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Disput·Ethica·Res publica

Nein? Doch! Oh! Verschwörungen und Verschwörungsphantasien aus neutestamentlicher Perspektive


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Es sind Zeiten, in denen Menschen immer wieder An-, Ab- und Verstand verlieren. Ein Virus fordert das sich weise wähnende Wesen heraus. Wissenschaftlerinnen und Forscher tun alles, um das Virus namens SARS-CoV-2, seine pandemische Ausbreitung und seine pathogenen Wirkungen auf den menschlichen Organismus zu verstehen. Sie suchen nach Möglichkeiten der Eindämmung der Ausbreitung, Medikamenten zur Heilung und Impfstoffen zur Verhinderung von Infektionen. Wieder einmal sieht sich der Mensch, der sich gerne als Krone der Schöpfung wähnt, gezwungen, auf die evolutionären Potenzen derselben zu reagieren. Wieder einmal erweist er sich als König ohne Land, als Kaiser ohne Kleider als nackter Primat, dem die Komplexität der Natur schneller über den Kopf wächst, als ihm lieb ist. Der selbst aufgesetzten Krone bricht ein Zacken nach dem anderen heraus. Eigentlich müsste er neidlos anerkennen, dass er nicht über der Schöpfung steht, sondern mitten in ihr. Er müsste längst erkannt haben, dass er nur in der Schöpfung und mit den Mitteln der Schöpfung bestehen kann. Das aber lässt sein Selbstbild nicht zu. Und so sieht er sich gerne als Opfer finsterer Mächte, er konstruiert Geschichten, in denen er als reines und unschuldiges Wesen dunklen Machenschaften ausgeliefert ist. All das dient dem Anlass, das Offenkundige zu übersehen. Hauptsache das selbstgemachte Bild, das mental gephotoshopte Selfie bleibt erhalten. Und damit der vom Verlust des Selbstbildnisses bedroht Mensch sich seiner selbst immer wieder vergewissert, hält er sich dieses selbst gemachte Bild immer wieder vor Augen – mehr noch: er nagelt es auf ein mentales Brett, das er beständig vor dem Kopf trägt. Und weil Bretter dieser Art nun mal immer quer vor dem Kopf hängen, hält er sich in seiner Selbstüberhöhung für einen Querdenker, dem allein ungeheuerliche Kenntnisse zuteil wurden. Er sieht zwar nur ein Brett – aber das sieht eben nur er. Die anderen sind eben mit Blindheit geschlagen, dass sie sein Brett nicht sehen …

Querbrettler sind keine Querdenker

Dabei sehen es viele, die sich den Mut bewahrt haben, nicht quer-, sondern nachzudenken. Nur sehen sie eben Menschen mit Brettern vor Kopf. Der Mensch mit Brett vor dem Kopf sieht nur sein selbstgemachtes Bild von sich und seiner selbstgetöpferten Wirklichkeit. Alle und jeder, die das in Frage stellen, bedrohen nur dieses kleine Ich, das sich selbst als Opfer finsterer Mächte begreift. Verschwörer streben dann nach einer neuen Weltordnung, die die eigene Welt vernichten will. Keine Frage, dass man selbst auf der Seite der Guten steht – wer stellt sich schon selbst auf die Seite des Bösen. Und selbst, wenn man wie Martin Heidegger, der – obwohl Schüler des jüdischen Gelehrten Edmund Husserl und Freund des mit einer Jüdin verheirateten Karl Jaspers und Geliebter der jungen Jüdin Hannah Arendt – in die NSDAP eintrat und sich auf den Antisemitismus der Nationalsozialisten einließ, bei der ihm eigenen Denkkraft den eigenen Lebensirrtum zu erkennen und – wenn auch spät – zu bekennen im Stande sein müsste, finden selbst hochintellektuelle Persönlichkeiten immer noch ein Brettchen, das das eigene Brett vor dem Kopf stabilisiert. Statt sich der eigenen Schuld und dem eigenen Versagen zu stellen, erklärte Heidegger sich selbst zu einem verführten Opfer der Nationalsozialisten und stellte dem Schriftsteller Ernst Jünger gegenüber sogar fest,

„er werde sich erst dann für seine Nazi-Vergangenheit entschuldigen, wenn zuvor Hitler wiederauferstehen und sich bei ihm entschuldigen würde“1).

