Exegetica·Judaica

Saul der Jude, Paulus der Christ? Ein jüdischer Blick auf Saulus Paulus von Tarsus

Viele Jahrhunderte lang war das „Neue Testament“ kein jüdisches Thema. Im Mittelalter wurden jüdische Gelehrte von Zeit zu Zeit zu einer Disputation mit kirchlichen Würdenträgern einbestellt. Das war schon heikel genug, denn der Jude konnte bei einer unpassenden Aussage sehr schnell auf dem Scheiterhaufen der Inquisition landen. Außerdem wurden Juden, die unter dem Schutz eines Bischofs oder Fürstbischofs standen, sogenannte „Schutzjuden“, oft gezwungen, sonntags die Messe zu besuchen. Das reichte ihnen völlig. Es gibt bis heute Juden, die keinen Fuß in eine christliche Kirche setzen. Zu Beginn der Neuzeit fingen doch einige Gelehrte an, sich für die Texte des NT zu interessieren. Baruch Spinoza (1632-1677) , der zwar bei seinen jüdischen Zeitgenossen in Ungnade gefallen war, beurteilte Paulus als einen großen Philosophen und Rabbiner Jacob Emden (1697-1776) formulierte eine theologisch positive Würdigung des Paulus und war der Meinung, dieser wolle das Judentum keineswegs verunglimpfen. Dies, um nur zwei Beispiele zu nennen. Als man im 19.Jahrhundert begann, alle biblischen Texte einer kritischen Analyse zu unterziehen, nahmen jüdische Gelehrte, z.B. Heinrich Graetz, Joseph Klausner, später Martin Buber und Leo Baeck dies zum Anlass, auch die aus dem Griechischen übersetzten Texte des NT genauer zu betrachten. Sie kamen dabei, wie könnte es anders sein, durchaus zu unterschiedlichen Ergebnissen. In unseren Tagen nun, genauer im Jahr 2011, haben sich in den USA christliche und jüdische Wissenschaftler zusammengesetzt und sie haben das ganze NT aus jüdischer Sicht gelesen und kommentiert. 2017 erschien die 2.Auflage dieses Werkes bei Oxford University Press/USA und diese erschien Ende 2021 in deutscher Übersetzung mit dem revidierten Text der Luther-Bibel.

Die Eltern des Paulus waren durch Kriegseinwirkung von Galiläa nach Tarsus in Kleinasien gelangt. Kleinasien war kulturell griechisch geprägt, stand zu dieser Zeit aber unter römischer Herrschaft, wie weite Teile der damals bekannten Welt. Sie waren aus dem Stamm Benjamin, der zusammen mit dem Stamm Juda noch das Königreich Juda bildete, das zu dieser Zeit auch römisch beherrscht wurde.

In Tarsus wurde ihnen ein Sohn geboren, dem sie nach der Beschneidung den Namen שָׁאוּל (gesprochen: Scha’ul)/Saul gaben nach dem ersten König Israels, der auch ein Benjaminiter war. Gleichzeitig bekam er den römischen Namen „Paulus“, denn er war wie seine Eltern ein freier römischer Bürger. Als Jugendlicher wurde er nach Jerusalem in die pharisäische Schule zu Rabbi Gamaliel II geschickt, um sein jüdisches Wissen zu vertiefen. Daneben erlernte er das Handwerk des Zelttuchwebers. Wie sooft herrschten turbulente Zeiten im Nahen Osten. In Juda stritten Sadduzäer und Pharisäer, von Qumran aus, am Rande des Toten Meers, machte die Sekte der Essener ihren Einfluss geltend, immer wieder flammten blutige Aufstände gegen die römische Herrschaft auf. Die Menschen litten und sehnten sich nach Frieden und fromme Pharisäer und auch die Essener hofften auf die baldige Ankunft des Messias. Da gab es aber auch eine Gruppe um Jesus von Nazareth, die behauptete, dieser sei der Messias, der nach einem römischen Urteil ans Kreuz geschlagen wurde, gestorben und am dritten Tage auferstanden sei und in Kürze wiederkäme, um die Welt zu erlösen. Das konnte der junge, vielleicht ungestüme Scha’ul nicht hinnehmen und er schloss sich denen an, die diese jüdischen Sektierer blutig verfolgten. Er ging auch nach Damaskus, denn auch dort gab es eine Gruppe dieser Sektierer. Was dort genau geschah, weiß nur er allein. Jedenfalls hat er von Stund an diese Leute nicht mehr verfolgt, sondern als solche betrachtet, die eine tiefere Erkenntnis des Gottes Israels hatten. Auch er war jetzt überzeugt, dass das „Reich Gottes nahe sei“ und sah es als seine Aufgabe an, möglichst viele Menschen für diesen EINEN GOTT zu gewinnen. Er reiste zu jüdischen Gemeinden in der Diaspora, die immer auch offen waren für nichtjüdische Gäste. Von dort aus entfaltete er eine rege Missionstätigkeit unter den Heiden. Uns ist dies aus der Apostelgeschichte und seinen zahlreichen Briefen überliefert.

