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Ecclesiastica·Exegetica

Es muss wieder gewartet werden Gedanken eines Neutestamentlers über eine Kirche zwischen Ist und Soll


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Analog-archaisch konditioniert surft der moderne Zeitgenosse auf den Bits und Bytes digitaler Datenhighways. Was auf jeder Autobahn zu beobachten ist, prägt auch das virtuelle Verhalten. Der Mensch kann eben nicht aus seiner Haut. Bei einem Unfall muss man einfach hinschauen – und schon ist der Stau da. Niemand bremst auf Autobahnen für eine schöne Aussicht. Das Grauen hingegen muss sofort fotografiert und in die sogenannten „sozialen“ Netzwerke gepostet werden. Dort stauen sich dann die echten News in den filtergebubbleten Timelines hinter abwegigen Absurditäten und Abseitigkeiten, deren faktische Relevanz meist zu vernachlässigen ist. Gerade kirchlich engagierte Zeitgenossen scheinen anfällig für dieses Phänomen des digitalen Gaffens zu sein – auch wenn die Wahrnehmung des Autors dieses Beitrages hier durch den Algorithmus der eigenen Echokammern durchaus vernebelt worden sein kann … Faktisch jedenfalls war das wieder einmal nach der Veröffentlichung des Glaubensmanifestes1), erst Recht aber nach einem Spiegel-Interview2) des ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Kardinal Müller zu beobachten, in dem er sich über die Schöpfungsordnung Gottes äußert, als sei er bei der Planerstellung des Vaters und der Ausführung durch den Sohn, durch den ja bekanntermaßen alles geschaffen ist, persönlich dabei gewesen. Gehorsam, wie selbst progressive Katholikinnen und Katholiken sind, schwillt die einem ganz eigenen Reiz-Reaktions-Schema folgende Protestwelle jener an, die die Kirche für die Erfordernisse der Neuzeit geöffnet sehen wollen, während andere das Gleichgewicht des Universums durch ebenso reiz-reaktive Huldigungen dem Autor gegenüber als wahren Bewahrer der Catholica und Restitutor der Tradition wiederherstellen. Nichts Neues in der Kirche des Westens also. Da hilft es auch nichts, wenn besonnene Mahner wie der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller angesichts des digitalen Entsetzens speziell über das Interview in einem leider nur für „Freunde“ sichtbaren Facebookposting vom 16. Februar 2019 bittet, mit dem Weiterverbreiten durch Posten einfach aufzuhören und etwaige Absonderlichkeiten ehemaliger kirchlicher Würdenträger ohne aktuelle Relevanz für Theologie und Lehre doch einfach zu ignorieren.

Zu Sand zerschründet

Kennzeichnet Gerhard Ludwig Kardinal Müller seine Äußerungen über die mangelnde Gottgewolltheit Homosexueller wenigstens noch als eigene Meinung, deren freie Äußerung man bisweilen auch einfach nur ertragen muss, versucht er sich in seinem Glaubensmanifest hin und wieder auch an einer biblischen Argumentation. Freilich – und darauf mach der Münchener Neutestamentler in einem lesenswerten Beitrag in seinem Blog „Lectio brevior“ aufmerksam – erinnert

„die Art und Weise, in der das geschieht, (…) an Verfahren, die man als ‚Steinbruch-Exegese‘ bezeichnet hat, um das Interesse an bloßen Textbruchstücken zu kennzeichnen. Diese Metaphorik hat den Nachteil, dass sie ohne Sachgrund das Moment der Mühe anklingen lassen könnte. Die Bibel erscheint hier aber weniger als Formation, der unter großer Anstrengung etwas abgerungen werden müsste, denn als Selbstbedienungsladen, in dessen Regalen einzelne Kleinartikel griffbereit angeboten werden.“3)

Vielleicht muss man hier angesichts eines von Gerd Häfner selbst angeführten Beispiels allerdings noch weitergehen. Wenn Gerhard Ludwig Kardinal Müller etwa zu Beginn seines Glaubensmanifestes seine Beweggründe, das Manifest zu publizieren, mit folgendem Satz des Paulus begründet:

Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe. 1 Korinther 15,3

dabei aber die Syntax des griechischen Urtextes außer Acht lassend das Zitat der Glaubensformel 1 Korinther 15,3-5 als Begründung (konsekutives ὅτι – gesprochen: hóti) einfach überschlägt, dann führt der ehemalige Glaubenswächter hier selbst die Leserinnen und Leser seines Manifestes in die Irre, denn

„über diese zentrale Aussage der neutestamentlichen Christusbotschaft [wird] derzeit keine Debatte geführt, die zu irgendeiner Verwirrung Anlass geben könnte“4).