Querbrettler sind halt immer Opfer, vorzugsweise Opfer von Verschwörungen. Was man sich da freilich zusammenphantasiert – angefangen von Q-Anon über die Chip-Taktik eines Bill Gates und natürlich immer wieder das Weltjudentum, das in Personen wie George Soros oder den Rothschilds kulminiert – ist zwar bar jeder objektiven Belegung. Das stört aber Querbrettler nicht, deren Erkenntnishorizont eben selbst bei herausragenden intellektuellen Fähigkeiten durch das Brett vor dem Kopf beschränkt ist. Es zählt eben nur, was man dort sehen kann und das ist nicht viel. Jede Horizonterweiterung hingegen bedeutet eine Gefahr. Man versuche einmal, jemandem das Brett vom Kopf zu reißen. Das verursacht Wunden und Schmerzen. Das will man doch nicht. Lieber bleibt man da im eigenen gedanklichen Käfig, den man sich ja noch selbst zurecht gezimmert hat, gefangen. Es ist in der Regel rational nicht möglich, Verschwörungsphantasten von der Realität zu überzeugen. Darin ähneln sie Menschen mit Wahnvorstellungen. Das bedeutet, dass jede und jeder, der nur ansatzweise daran geht, Löcher in die Bretter vor den Köpfen zu bohren, Teil der Verschwörungserzählungen wird. Das System ist in sich konsistent: Hier die Guten, die anderen sind die Bösen – und das Böse gehört vernichtet. Die Welt ist einfach, zweidimensional und horizontarm – und man selbst ist immer das arme Opfer. Dabei ist

„sich als Opfer zu definieren (…) ein Bestreiten dessen, was uns zu Menschen macht“2).

Der Mensch selbst ist das Wesen, das die göttliche Fähigkeit der Erkenntnis von Gut und Böse erlangt hat (vgl. Genesis 3,22). Dadurch ist er ermächtigt, sein eigenes Leben mündig und erwachsen zu gestalten – so wie es der Autor des Hebräerbriefes von der adressierten Gemeinde verlangt:

Obwohl ihr der Zeit nach schon Lehrer sein müsstet, braucht ihr von Neuem einen, der euch in den Anfangsgründen der Worte Gottes unterweist; und ihr seid solche geworden, die Milch nötig haben, nicht feste Speise. Denn jeder, der noch mit Milch genährt wird, ist unerfahren im richtigen Reden; er ist ja ein unmündiges Kind; feste Speise aber ist für Erwachsene, deren Sinne durch Gebrauch geübt sind, Gut und Böse zu unterscheiden. Hebräer 5,12-14

