Kapitel
Ecclesiastica

Die Kirchensteuer – kein biblisches Konzept Vom Hingehen, Darbringen und Freuen

Mit Rabatten locken Geschäfte ihre Kunden zum Kauf. Gilt diese Marktstrategie auch für Kirchen? Dieser Meinung scheint zumindest die Evangelische Kirche Deutschlands zu sein. Ihr Ratsvorsitzender berichtete vergangene Woche über interne Überlegungen, „ob es vernünftig ist, für die Gruppe der Berufseinsteiger mit der Kirchensteuer eventuell noch zu warten oder sie zu reduzieren”. Generell sei eine größere Flexibilität notwendig, um „bei der Kirchensteuer Rücksicht auf bestimmte Lebenssituationen zu nehmen, die das Kirchenrecht bisher nicht vorsieht, die menschlich aber nachvollziehbar sind” 1). Dieser Idee liegt die Annahme zugrunde, der Hauptbeweggrund für einen Kirchenaustritt sei finanziell. Dagegen erklärt der Religionssoziologe Detlef Pollack: „Dass die Kirchensteuerersparnis das entscheidende Motiv für Kirchenaustritte sei, wird zwar immer wieder behauptet, trifft aber nach unseren Befunden nicht zu.” Die eigentlichen Gründe, warum Menschen den Kirchen ihren Rücken zuwenden, lägen vielmehr „in religiöser Indifferenz, also in der Gleichgültigkeit gegenüber den zentralen kirchlichen Anliegen, sowie in einem Misstrauen gegenüber der kirchlichen Institution, der man keine Glaubwürdigkeit zubilligt”2).

Ohne Zweifel ist der durch den Staat eingetriebene Beitrag der Mitglieder für ihre Kirche eine Gewähr für die Stabilität der kirchlichen Einnahmen und bietet so finanzielle Planungssicherheit – aber was hat das noch mit Kirche oder gar persönlicher Beziehung zu tun?

Beitrag zum Glaubensfest

Schon das Alte Testament kennt eine Abgabe zu kultischen wie politischen Zwecken: den sogenannten Zehnten. So wird zum Beispiel im Buch Deuteronomium verfügt:

Nach seiner Wohnung [das ist der Tempel] sollt ihr fragen und dorthin sollst du ziehen. Dorthin sollt ihr eure Brandopfertiere und Schlachtopfertiere bringen, eure Zehnten und das Hebeopfer eurer Hand, was ihr dem HERRN gelobt habt und was ihr freiwillig gebt, und die Erstlinge eurer Rinder, Schafe und Ziegen. Deuteronomium 12,5-6

Dieser Zehnte der Ernte und des Viehs wurde nicht eingetrieben, sondern wurde von den Gebenden zum Heiligtum gebracht werden – denn er diente als Dank für die Gaben Gottes. Der Zehnte ist im eigentlichen Sinn keine Abgabe3), sondern ein Beitrag zu einem Glaubensfest.

Auch darfst du in deinen Stadtbereichen nicht den Zehnten von Korn, Wein und Öl verzehren, die Erstlinge von Rindern, Schafen und Ziegen, alle Gaben, die du dem Herrn gelobt hast, die freiwilligen Gaben und das Hebeopfer deiner Hand. Vor dem HERRN, deinem Gott, sollst du sie verzehren, an der Stätte, die der HERR, dein Gott, auswählen wird – du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin sowie die Leviten, die in deinen Stadtbereichen Wohnrecht haben – , und du sollst vor dem HERRN, deinem Gott, fröhlich sein und dich freuen über alles, was deine Hände geschafft haben. Deuteronomium 12,17-18

Im Angesicht des Kirchensteuersystems wirkt es wie eine Utopie, dass die Gläubigen ihren Beitrag nicht passiv von ihrem Einkommen abgezogen bekommen – ohne dies vielleicht zu beachten –, sondern ihre Gabe zum Heiligen Ort bringen und sich daran mit der Gemeinschaft der Gläubigen erfreuen. Die Kirchen hätten wahrscheinlich weniger Geld – aber sollte uns nicht ein Glaubensfest lieber sein als eine Ansammlung von Karteileichen? Und mal ganz ehrlich: Die Türen der Kirche Gottes stehen auch denjenigen offen, die keine Kirchensteuer bezahlen – und Evangelisation findet in der Beziehung statt und nicht dadurch, dass der Staat Geld für die Kirchen eintreibt.

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Bildnachweis

Titelbild: Evangelische Kirche in Mühlbach (Eppingen), Klingelbeutel, fotografiert von G. Freihalter – Lizenz: CC BY-SA 3.0 .

Einzelnachweis   [ + ]

1. Reform der Kirchensteuer?“, Domradio, 03.08.2020.
2. Kirchensteuer-Rabatt für Berufsanfänger?“, Kirche+Leben, 09.08.2020.
3. Nur alle drei Jahre ist der Zehnte im strikten Sinne eine Abgabe – jedoch nicht an den Tempel, sondern direkt an die kommunale Verwaltung, um die Armen und Bedürftigen zu versorgen – siehe Deuteronomium 14,28-29: „In jedem dritten Jahr sollst du den ganzen Zehnten deiner Jahresernte in deinen Stadtbereichen abliefern und einlagern und die Leviten, die ja nicht wie du Landanteil und Erbbesitz haben, die Fremden, die Waisen und die Witwen, die in deinen Stadtbereichen wohnen, können kommen, essen und satt werden, damit der HERR, dein Gott, dich stets segnet bei der Arbeit, die deine Hände tun.
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