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Disput·Ecclesiastica

Zieht die Schuhe an! Kritische Anmerkungen eines Neutestamentlers über gutgemeinte Kunstaktionen im Kirchenraum


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Die Sucht nach Relevanz treibt ihre eigenen Blüten. Die Pastoralstrategen dieser Zeiten möchten eine Kirche, die flügge wird. Während im wahren Leben eine roter Bulle Flügel verleiht, braucht es für die Tempelsucher der Gegenwart ein immer neues goldenes Kalb um den alten Gemäuern neues Leben einzuhauchen. Der Widerhall der Gebete, die über Jahrhunderte in den alten Kathedralen und Kirchen verrichtet wurden, verebbt und wird immer leiser. Die alten Mauern sind nunmehr stumme Zeugen eines lebendigen Glaubens, der immer mehr Vergangenheit zu werden scheint. Die Kathedralen sind museale Orte geworden, an denen man den in Stein gemeißelten Glauben in Szene setzt. Der Betrachter mag staunen, aber er bleibt auf Distanz. Das immer lauter werdende Schweigen der Gebete, dass die Räume einst belebte, konterkariert mit dem Grundrauschen der Besuchergruppen, die die großen Kathedralen tagtäglich heimsuchen, um sich dies und das erklären zu lassen, während sie die Realität durch die Screens der Smartphone betrachten. Im Kölner Dom etwa sollen es 10.000 Besucher pro Tag sein1).

Lichter, überall Lichter

Smartphone, Lichtschau, Sinnenfest – das ist das, was der moderne Mensch braucht. Das Spektakel ist allerorten gegenwärtig. Alte Fabrikhallen werden mystisch illuminiert, man bewirft sich an Holifesten mit Farbbeuteln und taucht in das Reich der Düfte ein – jeder Club, der etwas auf sich hält, weiß mit den Bedürfnissen seiner Kundschaft umzugehen. Vor allem das Licht ist ein bleibendes Faszinosum. Auch der Mensch des beginnenden 21. Jahrhunderts lässt sich allem Fortschritt zum Trotz von der Magie des Lichtes, das die Dunkelheit durchdringt, gefangen nehmen. Das wissen nicht nur die Verantwortlichen des NRW-Tages 2016 in Düsseldorf, bei dem man anlässlich des 70-jährigen Jubiläums des Landes Nordrhein-Westfalen den Fernsehturm der Landeshauptstadt in einen farbenprächtigen Kometen, der die Nacht erhellt, verwandelte2); auch die Macher von SilentMOD wissen, wie man Atmosphäre erzeugt. Im Rahmen der Spielemesse Gamescom 2016 wurde im Kölner Dom die von der Kirchenzeitung Köln als „spektakulär“ bezeichnete Kunstaktion „SilentMOD“ veranstaltet3). Nach Angaben der Veranstalter lockte das Projekt 50.000 Besucherinnen und Besucher in den Kölner Dom, die

„ein eindrucksvolles Zusammenspiel von Licht, Klang, Raum und Duft [erlebten]. Alle Sinne wurde angesprochen.“4)

Im Auftrag des Kölner Domkapitels hatte der an der Ruhr-Universität Bochum lehrende Pastoraltheologe Prof. Dr. Matthias Sellmann mit seinem Team vom Zentrum für angewandte Pastoralforschung (ZAP) das Konzept für die Kunstaktion entwickelt, bei dem das DJ-Duo Blank&Jones die akustische Gestaltung übernahm, während der Zellphysiologe Prof. Hans Hatt von der Ruhr-Universität Bochum einen eigenen Duft für den Raum kreiert hat. Am eindrücklichsten aber ist die Lasershow gewesen, die die Besucher gefangen nahm. Drei Lichttunnel wurden in waberndem Nebel, der zu Boden sank und wieder aufstiegt sichtbar und sollten gemeinsam mit drei Lichtpunkten, die durch drei tentakelartige Roboterarme, die vor dem Altar des Domes aufgestellt waren, eine Geschichte erzählen: Die Lichtpunkte

„sind Suchende, die schließlich einen Punkt finden: das zentrale Kreuz in der Apsis. Die Laserpunkte im Osten des Doms konzentrieren sich auf die Kreuzigungsgruppe hinter dem Dreikönigenschrein. Die Gruppe wird angestrahlt, die Beleuchtung des Schreins heruntergefahren. ‚Wir möchten zeigen, um wen es im Dom theologisch geht: um Christus und die Botschaft vom Reich Gottes’, sagt Dompropst Bachner.
‚Die Laserpunkte suchen Christus im Kirchenraum. Wenn sie ihn gefunden haben, bildet sich der Stern von Bethlehem aus bunten Lichtstrahlen’, ergänzt Professor Matthias Sellmann.“5)

Tatsächlich ist die Show mehr als eindrücklich gewesen. Der Wow-Effekt stellt sich bei den Besucherinnen und Besucher zweifelsohne ein – auch wenn, wie viele Fotos zeigen, die Lasershow in der Kuppel in einen schönen Kontrast mit dem Lichtermeer der Smartphone-Screens am Boden konkurrierte. Zahlreiche Livestreams wurden in den Stunden, in denen SilentMod die Stille in der Kirche in eine neue Sphäre hineinmodulieren wollte, im steten Bemühen um die eigene Originalität in das Internet gestreamt. Überall konnte man so sehen, dass alles sehr schön bunt war6).