Der Mensch ist ermächtigt

Der Mensch selbst ist also nie Opfer des Bösen oder einfach der Umstände. Er ist an sich auch weder gut oder böse. Er trägt die göttliche Erkenntnisfähigkeit von Gut und Böse in sich und die Potenz, aus der Erkenntnis, Handlungen abzuleiten. In diesem Sinn ist der Mensch ein ermächtigtes Wesen. Er sieht sich den Herausforderungen des Lebens gegen ausgesetzt. Aber er hat die Fähigkeit, diesen Herausforderungen mit Verstand und Tatkraft zu begegnen. Wer sich hier vorschnell zum Opfer stilisiert und in dieser Selbstviktimisierung Verschwörungserzählungen hingibt, verzwergt sich nicht nur selbst – mit allzu oft gleichzeitig einhergehenden Vernichtungsphantasien den eingebildeten Bedrohern gegenüber, die man in der Geschichte der Menschheit immer wieder tod- und unheilbringend Wirklichkeit werden ließ. Es reicht deshalb nicht, ängstlichen Querbrettlern zuzuhören und Verschwörungsphantasmen damit abzutun, es würde sich hier nur um ein Minderheitenphänomen handeln. Die Geschichte der Menschheit zeigt immer wieder, welche destruktive Kraft solchen Verschwörungserzählungen innewohnt: ein fiktiver Brief eines Priesterkönigs Johannes beschleunigt den zweiten Kreuzzug, die gefälschten Protokolle der Weisen von Zion beflügeln einen Antisemitismus, der seinen Höhepunkt in den Vernichtungslagern von Auschwitz findet, bis heute aber wirksam ist und nicht zuletzt in diversen Verschwörungsphantasmen zur Erklärung der Corona-Pandemie fröhlich Urständ feiert, die dann als Werk des „Weltjudentums“ – was immer das auch sein soll – erscheint; gefakte Bilder nie gefundener Massenvernichtungswaffen werden zum Anlass des Irakkrieges von 2003 und die Fakenews vom „Pizzagate“ haben nicht nur die us-amerikanische Präsidentschaftswahl von 2016 maßgeblich beeinflusst, sondern ist immer noch im Denken vieler zerebraler Holzenthusiasten lebendig. So behauptete der als Popsänger sicher über eine entsprechende fachliche Expertise verfügende Robbie Williams laut Spiegel online „Pizzagate“ nicht für widerlegt3). So ist das Brett vor dem Kopf, es ruft nach Beweisen für etwas, das nicht da ist. Schlimmer noch: Die Nichtexistenz von Beweisen für Nichtexistentes wird im Sinn der doppelten Verneinung als Indiz auf dessen Existenz verschwurbelt … da hilft dann wohl wirklich nur noch beten …

Gestolpert? Hinschauen!

Das ist das Prinzip von Verschwörungserzählungen: Sie säen Misstrauen in die reale Erfahrungswelt, sie streuen Sand in das Getriebe der Verarbeitung eigener Wahrnehmungen im zerebralen Kortex4), so dass das im Menschen angelegte Warnsystem für Denkfehler, das einen eigentlich stolpern und genauer hinschauen lassen sollte, außer Kraft setzt. Exegetinnen und Ausleger kennen das, wenn schwierige Textstellen glattpoliert, Stolperfallen wegerklärt oder einfach übersprungen werden. So kann man im Vaterunser doch nicht darum bitten, Gott, der Vater möge bitte nicht in Versuchung führen5). Man übersetzt einen eigentlich eindeutigen Text dann einfach nach eigenem Gutdünken. Wenn selbst Päpste das so machen – warum sollte man selbst nachdenken und um den tieferen Sinn eines Textes, über den man gestolpert ist, ringend nachdenken?

Man schaut nicht mehr hin, wenn man stolpert. Man biegt die Wirklichkeit zurecht. Und genau das findet sich immer wieder auch in der Bibel. Der am Kreuz Gestorbene soll auferstanden sein. So erfahren es zuerst Maria von Magdala und etwas später die elf verbliebenen Apostel und anderer Jüngerinnen und Jünger. Sie müssen es, glaubt man den Erzählungen des Evangelisten Lukas, schon am ersten Tag der Woche, am dritten Tag nach dem Kreuzestod Jesu, erfahren haben. Schließlich heißt es in der Erzählung von den beiden Emmausjüngern:

Und siehe, am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. Und es geschah, während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus selbst hinzu und ging mit ihnen. Doch ihre Augen waren gehalten, sodass sie ihn nicht erkannten. Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen und der eine von ihnen – er hieß Kleopas – antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als Einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Lukas 24,13-18

Die Apostel als Verschwörertruppe?

