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Ecclesiastica·Res publica

Blutökumene Für verfolgte Christen ist die Einheit keine Verhandlungssache


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Der Mangel kommunikativer Fähigkeiten ist die Ursache für die kleinen und großen Konflikte der Menschen. Das gilt für den profanen Alltag ebenso wie für die Suche nach dem Heiligen. Die gegenseitige Verurteilung in Ermangelung echter Argumente ist keine Erfindung des Facebook-Zeitalters. Sie prägt auch die theologischen Auseinandersetzungen etwa des Christentums. Wer auch immer sich im Besitz der Wahrheit wähnt, braucht ja keine Argumente mehr. Die Infragestellung der eigenen Sicht kann, da man ja selbst die Wahrheit hat, nur ein perfider Akt sein, der in sich verurteilenswert ist. Der Bann tritt an die Stelle des Argumentes. Das Anathem braucht keine Argumente mehr. Und so bringt der Verweis auf den Katechismus in der Kirche der Postmoderne manche Diskussion, die der Wahrheitsfindung dienlich ist, abrupt zu Ende. Freilich handelt es sich beim Katechismus nicht um eine mathematische Sammlung von Formeln, deren Allgemeingültigkeit in sich bewiesen ist. Vielmehr besteht er selbst aus Worten, die in sich wieder der Interpretation bedürfen. Aber es ist gerade diese Last der Interpretation, die die scheuen, deren Glauben nur flach wurzelt oder die sich im Licht vermeintlichen Erwähltseins sonnen. Gerade die interpretative Valenz, die der menschlichen Sprache in sich zu eigen ist, macht aber den Diskurs und das Aushalten kommunikativer Konflikte notwendig.

Identitätsstiftung

Ein Grund für den Bann über die Interpretationen Andersdenkender liegt in der Notwendigkeit, Identitäten zu bilden. Das Prinzip der Abgrenzung erscheint da sehr eingängig. Man entledigt sich der Mühe der positiven Beschreibung des Eigenen, indem man definiert, was bzw. wer man nicht ist. Das Problem einer solchen via negativa liegt freilich darin, dass man zwar eine äußere Hülle definiert, nämlich die Grenze zum Nicht-Eigenen, das Innere, die Substanz aber außer Acht lässt. Man streitet sich dann um Formen und Strukturen, verliert aber den Sinn für das Eigentliche der Identität, das innere Wesen, das das Sein eigentlich bestimmt.

Man kann diesen Prozess auch in der Geschichte der Kirche beobachten. In den ersten drei Jahrhunderten, in denen sich die Christen im römischen Reich teils regionaler, teils übergreifender Verfolgungen ausgesetzt sahen, gewinnt die Abgrenzung nach außen bei gleichzeitiger Stärkung der inneren Substanz an Bedeutung. Die Apologie, die auch vernunftbasierte Begründung des eigenen Glaubens ist eine identitätsstiftende Notwendigkeit. Man kann der äußeren Bedrohung nur entgegentreten und die so entstehenden Konflikte aushalten, wenn man weiß, wer man ist. Das Neue Testament ist voll von solchen Impulsen, für die hier stellvertretende nur der in der Offenbarung des Johannes zu findende Brief an die Gemeinde von Pergamon stehen soll:

An den Engel der Gemeinde in Pergamon schreibe: So spricht Er, der das scharfe, zweischneidige Schwert trägt: Ich weiß, wo du wohnst; es ist dort, wo der Thron des Satans steht. Und doch hältst du an meinem Namen fest und hast den Glauben an mich nicht verleugnet, auch nicht in den Tagen, als Antipas, mein treuer Zeuge, bei euch getötet wurde, dort, wo der Satan wohnt. Aber ich habe etwas gegen dich: Bei dir gibt es Leute, die an der Lehre Bileams festhalten; Bileam lehrte Balak, er solle die Israeliten dazu verführen, Fleisch zu essen, das den Götzen geweiht war, und Unzucht zu treiben. So gibt es auch bei dir Leute, die in gleicher Weise an der Lehre der Nikolaiten festhalten. Kehr nun um! Sonst komme ich bald und werde sie mit dem Schwert aus meinem Mund bekämpfen. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem werde ich von dem verborgenen Manna geben. Ich werde ihm einen weißen Stein geben und auf dem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn empfängt. Offenbarung 2,12-17

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Als das Lamm das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen aller, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten. (Offenbarung 6,7) - El Greco, Die Vision des Johannes, Die Öffnung des fünften Siegels

Bewährung in der Anfechtung – Bedrohte Einheit

Der Text beschreibt eindrücklich die Situation der Gemeinde. Sie befindet sich dort, wo der Thron Satans steht (Offenbarung 2,13). Welche Auswirkungen das hat, wird im folgenden Satz gesagt: Es ist der Ort, an dem etwa der Antipas, ein treuer Zeuge Christi, getötet wurde. Trotz der im Tod des Antipas greifbaren existentiellen Bedrohung der Glaubenden halten sie am Glauben fest. Die Gemeinde hat sich gerade in der Anfechtung bewährt.

