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#Shitstorm, eine Kultur der Diskussion? Biblische Überlegungen zur Diskussionskultur im Internet


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Fehltritte zu hinterfragen, zu kritisieren und kontrovers zu diskutieren, das sind die hehren Absichten, die in der Theorie hinter einem Shitstorm stehen.1) Aber wie der Anglizismus, mit dem dieses Internetphänomen in den sozialen Netzwerken benannt wird, bereits aussagt (Shitstorm, dt. Scheiße-Sturm), ist der Effekt meistens eine gewaltig große Zahl von nicht nur kritischen, sondern oft auch aggressiven und beleidigenden Kommentaren.

Ein Beispiel: Joko Winterscheidt, ein TV-Moderator, lädt auf facebook ein neues Profilbild hoch, in dem er ein Schild hält mit einem Verweis auf Artikel 14 der Menschenrechte: „Jeder hat das Recht auf Asyl“.2) Die Reaktion: Tausende von Kommentaren, wobei die Bandbreite von bestätigend und unterstützenden Äußerungen bis hin zur gewalttätigen Beleidigung reicht, z. B.: „Das Schild kannste zusammenrollen und in deinen arsch stecken !!! könnt ich platzen wenn ich so ein rotz lesen muss.“3)

Der Blogger und Journalist Sascha Lobo definiert das Phänomen „Shitstorm“ als „eine subjektiv große Anzahl von kritischen Äußerungen […], von denen sich zumindest ein Teil vom ursprünglichen Thema ablöst und [die] stattdessen aggressiv, beleidigend, bedrohend oder anders attackierend geführt [werden]“.4) Wenn man das Phänomen genauer betrachtet, zeigt sich, dass die Wellen der Entrüstung, die als Shitstorm bezeichnet werden, vor allem als Ort für Frustration, Hass, Angst, Wut etc. funktionieren. Man bekommt meistens den Eindruck, dass es nicht um einen Meinungsaustausch geht, sondern um die Verwendung von Kakophemismen und Schimpfwörtern.

Kommentare sind mehr als Worte

Gewalt beginnt mit der Sprache und so handelt es sich auch bei den Kommentaren bei einem Shitstorm nicht einfach um gedankenlose Schreibereien. Hinter dem Kommentar steht eine Person, die so denkt, wie sie schreibt. Die Gefahr, wie kurz (psychologisch) der Weg vom Denken über das Schreiben zur Tat sein kann, bringt der Beginn von Psalm 140 auf den Punkt:

Rette mich, Herr, vor bösen Menschen, vor gewalttätigen Leuten schütze mich! Denn sie sinnen in ihrem Herzen auf Böses, jeden Tag schüren sie Streit. Wie die Schlangen haben sie scharfe Zungen und hinter den Lippen Gift wie die Nattern. Psalm 140,2-4

Die Feinde, von denen der Beter Gott um Errettung bittet, werden als „böse“ und als „gewalttätig“ charakterisiert. Damit sind nicht zwei verschiedene Gruppen gemeint, sondern der Psalm verdeutlicht, dass der Weg vom Gedanken geradewegs zur Tat führen kann. Die Feindbedrohung wird in ihrer Gänze beschrieben: vom Anfang, dem Sinnen auf das Böse, hin zur Ausführung, dem alltäglichen Krieg mit Worten. Um diesen Zusammenhang auszudrücken, verwendet der Psalm bewusst Kriegsmetaphorik: Was in der Einheitsübersetzung mit „jeden Tag schüren sie Streit“ wiedergegeben wird, bedeutet wörtlich übersetzt „jeden Tag schüren sie Kriege“. Hier findet sich das hebräische Wort מלחמה (gesprochen: milchama), das mit „Krieg, Kampf, Schlacht“ übersetzt werden kann. Deutlich weist der Beter darauf hin, dass die Worte selbst schon Gewalt darstellen und Gewalt anzeigen. Die Zunge, die als Bild für das Reden steht, ist nur der Vorbote des tödlichen Gifts – so bringt das Reden im Endeffekt den Tod, wie sich hinter dem Züngeln der Schlange ihre Giftzähne verbergen. In seiner Bedrohungssituation wünscht sich der Beter daher:

Der Verleumder soll nicht bestehen im Land, … Psalm 140,12a

Mit „Verleumder“ ist hier ein hebräischer Ausdruck übersetzt, der wörtlich „Mann der Zunge“ bedeutet (איש לשון, gesprochen: isch laschon): jemand der mit Worten Gewalt tut und verleumdet (vgl. auch Psalm 109,3).

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Schimpf und Schande in der Bibel

Auch biblische Gestalten sind nicht frei von einer derben Sprache und halten ihre Zunge nicht im Zaum: Saul, der erste König Israels, beschimpft seinen ältesten Sohn, Jonathan, aufs Übelste:

… Du Sohn eines entarteten und aufsässigen Weibes! … 1 Samuel 20,30

Und im Auftrag Gottes bezeichnet der Prophet Amos die gutgestellten Frauen Samarias als „fette Kühe“ (Amos 4,1).

