die Evangelien in der Auferstehungstradition überliefern: Der Auferstandene wird selbst von den Seinen nicht in seiner neuen, verklärten Leiblichkeit erkannt, die also verschieden von der irdischen war, sondern an seiner Persönlichkeit (Wundmale – Johannes 20,19-29, Stimme – Johannes 20,16, Brotbrechen – Lukas 24,30-31). Gleichzeitig ist er in seiner neuen Leiblichkeit entrückt und für irdische unberührbar (vgl. Johannes 20,17.29). Er ist schon ganz Teil der neuen Wirklichkeit.

Zu dieser ersten Schlussfolgerung folgt für Paulus b), dass sich die Auferstehung im Moment des Todes ereignen muss. Gerade weil die Seele nicht nackt und leiblos sein kann, muss die Auferstehung im Moment des Todes erfolgen – mithin also auch das jüngste Gericht. Was bei Paulus in 2 Korinther 5,1 durch die Partikel ἐάν (gesprochen – eán; wenn), die ein logisches „dann“ impliziert, angedeutet wird, führt das Lukasevangelium ganz plastisch aus, wenn der Gekreuzigte dem Schächer neben ihm verheißt:

Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. Lukas 23,43

Heute mit mir! – nicht erst am dritten Tag? Der textliche Befund ist eindeutig – da steht σήμερον (gesprochen: sémeron) – und das ist: Heute! Offenkundig geht auch Lukas davon aus, dass sich die Auferstehung Jesu im Moment seines Todes ereignet hat – und das gilt eben auch für den Schächer!

Schabbatruhe

Das christliche Glaubensbekenntnis ist angesichts dieses paulinisch-lukanischen Befundes also nicht exakt? In gewisser Weise doch. Die Auferstehung mag sich im Moment des Todes Jesu ereignet haben – offenbar wird sie erst am dritten Tag. Als Jesus zur um die neunte Stunde stirbt, bleibt mehr viel Zeit für ein Begräbnis. Die Sonne geht – das Äquinoktium ist zeitlich nah – in der zwölften Stunde unter (in Jerusalem sogar etwas früher). Dann beginnt der Schabbat. Die Berührung eines Toten, ja selbst die Berührung mit seinem Schatten machen unrein – und die Schatten sind im Frühjahr noch lang. Es muss also schnell gehen. Alles muss sich in weniger als drei Stunden ereignen: Der Weg zu Pilatus und die Bitte um den Leichnam, die Kreuzabnahme, der Weg zum Grab und die Grablegung. Am Schabbat muss Ruhe sein. Erst in der Dämmerung des ersten Tages der Woche, wenn wieder etwas Licht ist, wird man zum Grab gehen und die Bestattung – ohnehin ungewöhnlich für einen Gekreuzigten – vollenden können. Erst dann wird man feststellen, dass das Grab leer ist – und immer noch nicht glauben können … Erst die Begegnung mit dem Auferstandenen, die sich an diesem ersten Tag der Woche ereignen wird, wird alles anders werden lassen. Die Erkenntnis der Auferstehung setzt erst am dritten Tag ein – nicht mehr und nicht weniger.

Rettung für alle – alle!

Wo aber war der Auferstandene zwischen Kreuzestod und seiner Offenbarung? Die christliche Tradition findet in der Art der paulinischen Reflexion die Antwort. Sie beruht auf der Frage, ob auch die gerettet sind, die vor Kreuzestod und Auferstehung Jesu Christi gestorben sind. Demnach nutzt der Auferstandene die Schabbatruhe, um in die Unterwelt hinabzusteigen und die dort Dahinwesenden endlich zu befreien und zu Gott zu führen. So heißt es im 1. Petrusbrief:

Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, ein Gerechter für Ungerechte, damit er euch zu Gott hinführe, nachdem er dem Fleisch nach zwar getötet, aber dem Geist nach lebendig gemacht wurde. In ihm ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt. Diese waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, während die Arche gebaut wurde; in ihr wurden nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser gerettet. Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet. Sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi, der in den Himmel gegangen ist; dort ist er zur Rechten Gottes und Engel, Gewalten und Mächte sind ihm unterworfen. 1 Petrus 18-22