Was soll man da erwarten, wenn schon die Ziele niederschwellig sind

Mit dem Projekt richtete man sich offenkundig nach den neuesten Erkenntnissen des ZAP. So formuliert Prof. Matthias Sellmann als Ziel:

„SilentMOD wird ein ganz besonderer Höhepunkt dieses Sommers. Wir sehen das beeindruckende Bauwerk des Kölner Domes mit den Augen jugendlicher Gamer. Für sie ist das Projekt. Sie sollen erkennen: Eine Kirche ist wie ein Server, ein Kraftpaket im Ruhemodus. Wenn Du ihn einschaltest, zeigt er Dir sein ganzes Potenzial.“7)

NicoleHundertmark_SilontMod1_flickr
SilontMod im Kölner Dom - Lichttunnel, Laserpunkte und Smartphoneschein

Tatsächlich aber scheint das Domkapitel als Auftraggeber noch zurückhaltender zu sein, ob die Besucherinnen und Besucher den Dom als Kraftpaket im Ruhemodus erkennen. Dompropst Gerd Bachner jedenfalls zieht ein sehr niederschwelliges Resümee:

„Es bleibt die Freude bei den Menschen an dem Erlebten und darüber, dass sich die Kirche und der Dom für ein solch neuartiges Projekt geöffnet haben.“8)

Er zeigt sich jedenfalls überzeugt,

„dass es in den Tagen gelungen ist sich dem Thema ‚Gottsuchung des Menschen’ anzunähern“9).

Abgesehen davon, dass das wohl schwer zu evaluieren ist, wird von den Machern und Initiatoren ein klassischer Kategorienfehler begangen. Er ist begründet in dem eigenen Verständnis von einem Kirchenraum als Raum der Heiligkeit und Gottesbegegnung. Demzufolge muss der Besucher eines Domes immer auch eine Gotteserfahrung haben – und sei es, dass man ihn nur entsprechend inszenatorisch, wie etwa durch SilentMod – wachrütteln muss. Das Wow wird dann als präreligiöses Faszinosum des Staunens gedeutet, weil man es selbst gerne so hätte. Aber der Kategorienfehler liegt noch auf einer anderen Ebene: Ist ein Kirchenraum in diesem Sinne ein von der Welt verschiedener heiliger Ort, an dem Gott mehr ist, als in der Welt?

Wer eine Kirche herausputzt, hat die Tempelreinigung nicht verstanden

Das Ereignis, mit dem sich Jesus von Nazareth vollends mit den jüdischen Autoritäten überwarf, war wohl die als „Tempelreinigung“ bekannt gewordene Aktion. Sie wird in allen Evangelien berichtet. Das Markusevangelium überliefert folgende Version:

Dann kamen sie nach Jerusalem. Jesus ging in den Tempel und begann, die Händler und Käufer aus dem Tempel hinauszutreiben; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler und ließ nicht zu, dass jemand irgendetwas durch den Tempelbezirk trug. Er belehrte sie und sagte: Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht. Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten hörten davon und suchten nach einer Möglichkeit, ihn umzubringen. Denn sie fürchteten ihn, weil alle Leute von seiner Lehre sehr beeindruckt waren. Als es Abend wurde, verließ Jesus mit seinen Jüngern die Stadt. Markus 11,15-19 parr

Die Aktion Jesu ist keine Kritik am Handel im Tempel an sich, wie man bei oberflächlicher Lektüre annehmen könnte. Tatsächlich geht sie viel tiefer. Es geht nicht um irgendeinen Handel. Es handelt sich um Taubenhändler10). Es sind eben jene Tiere, die für den Opferkult des Tempels benötigt wurden. Sein Handeln richtet sich offenkundig gegen diesen Kult. Deshalb verhindert er auch, dass irgendetwas durch den Tempelbezirk getragen wird.

In die gleiche Richtung geht auch sein Auftreten gegen die Geldwechsler. Ihre Aufgabe bestand darin, die verschiedenen Währungen in die Tempelwährung umzutauschen. Auch ihre Arbeit diente also der Aufrechterhaltung des Tempelkultes. Aber nicht nur das: Sie erhoben auch die Tempelsteuer, von der das Tempelpersonal bezahlt wurde.

Die sogenannte Tempelreinigung ist also ein frontaler Akt gegen den Tempelkult11). Das liegt auf der gleichen Linie wie das Wort Jesu, das man ihm im Verhör vor dem Hohen Rat entgegenhält:

Ich kann den Tempel Gottes niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen. Matthäus 26,61

Die tempelkritische Haltung Jesu ist offenkundig. Er wendet sich gegen ein Tempelverständnis, das im Jerusalemer Tempel den exklusiven Ort der Gottesbegegnung und Entsühnung des Menschen sah. Mehr noch: Seine im Matthäus-Evangelium (vgl. Matthäus 23,1-39) überlieferte Rede gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten im Tempel daselbst macht deutlich, wie sehr er sich gegen eine „sakramental“ vermittelte Nähe Gottes, die immer eines priesterlich vermittelten Handelns bedarf, wendet. Dabei ist es nicht nur die Macht, die die Heilsvermittler beständig in Versuchung führt, sie negativ auf die Heilssuchenden auszuüben und ihnen ungebührliche Lasten aufzuerlegen. Vor allem der Gedanke, dass es überhaupt eines speziellen Ortes bedarf, an dem exklusiv diese Heilsmitteilung möglich ist, wird von ihm radikal in Frage gestellt:

Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt. Darum wird euer Haus (von Gott) verlassen. Matthäus 23,37-38

Es verwundert daher nicht, wenn es in unmittelbarem Anschluss heißt:

Als Jesus den Tempel verlassen hatte, wandten sich seine Jünger an ihn und wiesen ihn auf die gewaltigen Bauten des Tempels hin. Er sagte zu ihnen: Seht ihr das alles? Amen, das sage ich euch: Kein Stein wird hier auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden. Matthäus 24,1-2

Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen. 1 Petrus 2,5

Eine frühchristliche Sollbruchstelle?

