Kapitel
Ethica·Res publica

Mit dem Gewissen vereinbar? Biblische Anmerkungen zum Streit und zur Einigung von CSU und CDU


den Artikel
vorlesen lassen

Unbestreitbar bedarf es einer Reform der Asylpolitik in Europa: Die europäischen Mitgliedsstaaten müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen und zugleich hinter den Flüchtlingszahlen die Einzelschicksale sehen. Ist eine solche Politik möglich, wenn die Verallgemeinerung “die Flüchtlinge” zum Reizwort wird? Ist es ethisch gut, die fliehenden Menschen als Flüchtlingswelle und somit als Naturkatastrophen zu bezeichnen? Auf diese Fragen hat der Bamberger Domkapitular Peter Wünsche eine deutliche Antwort gegeben. Er ist nach 44 Jahren Mitgliedschaft in der CSU aus der Partei ausgetreten: „Aus Gewissensgründen kann ich nicht mehr bleiben. Ein Wahlkampf als Wettbewerb in Asylverhinderung, diskriminierende Worte wie ‚Asyltourismus‘ und ‚Asylwende‘, die mutwillige Demontage der Kanzlerin, eine Politik, die Überfremdungsängste auf- statt abbaut: Das geht nicht mit meinem Wertesystem zusammen“, schrieb er zu seiner Entscheidung auf Facebook.1) Man mag allen Streitenden in der Union zugutehalten, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen handeln – bis das Gegenteil bewiesen ist. Aber woran richtet sich das Gewissen, dieser moralische Kompass, aus?

Gut und rein

Für Paulus ist das Gewissen keine leitende objektive Norm, sondern die Instanz zur rückblickenden Beurteilung eines geschehenen Handelns. In der Zeit nach Paulus entwickelt sich das Gewissen im Neuen Testament zum Charakteristikum der christlichen Ethik:

Das Ziel der Unterweisung ist Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben. 1 Timotheus 1,5

Man kann nur ein gutes Gewissen haben, wenn man dem Heilsplan Gottes dient und auf seinen Wegen wandelt. Diese grundlegende Aussage wird im Kontext des Kampfes gegen Irrlehren geäußert. Geheuchelter Glaube führt zu Zwist und Streitigkeit. Wahrer Glauben beweist sich in einer tätigen Liebe, die die Grundhaltung eines Christen sein soll. Das reine Herz und das gute Gewissen ermöglichen diese Liebe als Lebensweise. Der erste Petrusbrief versteht die Taufe als

eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi. 1 Petrus 3,21

So gibt die Taufe sozusagen ein neues Wissen, um das eigene Tun im Horizont der Heilstat Jesu Christi einzuordnen. Dass Gott die Möglichkeit der Entscheidung zum guten Handeln gibt, zeigt sich auch in einer Bitte in den Psalmen:

Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und einen festen Geist erneuere in meinem Inneren. Psalm 51,12

Das Herz ist im Alten Testament der Sitz der Vernunft. Mit ihm erkennt der Mensch die Lebens- und Weltordnung und öffnet sich für Gott. Der Geist ist daneben das Zentrum der Lebenskraft und des Willens und es ermöglicht, das mit dem Herz erkannte auch in Hingabe zu Gott zu tun.

Gut und Böse

Es gibt im Alten Testament kein Wort, das sich mit dem Begriff „Gewissen“ übersetzen lässt. Beim Gewissen geht es dem Hebräer an Herz und Nieren. Auch für die hebräische Bibel gibt es gutes und schlechtes Handeln, Schuld und Verantwortung. Aber das Gewissen ist Teil der Leiblichkeit. Deutlich wird dies in Salomos Bitte um ein hörendes Herz, die auch heute noch christlichen Politikern als Gebetsvorlage dienen kann:

Verleih daher deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht! 1 Könige 3,9

Das Herz ist im alttestamentlichen Denken Entscheidungszentrum des Menschen mit seinem vernunftbegabten Willen und all seinen emotionalen Regungen. Für David ist das wildschlagende Herz gar ein Gewissensurteil:

Hinterher aber schlug David das Gewissen [Hebräisch:‎לֵב , genauer: Herz], weil er einen Zipfel vom Mantel Sauls abgeschnitten hatte. 1 Samuel 24,6

David wird sozusagen von seinem Herz zurecht gestoßen. Eine ähnliche Funktion wird auch den Nieren zugeschrieben:

Ich preise den HERRN, der mir Rat gibt, auch in Nächten hat mich mein Innerstes [Hebräisch: ‎כִלְיוֹתָֽי, genauer: meine Nieren] gemahnt. Psalm 16,7

Die Nieren, wie auch das Herz, werden als Ort gedacht, an denen Gott dem Menschen ins Gewissen spricht, damit dieser zwischen Gut und Böse unterscheiden kann.

Christlich

Muss einem nicht das Herz rasen, wenn Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken? Muss es einem nicht im Innersten schmerzen, wenn Hilfesuchende als Problem verallgemeinert werden? Mögen die christlichen Politiker der Unionsparteien ein hörendes Gewissen haben, damit sie nicht nur ihre Parteiinteressen verfolgen und so das Volk regieren, sondern auch verstehen, das Gute vom Bösen zu unterscheiden.

Empfehlen Sie diesen Artikel weiter
  • Share this on WhatsApp
Wenn Sie über die Veröffentlichung neuer Texte informiert werden möchten, schicken Sie bitte eine E-Mail, mit dem Betreff „Benachrichtigung“, an mail@dei-verbum.de

Bildnachweis

Titelbild: Nachhaltigkeit, fotografiert von Maderrot. Lizenz: (CC BY-SA 4.0).

Einzelnachweis   [ + ]

1. Peter Wünsches Facebook-Post vom 29.06. 2018 [Stand: 2. Juli 2018]
Weitere Beiträge:

Sei der Erste, der einen Kommentar schreibt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.