Tatsächlich wird so die Bibel nicht nur zu einem Steinbruch degradiert, dessen Bruchstücke man sich im Discounter nach Belieben abholt; die Bruchstücke werden sogar zu Sand zerschründet, bis sie in die Ritzen und Fugen des eigenen Denkens und Meinens passen. Wer so mit dem Wort Gottes verfährt übersieht die Warnungen dessen, auf dessen Fundament er sich selbst berufen zu können glaubt:

Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich. Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Matthäus 5,17-20

Das Fundament

Sand ist für den Hausbau durchaus wichtig und wertvoll. In jedem Einfamilienhaus stecken bis zu 200 Tonnen Sand5). Aber nicht jeder Sand ist tauglich. Der runde und von heißen Lüften glattgeschliffene Sand der Wüsten gibt keinen Halt; zum Bauen braucht man die kantigen Sandkörner aus Flussläufen, die sich auch an Stränden oder am Meeresboden ablagern. Sand als Baugrund hingegen ist so oder so völlig undenkbar – eine Erkenntnis, derer sich auch der Handwerkerssohn Jesus von Nazareth bewusst war, wenn er die Bedeutung seiner Lehre unter Verwendung architektonischer Metaphorik umschreibt:

Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut. Und jeder, der diese meine Worte hört und nicht danach handelt, ist ein Tor, der sein Haus auf Sand baute. Als ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört. Matthäus 7,24-27

Matthäus verwendet hier für die Worte Jesu nicht das mögliche ρῆμα (gesprochen: rhêma), das die (aktuell) gesprochenen Worte Jesu bezeichnen würde, sondern den Begriff λόγος (gesprochen: lógos), der in seiner Vielschichtigkeit neben dem Sprechen an sich eben auch die göttliche Offenbarung umfasst. In Jesu Wort wird Gott offenbar – das ist die Intention, die Matthäus hier zum Ausdruck bringt. Wer diese Worte hört und (!) danach handelt, der kann auf einem guten Fundament bauen.

Genau hier aber fängt das Problem des Fundamentalismus an. Er ist eine Ideologie, die glaubt, auf einem festen Fundament zu stehen. Das Fundament verträgt keine Ideologie. Es kann nur auf echtem, festen Grund stehen, nicht auf Ideen, die in heißer Luft zermahlenen Sandkörnchen gleichen, die man sich, wie es eben passt, zurechtgeschmirgelt hat. Gott aber ist kein Sprücheklopfer, der seine Weisungen im Versformat unzusammenhängend durchgesiebt hätte, auf das die Theologen in Sandkastenspielen ihre Förmchen damit füllen könnten. Gott schreibt vielmehr Geschichte in den Geschichten der Menschen – und diese Geschichten sind in der ganzen Artenvielfalt der menschlichen Sprache in der Bibel zu finden. Hier einzelne Sätze aus dem Zusammenhang zu reißen ohne den Kontext mitanzugeben kommt der Rodung ganzer Flächen zum Zwecke menschlicher Urbarmachung gleich, der die Verwunderung über die Bodenerosion nur allzu oft auf dem Fuße folgt. Solcher Art selbstverursachter Desertifikation und Versteppung gehen der allseits beklagten Verdunstung des Glaubens voraus. Wo aber soll das Wasser des Lebens fließen, wenn es zwischen den selbstgemahlenen Sandkörnern verrinnt?

Grundlegend

Die geistige Verödung der Kirche scheint weit fortgeschritten. Wenn selbst ehemalige Glaubenshüter ihre Schwierigkeiten im Umgang mit dem Wort Gottes haben, dann scheint die Mahnung aus dem Schreiben an die Hebräer wieder aktuell zu sein:

Darüber hätten wir viel zu sagen; es ist aber schwer verständlich zu machen, da ihr träge geworden seid im Hören. Denn obwohl ihr der Zeit nach schon Lehrer sein müsstet, braucht ihr von Neuem einen, der euch in den Anfangsgründen der Worte Gottes unterweist; und ihr seid solche geworden, die Milch nötig haben, nicht feste Speise. Denn jeder, der noch mit Milch genährt wird, ist unerfahren im richtigen Reden; er ist ja ein unmündiges Kind; feste Speise aber ist für Erwachsene, deren Sinne durch Gebrauch geübt sind, Gut und Böse zu unterscheiden. Hebräer 5,11-14