Der kurze Textabschnitt ist erhellend. Die Tatsache, dass einer von den beiden, mit Namen (Kleopas) genannt wird, hebt die Erzählung aus der Beliebigkeit. Einer der Zeugen hat einen Namen. Er ist identifizierbar. In Johannes 19,25 wird eine Maria, die Frau des Klopas, erwähnt. Ob es sich dabei um dieselbe Person handelt, ist nicht ganz klar. Sollte das so sein, würde das nur verstärken, dass es sich – so oder so – bei dem in Lukas 24,18 erwähnten Kleopas um eine bekannte Persönlichkeit handelt, der Zeugnis Gewicht hat. Dabei ist er selbst (noch!) nicht Zeuge des vom Kreuzestod Auferstandenen. Er wird das mit seinem Gefährten werden, wenn sich der (noch!) unbekannte Weggefährte durch das Brechen des Brotes und den gesprochenen Lobpreis offenbaren wird (siehe Lukas 24,30). Im hier gegebenen Zusammenhang ist der Hinweis bedeutender, dass er den noch Unbekannten fragt, ob er als Einziger nicht weiß, was in Jerusalem geschehen ist. Es gibt also eine Nachricht, die eigentlich jeder in Jerusalem weiß. Wohl wie ein Lauffeuer hat sich eine Nachricht verbreitet, nämlich:

Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk. Doch unsere Hohepriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen. Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist. Doch auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab, fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe. Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht. Lukas 24,19-24

Es liegt also nahe, dass eine solch sensationelle Nachricht – die Auferstehung eines Gekreuzigten – auch die Gegner des Gekreuzigten, insbesondere jene, die seinen Tod betrieben haben, erreicht. Auch ihrem Handeln liegt schließlich ein verschwörerisches Konzept zugrunde, dass sich in einem Satz zusammenfassen lässt:

Es ist besser für euch, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht. Johannes 11,50

Wie werden sie reagiert haben, als sich die Nachricht von der Auferstehung des Gekreuzigten verbreitete. Sie werden es für ein Gerücht gehalten haben, eine Phantasie – und sie werden nach Beweisen für den Unsinn dieses Gerüchtes gesucht haben. Der Beweis schlechthin wäre ein volles Grab gewesen. Der Leichnam eines Gekreuzigten sollte Beweis genug für den Unsinn seiner behaupteten Auferstehung sein. Aber das Grab war wohl leer. Was aber beweist die Nichtexistenz eines Leichnams? Erst einmal nichts. Die Begegnung mit dem Auferstandenen ist lebensverändernd. Auch ohne diese Erfahrung bleibt in Ermangelung eines Gegenbeweises das Gerücht virulent. Es braucht also eine plausible Begründung. Wie immer in solchen Fällen wird eine Verschwörung konstatiert und kolportiert, deren Echo noch im Matthäusevangelium zu greifen ist:

Noch während die Frauen unterwegs waren, siehe, da kamen einige von den Wächtern in die Stadt und berichteten den Hohepriestern alles, was geschehen war. Diese fassten gemeinsam mit den Ältesten den Beschluss, die Soldaten zu bestechen. Sie gaben ihnen viel Geld und sagten: Erzählt den Leuten: Seine Jünger sind bei Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, während wir schliefen. Falls der Statthalter davon hört, werden wir ihn beschwichtigen und dafür sorgen, dass ihr nichts zu befürchten habt. Die Soldaten nahmen das Geld und machten alles so, wie man es ihnen gesagt hatte. Und dieses Gerücht verbreitete sich bei den Juden bis heute. Matthäus 28,11-15

