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Ethica·Oeconomia

Verantwortung, die aus Reichtum entsteht Biblische Anmerkungen zu den „panama papers“


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Briefkastenfirmen, Steueroasen und Steuermoral – das sind die Stichworte, die seit den Recherchen zu den sogenannten panama papers die Diskussion bestimmen. Sogar die Namen von Regierenden in Argentinien, Island und Großbritannien finden sich in den Dokumenten des panamaischen Offshore-Dienstleisters Mossack Fonseca und der Aufschrei ist groß. In typischer Reaktion wird nach härteren Gesetzen gerufen.1) Die Gesetze sind aber nicht das Problem. Der Bundesvorsitzende der Deutschen Steuer-Gewerkschaft, Thomas Eigenthaler hat darauf hingewiesen, dass die Gründung einer Briefkastenfirma selbst noch keine illegale Handlung darstellt und auch nichts Verwerfliches ist. Er weist vielmehr darauf hin, dass es „normalerweise wirtschaftlich keinen vernünftigen Grund [gibt], eine solche Firma zu gründen, es sei denn, man möchte etwas vor den Behörden verbergen“2). Der eigentliche Skandal liegt nicht darin, dass es Briefkastenfirmen und Steueroasen gibt. Der eigentliche Skandal ist, dass diese zur Steuervermeidung und -flucht genutzt werden. Es wird geschätzt, dass der Bundesrepublik Deutschland durch Steuerbetrug jährlich mehr als 50 Milliarden Euro vorenthalten werden.3)

Reichtum ist keine Sünde

Das Alte Testament spricht unbefangen positiv von Reichtum. Wichtige Figuren der Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel waren reich. Der Verwalter Abrahams sagt über seinen Herrn:

Der Herr hat meinen Herrn reichlich gesegnet, so dass er zu großem Vermögen gekommen ist. Er hat ihm Schafe und Rinder, Silber und Gold, Knechte und Mägde, Kamele und Esel gegeben. Genesis 24,35

Von König Salomo wird berichtet, dass er eine Handelsflotte besaß, die ihm Gold, Silber, Elfenbein, Affen und Perlhühner in großen Massen einbrachte – und der Erzähler summiert:

So übertraf König Salomo alle Könige der Erde an Reichtum und Weisheit. 1 Könige 10,23

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Salomo empfängt die Königin von Saba

Aber sowohl in Bezug auf Abraham als auch in Bezug auf Salomo ist der Reichtum jeweils relativiert. Der Verwalter Abrahams führt das Reichsein seines Herrn direkt auf Gott zurück. Für Salomo erfüllt sich in seinem Wohlstand eine Zusage Gottes, der ihm Reichtum und Ehre versprochen hatte, …

… so daß zu deinen Lebzeiten [Salomo] keiner unter den Königen dir gleicht. 1 Könige 3,13

Reich zu sein ist keine Sünde4), sondern ob ein Reicher sündigt, entscheidet sich an seinem Handeln aufgrund seines Wohlstands:5)

Mancher teilt aus und bekommt immer mehr, ein anderer kargt übers Maß und wird doch ärmer. Wer wohltätig ist, wird reich gesättigt, wer andere labt, wird selbst gelabt. Wer Getreide zurückhält, den verwünschen die Leute, wer Korn auf den Markt bringt, auf dessen Haupt kommt Segen. Sprichwörter 11,24-26

Reichtum bringt Verderben, wenn er egoistisch nach innen gewendet gelebt wird. Das Beispiel mit dem Getreide und dem Korn verdeutlicht dies. Der Besitz von Korn und dessen Verkauf auf dem Markt wird als gut beurteilt. Besitz und seine Vermehrung innerhalb der Gesellschaft sollte dem Gemeinwohl dienen. Kapitalistisch auf den Punkt gebracht: Der Markt profitiert, wenn alle am Markt teilnehmen. Der Kornbesitzer kann seine Ware tauschen oder gegen Geld verkaufen. Der Markt erhält Korn. Wenn der Kornbesitzer jedoch sein Getreide nicht zum Markt bringt, dann profitiert auch die Gemeinschaft nicht davon – und er selbst kann seine Ware nicht tauschen oder verkaufen. Allerdings funktionieren solche Marktregeln nur, wenn die Vermehrung von Reichtum nicht auf Kosten der Verarmung anderer erfolgt:

Wie ein Rebhuhn, das ausbrütet, was es nicht gelegt hat, so ist ein Mensch, der Reichtum durch Unrecht erwirbt. In der Mitte seiner Tage muß er ihn verlassen, und am Ende steht er als Narr da. Jeremia 17,11

