Res publica

Namenlose Zahlen und aufgezählte Namen Auch Jabez lebte und starb…

Die Namen der Toten – wer kennt sie schon? Nicht erst seit der in Deutschland täglich zunehmenden Zahl an Neuinfektionen ist die Pandemie durch nackte Zahlen geprägt – ganz so, als ließe sie sich berechnen. Wo ist das Totengedächtnis der Öffentlichkeit? Nein, es würde vielleicht nichts ändern, die Namen täglich vor der Tagesschau zu verlesen – die Menschen sind tot, doch wenigstens wären sie keine Zahlen. Die Aneinanderreihung von Namen ist ermüdend, bis einer der Namen einen direkt im Innersten berührt. Ja, den kennst Du. Plötzlich steht da ein ganzes Leben vor dem inneren Auge. In der Pandemie sterben keine Zahlen, sondern Menschen. In der Pandemie infizieren sich keine Statistiken, sondern Großeltern, Eltern, Kinder, Verwandte, Freunde, Bekannte, Mitmenschen.

Das biblische Buch der Chronik beginnt mit einer sogenannten „genealogischen Vorhalle“. Von Adam bis zum Beginn der israelitischen Königszeit werden die Generationen Israels nach Stämmen geordnet aufgezählt – nicht als Zahlen, sondern als ermüdend zu lesende, langatmige Namenslisten:

Adam, Set, Enosch, Kenan, Mahalalel, Jered, Henoch, Metuschelach, Lamech, Noach, Sem, Ham und Jafet. Die Söhne Jafets waren: Gomer, Magog, Madai, Jawan, Tubal, Meschech und Tiras. Die Söhne Gomers waren: Aschkenas, Rifat und Togarma. 1 Chronik 1,1-6 und so weiter

Diese Geschlechter- und Familienlisten ziehen sich über neun Kapitel sehr lange hin – und es ist kein Wunder, dass diese zu den weniger gelesenen Abschnitten der Bibel gehören. Doch wer sich der Tatsache stellt, dass das Gottesvolk nicht nur aus den einzelnen, bekannten Helden besteht und die Namen der Unbekannten abschreitet, stolpert über Jabez, der nur in zwei aufeinanderfolgenden Verse in der Bibel erwähnt wird. Er durchbricht sozusagen die genealogische Linie – weder werden seine Vorfahren noch seine Nachfahren genannt; plötzlich taucht er auf:

Jabez war angesehener als seine Brüder. Seine Mutter hatte ihn Jabez genannt; denn sie sagte: Ich habe ihn unter Beschwerden geboren. 1 Chronik 4,9

Er ist weder König noch Priester, doch trotzdem wird nun seine Geschichte erzählt – und alles dreht sich um Pein, Schmerzen, Mühsal und das menschliche Schicksal. Nachdem Gott beschlossen hatte, Adam und Eva aus dem Paradies zu vertreiben, sagt er zu der Frau:

Viel Mühsal bereite ich dir und häufig wirst du schwanger werden. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Genesis 3,16

Es sind eben diese Schmerzen, die auch Jabez‘ Mutter erleidet. Jabez kommt wie jeder Mensch zur Welt. Sowohl in Genesis 3,16 als auch in 1 Chronik 4,9 steht die hebräische Wortwurzel עצב (gesprochen: azav) mit der sich Pein, Schmerzen, Mühsal ausdrücken lassen. Jabez‘ Mutter hatte, wie es allen Frauen seit Eva angekündigt war, ihr Kind eben unter diesen Schmerzen zur Welt gebracht. Und von diesem Geschehen leitet sich auch sein Name ab: Jabez (יַעְבֵּץ) besteht aus denselben Konsonanten wie die in den beiden Versen verwendete hebräische Wortwurzel nur die letzten beiden Konsonanten sind vertauscht. Im Hintergrund dieser Verdrehung von Buchstaben steht vielleicht der Versuch die negativen Folgen eines „bösen Namens“ abzuwenden, wie es auch im folgenden Vers deutlich wird.

Doch Jabez rief zum Gott Israels und sprach: Möchtest du mich segnen und mein Gebiet erweitern. Möchte deine Hand mit mir sein, dass du mich freimachst von Unheil und ich ohne Beschwerden bleibe. Und Gott erfüllte seine Bitte. 1 Chronik 4,10

Nun erklingt mitten in den nüchternen Namenslisten ein Gebet: Aus den Schmerzen, die seine Geburt verursacht hat, solle nicht seine Mühsal (‎עָצְבִּי, gesprochen: azbi, „meine Pein / Schmerzen / Mühsal“) werden. Er bittet Gott um ein anderes Schicksal als das, was sein Name ihm auf den Lebensweg mitgegeben hat: Gott, beschütze mich vor Unheil und Schmerz! Dieses zutiefst menschliche Gebetsanliegen erklingt inmitten der nüchternen Namenslisten – und wird von Gott erhört. Diese Bitte erklingt auch heute und besonders in der Pandemie in den verschiedensten Worten an Gott gerichtet. Mitten in der Folge von Leben und Sterben erklingen immer wieder Worte, wie die von Jabez. Inmitten der Pandemie beten Menschen zu Gott, weil sie sonst nirgends Hoffnung finden können. Jabez‘ Gebet ist ihr Gebet ist unser Gebet. Weder Jabez noch die Infizierten und Toten noch wir selbst sind unbekannten Namen und nackte Zahlen vor Gott, warum sollten wir also andere Menschen degradieren?

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Bildnachweis

Titelbild: fotografiert von Gerd Altmann , verfügbar auf Pixabay

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