Die frühe Kirche scheint um das Verständnis der tempelkritischen Haltung Jesu, der im Jerusalemer Tempel keinen exklusiven Ort der Gottesbegegnung zu sehen vermag und dieser Einsicht in Worten und Werken Ausdruck verleiht, gerungen zu haben. Von den Aposteln etwa heißt es in der Apostelgeschichte lapidar:

Alle wurden von Furcht ergriffen; denn durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen. Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten. Apostelgeschichte 2,43-47

Täglich besuchte man also noch den Tempel. Gleichzeitig aber entsteht etwas Neues, denn neben dem gebotenen Gebet im Tempel beginnt die junge Gemeinde, in den eigenen Häuser das Brot zu brechen und miteinander das Mahl (des Herrn) zu halten.

Wendezeit

Es ist eine Zeit des Übergangs, für den die Apostel stehen. Sie sind Juden und handeln noch so, wenn sie den Tempel aufsuchen. Gleichzeitig aber sind sie auch die Zeugen des neuen Weges, der in Jesus begonnen hat. „Anhänger des (neuen) Weges“ – so bezeichneten sich die Jünger Jesu in der Zeit des Anfangs (vgl. Apostelgeschichte 9,2; 18,25-26 u.ö.).

Die Neuheit wird vor allem von einer besonderen Gruppe der frühen Kirche konsequent zu Ende gedacht. Es ist die Gruppe hellenistischer Christen. Sie verbirgt sich hinter der Gruppe der „Sieben“, von der Lukas in der Apostelgeschichte berichtet. Bei diesem Siebenerkreis ist auffällig, dass die Angehörigen dieser Gruppe samt und sondern hellenistische Namen tragen. Lukas beschreibt das Entstehen dieser Gruppe harmonisierend als hoheitlichen Akt der Apostel, der dazu dient, die Versorgungsfragen in der Urgemeinde zu gewährleisten. Tatsächlich aber verbirgt sich hinter den hellenistischen Namen eine geschichtliche Entwicklung in der frühen Kirche, bei der neben der Urgemeinde um den Zwölferkreis in Jerusalem ein weiterer frühchristlicher Kristallisationspunkt in Antiochien entsteht. So heißt es im 11. Kapitel der Apostelgeschichte:

Bei der Verfolgung, die wegen Stephanus entstanden war, kamen die Versprengten bis nach Phönizien, Zypern und Antiochia; doch verkündeten sie das Wort nur den Juden Einige aber von ihnen, die aus Zypern und Zyrene stammten, verkündeten, als sie nach Antiochia kamen, auch den Griechen das Evangelium von Jesus, dem Herrn. Die Hand des Herrn war mit ihnen und viele wurden gläubig und bekehrten sich zum Herrn. Die Nachricht davon kam der Gemeinde von Jerusalem zu Ohren und sie schickten Barnabas nach Antiochia. Als er ankam und die Gnade Gottes sah, freute er sich und ermahnte alle, dem Herrn treu zu bleiben, wie sie es sich vorgenommen hatten. Denn er war ein trefflicher Mann, erfüllt vom Heiligen Geist und von Glauben. So wurde für den Herrn eine beträchtliche Zahl hinzugewonnen. Barnabas aber zog nach Tarsus, um Saulus aufzusuchen. Er fand ihn und nahm ihn nach Antiochia mit. Dort wirkten sie miteinander ein volles Jahr in der Gemeinde und unterrichteten eine große Zahl von Menschen. In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen. Apostelgeschichte 11,19-26

Die Gemeinde von Antiochien vollzieht den Wendepunkt. Hier nennt man sich nicht mehr bloß „(neuer) Weg“; hier nennen sich die Jünger Jesu zum ersten Mal „Christen“. Antiochien ist der Aufbruchsort des frühen Christentums. Hier entsteht gewissermaßen die christliche Theologie. Hier wird Paulus sein christlich-theologisches Handwerk lernen (vgl. Apostelgeschichte 12,24-25 sowie Galater 2,11). Hier entwickelt sich die paradoxe Theologie des vom Kreuzestod Auferstandenen, in der erkannt wird, dass die Sünde vor einem Gott offenkundig keine Relevanz hat, der den wie ein gottloser Sünder Gestorbenen vom Tode auferweckt. Demzufolge ist jedes an Gesetzeswerken orientierte Streben nach Gerechtigkeit irrelevant. Außerdem gewinnt man die theologische Erkenntnis, dass die Rede von der Gottesbehauchung des Adam im letzten Schluss heißt, dass Gottes Hauch in jedem lebendigen Wesen gegenwärtig ist. Insbesondere für die Christen heißt das: Gott wohnt in euch! Ihr seid Tempel Gottes (vgl. 1 Korinther 3,16-17; Röm 9,8)!

Abschied vom Tempelkult

Wo der Mensch selbst zum Tempel Gottes wird, braucht es kein Haus Gottes mehr. Der Mensch selbst wird zum Ort der Gottesbegegnung. Die frühen Christen antiochenischer Prägung verstehen sich noch nicht als eigenständige Religion. Sie sind immer noch eine innerjüdische Bewegung. Aber sie teilen die tempelkritische Haltung des Jesus von Nazareth – und kommen genau an diesem Punkt wie er in den Konflikt mit den jüdischen Autoritäten. Nicht ohne Grund hat das Martyrium des Stephanus, der dem schon erwähnten Siebenerkreis angehörte, hier seine Ursache. In einer langen Rede, die Lukas in der Apostelgeschichte 7,1-53 niederlegt, kommt er zu dem Schluss:

Unsere Väter hatten in der Wüste das Bundeszelt. So hat Gott es angeordnet; er hat dem Mose befohlen, es nach dem Vorbild zu errichten, das er geschaut hatte. Und unsere Väter haben es übernommen und mitgebracht, als sie unter Josua das Land der Heidenvölker besetzten, die Gott vor den Augen unserer Väter vertrieb, bis zu den Tagen Davids. Dieser fand Gnade vor Gott und bat für das Haus Jakob um ein Zeltheiligtum. Salomo aber baute ihm ein Haus. Doch der Höchste wohnt nicht in dem, was von Menschenhand gemacht ist, wie der Prophet sagt: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße. Was für ein Haus könnt ihr mir bauen?, spricht der Herr. Oder welcher Ort kann mir als Ruhestätte dienen? Hat nicht meine Hand dies alles gemacht? Apostelgeschichte 7,44-50

Der Tempel ist und bleibt ein Ort der Gottesbegegnung – gerade weil er, wie die ganze andere Welt, seine Existenz letztlich Gott verdankt. Aber er verliert seine Exklusivität. Er ist von Menschenhand gemacht. Gott lässt sich nicht in Menschengemachten einsperren – und sei es als Bauwerk noch so beeindruckend und kraftvoll. Der Ort der Gottesbegegnung ist die Welt, vor allem der Mensch, der als Sitz des lebendig machenden Gotteshauches selbst Tempel ist.