Unterschlagung

Gerechtigkeit und Reichtum sind – in der Theorie zumindest – keine unversöhnlichen Gegensätze. Selbst in der christlichen Urgemeinde in Jerusalem gab es zwar eine Gütergemeinschaft, aber diese bedeutete nicht das Ende des Privatbesitzes. So besaß zum Beispiel die Mutter von Johannes Markus ein eigenes Haus in Jerusalem (siehe Apostelgeschichte 12,12). Über die Urgemeinde in Jerusalem heißt es:

Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. Apostelgeschichte 4,32

Vielleicht steht im Hintergrund dieser Aussage und dieses Gemeindekonzepts eine Kuriosität der hebräischen Sprache. Die Sprache des Alten Testaments kennt kein Verb für „haben, besitzen“. Besitzverhältnisse werden durch eine Dativ-Partikel angezeigt. So kann in der hebräischen Bibel nicht gesagt werden „Lot hatte Schafe und Rinder“, sondern wörtlich übersetzt heißt es „Dem Lot waren Schafe und Rinder“ (Genesis 13,5). Somit wird ein Besitzverhältnis nicht vom Besitzer ausgehend definiert („er oder sie besitzt …“), sondern eine Sache oder ein Gegenstand wird dem Besitzer zugeordnet („xy gehört zu ihm oder ihr ….).

Für die christliche Urgemeinde galt nach dem Verfasser der Apostelgeschichte: Keiner beanspruchte, dass etwas von seinem Vermögen der Person nur „privat“ (als Gegensatz zu „gemeinsam“: griechisch κοινός, gesprochen koinos), also sich selbst nur zur eigenen Verfügung gegeben sei. Der Besitz galt als ein der Gemeinschaft dienendes Gut. Was dies bedeutet, wird in der Apostelgeschichte am Beispiel des Ehepaars, Hananias und Saphira, erzählt (Apostelgeschichte 5,1-11). Als Gemeindemitglieder stand es ihnen frei, über ihren Besitz zu verfügen. Aber sie mussten sich für ihr Handeln nicht nur vor der Gemeinde, sondern vor Gott rechtfertigen. In der Beschreibung der Urgemeinde heißt es:

Es gab auch keinen unter ihnen, der Not litt. Denn alle, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften ihren Besitz, brachten den Erlös und legten ihn den Aposteln zu Füßen. Jedem wurde davon so viel zugeteilt, wie er nötig hatte. Apostelgeschichte 4,34-35

Ob diese Aussage eine spätere Idealisierung der Urgemeinde oder eine geübte Praxis darstellt, lässt sich aus dem Text heraus nicht erschließen.6) Die Erzählung über das Ehepaar verdeutlicht jedoch, dass es nicht darum geht, dass Gemeindemitglieder ihren gesamten Besitz verkaufen. Sondern es wurde als Ideal angesehen, dass falls es nötig war, einen Teil ihres Besitzes verkauft wurde, um der Gemeinde zu helfen.

Ein Mann namens Hananias aber und seine Frau Saphira verkauften zusammen ein Grundstück, und mit Einverständnis seiner Frau behielt er etwas von dem Erlös für sich. Er brachte nur einen Teil und legte ihn den Aposteln zu Füßen. Apostelgeschichte 5,1-2

Der griechische Text spricht hier deutlich nicht vom gesamten Besitz, sondern von „einem Besitztum“ (κτῆμα, gesprochen ktêma). Den Erlös von dem Verkauf übergibt das Ehepaar nicht vollständig der Gemeinde, sondern hält einen Teil des Geldes zurück für sich selbst. Ob es der Großteil des Erlöses oder nur ein kleiner Teil war, sagt der Text nicht. Es geht um die Unterschlagung als Handlung gegen die Gemeinschaft und damit gegen Gott:

Da sagte Petrus: Hananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belügst und von dem Erlös des Grundstücks etwas für dich behältst? Hätte es nicht dein Eigentum bleiben können, und konntest du nicht auch nach dem Verkauf frei über den Erlös verfügen? Warum hast du in deinem Herzen beschlossen, so etwas zu tun? Du hast nicht Menschen belogen, sondern Gott. Apostelgeschichte 5,3-4

