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Grenzenlose Gerechtigkeit? Aspekte der Bedeutung von Grenzen im Alten Testament


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Die Welt wird wieder begrenzt. Darauf hat Papst Franziskus mit seiner Messe in Ciudad Juarez deutlich hingewiesen.1) Die dortige Grenze zwischen den USA und Mexiko gilt als Symbol der Abgrenzung beziehungsweise Abschottung – und auch in Europa (zum Beispiel in Österreich) sind geschlossene Grenzen wieder populär.2) Von Alters her dienen Grenzen der Sicherheit und auch die Bibel kennt keine „grenzenlose“ Gerechtigkeit.

Grenzen bedeuten Ordnung

Das hebräische Wort גבול (gesprochen: gvul), das gemeinhin mit „Grenze“ übersetzt wird, bezeichnet sowohl die äußere Abgrenzung eines Gebiets als auch das umgrenzte Gebiet. Hierbei geht es nicht nur um die räumliche Trennung von Gebieten. Es geht immer auch um die Unterscheidung zwischen „innen“ und „außen“, um die Identitätswahrung sowie um die Markierung von Macht- und Besitzbereichen.

Bereits der Schöpfung liegen Grenzen zugrunde. Psalm 104 beschreibt die Schöpfung als einen siegreichen Kampf Gottes gegen das Chaos, das im Wasser materialisiert ist. Die Urflut wurde von Gott in ihre Grenzen gewiesen:3)

Du hast den Wassern eine Grenze gesetzt, die dürfen sie nicht überschreiten; nie wieder sollen sie die Erde bedecken. Psalm 104,9

Nicht nur bändigen die klaren Grenzen die Gefahr, sondern sie wandeln auch die Wasser zu erfrischenden Quellen:

Du lässt die Quellen hervorsprudeln in den Tälern, sie eilen zwischen den Bergen dahin. Allen Tieren des Feldes spenden sie Trank, die Wildesel stillen ihren Durst daraus. An den Ufern wohnen die Vögel des Himmels, aus den Zweigen erklingt ihr Gesang. Psalm 104,10-12

Nicht-Beachtung von Grenzen bedeutet Ungerechtigkeit

Die Schöpfungsordnung basiert auf Grenzen. Gleiches gilt für die Gesellschaftsordnung. Der Privatbesitz wird durch das alttestamentliche Recht klar geschützt. Die Landverteilung Gottes gilt als unverrückbares Gesetz:

An deinem Erbbesitz, der dir in dem Land zugeteilt werden soll, das der Herr, dein Gott, dir gibt, damit du es in Besitz nimmst, sollst du die Grenzmarkierung zu deinem Nachbarn hin, die die Vorfahren errichtet haben, nicht verrücken. Deuteronomium 19,14

Derjenige, der es wagt, Grenzen gewaltsam zu verrücken, wird mit einem Fluch belegt:

Verflucht, wer den Grenzstein seines Nachbarn verrückt. Und das ganze Volk soll rufen: Amen. Deuteronomium 27,17

Ein Grundsatz, dem das ganze Volk zustimmt, denn Grenzen bedeuten Frieden, beziehungsweise sie dienen ihm. Befriedete Grenzen bedeuten Sicherheit. In Psalm 147 wird Gott gepriesen, dass er Jerusalem durch Riegel und Grenze gesegnet hat und es der Stadt wohl ergehen lässt:

Jerusalem, preise den Herrn, lobsinge, Zion, deinem Gott! Denn er hat die Riegel deiner Tore fest gemacht, die Kinder in deiner Mitte gesegnet; er verschafft deinen Grenzen Frieden und sättigt dich mit bestem Weizen. Psalm 147,10-12

Dort, wo Grenzen nicht beachtet werden, herrscht Ungerechtigkeit; dort gilt das Gesetz des Stärkeren, gegen das Ijob seine Stimme erhebt:

Warum hat der Allmächtige keine Fristen bestimmt? Warum schauen, die ihn kennen, seine Gerichtstage nicht? Jene verrücken die Grenzen, rauben Herden und führen sie zur Weide. Den Esel der Waisen treiben sie fort, pfänden das Rind der Witwe. Vom Weg drängen sie die Armen, es verbergen sich alle Gebeugten des Landes. Ijob 24,1-4

Als erste Schandtat benennt Ijob das Verrücken von Grenzen und damit den Raub der Sicherheit und Freiheit. Es ist eine alte Weisheit, dass besonders für die Schwachen, die sich nicht verteidigen können, Grenzen überlebenswichtig sind.

Verschieb nicht die alte Grenze, dring nicht in die Felder der Waisen vor! Denn ihr Anwalt ist mächtig, er wird ihre Sache gegen dich führen. Sprichwörter 23,10-11

Besonders Kinder, die den Schutz ihrer Familie verloren haben – rechtlich alleine in dieser Welt sind –, darf nicht auch noch das letzte Stück ihrer Freiheit genommen werden. Die Grenze dient als Schutz.

Grenzen der Gerechtigkeit

Eine Grenze zu respektieren, bedeutet nicht einfach, sich einzuzäunen, sondern auch den Respekt vor der Grenze des oder der Anderen zu wahren. Grenzen sollen das Chaos abhalten und sie sollen den Hilfsbedürftigen helfen. Eine Grenze ist ein Mittel der Gerechtigkeit – wenn jeder innerhalb seiner Grenzen sicher leben kann, dann sind Grenzen sinnvoll. Wer dem Chaos ausgeliefert ist, sehnt sich nach dem Schutz einer Grenze, die dem hilfsbedürftigen Menschen Sicherheit bietet.


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Bildnachweis

Titelbild: „Hungary-Serbia border barrier“ von Bőr Benedek. Lizenziert unter CC 2.0.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Siehe „Ciudad Juarez: Besuch an der Grenze schlechthin“, Radio Vatikan, 17.02.2016 [Stand: 19. Februar 2016].
2. Siehe „Grenzen schrittweise abriegeln: Erst Österreich, dann Deutschland?“, Vera Kern, Deutsche Welle, 18.02.2016 [Stand: 19. Februar 2016].
3. Siehe auch Hiob 26,10.
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