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Disput·Res publica

In die Mitte! Ein Essay über die Frage, was die Politik von der Physik und der Bibel lernen kann


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Higgs Gottesteilchen hat die Welt nicht verändert, sondern erst möglich gemacht. Ohne diese kleinen nach dem Physiker Peter Higgs benannten Elementarteilchen, deren Existenz erst 2012 im Teilchenbeschleuniger am CERN-Forschungszentrum in Genf experimentell nachgewiesen werden konnten, gäbe es keine Gravitation. Ohne Gravitation gäbe es keine Kraft, die die Dinge zusammenhalten würde, es gäbe keine Atome, keine Materie, keine Planeten, kein Leben. Deshalb werden diese auch als Higgs-Bosonen bekannten Elementarteilchen auch Gottesteilchen genannt. Die Schwerkraft ist eines der wesentlichen Prinzipien der Schöpfung. Intuitiv wusste das offenkundig auch der Urheber des sogenannten ersten Schöpfungsberichtes, wenn er einen Satz an den Anfang stellt, der in sich zum Anfang der Heiligen Schrift selbst werden soll:

Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Genesis 1,1

Himmel und Erde – oben und unten, jenseits und diesseits, fern und nah. All das ist nur möglich aufgrund relativer Zuordnungen, die erst aufgrund der Schwerkraft möglich werden. Der Schwerkraft eignet die Potenz zur Positionierung. Sie übt eine Kraft aus, die zum Schwerpunkt, zur rechnerischen Mitte hinzieht. Von hier aus ist Orientierung möglich. Der Mensch steht auf der Erde, weil ihn die Schwerkraft zur Erdmitte hinzieht. Von seiner Position aus, ist der Himmel oben. Wer glaubt, Gott wohne im Himmel, schaut deshalb flehend nach oben – und befindet sich augenblicklich relativ gesehen unten. Kein Wunder, dass diejenigen, die Hilfe immer von oben erwarten, die Welt als Tal des Jammers erleben. Das könnte nicht zuletzt daran liegen, dass das Individuum sich selbst zum Mittelpunkt der Welt ernennt, zum Gravitationszentrum, auf das alles hingeordnet ist und dem auch der liebe Gott gefälligst zu dienen hat.

Autoapotheose

Solche Selbstapotheosen sind in der Gegenwart immer wieder zu beobachten, gerade auch im politischen Bereich. Ob die selbstverliebten Herrscher der Gegenwart Trump, Erdogan oder Orban heißen – selbst wenn sie demokratisch legitimiert in ihre Ämter gelangt sind, können sie mit der so verliehen Macht offenkundig nicht wirklich umgehen. Sie wähnen sich selbst als Mittelpunkt der Welt, Sonnen, deren Schwerkraft die Planeten in ihre Bahnen zwängen. Die Weisen der Gegenwart ahnen, dass die vermeintlichen Sonnen wohl eher Straßenlaternen sind, die weniger von Planenten denn von Motten umkreist werden. Trotzdem gerät eine Welt, deren Mächte die Gesetze der Schwerkraft nicht verstehen, aus den Fugen. Dabei kann schon jedes Kind an einem Mobile das fragile Zusammenspiel von Gleichgewicht und Scherkraft erkennen und lernen, dass es nur wenig bedarf, um die faszinierende Schönheit der Bewegung um eine kaum fassbare Mitte zu zerstören. Wer innerhalb eines solchen Systems gravierend eingreift und das Gleichgewicht stört, zerstört das System selbst.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wie tiefgreifend solche Fehleinschätzungen nicht nur in der großen Weltpolitik, sondern auch in kleineren Maßstäben sind, lernen gegenwärtig die kleinen Könige der CSU. Man zerrte ein Problem in die Mitte der Aufmerksamkeit, namentlich die nicht vorhandenen Flüchtlingsströme, versah es mit viel Tamtam mit so viel Schwerkraft, dass fast die Regierung daran zerbrach, nur um sich selbst als kraftmeierische Macher darzustellen. Das Ergebnis ist fatal: Die neu eingeführten Grenzkontrollen an den bayerisch-österreichischen Grenzen brachte im ersten Monat nach der Einführung der Kontrollen ganze vier illegale Einreisen ans Tageslicht1), während Urlaubsreisende an den ehemals offenen Grenzen durchaus damit rechnen müssen, mehrere Stunden Wartezeit auf sich nehmen2).