Der Fluch der Dialektik

Die Jünger Jesu werden als Verschwörer dargestellt. Das ist ein wirksames Narrativ. Es liegt ja nahe, dass die Jünger den Leichnam einfach entfernen. Allein die Tatsache, dass der Leichnam schon kurz nach der Kreuzigung für ein ehrenvolles Begräbnis zur Verfügung stand, konnte nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Da war doch sicher Bestechung im Spiel. Und überhaupt: Was war das für eine Truppe … waffentragende Fischer aus Galiläa – einer von ihnen soll ja sogar bei der Verhaftung Jesu zum Schwert gegriffen haben –, zwei – die Zebedäussöhne – die sich durch ihren feurigen Eifer hervortaten und deshalb selbst von Jesus als „Donnersöhne“ bezeichnet wurden (siehe Markus 3,17) und der eine, der sich nicht zu schade war, für Geld den eigenen Anführer zu verraten. Denen ist doch alles zuzutrauen. Für Geld machen die wohl alles. Sie werden wohl ihren Profit aus der sogenannten „Auferstehung“ schlagen wollen, wenigstens aber weiter Unruhe stiften …

Die Tatsache, dass der Evangelist Matthäus etwa um das Jahr 80 n.d.Z. immer noch auf ein solches Gerücht reagieren und dessen Existenz begründen muss, zeigt einmal mehr, wie langlebig Verschwörungsphantasien sind – insbesondere jene, die Beweise für die Nichtexistenz von Nichtexistentem fordern. Sie zeigt aber noch mehr – die Dialektik von Verschwörungsphantasmen. Die entstehen nämlich, in dem Personen sich zum Erzählen eines Verschwörungsnarrativs verschwören. Das der eigentliche Trick, über den Theodor W. Adorno in seinem berühmten Vortrag „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ bereits 1967 feststellt:

„Schließlich sollte man die Tricks, von denen ich gesprochen habe, dingfest machen, ihnen sehr drastische Namen geben, sie genau beschreiben, ihre Implikationen beschreiben und gewissermaßen versuchen, dadurch die Massen gegen diese Tricks zu impfen, denn schließlich will niemand ein Dummer sein.“6)

Aufklärung tut also Not. Und wie notwendig die ist, wird auch Paulus erkannt haben, als er in der korinthischen Gemeinde mit Zweifeln an der den Verstand herausfordernden Behauptung, der Gekreuzigte sei auferstanden, konfrontiert wird. Wie aber beweist man bei Nichtexistenz eigener Erfahrungen eine solche These? Mit Zeugen!

Glaubwürdigkeit ist Trumpf!

In 1 Korinther 15,1-8 führt Paulus in einem bestechenden Gedankengang die Sinnhaftigkeit und Vernünftigkeit des Glaubens an die Auferstehung des Gekreuzigten vor Augen. Dabei wendet er durchaus auch eine dialektische Methode an, wenn er die Korinther ihr eigenes Denken und Handeln vor Augen führt:

Ich erinnere euch, Brüder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet werden, wenn ihr festhaltet an dem Wort, das ich euch verkündet habe, es sei denn, ihr hättet den Glauben unüberlegt angenommen. 1 Korinther 15,1-2

Niemand will in seinem solchen Zusammenhang, um es mit Theodor W. Adorno zu sagen, der Dumme sein. Was aber ist der glauben, den sie eben überlegt und mit Verstand angenommen haben:

Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift. 1 Korinther 15,3-4

Und genau da ist die These, die Auferstehung des Gekreuzigten, die eines Beweises bedarf, der sich eben der Vernunft und dem Verstand erschließt – nicht als Gerücht, sondern als echte Erkenntnis. Dabei beinhaltet die These selbst schon ein erstes Argument – den Hinweis auf die Schrift. Die aber ist oft ambivalent und vieldeutig. Sie bedarf der Interpretation. Deshalb fügt Paulus Zeugen an – und bei denen muss er auf Glaubwürdigkeit achten. Nach damaligem Recht genügte das übereinstimmende Zeugnis von zehn Gerechten, um eine Sacha als bewiesen zu betrachten. Paulus aber führt im Folgenden sogar über 513 Zeugen auf – und das hat einen Grund. Der Auferstandene

erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Zuletzt erschien er auch mir, gleichsam der Missgeburt. 1 Korinther 15,5-8