Die Anfangsgründe, von denen das Schreiben an die Hebräer hier spricht, sind die στοιχεῖα τῆς ἀρχῆς (gesprochen: stoicheîa tês archês) – eine Wendung, die strenggenommen tautologisch ist. Die στοιχεῖα (gesprochen: stoicheîa) meinen in sich schon die elementaren Grundlehren, die Urbestandteile (hier) der Lehre. Das Wörtchen ἀρχή (gesprochen: arché) steigert das noch einmal, insofern es selbst den Anfang als solchen bezeichnet. Es geht also hier um den elementaren Grund und Ursprung, auf dem Glaube steht. Paulus determiniert diesen Grund als das Evangelium, das die Korinther gerade nicht unvernünftig angenommen haben, sondern in dem sie fest stehen (ἐν ᾧ ἐστήκατε – gesprochen: en hô estékate):

Ich erinnere euch, Brüder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet werden, wenn ihr festhaltet an dem Wort, das ich euch verkündet habe, es sei denn, ihr hättet den Glauben unüberlegt angenommen. Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. 1 Korinther 15,1-5

Dieses Bekenntnis ist grundlegend. Darauf kann man auf- und was noch wichtiger ist – weiterbauen!

Nicht neu-, sondern weiterbauen!

Das Fundament, auf dem die Kirche steht, ist also längst gelegt. Das weiß auch Paulus:

Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bau. Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut. Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.1 Korinther 13,9-11

Bemerkenswert aber ist die Metaphorik vom Weiterbauen (ἐποικοδομεῖν – gesprochen: epoikodomeîn). Die Kirche kann nicht neu gebaut werden, ohne der bisherige Bau abgerissen würde. Damit aber würde auch das Fundament selbst verloren gehen, denn das Evangelium, das Wort Gottes kann nur Fundament aufgrund der Überlieferung, der getreuen Weitergabe sein. Wer auch immer eine neue Kirche bauen möchte, könnte dies nur auf dem überlieferte Wort Gottes tun, wäre aber gerade darin eben nicht wirklich neu, sondern selbst wieder traditionsgebunden. Das lateinische „traditio“ meint ja nichts anderes als „überliefern“, „weitergeben“ und ist gerade deshalb nie statisch aufzufassen, sondern dynamisch. Wohl weiß schon Paulus, dass auch das Weiterbauen mit hoher Achtsamkeit geschehen muss, ohne dass die Statik in Gefahr gerät. Auch die verwendeten „Materialien“ sind zu beachten:

Ob aber jemand auf dem Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiterbaut: Das Werk eines jeden wird offenbar werden; denn der Tag wird es sichtbar machen, weil er sich mit Feuer offenbart. Und wie das Werk eines jeden beschaffen ist, wird das Feuer prüfen. Hält das Werk stand, das er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn. Brennt es nieder, dann muss er den Verlust tragen. Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch. 1 Korinther 3,12-15

Sanierungsfall Kirche

Nun scheint der gegenwärtige Zustand der Kirche eher einem marode gewordenen Bau zu gleichen. Da hilft keine Fassadenkosmetik mehr. Der Bau muss kernsaniert werden. Der Rekurs auf den Urgrund des Evangeliums ist dabei eine conditio sine qua non. Und dieses Wort ist harter Granit und kein Sandhäufchen.

Wenn die Kirche heute auf diesem Grund weitergebaut werden soll, muss sie sich der Bautechniken bedienen, die heute verfügbar sind. Morsches muss raus, neu Stützendes hingegen in die bestehende Substanz eingefügt werden. Die alten Römer konnten Aquädukte mit den Mitteln ihrer Zeit bauen – und sie stehen teilweise heute noch. Wolkenkratzer hingegen waren für sie noch nicht möglich. Jede Zeit hat ihre eigenen Architekten. Die Worte aus dem 1. Petrusbrief erscheinen da angesichts der Herausforderungen der Zeit geradezu prophetisch:

Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist! Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen! Denn es heißt in der Schrift: Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten Stein, einen Eckstein, den ich in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde. Euch, die ihr glaubt, gilt diese Ehre. Für jene aber, die nicht glauben, ist dieser Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden, zum Stein, an den man anstößt, und zum Felsen, an dem man zu Fall kommt. Sie stoßen sich an ihm, weil sie dem Wort nicht gehorchen; doch dazu sind sie bestimmt. Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. Einst wart ihr kein Volk, jetzt aber seid ihr Gottes Volk; einst gab es für euch kein Erbarmen, jetzt aber habt ihr Erbarmen gefunden. 1 Petrus 2,4-10

