Annus Liturgicus

Tage der Vorzeit – Wunder der Gegenwart Eine launische Anmerkung zum „synodalen Weg“

Frohes neues Jahr! Seit dem vergangenen Sonntagabend schreiben wird das Jahr 5780 nach Gottes Schöpfung der Welt und in ihr des Menschen. Diese jüdische Zeitrechnung ist kein historischer Fakt, sondern eine theologische Verankerung des eigenen Lebens in der Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung. Auch die christliche Zeitrechnung ist kein historischer Fakt. Jesus Christus wurde nicht im Jahr 0 geboren und wir leben nicht im Jahr 2019 nach Christi Geburt. Das Evangelium nach Matthäus erzählt, dass Jesus geboren wurde, als Herodes der Große noch lebte (siehe Matthäus 2,1) – der jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet jedoch, dass Herodes der Große bereits 4 v. Chr. starb. Und gemäß dem Evangelium nach Lukas wurde Jesus bei einer römischen Volkszählung unter Publius Sulpicius Quirinius geboren (siehe Lukas 2,2). Doch die Amtszeit Quirinius‘ in der Provinz Judäa begann römischer Quellen nach wohl erst 6 n. Chr.

Wenn man das Alte Testament liest, stößt man immer wieder auf Genealogien, wer wie alt wurde und wer wen zeugte. Und auch für Jesus finden sich im Neuen Testament solche Stammbäume, die zurück bis Abraham oder gar bis zu Adam verfolgt werden können (siehe Matthäus 1,1-17 und Lukas 3,23-38).1) Als jüdische und christliche Gelehrte in der Antike mit ihrer Zeitrechnung begannen, schafften sie durch ihre Bibelstudien ein Kuriosum. Nun erfährt der Gläubige jährlich, wie der Zeitabstand zu den großen Heilsereignisse wächst. Ist für einen Christen nicht jedes neue Jahr, in dem der Messias nicht wiederkehrt, ein Gegenbeweis zur geglaubten Wahrheit? Vor 2019 Jahren wurde Gott Mensch und vor 5780 Jahren schuf er die Welt – und was ist heute? Wo sind die Heilsereignisse in unserer Gegenwart?

Gott, wir hörten es mit eigenen Ohren, unsere Väter haben uns erzählt von dem Werk, das du in ihren Tagen vollbracht hast, in den Tagen der Vorzeit. Psalm 44,2

Mit der Erinnerung an die Heilstaten Gottes beginnt Psalm 44. Nicht der Schöpfung der Welt, nicht der Herausführung aus Ägypten, nicht der Einnahme des verheißenen Landes und auch nicht der Herausführung aus dem Exil wird gedacht, sondern der Taten in den ימי קדם (gesprochen: jamej keddem). Die hebräischen Worte beschreiben keine spezifische Zeit, sondern das Frühere. Die Tage der Vorzeit sind nicht einfach die vergangene Gegenwart, sondern die für das „Hier und Jetzt“ konstitutive Vorgeschichte. Doch Erinnerungen verblassen in der Vergangenheit, wenn die gemachten Erfahrungen sich nicht bewahrheiten. Und so endet Psalm 44 nicht im Lob Gottes, sondern in der Anklage seiner Tatenlosigkeit; oder besser ausgedruckt: Der Psalm endet in der Anklage Gottes Heillosigkeit.

Wach auf! Warum schläfst du, Herr? Erwache, verstoß nicht für immer! Warum verbirgst du dein Angesicht, vergisst unser Elend und unsre Bedrückung? Psalm 44,24-25

Wer nun heute davon erzählt, dass Gott auch in der Gegenwart heil bewirkt, wird für verrückt erklärt. Die kritischen Fragen aus Psalm 44 klingen durch die Geschichte der Menschheit bis zum heutigen Gebet von Juden und Christen. Aber ist es heute noch vorstellbar, dass Gott das Gebet beantwortet? Ist heute eine Befreiung, wie sie im Buch Exodus erzählt wird, noch denkbar? Ist heute ein Brotvermehrungswunder noch realistisch? Wo wird der Mensch heute noch gläubig – außer in der Vergangenheit? Wo geschieht noch diese Art der Menschwerdung?

Der Heilige Geist weht nicht nur in der Vergangenheit und er weht nicht in Strukturreformen. Er weht nicht entlang von Menschen festgelegter Wege. Das von Gott geschenkte Heil hat eine Vorgeschichte, die zeigt wie unberechenbar und zugleich doch treu Gott ist. Das lehrt der Blick in die Vergangenheit, die doch ohne eine lebendige Gegenwart einfach vergeht. Es reicht nicht eine hörende Kirche zu sein, sondern es bedarf eines sehendes Gottesvolkes, das in der Welt Gottes Wunder erkennt, bewirkt und verkündet. Und wenn aus dem Hören kein Sehen wird, dann muss die Kirche ihre Klage erklingen lassen – es reicht nicht sich zum ewigen Stuhlkreis2) zu versammeln und sich untereinander zu beraten. Kirche, wach auf! Warum verbirgst Du dein Angesicht?

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Bildnachweis

Titelbild: Wunderkerze. Fotografiert von Kaique Rocha. Lizenz: Pexels-Lizenz.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Siehe dazu “Weihnachten mit Abraham, David, Josef, Maria und Jesus Der Stammbaum des Gottessohns“, Till Magnus Steiner, dei-verbum.de, 22. Dezember 2015.
2. Siehe dazu “Der ewige Stuhlkreis Oder: Sitzt ihr noch oder verkündet ihr schon?“, Werner Kleine, dei-verbum.de, 9. Janaur 2018.
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