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Auch bunt ...

Zieht die Schuhe an!

In seiner langen Rede kommt Stephanus auch auf die Erzählung vom brennenden Dornbusch zu sprechen:

Als vierzig Jahre vergangen waren, erschien ihm in der Wüste beim Berg Sinai ein Engel im Feuer eines brennenden Dornbusches. Als Mose die Erscheinung sah, wunderte er sich darüber. Er ging näher hin, um sie genauer zu betrachten. Da ertönte die Stimme des Herrn: Ich bin der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Mose begann zu zittern und wagte nicht hinzusehen. Da sagte der Herr zu ihm: Zieh deine Schuhe aus! Denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Apostelgeschichte 7,30-33

Zum Ausziehen der Schuhe heißt es im Exodus-Kommentar von Benno Jacob:

„Dass das Ausziehen der Schuhe am heiligen Ort bedeuten solle, man dürfe mit ihnen nicht den Staub oder die Unreinheit von draußen hineintragen, ersieht man aus [Exodus] 30,19f, wonach die Priester Hände und Füße zu waschen haben, bevor sie dem Dienst am Altar nahen (…)12). Auch im Tempel gingen die Priester barfuß, und der Tempelberg darf (M Ber. IX 5,62a) nicht mit Schuhen betreten werden. Dass man beim Betreten einer Moschee die Schuhe ausziehen muss, ist bekannt, ebenso halten es die Samaritaner in ihrem kleinen Bethaus in Nablus.“13)

Dass ein Kirchenraum nicht nur kein Tempel ist, sondern auch nicht symbolisch als Tempel verstanden werden kann, zeigt sich allein schon daran, dass die Besucherinnen und Besucher ihre Schuhe anbehalten dürfen. Der Kirchenraum ist kein heiliger Ort im Sinne der Heiligen Schrift. Er braucht es nicht zu sein, denn selbst die Jerusalemer Urgemeinde zeichnete sich ja dadurch aus, dass sie neben dem Beachten des Tempelkultes in den Häusern zum Brotbrechen zusammenkam (vgl. Apostelgeschichte 2,46). Der christliche Kult spielt sich in den Wohnhäusern ab. Hier versammelte sich die Gemeinde. Kirche ist ἐκκλεσία (gesprochen: ekklesía). ἐκκλεσία heißt wörtlich: Die Versammlung.

Das ist bemerkenswert. Das sozial prägende Merkmal der frühen Kirche war die Versammlung. Gemeinde als soziologischer Begriff war den frühen Christen ebenso fremd wie ein sakrales Verständnis des Versammlungsortes. Im Gegenteil: Die Welt war der Ort der Verkündigung. Der Auftrag Jesu lautet ja:

Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! Markus 16,15

Um überall hinzugehen und allen Geschöpfen zu verkünden, muss man gutes Schuhwerk haben. Christen müssen, um Gott zu begegnen, aber nicht nur mit guten Schuhwerk gerüstet sein:

Seid also standhaft: Gürtet euch mit Wahrheit, zieht als Panzer die Gerechtigkeit an und als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen. Epheser 6,14

Wider die betörende Anästhetik des WOW

Der Blick in das Neue Testament ist erhellend. Kirchen mögen wichtige Orte sein, steinerne Zeugen eines lebendigen Glaubens Altvorderer. Ort eine besonderen Gottnähe sind sie nicht. So wenig ein Besuch in einer Moschee den Besucher zum Muslim macht, so wenig führen psychedelisch erleuchtete Kirchenräume bei allem Wow! zum Glauben. Der Glaube kommt nicht vom Staunen, sondern vom Hören:

So gründet der Glaube Hören, das Hören aber im Wort Christi. Römer 10,17

So tritt neben den Kategorienfehler, der den missionarischen Auftrag schon darin erfüllt sieht, wenn die Menschen die Schwelle zum Kirchenraum hin überschritten haben, auch ein grundlegendes Missverständnis: Kunstaktionen, die man in ihrem vermeintlichen theologischen Gehalt erst lang erklären muss, stehen gegen die grundlegende Weisung des Paulus:

Im Gesetz steht: Durch Leute, die anders und in anderen Sprachen reden, werde ich zu diesem Volk sprechen; aber auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr. So ist Zungenreden ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen, prophetisches Reden aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Glaubenden. Wenn also die ganze Gemeinde sich versammelt und alle in Zungen reden und es kommen Unkundige oder Ungläubige hinzu, werden sie dann nicht sagen: Ihr seid verrückt! Wenn aber alle prophetisch reden und ein Ungläubiger oder Unkundiger kommt herein, dann wird ihm von allen ins Gewissen geredet und er fühlt sich von allen ins Verhör genommen; was in seinem Herzen verborgen ist, wird aufgedeckt. Und so wird er sich niederwerfen, Gott anbeten und ausrufen: Wahrhaftig, Gott ist bei euch! 1 Korinther 14,21-25

So gesehen gleicht SilentMod der Zungenrede – schön anzuschauen und anzuhören, aber ist sie auch tauglich, den Unkundigen wirklich zu erreichen? Was bleibt, wenn der Wow-Effekt verduftet ist? Ist da jemand, der wirklich Antworten auf die Fragen der Menschen gibt, der Worte des Ewigen hat? Oder reicht schon das Placebo des „Es waren doch viele da!“? Ja, es waren viele da. Sie haben eine bunte Kirche gesehen. Mehr nicht. Für eine wahre Versammlung im Namen Jesu, für jene wirkliche ἐκκλεσία braucht es mehr. Es braucht echte Verkündigung mit Worten, die die Menschen verstehen, in einer Sprache, die sich nicht im flüchtigen Schein des Schönen, im Betören der Sinne und im esoterischen Synkretismus der Musik ereignet. Man darf die Ansprüche nicht zu niedrig hängen, wenn man den verkündet, der Worte des ewigen Lebens hatte.