Das Los ist neu gefallen. Wem immer die Hände aufgelegt wurden, ist zu einem lebendigen Stein der Kirche geworden – und das sind beileibe nicht nur die Geweihten, die sich für die Ausgewählten halten. Auch die Firmung ist ein Sakrament mit Handauflegung und Gebet. Es kann kein Zweifel bestehen, dass nun die Getauften und Gefirmten gerufen sind, die Kirche zu sanieren. Es sieht so aus, als schafften es die Nachfolger der Apostel nicht allein, zu fixiert auf das Festhalten des Ist-Zustandes scheinen sie zu sein …

Hüttchenbauer

Der Divergenz zwischen verheißenem Soll und Ist ist an kaum einer Stelle im Neuen Testament so zu greifen, wie in Erzählung der Verklärung Jesu:

Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihnen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. Da erschien ihnen Elija und mit ihm Mose und sie redeten mit Jesus. Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen. Da kam eine Wolke und überschattete sie und es erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemanden mehr bei sich außer Jesus. Markus 9,2-8 parr

Die einleitende Bemerkung schließt den Text temporal an den vorausgehenden Kontext an, der somit für das Verständnis des Abschnittes relevant ist: Was hier erzählt wird, hat mit jenem zu tun. Vorher (in Markus 8,34-9,1) lehrt Jesus seine Jünger über die Korrelation von Nachfolge und Selbstverleugnung:

Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten. Markus 8,34-35

Sechs Tage also nach diesen Worten geht Jesus mit Petrus, Jakobus und Johannes, jenen Drei, die in den Evangelien und auch den paulinischen Briefen immer wieder zusammen erwähnt werden und offenkundig selbst innerhalb des Zwölferkreises eine nochmals herausgehobene Stellung hatten, auf einen hohen Berg. Für das, was dort geschieht, gibt es wahrscheinlich keine Worte. Gott offenbart sich in und an Jesus. Die herausragenden Protagonisten des Bundes Gottes mit Israel, Elija und Mose, treten in Dialog mit Jesus. Das Neue baut auf dem Alten auf, erweitert es, gibt ihm neue und bleibende Relevanz. Die Szene zeigt: Hier wird nichts aufgehoben, hier wird weitergeführt.

In dieser Szene, in der Himmel und Erde, göttliche und geschöpfliche Sphäre sich zu berühren scheinen, fällt den großen Protagonisten Petrus, Jakobus und Johannes, nichts Besseres ein, als Hüttchen bauen zu wollen. Sie wollen das „Ist“ festhalten, zementieren, festlegen. Der Text kennt den Grund für das absonderliche Ansinnen:

Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen. Markus 9,6

Hätte er da nicht besser geschwiegen?

Nebelstimme

Gott selbst begegnet der heißen apostolischen Luft mit kühlendem Nebel – um nichts anderes handelt es sich ja bei Wolken, die im Erdkontakt sind. Die nebulöse Behinderung der Augen wird durch die Schärfung der anderen Sinne kompensiert. Die Kühle ist deutlicher zu spüren, auch das Gehör ist aufmerksam. Hier, im Nebel kann man nur ahnen und doch mit Klarheit wahrnehmen: Jesus ist der Sohn Gottes! Auf ihn sollt ihr hören! Als sich die Nebel lichten, ist alles wieder, wie es war …

An kaum einer Stelle wird der Zusammenhang zwischen Verheißung und kirchlicher Wirklichkeit so deutlich wie in dieser Erzählung. Die kirchlichen Protagonisten erweisen sich als ängstliche und überforderte Zeitgenossen, die das bisschen himmlischen Glanz in Hüttchen zwängen wollen. Der Heilige aber lässt sich so nicht zähmen und hüllt sie in Nebel ein. Sein Wort aber steht, der Grund ist gelegt. Was aber im Nebel auch klar wird: Der Heilige lässt sich nicht zähmen, nicht mit Dogmen und nicht mit Canones. Das alles mag nicht unwichtig sein. Aber es sind doch nur Krücken, die im Nebel den Halt zu verlieren drohen. Man könnte sich freilich auch mutig aufrichten und der Stimme folgen, die einem Nebelhorn gleich ihrerseits Orientierung gibt. Es ist das Wort aus Gottes Mund, das ins Ohr dringt und im Ohr bleibt – um von dort aus den Weg auf die eigenen Zungen zu finden.

Genug gewartet!