Zweimal tauchen in dieser Liste die Zwölf auf, wobei erstaunlich ist, dass die Abwesenheit des Judas Ischarioth unbeachtet bleibt. Paulus rekurriert wohl auf den wiederhergestellten Zwölferkreis (vgl. hierzu Apostelgeschichte 1,15-26), der zweifellos hohe Autorität hatte. Zweimal erwähnt er zusätzlich herausragende Führungspersönlichkeiten – beim ersten Mal Kephas (das ist der hebräische Name für Petrus) und beim zweiten Mal Jakobus. Eigentlich wäre damit doch nicht nur das Quorum der geforderten zehn Gerechten erreicht, sondern zusätzlich die hohe Autorität des Zwölferkreises in Anschlag gebracht. Aber es gab eben wohl jene Gerüchte, auf die auch Matthäus 28,11-15 rekurriert. Die waren eben nicht aus der Welt. Deshalb braucht es weitere, unverdächtige Zeuginnen oder Zeugen. Klar: Paulus beansprucht für sich selbst, ein solcher Zeuge zu sein, ist ihm doch vor Damaskus der Auferstandene persönlich erschienen. Aber was zählt ein Selbstzeugnis der Art: „Ich kann bezeugen, dass ich Recht habe!“ – Zirkelschlüsse dieser Art sind zwar irgendwie unfehlbar, aber immer auch schwierig …

Deshalb erwähnt Paulus die über 500 Brüder, denen der Auferstandene zugleich erschienen ist. Das ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert: Über 500 Personen können keine Halluzinationen haben. Mehr noch: Über 500 Personen können sich nicht verschwören. Irgendjemand würde immer plaudern. Es ist wie mit Ernie aus der Sesamstraße, der vor Stolz platzt, wenn man ihm ein Geheimnis anvertraut. Selbst Kardinäle sind davor ja nicht gefeit – wie sonst könnte es sein, dass aus dem Konklave des Jahres 2013 berichtet wird, der neugewählte Papst Franziskus habe in der Tränenkammer gesagt, die Zeit der Karnevaliade sei vorbei. Nicht nur, dass aus einem Konklave eigentlich nichts nach draußen dringen sollte … es gibt auch viele „authentische“ und kardinalsverbürgte Varianten dieser Begebenheit, bis hin zu der Erklärung, diese Szene habe es nie gegeben. Man merkt also, wie bedeutsam die Erwähnung der über 500 Brüder bei Paulus ist, von denen eben einige zwar schon gestorben, die meisten aber noch am Leben sind. Für Paulus ist klar: Wenn ihr mir nicht glaubt und auch nicht den Zwölfen, die durch eine Verschwörungserzählung belastet sind, dann fragt eben die von den über 500 Brüdern, die durch die schiere Masse neutral und glaubwürdig sind. Bei einer solche Menge Personen könnte es nicht geheim bleiben, wenn es verschwörerische Absprachen gäbe …

Aufgeflogen ...

Das allein vergessen viele Querbrettler und Verschwörungserzählerinnen gerne – die Verschwörer fliegen früher oder später auf. Dabei ist es unerheblich, wie edel und hehr oder wie verwerflich ihre Ziele waren. Diese Gefahr ist umso größer, je größer die Gruppe der Verschwörer sein soll. Eine neue Weltordnung etwa müsste ja eine gigantische Zahl an Personen umfassen. Wie aber sollen Regierungen, die sich sonst noch nicht einmal einigen können, wie der Warenhandel organisiert oder dem Klimawandel begegnet werden kann, nun ausgerechnet bei einer neuen Weltordnung einig sein. Aber klar: Wenn die eigene Weltsicht schon wenige Zentimeter vor dem frontalen Stirnlappen auf Holz trifft ist natürlich alles möglich … Selbst der Tod Jesu soll ja arrangiert gewesen sein. War dieser Judas Ischarioth wirklich ein schnöder Verräter, der zur eigenen Bereicherung seinen Herrn an die Gegner verrät und ihn so dem Tod überliefert? Die Synoptiker jedenfalls lasse kein gutes Haar an ihm. Übereinstimmend sehen sie ihn negativ als προδότης (gesprochen: prodótes), als Verräter (vgl. Lk 6,16). Dabei ist bei den Synoptikern völlig unklar, wodurch sein Verrat motiviert ist:

