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conditio humana·Ethica

Rache, Vergeltung oder Feindesliebe? Das Alte Testament gelesen im Angesicht der Terroranschläge des sogenannten IS


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Der Schock sitzt tief in den Knochen Europas. Aus dieser ersten Sprachlosigkeit erhebt sich die Frage, wie man auf den Terror reagieren soll. Frankreich ebenso wie Russland haben ihre Bombenangriffe intensiviert.1) Bodentruppen sind ein Thema.2) Der Angriff auf Frankreich wird als europäischer Bündnisfall ausgelegt.3) Europa stellt sich gemeinsam dem sogenannten Islamischen Staat, dem Feind. Es wird von Krieg gesprochen.4) Eine erste und verständliche Reaktion ist der Ruf nach Rache, der sich nicht in der Politik aber in den Sozialen Netzwerken finden lässt.

Der deutsche Begriff „Rache“ leitet sich vom althochdeutschen Wort rahha ab, das soviel bedeutet wie „jagen, treiben“. Die Ausübung von Rache ist die Vergeltung einer als böse empfundenen Tat, durch die man Unrecht erfahren hat. Es ist meistens eine von Emotionen geleitete Handlung, die auch außerhalb des Rechtssystems geschehen kann. In der Bibel ist der hebräische Begriff נקם (gesprochen: nakam; auch נקמה, gesprochen: nekama), der üblicherweise mit „Rache“ übersetzt wird, jedoch ein Rechtsbegriff. Im Sinne der Vergeltung beschreibt er meistens die gerechte Strafe durch eine höhere Autorität, die Unrecht ausgleichen beziehungsweise aufheben soll. Es ist eine Utopie, dass Tun und Ergehen direkt miteinander zusammenhängen. Doch es ist ein hochgehaltener Anspruch, dass das Tun und Handeln Auswirkungen hat und zugleich eine Rückwirkung auf den Täter haben muss – im Guten wie im Bösen.

Ich will Vergeltung!

Gleich zu Beginn der Bibel findet sich im Munde Lamechs (ein Nachfahre Kains aus der fünften Generation) der Ruf nach Vergeltung:

Lamech sagte zu seinen Frauen: Ada und Zilla, hört auf meine Stimme, ihr Frauen Lamechs, lauscht meiner Rede! Ja, einen Mann erschlage ich für eine Wunde und einen Knaben für eine Strieme. Wird Kain siebenfach gerächt, dann Lamech siebenundsiebzigfach. Genesis 4,23-24

Die Verse zeichnen ein düsteres Bild: eine unverhältnismäßige Bestrafung, die selbst vor Kindern keine Gnade zeigt.5) Ein Beispiel für blutrünstige Rache. Wie Vers 24 zeigt, ist diese Unverhältnismäßigkeit keine fehlgeleitete menschliche Einstellung, sondern eine Steigerung der Vergeltungsandrohung Gottes im Falle Kains. Trotz Ermordung seines Bruders, stellt Gott Kain nach seiner Tat unter besonderen Schutz.6)

Darum soll jeder, der Kain erschlägt, siebenfacher Rache verfallen. Genesis 4,15

Während Lamech die Erlaubnis zur Rache auf der menschlichen Seite verortet, hebt Gott zuvor in der Erzählung um Kain die Logik der Vergeltung auf. Der Mörder selbst, der den Tod verdient hat, steht unter dem göttlichen Schutz. Dieser besteht in der Androhung von Vergeltung im Falle, dass jemand Kain – aufgrund seiner Tat – töten will, beziehungsweise töten wird.

Das Recht auf Vergeltung

Sowohl im Falle von Lamech als auch im Falle von Kain dient die Androhung von unverhältnismäßiger Vergeltung dem Schutz. Nachdem die Verdorbenheit der Menschheit zur Sintflut geführt hat, etabliert Gott das Prinzip, der verhältnismäßigen Blutrache:

Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut wird durch Menschen vergossen. Denn: Als Abbild Gottes hat er den Menschen gemacht. Genesis 9,6