Und doch findet sich Anlass zu Tadel: Die Einheit der Gemeinde ist von innen heraus gefährdet. Der Text erwähnt Leute, die an der Lehre der Nikolaiten festhalten. Auch wenn nicht genau gesagt werden kann, worum es sich bei dieser Lehre handelt, legt der Kontext nahe, dass die Nikolaiten eine liberale Haltung gegenüber dem Kaiserkult pflegten, den der Seher Johannes in der Offenbarung mehrfach auch mit drastische Worten ablehnt. Es ist gerade diese innere Bedrohung, die nicht nur die Einheit der Gemeinde gefährdet, sondern damit letztlich auch ihre Identität. Der Seher Johannes fordert die Gemeinde deshalb auf, sich auf die Ursprünge zu besinnen und umzukehren. Das Ziel, der endgültige Sieg der Wahrheit – symbolisiert in dem weißen Stein und dem neuen Namen –, soll die Gemeinde daher nicht nur zum Durchhalten, sondern auch zur Aufrechterhaltung der existentiell notwendigen Einheit bewegen.

Wahrheit im Konflikt der Interpretationen

Nicht nur der Brief an die Gemeinde von Pergamon in der Offenbarung des Johannes zeigt, wie bedroht die Einheit der Gemeinde gerade durch innere Konflikte ist. Aber auch das Neue Testament als Ganzes ist geprägt von einer Reihe solcher Konflikte – etwa der Frage der Heidenmission, des Verhältnisses von Juden- und Heidenchristen oder der Einheit einer Kirche aus Heiden und Juden1). Die Konflikte erwachsen aus der Notwendigkeit der Interpretation, die jede menschlich-sprachliche Äußerung mit sich bringt. Da das Wort Gort Gottes in menschlicher Weise gesprochen ist, unterliegt es ebenso der Notwendigkeit der Interpretation wie der fleischgewordene Logos selbst, dessen Zeichen und Machttaten in sich eben auch ohne zwingende Eindeutigkeit waren. Nicht umsonst muss sich Jesus selbst gegenüber seinen Gegnern verteidigen:

Die Schriftgelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren, sagten: Er ist von Beelzebul besessen; mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus. Da rief er sie zu sich und belehrte sie in Form von Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben? Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben. Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben. Und wenn sich der Satan gegen sich selbst erhebt und mit sich selbst im Streit liegt, kann er keinen Bestand haben, sondern es ist um ihn geschehen. Es kann aber auch keiner in das Haus eines starken Mannes einbrechen und ihm den Hausrat rauben, wenn er den Mann nicht vorher fesselt; erst dann kann er sein Haus plündern. Amen, das sage ich euch: Alle Vergehen und Lästerungen werden den Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern mögen; wer aber den Heiligen Geist lästert, der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften. Sie hatten nämlich gesagt: Er ist von einem unreinen Geist besessen. Markus 3,22-30

Der Streit wird von Schriftgelehrten entfacht, die im griechischen Urtext als γραμματεῖς (gesprochen: grammateîs) bezeichnet werden, also Menschen, die im Umgang mit dem geschriebenen Buchstaben und dessen Interpretation geübt sind. Es ist ein Streit um die rechte Interpretation der Zeichen und Machterweise Jesu: Sind sie Teufelszeug oder Gotteswerk. Und Jesus lässt sich auf intellektuellem Niveau auf diesen Streit ein. Er führt Argumente an und geht logisch vor: Eine Familie kann keinen Bestand haben, wenn sie gespalten ist. Wie kann er die Dämonen mit dem Beelzebul bekämpfen, wo sie doch beide aus demselben Reich stammen?

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Vereint in der Trennung?