Die Wartung der Kirche dauert schon viel zu lange. Zu offenkundig ist, dass auch heute noch viele Nachfolger der Apostel nicht wissen, was sie sagen sollen. Sie sind halt immer noch dabei, Hüttchen zu bauen. Diese Besitzstandswahrer sind sicher verliebt in den „Ist“-Zustand, merken aber nicht, dass der feurige Atem Gottes gerade alles wegbrennt, was keinen Bestand haben kann. Das Vergänglich kann nicht ebenso wenig ewig sein, wie das Wort Gottes sich zu Sand zermahlen lässt. Jedem Verkünder und jeder Verkünderin ist heute noch ins Stammbuch geschrieben, was eins dem Nachfolger der Apostel zuteil wurde, an den der 2. Timotheusbrief adressiert war:

Verkünde das Wort, tritt auf, ob gelegen oder ungelegen, überführe, weise zurecht, ermahne, in aller Geduld und Belehrung! Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Begierden Lehrer sucht, um sich die Ohren zu kitzeln; und man wird von der Wahrheit das Ohr abwenden, sich dagegen Fabeleien zuwenden. Du aber sei in allem nüchtern, ertrage das Leiden, verrichte dein Werk als Verkünder des Evangeliums, erfülle treu deinen Dienst! 2 Timotheus 4,2-5

Die gesunde Lehre steht nicht in Katechismen; sie findet sich im Wort Gottes. Wo es nur um den Kitzel der Ohren und das Bestätigen der eigenen Vorurteile, so heilig sie auch sein mögen, geht, verdirbt die Lehre. Stattdessen gilt es, die Furcht vor den Herausforderungen des Neuen abzulegen und mutig auf dem Fundament des Wortes Gottes weiterzubauen. Der Auftrag Gottes an Paulus gilt heute wie zu allen Zeiten:

Fürchte dich nicht! Rede nur, schweige nicht! Denn ich bin mit dir, niemand wird dir etwas antun. Viel Volk nämlich gehört mir in dieser Stadt. Apostelgeschichte 18,9-10

Ein paar Worte aus dem Zusammenhang gerissen? Sicher! Wenn Sie, liebe Leserin und lieber Leser über die Wirkkraft des Wortes Gottes im Mund menschlicher Verkünderinnen und Verkünder mehr wissen wollen, machen Sie sich doch die Mühe und lesen den Kontext selbst. Nehmt und lest alle davon: Von Apostelgeschichte 16 an wird durchaus spannend erzählt, wie Paulus allein vom Wort Gottes geleitet die Kirche weiterbaut – ohne auch nur einen einzigen Stein in die Hand zu nehmen. Es ist genug gewartet. Bauen wir weiter! Gerade heute gibt es wieder viel zu tun!

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Bildnachweis

Titelbild: Time passing (Marco Verch) – Quelle: flickr – lizenziert als CC BY 2.0

Video: Kath 2:30 – Episode 26: Der Laie (Katholische Citykirche Wuppertal/Christoph Schönbach) – Quelle: Vimeo – alle Rechte vorbehalten.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Der Text des mit Gerhard Cardinal Müller (sic!) unterzeichneten Glaubensmanifestes findet sich unter https://de.catholicnewsagency.com/story/kardinal-muller-veroffentlicht-glaubensmanifest-uber-katholische-lehre-4291 [Stand: 17. Februar 2019].
2. „Kein Mensch wird gottgewollt als Homosexueller geboren“, Gerhard Ludwig Müller im Gespräch mit dem Spiegel, Spiegel online, 16.2.2019, Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/kardinal-gerhard-ludwig-mueller-kritisiert-papst-franziskus-a-1253447.html [Stand: 17. Februar 2019].
3. Gerd Häfner, Die Bibel als Belegstellen-Discounter, Lectio brevior, 15.2.2019, Quelle: https://www.lectiobrevior.de/2019/02/die-bibel-als-belegstellen-discounter.html [Stand: 17. Februar 2019].
4. Gerd Häfner, Die Bibel als Belegstellen-Discounter, Lectio brevior, 15.2.2019, Quelle: https://www.lectiobrevior.de/2019/02/die-bibel-als-belegstellen-discounter.html [Stand: 17. Februar 2019].
5. Vgl. hierzu Christof Bock, Unser Wohlstand ist auf Sand gebaut, Welt online, 22.4.2014, Quelle: https://www.welt.de/wissenschaft/article127147323/Unser-Wohlstand-ist-auf-Sand-gebaut.html [Stand: 17. Februar 2019].
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