Die Tötung eines Menschen wird als ein Akt gegen Gott ausgelegt. Der Täter hat sein eigenes Anrecht auf das Leben verwirkt, indem er ein anderes Leben zerstört. Gesetzlich geregelt wird dieses Prinzip im Buch Numeri: Die Tötung eines Mörders darf kein emotionaler Racheakt sein, sondern die Straffeststellung ist ein gesetzlich geregeltes Verfahren:

Wenn irgendjemand einen Menschen erschlägt, darf man den Mörder nur aufgrund von Zeugenaussagen töten; doch aufgrund der Aussage nur eines einzigen Zeugen darf man einen Menschen nicht töten. Numeri 35,30

Ein Mörder hat den Tod verdient, aber nur wenn seine Tat durch mindestens zwei Personen bezeugt werden kann. Das Verfahren soll gerecht zugehen. Aber wenn die Tat beweisbar ist, kennt das Gesetz im Buch Numeri keine Gnade:

Ihr sollt kein Sühnegeld annehmen für das Leben eines Mörders, der schuldig gesprochen und zum Tod verurteilt ist; denn er muss mit dem Tod bestraft werden. Numeri 35,31

Mit diesem Gesetz ist die Blutrache eindeutig geregelt und zugleich klar begrenzt. Aber dieses Gerechtigkeitsprinzip ist im Alten Testament umstritten. Darf ein Mensch einen anderen Menschen aufgrund dessen Tat töten? Im Buch Levitikus findet sich ein widersprechendes Gottesgebot:

An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr. Levitikus 19,18

Man kann exegetisch diskutieren, ob mit dem zweiten Teil des Verses das Racheverbot nur innerhalb des eigenen Volkes begrenzt wird oder es sich um ein umfassenderes Gebot handelt. Die Frage ist, ob man den Nächsten mit den „Kindern deines Volkes“ identifiziert, oder ob die Aufforderung zur Nächstenliebe die Volksgrenze überschreitet (z. B. den Fremden, der beim Volk lebt). In beiden Fällen wird das Racheverbot zugunsten der Nächstenliebe begrenzt.

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Justitia verweigert die abgeschlagenen Köpfe
(Cesare Beccaria, Dei delitti e delle pene)

Wer darf Vergeltung üben?

In anderen Bibelstellen findet sich die Übertragung der Rache auf Gott. Nicht der Mensch stellt die Gerechtigkeit her, sondern sie ist die Aufgabe Gottes. Gott ist der eigentliche Bluträcher:

Denn er [Gott], der jede Blutschuld rächt, denkt an die Armen und ihren Notschrei vergisst er nicht. Psalm 9,13

Gott ist der Beschützer und Rächer des Lebens. Selbst als Saul nach Davids Leben trachtet und droht ihn zu töten, ergreift David nicht die Chance Saul zuerst zu töten. Er legt vielmehr das Urteil über Leben und Tod in die Verantwortung Gottes und spricht zu Saul:

Der Herr soll zwischen mir und dir entscheiden. Der Herr soll mich an dir rächen; aber meine Hand wird dich nicht anrühren, wie das alte Sprichwort sagt: Von den Frevlern geht Frevel aus; aber meine Hand soll dich nicht anrühren. 1 Samuel 24,13

Auch in der Bibel sind Rache und Vergeltung ein schwieriges Thema. Die Autoren des Alten Testaments ringen selbst mit einer Antwort auf die Frage, ob eine solche menschliche Handlung gerecht sein kann.

Ja oder Nein?

In den prophetischen Büchern wird sowohl zur Vergeltung als auch zur Vergebung aufgerufen. Das Gotteswort gegen Babel im Buch Jeremia verlangt ausgleichende Vergeltung:

Schreit ihm [Babel] von allen Seiten den Kampfruf entgegen! Es muss sich ergeben, seine Säulen fallen, seine Mauern werden niedergerissen. Ja, das ist die Rache des Herrn. Nehmt Rache an Babel! Was es selber getan hat, das tut jetzt an ihm! Jeremia 50,15

Die Babylonier hatten den Tempel zerstört und haben das Volk Israel als Gefangene ins Exil geführt. Das erfahrene Leid schreit nach Gerechtigkeit, die von Gott verkündet wird. Der Untergang Babels wird angekündigt und dies wird keine alleinige Gottestat sein. Der Untergang Babels ist Gottes Vergeltung, die einhergeht mit der klaren göttlichen Aufforderung Vergeltung zu üben.