Eine Kirche erlangt ihre Würde und Heiligkeit, weil sich in ihr die versammeln, die erkannt haben, dass der Heilige in ihnen wohnt. Eine Kirche ist kein Tempel14). Sie ist auch kein Server. Server – wenn man dieses Wort überhaupt benutzen möchte – sind die Verkünderinnen und Verkünder. Wow! Was ist das für ein Missverständnis, von dem die Jünger Jesu in der Neuzeit befallen sind. Die Altvorderen waren da schon weiter. Es ist wieder einmal Zeit, die Schuhe anzuziehen.

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Bildnachweis

Titelbild: Lightroom – froodmat – Quelle: froodmat / photocase.de – lizenziert als photocase Basislizenz

Bild 1: SilentMod – Nicole Hundertmark – Quelle: flickr – lizenziert als CC BY-NC

Bild 2: Holi Festival of clolours in Spanish Fork, USA 2013 – Steven Gerner – Quelle: Wikimedia Commons – lizenziert als CC BY-SA

Einzelnachweis   [ + ]

1. Vgl. http://www.koelner-dom.de/index.php?id=faq [Stand: 28. August 2016].
2. Siehe hierzu: Christoph Schroeter u.a., „Rhein-Komet“ zum NRW-Tag. So funktioniert das Lichtspektakel auf dem Rheinturm, RP-online, 26.8.2016, Quelle: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/nrw-tag-so-funktioniert-das-lichtspektakel-auf-dem-rheinturm-der-rhein-komet-aid-1.6215394 [Stand: 28. August 2016].
3. Vgl. hierzu Kirchenzeitung Köln, 50 000 Besucher nachts im Dom, in KiZ 34/16, 26. August 2016, S. 7.
4. Kirchenzeitung Köln, 50 000 Besucher nachts im Dom, in KiZ 34/16, 26. August 2016, S. 7.
5. Monika Salchert, „Dom trifft Gamer“. Tausende Besucher bei Lichtshow im Kölner Dom, RP-online, 19. August 2016, Quelle: http://www.rp-online.de/nrw/kultur/gamescom-2016-silent-mod-verwandelt-den-koelner-dom-aid-1.6197061 [Stand: 28. August 2016].
6. Vgl. den kritischen Kommentar von Markus Nolte, Alles so schön bunt hier: „SilentMod“ im Kölner Dom, Quelle: http://kirchensite.de/aktuelles/kirche-heute/kirche-heute-news/datum/2016/08/22/alles-so-schoen-bunt-hier-silentmod-im-koelner-dom/ [Stand: 28. August 2016].
7. http://www.zap-bochum.de/ZAP/forschen/artikulation/silentMOD.php [Stand: 28. August 2016].
8. Zitiert nach: Kirchenzeitung Köln, 50 000 Besucher nachts im Dom, in KiZ 34/16, 26. August 2016, S. 7.
9. Kirchenzeitung Köln, 50 000 Besucher nachts im Dom, in KiZ 34/16, 26. August 2016, S. 7.
10. Johannes weiß noch von Schaf- und Rinderhändlern – vgl. Johannes 2,15.
11. Vgl. hierzu auch Helmut Merklein, Wie hat Jesus seinen Tod verstanden?, in: ders., Studien zu Jesus und Paulus, Bd. II, Tübingen 1998, S. 174-189, hier S. 176: „Historisch gesehen, wird man den Hauptgrund für eine jüdische Verurteilung Jesu in einem Wort bzw. einer Aktion Jesu gegen den Tempel sehen müssen. (…) Vor allem die Schriftzitate in dem abschließenden Jesuswort [des Abschnittes Markus 11,15-19, WK] deuten das Geschehnis als Tempelreinigung. Bei Licht betrachtet ist die dargestellte Handlung allerdings weit mehr als bloß eine Aktion zur Reinerhaltung des Heiligtums. Man muss sich klar machen, welche Funktion und Bedeutung der Verkauf von Tieren und der Geldwechsel vor dem Tempel oder im Vorhof des Tempels hatten. Es ging nicht ums Geschäftemachen am heiligen Ort. Im Gegenteil, beides diente der Aufrechterhaltung eines geordneten Kultbetriebes. Man konnte nicht irgendwelche Tiere zum Opfer herbeibringen. Es mussten kultisch einwandfreie Tiere sein. Damit nicht jedes herbeigebrachte Tier eigens von den Priestern geprüft werden musste, hatte man im Vorhof oder an den Treppen des Tempels einen lizensierten Opfertierhandel eingerichtet. Nicht minder bedeutsam war der Geldwechsel. Jeder männliche Israelit musste vom Alter von zwanzig Jahren an jährlich einen Halbschekel (Doppeldrachme) als Tempelsteuer zahlen (vgl. Ex 30,11-16). In neutestamentlicher Zeit wurde diese Steuer in tyrischer Währung entrichtet. Die Geldwechsler waren also nicht private Bankiers, die in die eigene Tasche wirtschafteten, sondern Angestellte bzw. Beauftragte der Tempelbehörde. Damit wird das Ausmaß der Aktion Jesu deutlich. Wenn er die Taubenhändler vertreib, dann unterband er den Verkauf von Opfertieren. Wenn er den Geldumtausch störte, dann verhinderte er die Zahlung der für den Tempel nötigen Zahlung. Kurzum: Die Aktion Jesu war keine Tempelreinigung, sondern stellte den Kultbetrieb in Frage.“ (Hervorhebungen im Original)
12. Benno Jacob führt hier als Belege an die Aufforderung zum Bad in Exodus 29,4 sowie Levitikus 8,6 und Levitikus 16,4.
13. Benno Jacob (S. Mayer Hg.), Das Buch Exodus, Stuttgart 1997, S. 47 (Hervorhebung im Original).
14. Vgl. hierzu auch Joseph Ratzinger, Der Geist der Liturgie, Freiburg i. Br. 2002, S. 55, der feststellt, dass die christliche Gemeinde vor allem auch einen Ort der Versammlung braucht. Der Kirchenraum ermöglicht demnach das liturgische Miteinander: „Das ist unbestreitbar die wesentliche Funktion des Kirchengebäudes, wodurch es sich auch von der klassischen Gestalt des Tempels in den meisten Religionen unterscheidet. Den Sühneritus im Allerheiligsten des Alten Bundes vollzieht der Hohe Priester allein, niemand außer ihm darf es betreten, und auch er nur einmal im Jahr. (…) Wenn das christliche Kirchengebäude sehr bald den Namen ‚domus ecclesiae’ (Haus der ‚Kirche’, der Versammlung des Gottesvolkes) erhielt und dann abkürzend das Wort ecclesia (Versammlung, Kirche) nicht nur für die lebendige Gemeinde, sondern auch für das sie bergend Haus verwendet wurde, so zeigt sich eine andere Auffassung: Den ‚Kult’ vollzieht Christus selbst in seinem Stehen vor dem Vater, er wird der Kult der Seinigen, indem sie sich mit ihm und um ihn versammeln.“ J. Ratzinger betont, dass man daraus freilich nicht einen falschen Gegensatz zwischen dem Tempel des Alten Bundes und dem christlichen Gottesdienstraum konstruieren darf. Gleichwohl bringt das christliche Verständnis des Kirchenraumes Neuerungen mit sich: 1. Man blickt nicht mehr nach Jerusalem, sondern nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen, die den vom Kreuzestod Auferstandenen symbolisiert (vgl. S. 60); 2. das neue Element des Altars, auf dem das eucharistische Opfer gefeiert wird, wobei Eucharistie als „Eintreten in die himmlische Liturgie, Gleichzeitigwerden mit dem Anbetungsakt Jesu Christi“ verstanden wird (vgl. S. 62), schließlich 3. die Aufhebung der synagogalen Trennung von Männern und Frauen (vgl. S. 64). Der Kirchenraum ist somit wesenhaft zu verstehen als Ort der Versammlung: Gott versammelt sein Volk um sich.
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5 Replies