Judas Iskariot, einer der Zwölf, ging zu den Hohepriestern. Er wollte Jesus an sie ausliefern. Als sie das hörten, freuten sie sich und versprachen, ihm Geld dafür zu geben. Von da an suchte er nach einer günstigen Gelegenheit, ihn auszuliefern. Markus 14,10-11

Judas verlangt nichts für den Verrat. Erst die Hohenpriester bieten ihm etwas an. Was steckt dahinter?

Tatsächlich scheint der Plan des Judas Ischarioth schon vor seiner Vollendung aufgeflogen zu sein. Noch am Tisch des letzten Abendmahles wird Jesus ihn auffliegen lassen. Was aber war das Ziel des Judas, einen Mannes, der offenkundig in besonderer Weise das Vertrauen Jesu besaß und nicht nur die Kasse der Bewegung verwaltete (vgl. Johannes 12,6) sondern beim letzten Abendmahl offenkundig auch den Ehrenplatz des engsten Vertrauten einnahm. Es war üblich, dass man zu Tisch lag – und zwar auf dem linken Arm, um sich mit der rechten Essen und Becher nehmen zu können. Laut Johannes 13,23 lag an der Seite Jesu – also rechts – der Jünger, den Jesus liebt. Gleichzeitig betonen die Evangelisten, dass der Verräter daran zu erkennen ist, dass er gleichzeitig mit Jesus sein Brot eintaucht (vgl. Markus 14,20 parr sowie Johannes 13,26). Das geht nur, wenn Judas auf der linken Seite Jesu lag – und das ist, weil man dem dort Liegenden wehrlos den Rücken zuwendet, der Ehrenplatz des engsten Vertrauens. Ist es möglich, dass ein so enger Vertrauter einen Verrat begeht?

Dialektisches bleibt ambivalent

Amos Oz, der große israelische Schriftsteller, spürt diese Ambivalenz und gibt ihr Raum7). Er erzählt eine mögliche Variante, der zufolge Judas seinem engen Freund Jesus einflüstert, Gott werde ihn aus dem Tod retten, mehr noch: ihn selbst vom Kreuz holen. Wie sehr hat er dann wohl gelitten, als Jesus am Kreuz stirbt – und in diesem persönlichen Scheitern dann die eigentliche Auferstehung nicht mehr erfahren. Das ist eine denkbare Variante.

Eine andere vertritt der Autor dieses Beitrages, der in Judas einen Eiferer sieht, dem das Kommen des Reiches Gottes nicht schnell genug geht. Durch den Verrat will er seinen Herrn zwingen, endlich zu handeln. Und tatsächlich: Als es zur Verhaftung kommt, stehen die Jünger schwertzückend bereit:

Simon Petrus, der ein Schwert bei sich hatte, zog es, traf damit den Diener des Hohepriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab; der Diener aber hieß Malchus. Johannes 18,10

Aber auch sie müssen sich belehren lassen – der Plan ist gescheitert:

Da sagte Jesus zu Petrus: Steck das Schwert in die Scheide! Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat – soll ich ihn nicht trinken? Johannes 18,11

Die „Verschwörung“ der Jünger hinter dem Rücken Jesu flöge dann auf und es bleibt nur Flucht und Verleugnung. An die Auferstehung des Gekreuzigten kann noch niemand glauben.