Aber es gilt zu unterscheiden zwischen der bewusst verwendeten derben Sprache als ein sprachliches Mittel und der derben Sprache als Denkform – dies hat Jesus Sirach in seinem Weisheitsbuch sehr deutlich auf den Punkt gebracht:

Hat sich einer an schändliche Reden gewöhnt, nimmt er sein Leben lang keine Zucht mehr an. Sirach 25,15

Mit dieser Aussage fasst Jesus Sirach seine Lehre über die „Zucht des Mundes“ zusammen (Sirach 23,7-15) und verdeutlicht, dass schändliche Rede, den Menschen selbst zu Fall bringt:

Durch seine Lippen verstrickt sich der Sünder, Lästerer und Stolze stürzen durch sie. Sirach 23,8

Die Haltung, die man selbst durch die Verwendung agressiver und beleidigender Sprache einnimmt, konterkariert die Heranbildung eines Menschen zu einer guten Person, deren Charakter sich für Jesus Sirach besonders in Wort und Rede offenbart.

Die Sprache als Offenbarung des Charakters

Im Neuen Testament verweist der Jakobusbrief im Besonderen auf die Bedeutung der eigenen Sprache. Die eigenen Worte können Quelle von Gutem und Bösem sein. Wer seine eigene Sprache kontrolliert, kontrolliert sein Verhalten:

Denn wir alle verfehlen uns in vielen Dingen. Wer sich in seinen Worten nicht verfehlt, ist ein vollkommener Mann und kann auch seinen Körper völlig im Zaum halten. Jakobusbrief 3,2

In den Ausführungen wird die Zunge (γλῶσσα, gesprochen: glossa) als kleiner Körperteil, dem gesamten Körper (σῶμα, gesprochen: soma) gegenübergestellt. So wie ein kleines Steuerrad ein ganzes Schiff durch einen Sturm lenken kann, so vermag die Zunge, beziehungsweise die eigene Sprache, den Körper und somit das eigene Verhalten zu lenken (Jakobusbrief 3,4). Zugleich kann die Zunge, aber auch Ursprung des Übels sein:

Auch die Zunge ist ein Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit. Die Zunge ist der Teil, der den ganzen Menschen verdirbt und das Rad des Lebens in Brand setzt; sie selbst aber ist von der Hölle in Brand gesetzt. Jakobusbrief 3,6

Die Wörter, die man ausspricht und verwendet, können einen viralen Brand auslösen. Hierbei liegt für den Briefautor die Fatalität dieses Umstandes darin, dass die Zunge den wahren Charakter einer Person offenbart:

Denn jede Art von Tieren, auf dem Land und in der Luft, was am Boden kriecht und was im Meer schwimmt, lässt sich zähmen und ist vom Menschen auch gezähmt worden; doch die Zunge kann kein Mensch zähmen, dieses ruhelose Übel, voll von tödlichem Gift. Jakobusbrief 3,7-8

Worte sind eben nicht nur Worte und Sprache ist nicht nur Sprache. Die eigene Stimme ist die Brücke des Denkens in die Welt hinein. In ihr offenbart sich in einer Diskussion die Kultur, in der man lebt bzw. die Kultur, die man lebt.

Mit ihr [der Zunge] preisen wir den Herrn und Vater und mit ihr verfluchen wir die Menschen, die als Abbild Gottes erschaffen sind. Aus ein und demselben Mund kommen Segen und Fluch. Meine Brüder, so darf es nicht sein. Läßt etwa eine Quelle aus derselben Öffnung süßes und bitteres Wasser hervorsprudeln? Kann denn, meine Brüder, ein Feigenbaum Oliven tragen oder ein Weinstock Feigen? So kann auch eine salzige Quelle kein Süßwasser hervorbringen. Jakobusbrief 3,9-12


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Bildnachweis

Titelbild: „Dislike Graffiti“ von zeevveez. Lizenziert unter CC BY 2.0.

Bild im Textverlauf: „Klare Worte!“ von Andrea Mayer-Edoloeyi. Lizenziert unter CC BY 2.0.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Vgl. „Was ist ein Shitstorm? Eine klare Definition und Checkliste”, Tim Ebner, social media #facts, 02.12.2014 (Stand: 10. Oktober 2015).
2. „Erspart mir eure hetzerischen Mails und entfolgt mich“, welt.de, 06.10.2015 (Stand: 10. Oktober 2015). Ein anderes aktuelles Beispiel ist die Reaktion auf ein T-Shirt, das Meryl Streep getragen hat (siehe: „Meryl Streep. Shitstorm“, Julia Kubowicz, bunte.de, 08.10.2015 [Stand: 10. Oktober 2015]).
3. Die Rechtschreibung entspricht dem originalen Kommentar und wurde unverändert übernommen. Siehe das Profilbild von Joko Winterscheidt auf facebook samt der sich darunter befindenden Kommentare.
4. „How to survive a Shitstorm“, Vortrag auf der re:publica 2010, Sascha Lobo (Stand: 11. Oktober 2015). Im Duden wir das Phänomen „Shitstorm“ definiert als „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht“. („Shitstorm, der“, duden.de [Stand: 11. Oktober 2015]).
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