Das Scheitern der Verkünder der Wahrheit

Das Gegenteil ist also der Fall: In Jesus wirkt der Heilige Geist als Widersacher des Unheils. Die Mahnung Jesu, dass alle Vergehen und Lästerungen vergeben werden, außer der wider den Heiligen Geist, wird auch zur Hypothek für die Glaubenden selbst. Die Sünde wider den Heiligen Geist besteht nach Jesus eben darin, dass das Wirken des Heiligen Geistes selbst als solches geleugnet wird. Dabei sind nicht nur Geist und Wahrheit auf das Engste miteinander verbunden, wie es im Johannesevangelium heißt:

Aber die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten. Johannes 4,23-24

Der Heilige Geist ist auch der Garant für die Einheit der Glaubenden. Nicht umsonst mahnt daher der Autor des Epheserbriefes:

Bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält. Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist. Epheser 4,3-6

Ein Blick auf die gegenwärtige Situation der Christgläubigen in aller Welt zeigt freilich, dass es um diese Einheit nicht gut bestellt ist. Nicht nur, dass die eine Kirche in zahlreiche Konfessionen gespalten ist; auch die Solidarität gerade mit den verfolgten Christen lässt zu wünschen übrig. Dabei ist es gerade die Situation der Verfolgung, der sich Christen in den Konfliktgebieten der Gegenwart – in Syrien und im Irak, aber auch in den Kriegsgebieten Afrikas – ausgesetzt sind, die zum Fanal und zur Bewährungsprobe der Christenheit wird.

Politökumene

Die Gazetten der Gegenwart feiern ein Jahrtausendereignis2): Nach Jahrhunderten der Trennung und Jahrzehnten der – auch politisch sensiblen – vorsichtigen Annäherung sind sich Papst Franziskus und Kyrill I, Patriarch von Moskau, am 12. Februar 2016 auf Kuba begegnet. Was die einen als historisches Ereignis und Durchbruch der Ökumene3) auf dem Weg der Überwindung des morgenländischen Schismas von 10544) feiern, deuten andere als politisch fragwürdiges Signal. So lautet ein Titel bei Spiegel Online am 13.2.2016: „Treffen von Franziskus und Kirill: Ein Männerkuss, der Putin gefällt”5). Auch die zeichenhaften Gesten eines welthistorischen Treffens zweier Kirchenführer, die jeweils für sich in Anspruch nehmen, entweder die einzig wahre Kirche zu sein oder doch wenigstes die Kirche zu sein, in der die eine Kirche wahrhaft subsistiert6), sind also höchst interpretabel!

Papst Franziskus und Patriarch Kyrill I veröffentlichten nach ihrem gemeinsamen Treffen eine 30 Punkte umfassende Erklärung7). Dort heißt es unter der Nr. 29:

„In diesem kühnen Zeugnis für die Wahrheit Gottes und die Frohe Botschaft möge uns der Gottmensch Jesus Christus, unser Herr und Erlöser, unterstützen, der uns geistig mit seiner untrüglichen Verheißung stärkt: ‚Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.’ (Lukas 12,32)!“

Der zitierte Vers aus dem Lukasevangelium findet sich im Kontext der Äußerungen Jesu zur der Frage, worum sich die Jünger wirklich sorgen sollen. Wenige Verse vorher heißt es:

Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Das Leben ist wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung. Seht auf die Raben: Sie säen nicht und ernten nicht, sie haben keinen Speicher und keine Scheune; denn Gott ernährt sie. Wie viel mehr seid ihr wert als die Vögel! Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern? Lukas 12,22b-25

Schließlich folgert Jesus:

Darum fragt nicht, was ihr essen und was ihr trinken sollt, und ängstigt euch nicht! Denn um all das geht es den Heiden in der Welt. Euer Vater weiß, dass ihr das braucht. Euch jedoch muss es um sein Reich gehen; dann wird euch das andere dazugegeben. Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben. Lukas 12,29-32

Die nackte Wahrheit bloßer Existenz

In der Theorie warmer Studierzimmer und weicher Verhandlungssessel lassen sich solche Worte leicht zitieren. Der satte Bauch sorgt sich nicht um das Jetzt, höchstens um die nächste Mahlzeit. Wer aber um die nackte Existenz fürchten muss, weil er um des Glaubens willen tatsächlich verfolgt wird, der erlebt eine Wahrheit, die von nur geringer Interpretationsbedürftigkeit ist. Klingen da die Worte Jesu, man solle sich nicht fürchten, weil der Vater das Reich Gottes geben werde, nicht nachgerade zynisch? Spottet die alltägliche Wirklichkeit, in der die Vögel am Himmel zwar ihre Nahrung finden, der Christgläubige aber aufgrund seines Glaubens unterdrückt, gedemütigt und verfolgt wird, dieser Verheißung Hohn?