  1. Wow, ein bisschen lang für drei Uhr in der Nacht und einem Smartphone, Kirchenraum ist für mich vor allem Raum voll mit Geschichten der Mensch die waren, sind und sein werden. Es ist ein lebendes Buch der Begegnungen mit Gott und den Menschen. Showtime warum nicht, wenn sie es schaft eine Geschichte hinzufügen, ohne vorhanden zu zerstören und neue nicht verhindert, aber nur dann. Ich mag die Show nicht. Danke für den Impuls.

  2. Sicherlich ist SilentMOD ein ausgesprochen niederschwelliges Angebot gewesen. Aber als solches muss es auch betrachtet werden. Eine Verkündigung in denkbarer Weite und Tiefe müsste sehr anders aussehen – gar keine Frage. Da behauptet aber auch niemand ernsthaft etwas anderes.

    SilentMOD ist auf einem Weg der Verkündigung bestenfalls (diesen „Fall“ halte ich allerdings gar nicht für unrealistisch!) eine Art Erstkontakt gewesen. Bevor die eigentliche und tiefe Auseinandersetzung mit dem Glauben stattfinden kann, muss ja erst einmal so etwas wie ein „Gerücht von Gott“ im Umlauf sein – oder um es in einem Bild zu sagen: der Apostel muss überhaupt erst einmal in Antiochien angekommen sein und den ersten 10, 20 Menschen dort die Hand gegeben haben, irgendwann danach fangen die ersten Sätze der Verkündigung im engeren Sinne an. Niemand wird auch nach diesen ersten Sätzen bereits einen nennenswerten Glauben haben oder auch nur verstanden haben, wovon da konkret geredet wird. Das muss langsam wachsen. Wer hier kaum abwarten kann zu wettern: „dieser Anfang, dieser „Erstkontakt“ war nicht deutlich, nicht kräftig, nicht eindeutig, nicht konsequent genug“ ist selbst sicher nicht der, der es besser machen würde.

    Und: die Apostel hätten mit Sicherheit den christlichen Glauben niemals verbreiten können, wenn ihre Worte nicht mit einer ganzen Menge verschiedenster Taten verbunden gewesen wären. Die „zu Bekehrenden“ wären niemals zum Glauben gekommen, wenn dieser nur mit „Hören“ und nicht auch sehr viel über „Sehen, Erleben und Staunen“ seinen Weg in ihre Herzen gefunden hätte. Bei der Vermittlung und Verkündigung des Glaubens ist letztlich sehr viel mehr notwendig als nur Worte – auch wenn diese am Ende natürlich nicht fehlen dürfen, um zu verstehen was man gesehen und erlebt hat.