Petrus verdeutlicht in seiner Reaktion auf die Tat des Ehepaares, dass das Leben der Glaubenden in Gemeinschaft ehrliche Freiheit und ehrliche Freiwilligkeit voraussetzt. In den Worten wird deutlich, dass das Privateigentum nicht aufgehoben ist durch die Urgemeinde. Sondern jedes Gemeindemitglied ist selbst verantwortlich für den richtigen Umgang mit seinem Besitz, um der Gemeinde zu dienen. Das Grundstück hätte im Besitz des Ehepaares bleiben können und auch den Erlös hätten sie für sich behalten können. Aber sie täuschen den Besitzverzicht nur vor und unterschlagen einen Teil des Erlöses. Der Grund für die folgende Strafe, den plötzlichen Tod sowohl des Ehemannes wie auch später der Ehefrau, liegt nicht im Reichtum, auch nicht darin, dass sie sich selbst bereichert haben. Sie sterben, weil sie um des Reichtums willen, gelogen haben.

Reichtum verpflichtet

Wer Geld hat, will mehr Geld.7) Aber mit dem Reichtum wächst auch die Verantwortung. Alttestamentlich betrachtet kann Reichtum ein Segen sein, der sich selbst aber in seiner materiellen Bedeutung relativiert, da er als göttliches Geschenk zu verstehen ist. Reichtum kann somit nicht als Insel der Seligkeit beschrieben werden. Im Hintergrund pocht immer die Frage: Wie wird mit dem Reichtum umgegangen? Die Erzählung aus der Apostelgeschichte empfiehlt dazu Ehrlichkeit und Transparenz.8)


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Bildnachweis

Titelbild: „Panama Papiere“ von geralt. Lizenziert unter CC0 1.0.

Bild im Textverlauf: „The Visit of the Queen of Sheba to King Solomon “(1890), Edward Poynter. Lizenziert unter CC0 1.0.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Vgl. „Maas: Die Heimlichtuerei muss ein Ende haben“, faz.net, 05.04.2016 [Stand: 10. April 2016].
2. Es gibt keinen vernünftigen Grund, so eine Firma zu gründen“, faz.net, 04.04.2016 [Stand: 10. April 2016].
3. Vgl. „Es gibt keinen vernünftigen Grund, so eine Firma zu gründen“, faz.net, 04.04.2016 [Stand: 10. April 2016].
4. Im Buch der Sprichwörter findet sich gar die Aussage, dass Reichtum vom Segen Gottes abhängig ist beziehungsweise ausgeht: Der Segen des Herrn macht reich, eigene Mühe tut nichts hinzu. Sprichwörter 10,22 Das heißt nicht, dass dem Reichen sein Reichtum einfach zufällt. Das Buch der Sprichwörter verweist im Kontext selbst darauf, dass fleißige Arbeit reich macht (siehe Sprichwörter 10,4).
5. Vgl. hierzu auch das Gleichnis vom armen Lazarus und dem reichen Mann (Lukas 16,19-31) – siehe dazu: „Vor der Tür Europas. Zum Zusammenhang von Grenzen und Wohlstand.“, Till Magnus Steiner, Dei Verbum [Stand: 10.04.2016].
6. Werner Kleine schreibt zu dieser Aussage über die Urgemeinde: „Tatsächlich beschwört Lukas hier wohl mit Blick auf die reale Gemeinde, für die er die Apostelgeschichte ursprünglich verfasst hat, einen idealen Urzustand, weil gerade die gegenwärtige Situation der von ihm intendierten Gemeinde sich davon unterschieden haben dürfte. Nicht umsonst berichtet er deshalb wenige Kapitel später von dem Betrug eines gewissen Hananias und seiner Frau Saphira, die den idealen Zustand des gemeindlichen Gemeinbesitzes zerstörten, indem sie lediglich einen Teil des Erlöses aus einem Grundstücksverkauf den Aposteln übergaben (vgl. hierzu Apostelgeschichte 5,1-11). … Lukas hält seiner Gemeinde Verheißung und Verdammnis vor Augen. Das macht nur Sinn, wenn die Gemeinde sich gerade nicht in einem solchen idealen Zustand befand. Das idealisierte Bild der Urgemeinde dürfte dabei wohl kaum den historischen Gegebenheiten entsprochen haben.“ („Flüchtig verrannt“, Werner Kleine, Die Verbum [Stand: 10. April 2016].
7. Vgl. auch „Geld will sich vermehren“, Till Magnus Steiner, Dei Verbum [Stand: 10. April 2016].
8. Vgl. „Der Umgang mit Geld und das Neue Testament“, Werner Kleine, Dei Verbum [Stand: 10. April 2016].
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