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Das aus dem 6. Jahrhundert stammende Sankt-Elias-Kloster befand sich südlich von Mossul im Irak. 2014 wurde es von Islamisten zerstört.

Blutökumene

Die Situation der verfolgten Christen wird zu einer Bewährungsprobe für die Christenheit überhaupt. In Wuppertal etwa konstituiert sich in diesen Tagen eine Gemeinschaft syrischer Christen. Es sind Christen syrisch-orthodoxen, syrisch-katholischen, melkitischen und chaldäischen Glaubens. Es sind Christen, die normalerweise nach Konfessionen und Riten getrennt sind. Es sind Christen, die erkennen, dass der Glaube an den vom Kreuzestod Auferstandenen verbindet. Es sind Christen, die durch die konkrete Verfolgung in Syrien und im Irak auf den Urgrund des Glaubens geworfen und so geeint wurden. Sie selbst sprechen von der Blutökumene. Die nackte Existenz kennt eben keine Kompromisse mehr. Der Glaube ist für sie keine fromme Theorie mehr, sondern eine lebenserhaltende Notwendigkeit, in der die interpretativen Streitigkeiten verschwinden. Sie erleben die einende Kraft des Glaubens an den vom Kreuzestod Auferstandenen, von der Paulus angesichts der sogenannten korinthischen Spaltung (vgl. hierzu 1 Korinther 1,10-17) sagt:

Daher soll sich niemand eines Menschen rühmen. Denn alles gehört euch; Paulus, Apollos, Kephas, Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft: alles gehört euch; ihr aber gehört Christus und Christus gehört Gott. 1 Korinther 3,21-23

Handeln ist Beten

Die Situation der verfolgten Christen ist im satten Europa zu wenig im Blick. Hier und da gibt es Gebetsaufrufe. Aber was soll ein Gebet helfen, außer dass sich die Beter sich der Sentimentalität des guten Willens hingeben können. Tatsächlich mahnt Paulus ja:

Betet ohne Unterlass! 1 Thessalonicher 5,17

Dass damit nicht nur das frommer Falten der Hände gemeint ist, wird wenige Verse vorher deutlich. Dort sagt Paulus:

Seht zu, dass keiner dem anderen Böses mit Bösem vergilt, sondern bemüht euch immer, einander und allen Gutes zu tun. 1 Thessalonicher 5,15

Gebet und Tat gehen also Hand in Hand. Die Aufforderung zum Gebet ist eine Handlungsanweisung, die immer, überall und jedem gegenüber gilt. Immer, überall und jedem gegenüber – das bedarf keiner Interpretation. Das ist ohne Ausnahme. Glaubende Menschen können sich da nicht mehr herausreden. Das gilt zum einen für den Auftrag, Böses nicht mit Bösem zu vergelten. Der Ruf nach Rache und Vergeltung angesichts des Leids, das Christgläubige erfahren, ist menschlich. Aber er schafft eben keine Gerechtigkeit. Wo also die Vergeltung und Gewaltanwendung nicht möglich ist, muss andere Hilfe geleistet werden. Zum anderen Paulus spricht hier eben davon, immer und allen Gutes zu tun. In der gegenwärtigen Situation heißt das Folgendes:

1. Laut auf die Situation der verfolgten Christen aufmerksam machen. Appelle helfen als solches nicht weiter. Die Verfolger werden aufgrund bloßer Appelle nicht mit ihrem todbringenden Werk aufhören. Der laute Ruf aber ist ein Zeichen der Solidarität, die sich nicht nur im Wort auswirken darf, sondern
2. konkret in der Aufnahme der Verfolgten auswirken muss. Paulus spricht von einem Bemühen. Wahres Beten, das zum Handeln wird, macht Mühe. Der laute Ruf darf deshalb nicht verhallen. Politiker und Kirchenvertreter müssen gedrängt werden, alles zu tun, um die aufgrund ihres Glaubens Verfolgten in Sicherheit zu bringen.
3. Müssen unsere Gemeinden selbst die Solidarität nicht nur in Fürbitten formulieren, sondern auch konkret üben. Es gilt, sich selbstkritisch zu hinterfragen, ob die christlich Gastfreundschaft über die bunten Begegnungsfeste hinaus auch wirklich gilt. Die verfolgten Christen, die zu uns kommen, sind mehr als Gäste. Sie sind Glaubensschwestern und –brüder. Sie aufzunehmen, ist kein Akt der Gastfreundschaft, sondern eine Glaubenspflicht, die die Gewohnheiten übersteigt.

