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conditio humana

Was ist Heimat? Alttestamentliche Anmerkungen zur Caritas-Jahreskampagne 2017


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„Zusammen sind wir Heimat“1) – das ist das Motto der Caritas-Jahreskampagne 2017. Heimat ist mehr als nur ein Ort – der Begriff verweist auf eine Beziehung zwischen Menschen und einem Lebensraum. Heimat ist mehr – beziehungsweise heutzutage oft etwas Anderes – als der Ort der Geburt oder der Kindheitserinnerungen. Es ist das Gefühl von Sicherheit und Verlässlichkeit auf die Gegebenheiten – im Endeffekt ein Ort des tieferen Vertrauens, vor allem in das soziale Umfeld. Heimat ist der Gegenbegriff zu Fremdheit und Entfremdung.2) Die Caritas ruft dazu auf, in den zwischenmenschlichen Beziehungen, zwischen den Einheimischen und den Zuwanderern, eine solche heile Welt gemeinsam zu schaffen. Damit zielt diese Kampagne direkt auf die Frage der gesellschaftlichen Identität. Heimat ist eben auch ein Beziehungsbegriff und die Gemeinschaft, in der man lebt definiert auch die eigene Identität – beziehungsweise die Auseinandersetzung mit den Fragen „Was ist Heimat?“ und „Was ist meine Heimat?“ definiert wer ich bin: Wo bin ich beheimatet?

Heimatlosigkeit

Die Bibel beginnt mit einem doppelten Verlust der Heimat. Zuerst werden Adam und Eva aus dem Garten Eden verjagt und die Menschen finden ihre neue Heimat in der Welt. Sprachen und Länder entstehen. Aus dieser neuen Ordnung wird Abraham3) direkt wieder herausgerufen. Der Beginn der Heilsgeschichte Gottes nach der Sintflut ist von Heimatlosigkeit geprägt.

Der Herr sprach zu Abram: Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich Dir zeigen werde. Genesis 12,1

Das Hebräisch des Alten Testaments kennt keinen Begriff der gleichbedeutend mit dem deutschen Begriff „Heimat“4) und seiner heutigen Bedeutung ist. In dem Befehl Gottes werden drei Dimensionen von „Heimat“ beschrieben. Abraham soll sein Land (ארץ, gesprochen: eretz) verlassen, um in ein ihm unbekanntes Land zu gehen. Er soll somit sein Sprach- und Traditionsumfeld sowie sein Sozialgefüge, in dem er lebt, verlassen. Dieser Aufforderung sind zwei weitere Definitionen von Heimat angefügt, die besonders die menschlichen Beziehungen betreffen: die Verwandtschaft und das Vaterhaus – beide soll Abraham verlassen. Der hebräische Begriff מולדת (gesprochen: moledet), der in der revidierten Einheitsübersetzung mit „Verwandtschaft“ wiedergeben wird, hat ein breites Bedeutungsspektrum. Mit derselben Wortwurzel werden im Hebräischen auch die Begriffe für eine Frau zur Zeit des Gebärens (יולדה, gesprochen: joleda) und für Kinder (ילד, gesprochen: jeled) gebildet. Der in Genesis 12,1 verwendete Begriff bedeutet somit Familie. Er ist aber auch weiter zu fassen im Sinne des Geburts- und Herkunftsortes. Abraham soll den Ort seiner Identität und die Sicherheit, die durch verwandtschaftliche Verhältnisse gegeben ist, verlassen – nicht aufgeben. Der Begriff מולדת („Verwandtschaft und Herkunftsort“) wird nochmals drastisch zugespitzt in dem Begriff „Vaterhaus“ (בית אב, gesprochen: beit av). Das Vaterhaus garantiert Schutz und Versorgung. Es ist die behütete Keimzelle, in der Zukunft und Nachkommenschaft entstehen. Diesen Schutz soll Abraham aufgeben und Gott folgen – so gelangt er in das verheißene Land, in dem er selbst keine Heimat finden, sondern zu seinen Lebzeiten ein Fremder bleiben wird (siehe Genesis 17,8).

Verheißene Heimat

Abraham und Sarah sowie ihre Nachkommen leben zwar im verheißenen Land, aber sie leben in der Fremde. Als es darum geht, für Isaak, den Sohn Abrahams und Sarahs eine Frau zu finden, wird ein Knecht zurück zur Familie Abrahams geschickt (Genesis 24,1-5). Das verheißene Land wird nicht zur Heimat der Erzeltern. Der weitere Weg ihrer Nachkommenschaft führt nach Ägypten, wo sie als Fremde versklavt und zugleich zum Volk Israel werden. Gott befreit sein Volk unter der Führung Moses aus der Sklaverei und verheißt ihm erneut, wie schon den Erzeltern, das Land Kanaan als ihre Heimat. Das Leben in diesem Land ist an Pflichten gebunden, die Gott auf der Wüstenwanderung offenbart und auf die Mose das Volk kurz vor dem Einzug in die neue Heimat nochmals verpflichtet (vgl. Deuteronomium 12,1). Dazu gehört auch die Erkenntnis aus der Sklaverei in Ägypten, dass Fremde nicht unterdrückt werden sollen (siehe dazu meinen Text: „Du sollst den Flüchtling lieben“). Moses mahnt die Israeliten:

Ihr sollt nicht tun, was jeder Einzelne für richtig hält, wie es hier bei uns heute noch geschieht. Denn ihr seid bis jetzt nicht in die Ruhe und in den Erbbesitz eingezogen, die der Herr, dein Gott dir gibt. Deuteronomium 12,8-9

Der Erbbesitz ist die dauerhafte Wohnstatt in Kanaan, dem verheißenen Land. Aber der Besitz alleine ist nicht die Verheißung, sondern durch die Einhaltung der Gesetze kann das Volk in diesem Land zu Ruhe und Frieden gelangen – zu einer heilen Welt. Diese Ruhe kann von Gott nur gegeben werden, wenn die Gemeinschaft des Volks untereinander und mit Gott in einer guten Beziehung steht. Das erste Buch der Könige erzählt, dass der Bau des Tempels durch Salomo zum Geschenk der Ruhe geführt hat (siehe 1 Könige 8,56). Aber die Königebücher erzählen auch, dass Israels Könige und das Volk sich immer wieder von Gott abwenden und am Ende das Land und der Tempel verloren gehen. Der Tempel wird von den Babyloniern zerstört und Israel wird ins Exil geführt. Psalm 137 spiegelt eine Erinnerung wieder, wie stark das „Heimatweh“ der Exilierten war.

An den Strömen von Babel, / da saßen wir und wir weinten, wenn wir Zions gedachten. An den Weiden in seiner Mitte hängten wir unsere Leiern. Psalm 137,1-2

Die Erinnerung an Zion bezieht sich hierbei nicht nur auf Jerusalem als Hauptstadt des davidischen Königtums, sondern vor allem als Wohnort Gottes (siehe Psalm 48). Zion ist der Symbolort für die Beziehung des Volkes Israel zu seinem Gott.

Beheimatung

Die biblische Erinnerung an das verheißene Land und an Zion als Gottesstadt ist keine Nostalgie, sondern Sehnsucht nach dem Ort der Verwirklichung von Beziehung – hier der Beziehung Gottes zu seinem Volk. Aus dem babylonischen Exil kehrte Israel wieder zurück in seine Heimat. In biblischer Zeit war dieser Besitz jedoch nur eine Episode, die nach verschiedenen Herrschaften in der Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. endete. Das entstehende rabbinische Judentum fand nun innerhalb anderer Länder und anderer Völker einen neuen Lebensraum, wobei die Hebräische Bibel für viele Juden zum tragbaren Vaterland5) und somit zur Identität und Heimat wurde.6)

Heimat ist kein profaner Ort – sie ist im Endeffekt auch nie etwas Statisches. Heimat ergibt sich aus Beziehungen – so wie es das Motto der diesjährigen Caritas-Kampagne auf den Punkt bringt: Zusammen sind wir Heimat. Das Miteinander7) der Menschen in Verantwortung gegenüber Gott kann eine „heile Welt“ entstehen lassen, in der Ruhe geschenkt wird, die Heimat genannt werden kann.


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Bildnachweis

Titelbild: „Trautes Heim, Glück allein“, aufgenommen von Petr Kratochvil. Lizenz: gemeinfrei.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Siehe die Kampagnen-Homepage der Caritas.
2. Vgl. zum Beispiel den Sammelband: H. Bausinger / K. Köstlin (Hrsg.), Heimat und Identität. Probleme regionaler Kultur, Neumünster 1980.
3. Abram ist der Geburtsname Abrahams. Der Namenswechsel wird in Genesis 17 erklärt, dort sagt Gott zu ihm: „Man wird dich nicht mehr Abram nennen. Abraham, Vater der Menge, wird dein Name sein; denn zum Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt.“ (Genesis 17,5).
4. Der deutsche Begriff stammt aus dem indogermanischen und bedeutete ursprünglich wahrscheinlich „ein Wohnrecht mit Schlafstelle in einem Haus“.
5. Heinrich Heine spricht vom „portativen Vaterland“ (Heinrich Heine, Geständnisse).
6. Interessante Stellen zum Thema „Heimat“ im Neuen Testament: 2 Korinther 5,1; Philipper 3,20; Jakobus 1,1 – siehe dazu auch das Interview von domradio.de mit Werner Kleine: Was uns die Bibel über das Fremdsein lehrt. „Gott ist der Fremde„, domradio.de, 08.01.2017 [Stand: 15. Januar 2017].
7. Siehe dazu meinen Text: „Miteinander!“ http://www.dei-verbum.de/miteinander/; aus neutestamentlicher Perspektive sieht Werner Kleine ein solches Miteinander eher als eine Utopie und betont das Nebeneinander, siehe seinen Text: „Nebeneinander in den Frieden“.
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