Eine dritte Variante deutet sich im Johannesevangelium an, wenn Jesus zu Judas sagt:

Was du tun willst, das tue bald! Johannes 13,27

Steckt dahinter möglicherweise ein Auftrag Jesu selbst? Das würde zur Darstellung des Johannes passen, nach der Jesus sein Leiden und Sterben in höchster Souveränität gestaltet. Hier wird er nicht gekreuzigt, es scheint vielmehr, als besteige er das Kreuz, an dem er erhöht wird.

Im Namen des Herrn: Klärt auf!

Sie sehen, liebe Leserin und lieber Leser, die Wirklichkeit ist komplex. Selbst die Motive eines Verräters sind ambivalent und vielschichtig. Sollte es sich dabei wirklich um eine plumpe Verschwörung gehandelt haben, sie wäre aufgeflogen, bevor sie zur Vollendung gelangt.

Und das leere Grab? Das war wohl wirklich leer. Es bedurfte schon einer Verschwörungserzählung, um Zweifel zu säen. Die Kraft der Zeugen und ihr Lebensbeispiel aber waren stärker. Niemand würde für eine fiktive Idee sein Leben geben. Für eine auf echter Erfahrung beruhender Gewissheit schon. Dass die ersten Zeuginnen und Zeugen bei aller menschlichen Schwäche genau hier standhaft waren und auch im Angesicht des Todes nicht umgefallen sind, ist wohl das stärkste Zeugnis für die Echtheit ihrer Erfahrungen. Bis auf den heutigen Tag steht Christinnen und Christen deshalb die alte Verheißung des Auferstandenen vor Augen, die gegen alle Verschwörungsphantasien gilt:

Siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt. Matthäus 28,20

Maulhelden gibt es zu allen Zeiten genug, Trickserinnen auch. Vielleicht reicht es ja schon, manches quer befestigte Brett um 90° zu drehen – dann wird der Blick schon ein wenig freier und der wahre Horizont kommt wieder in Sicht.

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Bildnachweis

Titelbild: Holzbrett (Wolfgang Eckert) – Quelle: Pixabay – lizenziert mit Pixabay-Lizenz.

Video 1: Florian Schroeder: Wahrheit – Freiheit – Satire (8.8.2020) – Quelle: Youtube – lizenziert mit Youtube-Standard-Lizenz.

Video 2: Kath 2:30 – Episode 18: Der Judaskuss (Katholische Citykirche Wuppertal/Christoph Schönbach) – Quelle: Vimeo – alle Rechte vorbehalten.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Michael Blume, Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können, Ostfildern 2020, S. 57
2. Jonathan Sacks, Not in God’s Name. Confronting Religious Violence, Freiburg im Br. 2015, S. 196 (zitiert nach Michael Blume, Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können, Ostfildern 2020, S. 7).
3. Vgl. hierzu Spiegel online, Robbie Williams hält “Pizzagate” nicht für widerlegt, 26.6.2020, Quelle: https://www.spiegel.de/kultur/musik/robbie-williams-haelt-pizzagate-nicht-fuer-widerlegt-a-cc3e47c2-dfaf-427c-ba3f-845997bc3712 [Stand: 16. August 2020].
4. Vgl. hierzu sehr schön die Ausführungen von Michael Blume, Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können, Ostfildern 2020, S. 80-100.
5. Vgl. hierzu Werner Kleine, Gestolpert? Hinschauen!. Betrachtungen zur sechsten Bitte im Vater-Unser „Und führe uns nicht in Versuchung“, Dei Verbum, 1.8.2017, Quelle: https://www.dei-verbum.de/gestolpert-hinschauen/ [Stand: 16. August 2020].
6. Theodor W. Adorno, Aspekte des neuen Rechtsradikalismus, Berlin 2019, S. 54.
7. Siehe hierzu Amos Oz, Jesus und Judas. Ein Zwischenruf, Ostfildern 2018, insbesondere S. 35-40.
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