Die Erlösung vom Tod gilt wirklich allen! Was für eine Hoffnung! Nein: Was für eine Gewissheit, die nicht nur dem eigenen Augenschein vertrauen, sondern denen, die damals Zeugen der Auferstehung des Gekreuzigten waren. Über 500 Menschen zugleich Einbildung vorzuwerfen – auch daran muss man erst mal glauben … So aber gilt auch heute noch:

Da die Welt angesichts der Weisheit Gottes auf dem Weg ihrer Weisheit Gott nicht erkannte, beschloss Gott, alle, die glauben, durch die Torheit der Verkündigung zu retten. Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen. 1 Korinther 1,21-25

Für Christen hat der Glaube an die Auferstehung des Gekreuzigten also Konsequenzen – theologisch und im Leben. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Von der Auferstehung her, erscheint der Tod in einem anderen Licht. Die Auferstehung liest den Tod neu. Das Ringen um Erkenntnis wird schon im Neuen Testament deutlich. Und die Theologie ringt weiter: Weißt Du nur, oder erkennst Du schon? Das ist hier die Frage …

Empfehlen Sie diesen Artikel weiter
  • Share this on WhatsApp
Wenn Sie über die Veröffentlichung neuer Texte informiert werden möchten. schicken Sie bitte eine E-Mail, mit dem Betreff „Benachrichtigung“, an mail@dei-verbum.de

Bildnachweis

Titelbild: TalPassion – Thomas der Zweifler (Annette Marks/Christoph Schönbach/Katholische Citykirche Wuppertal) – alle Rechte vorbehalten.

Bild 1: TalPassion – Kreuzigung (Annette Marks/Christoph Schönbach/Katholische Citykirche Wuppertal) – alle Rechte vorbehalten.

Bild 2: TalPassion – Auferstehung (Annette Marks/Christoph Schönbach/Katholische Citykirche Wuppertal) – alle Rechte vorbehalten.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Wie grauenhaft und sadistisch der Umgang der Römer mit den zum Kreuzestod verurteilten Delinquenten waren – sexueller Missbrauch nicht augeschlossen – hat jüngst Mary Pezullo in dem Beitrag für das theologische Feuilleton feinschwarz.net “Wurde Jesus sexuell missbraucht?” (veröffentlicht am 15.4.2019) beschrieben – Quelle: https://www.feinschwarz.net/wurde-jesus-sexuell-missbraucht/ [Stand: 15.4.2019].
2. Es besteht ein Unterschied zwischen der synoptischen und der johanneischen Chronologie. Nach der synoptischen Tradition ist das letzte Abendmahl Jesu ein Pesachmahl. Demzufolge stirbt Jesus am Pesachfest. Fest steht, dass es sich bei dem Todestag um einen Freitag (dem Rüsttag zum Sabbatfest) handelt. Nach allgemeiner exegetischer Überzeugung datiert man damit das Jahr 30 der allgemeinen Zeitrechnung als Todesjahr Jesu. Davon weicht die johanneische Chronologie ab, da Jesus im Johannesevangelium in der Stunde stirbt, in der man im Tempel die Pesachlämmer schlachtet. Damit aber fiele das Pesachfest auf den folgenden Schabbat. Das Todesjahr Jesu wäre dann das Jahr 32 der allgemeinen Zeitrechnung. Da bei Johannes häufiger ein theologisch-symbolisches Interesse zu verzeichnen ist und er in der Symbolik des Pesachlammes die Bedeutung des Todes Jesus ausgedeutet sieht, wird hier für die historische Einordnung eher die synoptische Darstellung angenommen.
3. Mit besonderem Blick auf 2 Korinther 1,12-2,4.
Weitere Beiträge:

1 Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.