Im Buch Ezechiel hingegen wird ein anderes Gottesbild entworfen. Auch hier findet sich die klare Aussage Gottes, dass ein Mensch den Tod verdient haben kann:

Alle Menschenleben sind mein Eigentum, das Leben des Vaters ebenso wie das Leben des Sohnes, sie gehören mir. Nur wer sündigt, soll sterben. Ezechiel 18,4

In einem ersten Schritt schränkt der folgenden Text ein, dass Kinder nicht für die Sünden Ihrer Eltern verantwortlich sind. Es soll keine Generationen übergreifende Strafen geben. Danach geht der Text noch einen Schritt weiter. Aufbauend auf dem Prinzip des Tun-Ergehens-Zusammenhang heißt es:

Die Gerechtigkeit kommt nur dem Gerechten zugute und die Schuld lastet nur auf dem Schuldigen. Ezechiel 18,21

Schuld fällt auf den Schuldigen zurück. Aber es wird anerkannt, dass niemals jemand von seiner ganzen Person her schuldig sein kann. Niemand ist vollends böse:

Wenn der Schuldige sich von allen Sünden, die er getan hat, abwendet, auf alle meine Gesetze achtet und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, dann wird er bestimmt am Leben bleiben und nicht sterben. Ezechiel 18,22

Das Leben wird hier höher angerechnet als die Strafe. Umkehr und Einsicht sind die Möglichkeiten der Vermeidung der tödlichen Vergeltung. Dabei gilt, dass durch nichts die Tat rückgängig gemacht werden kann – aber Gott hinterfragt, ob der Tod des Täters die gewollte Reaktion sein kann:

Habe ich [Gott] etwa Gefallen am Tod des Schuldigen – Spruch Gottes, des Herrn – und nicht vielmehr daran, dass er seine bösen Wege verlässt und so am Leben bleibt? Ezechiel 18,23

Dem Todesurteil steht hier die Möglichkeit der Reue und Umkehr, sozusagen der Resozialisierung, gegenüber. Der Tod eines Mörders führt nicht zur Genugtuung. Gemäß dem Text muss es das eigentliche Ziel sein, das Leben des Täters zu retten, indem der Täter selbst seine Tat verurteilt.

Keine einfache Frage

Die Bibel kennt und fordert Rache und Vergeltung. Gott ruft zur Rache auf und zugleich begrenzt er sie. Das alttestamentliche Gesetz fordert einerseits die Todesstrafe für Mörder. Andererseits stellt sie der Blutrache das Konzept der Nächstenliebe entgegen. Einerseits wird das Recht auf Vergeltung in den Händen der Menschen verortet. Andererseits gehört sie allein in Gottes Machtbereich. Im Alten Testament zeigt sich eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit von Rache und Vergeltung. Hinter dieser Diskussion steht die Frage nach dem Zweck und dem Ziel. Diese biblischen Fragen stellen sich auch jetzt nach den Terroranschlägen: Ist tödliche Vergeltung gerecht? Oder ist Feindessliebe, die zur Abkehr vom Hass aufruft, die gerechte Art der Vergeltung?7)


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Bildnachweis

Titelbild: „Joukahainens Rache (1897)“ von Akseli Gallen-Kallela. Lizenziert unter CC0 1.0.