    Ein Mittel, etwas vom Glauben zu sehen und zu erleben, kann das Betreten einer Kirche sein. Gott braucht die Kirchgebäude dabei natürlich nicht – aber der Mensch! Und nicht umsonst sind gerade bei uns Katholiken die Kirchen reich geschmückt und verziert mit Bildern, Statuen usw. Ein Bild sagt u.U. eben mehr als 1000 Worte, weiß der Volksmund.
    Aber nicht jedes Bild spricht jeden an! Unterschiedliche Generationen, unterschiedliche Milieus, unterschiedliche Zielgruppen brauchen unterschiedliche Bilder – so wie sie in einem weitergehenden Schritt auch unterschiedliche Worte brauchen.

    SilentMOD war ein Experiment, es mal anders zu versuchen als wir es (+-) immer gemacht haben. Ein Experiment, mit dem man offensichtlich einen Nerv bei den Menschen getroffen hat.
    Anstatt jetzt in Angst vor der eigenen Courage zu erstarren und in altes Verhalten zurück zu sinken, sollten wir uns lieber überlegen, wie ein –diesem konkreten Erstkontakt(!) entsprechender – „Zweitkontakt“, für diejenigen die mehr wollen, aussehen könnte.

    „Zieht die Schuhe an“ – das haben wir gemacht. Jetzt wäre es an der Zeit, das wir uns, als Kirche, auch einige Schritte damit bewegen.

    • Lieber Herr Engel, Danke für Ihren Kommentar. Ich glaube gar nicht, dass SilentMod niederschwellig war. Ich glaube im Gegenteil eher, dass es für Kirchenferne zu hoch ist und dass sie den Ansatz gar nicht verstehen können. Um den Glauben erleben zu können, muss man ihn erst einmal haben. SilenMod richtete sich aber eher an Kirchenferne. Mittlerweile weiß ich aus internen Analysen, dass SilentMod eher von Kircheninternen besucht wurde – und die haben sicher in einer beeindruckenden Performance den Kölner Dom aus einer anderen Perspektive erlebt. Aber war das das Ziel? Gerade nicht! Hier liegt genau der gedankliche Fehler. Für uns ist die Kirche ein spiritueller Raum. Wir verbinden damit entsprechende Assoziationen, Gedanken, Erfahrungen und sprituelle Dimensionen. Die ergeben sich aber eben nicht automatisch. Das ist genau der Fehlschluss, der allzu oft gemacht wird.
      Ich habe keinen Zweifel daran, dass das Erlebnis im Kölner Dom beeindruckend war – aber ein Erstkontakt findet so gerade nicht statt (es hat gerade einmal – wie die interne Analyse belegt – ein einziges Gespräch bei 50.000 Besucherinnen und Besuchern gegeben – mit Verlaub: Das zeigt, dass das Ziel von SilentMod nicht erreicht wurde.)
      Ich selbst habe die Schuhe permanent an. Ich gehe immer wieder auf die Straße – im wahrsten Sinn des Wortes – um unsere Botschaft unter das Volk zu bringen. Das ist niederschwellig, weil man nicht erst kommen muss (auch das musste man bei SilentMod), und weil echte Begegnung stattfindet (wie sollte das bei SilentMod gelingen?). Noch einmal: Das war sicher ein tolles Erlebnis – aber die selbstgesteckten Ziele wurden nicht erreicht. Das war vorhersehbar, weil hier eben ein Vorverständnis von Kirchenraum vorausgesetzt wird, dass sicher Sie und ich haben, Kirchenferne aber gerade nicht. Ich spreche es in meinem Beitrag ja an: Man wird nicht gläubig durch das Betreten von Räumen. Die Räume sind als Ausdruck des Glaubens entstanden. Und man braucht den Glauben, um sie verstehen zu können. Den Glauben wecken im Sinne eines Erstkontaktes – das ist nicht die Kompetenz toter Steine, sondern der lebendigen. Das darf man nicht verwechseln – sonst bleiben solche Veranstaltungen schnell ein Alibi, mit dem eine echte Chance vertan wird. Glaubensvermittlung jedenfalls geht anders – hier darf man Ursache (echte Verkündigung) und Wirkung (das Entstehen und Entschlüsseln von Kirchenräumen) nicht verwechseln.
      SilentMod ist und bleibt sicher ein spannendes Projekt – keine Frage. Aber die selbstgesteckten Ziele waren m.E. von Anfang an falsch formuliert, wenn nicht gar illusorisch, weil sie eben von falschen Voraussetzungen ausgingen.
      Mit herzlichem Gruß, Ihr Dr. Werner Kleine

  3. Lieber Herr Dr. Werner Kleine,

    Sie sprechen in Ihrer Antwort sehr viele verschiedene Punkte an, nicht zuletzt auch die Ergebnisse von internen Analysen, die mir leider nicht vorliegen.

    Dass gewisse Ziele der Veranstaltung zu hoch gesteckt waren bzw. man nun vielleicht einfach sagen muss, dass manche dieser Ziele nicht sehr günstig gewählt und formuliert waren, kann ich mir gut vorstellen. Das ist übrigens nach meiner Erfahrung, auch wenn die jeweilige Veranstaltung noch so erfolgreich war, ein oft vorkommendes Phänomen beim sog. „zielorientierten Handeln“ insgesamt.

    Und erfolgreich war sie m.E. in diesem Fall: Definitiv wurde mit SilentMod, wie ich es geschrieben habe, ein „ Nerv getroffen“ bei den Menschen. Zigtausende Besucher bekommt man nicht „mal eben so“ dazu, locker eine Stunde lang – teils im Regen – in einer Schlange zu stehen, um den Dom besuchen zu können.

    Dass dies für viele dieser Besucher nicht der erste Dombesuch war, habe ich auch so eingeschätzt. Die Besucher aber in zwei Kategorien einzuteilen, nämlich „Kircheninterne oder -Nahe“ und „Kirchenferne“, halte ich für eine äußerst grobe und der Sache nicht dienliche Vereinfachung der Realität. Darüber hinaus kann methodisch gesehen natürlich niemand bei 50.000 Besuchern jeweils beurteilen wer nun zu welcher dieser beiden Gruppen zu zählen wäre (abgesehen vielleicht von ein paar Prozent bekannter Gesichter unter den Besuchern). Dieses „Analyseergebnis“ kann gar nichts anderes als eine im hohen Maße ungesicherte Schätzung sein.