Wenn die Christen hierzulande so für die verfolgten Christen beten, laut und mit dem Willen zum konkreten Handeln, dann wird eine neue Ökumene wachsen. Die Unterschiede der Interpretation werden vor der nackten Wahrheit bloßer Existenz klein. Sie sind nicht unwichtig. Wer die Wahrheit sucht, muss mit ihr und dem anderen ringen. Das Lippenbekenntnis zur Einheit in Vielfalt bekommt Herpes, wenn es nicht konkretisiert wird.

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Bildnachweis

Titelbild: Kirche hinter Stacheldraht (openDoors – Bearb.: Werner Kleine) – lizenziert als CC BY-SA

Bild 1: El Greco: Die Vision des Johannes. Die Öffnung des fünften Siegels – Quelle: Wikicommons – lizenziert als gemeinfrei

Bild 2: Halt mich fest, ich werd’ verrückt (sergeantvoodoo / photocase.de) – Quelle: Photocase – lizenziert als photocase Basislizenz

Bild 3: Sankt Elias Kloster (Doug) – Quelle: Wikicommons – lizenziert als CC BY-SA

Einzelnachweis   [ + ]

1. Die frühen Christen verstanden sich zu neutestamentlicher Zeit noch nicht als vom Judentum getrennt. Man verstand sich als zum auserwählten Volk Gottes zugehörig. Freilich wurde der Glaube an einen vom Kreuzestod Auferstanden aus Sicht der jüdischen Theologen als häretisch und blasphemisch verurteilt. Der spätere Apostel Paulus ist vor seiner Bekehrung als Prototyp einer solchen Theologie greifbar. Diese innere theologische Unvereinbarkeit der jeweiligen Identitätsmarker – auf der einen Seite der Glaube an den vom Kreuzestod Auferstandenen als unabdingbare Basis des Christlichen (vgl. etwa 1 Korinther 15,1-19 mit dem urchristlichen Glaubensbekenntnis in 1 Korinther 15,3-5) und dem Festhalten an der Thora und damit auch deren Aussage, dass der am Holz Gehenkter in sich ein Verfluchter ist (vgl. Deuteronomium 21,23) – führten letztlich um die Wende des ersten Jahrhunderts zur faktischen Trennung von Kirche und Synagoge. Die Auseinandersetzungen um die Entwicklung auf die Trennung hin prägen nicht zuletzt auch das Johannesevangelium. Erst nach dieser Trennung entwickelt sich die Kirche faktisch als eigenständige Größe mit der Notwendigkeit, eine eigene Identität als „Volk Gottes“ auszubilden.
2. Vgl. hierzu http://www.deutschlandfunk.de/franziskus-und-kyrill-das-treffen-von-papst-und-patriarch.886.de.html?dram:article_id=345275 [Stand: 14. Februar 2016].
3. So etwa Kurt Kardinal Koch im Domradio-Interview vom 11.2.2016 (vgl. http://www.domradio.de/themen/papst-franziskus/2016-02-11/kardinal-koch-zum-treffen-von-papst-und-moskauer-patriarch [Stand: 14. Februar 2016]).
4. Vgl. hierzu als Übersicht den Wikipedia-Beitrag „Morgenländisches Schisma“: https://de.wikipedia.org/wiki/Morgenländisches_Schisma [Stand: 14. Februar 2016].
5. Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/leute/papst-franziskus-was-wladimir-putin-mit-dem-patriarchen-kuss-zu-tun-hat-a-1077232.html [Stand: 14. Februar 2016].
6. So die Kongregation für die Glaubenslehre in der Erklärung „Dominus Jesus“. Über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche, 2000, Nr. 17 (http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_20000806_dominus-iesus_ge.html [Stand: 14. Februar 2016]): „Es gibt also eine einzige Kirche Christi, die in der katholischen Kirche subsistiert und vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird.“
7. Der Wortlaut der Erklärung wurde in einer deutschen Übersetzung von Radio Vatikan veröffentlicht: http://de.radiovaticana.va/news/2016/02/12/im_wortlaut_gemeinsame_erklärung_von_franziskus_und_kyrill/1208118 [Stand: 14. Februar 2016].
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2 Replies

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Kleine,
    gerne möchte ich über die syrischen Christen und syrisch orthodoxen Christen hier in Wuppertal mehr erfahren.

    Vielen Dank und freundliche Grüsse
    Maria Schneider

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