Fast zweitausend Jahre lang wurden viele seiner Aussagen in diesen Briefen als gegen das Judentum gerichtet interpretiert bis auf die wenigen Ausnahmen, die kaum zur Kenntnis genommen wurden. In dem oben erwähnten Buch haben es nun jüdische Wissenschaftler unternommen, die griechischen Texte nach jüdischem Verständnis zu lesen und sind zu ganz anderen Erkenntnissen gekommen. Z.B. wird das griechische πίστις (gesprochen: pístis) mit „Glauben“ übersetzt. Juden denken dabei an אֱמוּנָה (gesprochen: emuna) als Vertrauen in die Zusage Gottes, die immer auch menschliches Tun im Sinne der Weisungen voraussetzt. Wenn man unterstellt, dass Paulus jüdisch dachte, beinhaltet „allein durch den Glauben“ immer auch ein engagiertes Handeln des Menschen mindestens nach den Noachidischen Geboten, zum Beispiel :

„schaffet gerechte Gerichte“.

Dann kommt noch das Liebes-Gebot:

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Levitikus 19,18

dazu, das auch im jüdischen Denken verankert ist. Außerdem ist die Debatte um die Beschneidung entbrannt. Paulus war gegen die Beschneidung der Heiden. Sie sollten nicht alle Juden werden. Die Juden hatten ihren eigenen unauflöslichen Bund mit Gott. Die Heiden sollten sich von den Götzen lossagen und erkennen, dass es nur den EINEN GOTT, den Schöpfer des Himmels und der Erde gibt. Paulus hoffte, dass er die Ankunft des Messias noch erleben würde und für die Erkenntnis des EINEN GOTTES wollte er vorher möglichst viele Menschen gewinnen. Inzwischen warten wir gemeinsam mit den Christen auf die Messianische Zeit und haben auch manches Missverständnis aufgearbeitet, aber es lohnt sich immer für uns gemeinsam die Steine auf dem Wege des Messias abzuräumen.

Dieser Beitrag erschien in leicht veränderter Form auch in der Westdeutschen Zeitung vom 11. März 2022.

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Bildnachweis

Titelbild: Der schreibende Paulus in einer frühmittelalterlichen Ausgabe seiner Briefe (9. Jahrhundert) – Quelle: Wikimedia – lizenziert als gemeinfrei.

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2 Replies

  1. Danke für diesen Beitrag. An einer Stelle hat sich eine Ungenauigkeit eingeschlichen. Sie schreiben:

    “In unseren Tagen nun, genauer im Jahr 2011, haben sich in den USA christliche und jüdische Wissenschaftler zusammengesetzt und sie haben das ganze NT aus jüdischer Sicht gelesen und kommentiert. 2017 erschien die 2.Auflage dieses Werkes bei Oxford University Press/USA …”

    Ich besitze beide Ausgaben dieses Buches. Der englische Titel:
    The Jewish Annotated New Testament

    Dort findet sich kein einziger christlicher Beitrag. Warum auch?
    Es geht ja gerade um die jüdische Perspektive. Es sind Beiträge
    von Jüdinnen und Juden aller jüdischen Richtungen vertreten.
    Warum sollten christliche Wissenschaftler etwas aus jüdischer
    Sicht kommentieren wollen?

    Was nun beim Übersetzungsprozeß – es sind ausschließlich
    christliche Theologen in den mir bekannten Rezensionen
    benannt – passiert ist, weiß ich nicht, weil ich mir die deutsche Ausgabe nicht kaufen werde.

    • Danke für den Hinweis. In der Tat sind sämtliche Kommentar auch in der deutschen Ausgabe von jüdischen Kommentatoren verfasst worden. Im Vorwort gibt es allerdings den Hinweis auf den christlich-jüdischen Dialog in den USA. Möglicherweise spielt Fr. Tutzinger hierauf an. Trotzdem ist es wichtig, festzuhalten, dass es in dem neuen und wichtigen Werk um eine dezidiert jüdische Perspektive geht. And er deutschen Ausgabe haben wohl christliche Theologen der Deutschen Bibelgesellschaft als Herausgeber, nicht aber als Kommentatoren mitgewirkt. Im Übrigen kann ich persönlich auch als Neutestamentler diese Kommentierung nur empfehlen.

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