    Fest steht aber: Der allergrößte Teil der 50.000 Menschen, die zu SilentMod gekommen sind, wäre an diesen Abenden zu keiner anderen Veranstaltung aus dem erwartbaren Spektrum, keinem Gottesdienst, keiner Domführung, keinem Chorkonzert, etc. pp. gekommen.
    Viel wichtiger und interessanter als die Diskussion über zum Teil überzogene und in diesem Sinne ungünstig formulierte Ziele ist die Frage, wie dieser Effekt, dieser Erfolg zu erklären ist! Tausende Kirchennahe und -Nähere, Kirchenferne und -Halbferne, die alle sonst definitiv nicht in dem Dom gekommen wären, haben es hier nun getan und dafür sogar einige Strapazen bereitwillig auf sich genommen.

    Dieses Interesse und Gefühl des Angesprochenseins, bei denen die gekommen sind, hatte sicherlich viel damit zu tun, dass die Menschen die Veranstaltung durchaus als niederschwellig erlebt haben – eine „Schwelle“, die ansonsten von einem Dombesuch abhält, ist hier ja offensichtlich gefallen. Niederschwellig war an SilentMod in jedem Fall, dass vom Besucher nur wenig explizit gefordert wurde: An niemanden wurde die Erwartung herangetragen, mit einem kirchlichen Mitarbeiter ein Gespräch führen zu sollen. Es gab auch keinen erklärenden, einführenden Vortrag, dem man zuhören und auf den man sich konzentrieren musste, bevor man die Installation auf sich wirken lassen durfte. Es war nicht, wie etwa bei einem Gottesdienst, ein Ablauf vorgegeben, nach dem sich alle zu richten hatten usw. Das ist niederschwellig.

    Trotzdem gab es aber die Möglichkeit mit kirchlichen Mitarbeitern zu sprechen, um sich etwa die Installation erklären zu lassen, wenn man das wollte. Es gab die Möglichkeit in den konkreten Ablauf des Dargebotenen einzuschwingen, ihn auf sich wirken zu lassen usw.
    Wie viele Besucher nun verstanden haben, dass die drei Roboterarme die Hl. Drei Könige darstellen sollten, halte ich bzgl. der Niederschwelligkeit von SilentMod aber für keine entscheidende Frage.

    Dass sich ein Kirchraum für einen Kirchenfernen in seiner Symbolik kategorisch nicht erschließt, sehe ich nicht so. Man muss unterscheiden, ob es darum geht das – zumindest in Ansätzen – eine Symbolsprache (die ja auch kulturell verankert ist) „verstanden“ wird oder ob es darum geht, Symbolik nicht nur zu erfassen und zu „verstehen“, sondern darin eine Verbindung zum eigenen Glauben zu finden. Tatsächlicher eigener Glaube, etwas das einen Einfluss auf das ganz Leben des Menschen hat. Die Symbolsprache der Lichtinstallation usw. von SilentMod in Kombination mit der Symbolsprache des Kirchraums war auch für Kirchenferne grundsätzlich erfassbar. Dass Steine aber keinen Glauben(!) vermitteln, so wie Sie es formuliert haben, sondern Menschen dies tun, möchte ich sofort unterschreiben. Und um es etwas genauer zu sagen: weniger im Erklären, sondern vielmehr durch Beziehung bzw. eingebettet in Beziehungsgeschehen vermittelt sich der Glaube zwischen den Menschen.

    Gerade keine toten Steine, sondern lebende Menschen haben SilentMod veranstaltet. Es war eine Aktion von Menschen für Menschen. Und zwar eine, so würde ich das aus meinem Eindruck heraus formulieren, die (von Seiten der Kirche) eine Offenheit gegenüber Neuem und die Bereitschaft neue Wege zu gehen als Botschaft hatte. Eine Botschaft, nur eben ohne viele Worte, die aber auch gar nicht nötig waren. Die Menschen haben sie verstanden. Und da, wo Menschen beginnen sich untereinander zu verstehen, da geschieht ein „Erstkontakt“, da ist schon Beziehung. Und wo Beziehung ist, da hat der Glaube seine Grundlage um wachsen zu können.

    Mit SilentMod hat die Kirche mal etwas Neues versucht, eine neue Strategie gewählt. Und die sollte weiter verfolgt werden.

    Mit herzlichen Gruß, Ihr Christof Engel

    • Lieber Herr Engel, das habe ich ja alles schon verstanden. Ich freue mich wirklich und aufrichtig, dass Sie ein großartiges Erlebnis hatten. Daran hege ich – auch ich wiederhole mich – keinen Zweifel. Nur das selbstgesteckte Ziel von SilentMod wurde eben nicht erreicht. Im Übrigen besuchen den Kölner Dom jeden Tag über 10.000 Menschen – an vier Tagen also 40.000 Menschen. Niemand behauptet hier, dass die Touristengruppen, denen der Dom dezidiert erklärt wird, missionarisch erreicht worden wären. Die Zahlen sind aber den Besucherzahlen von SilenMod ähnlich. Hier sehen Sie genau den Kategoriefehler. SilenMod mag toll gewesen sein – und das tolle Erlebnis gönne ich allen Besucherinnen und Besuchern von Herzen. Ob es aber missionarisch war und sein konnte – daran habe ich eben meine Zweifel. Ich brauche das hier nicht noch einmal erläutern, weil ich das im Beitrag schon getan habe. Ich nehme wahr, dass Sie das anders empfinden. Damit kann ich leben, auch wenn ich Ihre Sicht der Dinge nicht zu teilen vermag, wie ich ebenfalls schon dargelegt habe. Mit herzlichem Gruß, Ihr Dr. Werner Kleine

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