Bild im Textverlauf: „Darstellung aus Cesare Beccarias Buch ‘Dei delitti e delle pene’“ (1766). Lizenziert unter CC0 1.0.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Luftangriffe in Syrien: Frankreich zerstört 35 Stellungen des IS“, Spiegel Online, 19.11.2015 [Stand: 20. November 2015].
2. Debatte über Bodentruppen: Der schwierige Krieg gegen den IS“, Spiegel Online, Severin Weiland / Matthias Gebauer, Spiegel Online, 18.11.2015 [Stand: 20. November 2015].
3. Was der EU-Bündnisfall bedeutet“, Oliver Georgi, faz.net, 17.11.2015 [Stand: 20. November 2015].
4. Siehe auch die Einleitung zum Text „Gott mit uns“. http://www.dei-verbum.de/gott-ist-mit-uns/
5. Die Worte können auf eine zweifache Weise verstanden werden – je nach dem, wie man das in der Einheitsübersetzung mit „erschlagen“ übersetzte hebräische Wort versteht: Grammatikalisch handelt es sich um eine Perfektform (הָרַ֨גְתִּי֙ – gesprochen: haragti). Entsprechend der Grundbedeutung des Perfekts kann man den Satz im Sinne einer abgeschlossenen Handlung übersetzen: „Ja, einen Mann erschlug ich für eine Wunde und einen Knaben für eine Strieme.“ Grammatikalisch ist es aber auch möglich die vorliegende Form im Deutschen als eine allgemeine Aussage zu verstehen, die sich als Androhung liest: „Ja, einen Mann erschlage ich für eine Wunde und einen Knaben für eine Strieme.“
6. Vgl. die Auslegung der Kain-Abel-Erzählung in meinem Text „Miteinander“.
7. Vgl. zur neutestamentlichen Feindesliebe im Angesicht des Terror, den Text von Werner Kleine, „Gott ist mit uns!“; vgl. auch meinen Text zur Auslegung von Epheser 6Kämpfen für Gott“.
Weitere Beiträge:

4 Replies

  1. Das Thema Rache Vergeltung oder Feindesliebe, ist natürlich sehr interessant und in der Tat auch sehr aktuell. Nur in dem Kontext Islam und IS lässt sich das schwer bis gar nicht beantworten. Es gibt gar keine politische Pauschalfeindschaft bei der Rache ein angemessener Begriff wäre. In dieser Kategorie können ja nur Betroffene denken und handeln aber für die meisten Europäer, auch vielen Muslimen geht es vor allem um Schutz. Eine politische Sicht zu dem Thema kann man deshalb eher ausklammern da der Begriff einen Gefühlszustand beschreibt und die ethisch korrekte Antwort lautet: “Alles ist eine Frage der konkreten Situation.“ Grundsätzlich soll Gott über den Mensch richten und wir nicht übereinander, dass es aber Situationen gibt aus denen man heraus reagieren muss wenn man am Mensch sein nicht zerbrechen will steht dabei auf einem anderen Blatt. Rache als planender Vergeltungsakt wird eine Gewaltspirale in der Regel nicht durchbrechen und ist schon deshalb abzulehnen aber wer glaubt Jesus hätte als Bittsteller agiert dem wird wohl klar werden müssen das Jesus zwar Feindesliebe predigte, aber ja aus der situativen wortgewaltigen Überlegenheit heraus und nicht aufgrund einer Unterwürfigkeit, gegenüber den Despoten der damaligen Zeit. Im übertragenden Sinn muss man also erst einmal den eigenen Standpunkt definieren und verdeutlichen bevor man eine Integration von einer Irrlehre Predigt. Der katholischen Kirche täte dieses Bekenntnis sehr gut!

  2. “Rächt euch nicht selber, liebe Brüder, sondern lasst Raum für den Zorn (Gottes); denn in der Schrift steht: Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr. Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt. Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!” (Römerbrief 12,19-21; Zitate aus dem Alten Testament siehe Deuteronomium 32,35 und Sprichwörter 25,21-22).

    • In dem hier vorgelegten Text “Rache, Vergeltung oder Feindesliebe?” soll aufgezeigt werden, dass die Optionen (Rache, Vergeltung, Feindesliebe) im Alten Testament diskutiert werden. Das Alte Testament beinhaltet verschiedene Positionen, die der Bibelleser und die Bibelleserin abwägen können. Der Text möchte diese Diskussion dem Leser und der Leserin eröffnen. Weitere interessante Texte, die biblische Texte und Positionen behandelt, die im Angesicht des Terrors des sogenannten Islamischen Staates relevant sind, finde Sie z.B. hier:

      1.) “Gott ist mit uns! Biblische Reflexionen zum Weg Europas nach den Pariser Attentate” http://www.dei-verbum.de/gott-ist-mit-uns/

      2.) “Kämpfen für Gott, #BloodyFriday Die Terroranschläge des Islamischen Staates aus biblischer Perspektive betrachtet” http://www.dei-verbum.de/kaempfen-fuer-gott-bloodyfriday/

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