Politische Aufmerksamkeitsdefizite

Aber nicht nur dieser empirische Befund zeigt, dass die bayerischen Granden gravierende Fehler in das fragile gesellschaftliche System eingebracht haben. Auch die Bevölkerung spürt, dass die Sonnen bayerischer Stammtischhoheiten sie faktisch hinters Licht geführt haben. Vor der Landtagswahl 2018 in Bayern rutscht die CSU nicht nur von Umfragetief zu Umfragetief. Als Hauptschwierigkeit Bayerns konstatieren die Meinungsforscher mittlerweile die CSU selbst. So

„nannten die Befragten bei der Frage nach den ‚größten Problemen auf Landesebene‘ an erster Stelle mit 34 Prozent die CSU und ihren Ministerpräsidenten Markus Söder. Danach folgen das Thema Flüchtlinge (28 Prozent) und die Lage am Wohnungsmarkt (26 Prozent).“3)

Auch andernorts scheint es erhebliche Aufmerksamkeitsdefizite zu geben:

„Das Thema Flüchtlinge ist in Ostdeutschland nur für zehn Prozent der Wahlberechtigten wichtig, im Westen nur für acht Prozent. Die wichtigsten Probleme auf Landesebene sind demnach in Ostdeutschland die Schul- und Bildungspolitik (21 Prozent), die Armut und das soziale Gefälle (19 Prozent), Verkehrsprobleme (16 Prozent), die Lage am Arbeitsmarkt (15 Prozent), die Abwanderung junger Menschen (14 Prozent) und die schlechte Infrastruktur (12 Prozent). Für die Westdeutschen (ohne Bayern und die Stadtstaaten) sind die wichtigsten Probleme laut Forsa-Erhebung auf Landesebene der Verkehr (39 Prozent), Schul- und Bildungspolitik (24 Prozent), die Lage am Wohnungsmarkt (19 Prozent), die schlechte Infrastruktur (14 Prozent) sowie Klima- und Umweltschutzprobleme (13 Prozent).“4)

Entgegen der politischen und medial verstärkten Wahrnehmung hält also ein Großteil der Bevölkerung ganz andere Problem für wichtig – nur nicht die Flüchtlinge. Offenkundig hat sich das Diktum Angela Merkels aus dem Spätsommer 2015, dass wir das schaffen, als wahr erwiesen. Es wäre an der Zeit, sich den wirklichen Problemen des Landes zuzuwenden. Das wären die echten Herausforderungen der Gegenwart, denen zeitgenössische Irrlichter vieler politischer Farben wohl gerne ausweichen – vor allem in Ermangelung echter Antworten5).

Wendepunkt

Dass die Gesellschaft aus den Fugen zu geraten scheint, hat sicher nicht nur, vor allem aber auch damit zu tun, dass Politiker falsche Schwerpunkte setzen. Dabei könnte ein Blick in die weisheitlichen Traditionen der Menschheit helfen, wieder auf den rechten Weg zu finden. Selbst wenn man nicht zu glauben vermag, ist die Heilige Schrift doch gerade für Verfechter des vermeintlich christlichen Abendlandes sicher ein Buch, zu dem man beizeiten greifen sollte, um sich Rat zu holen. Nicht ohne Grund mahnt ja schon der Psalmist:

Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern sein Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt. Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, es wird ihm gelingen. Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht. Darum werden die Frevler im Gericht nicht bestehen noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten. Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich. Psalm 1

Die Bildwelt des Psalmes ist faszinierend. Der Gerechte steht fest wie ein Baum, der Frevler ist bloß ein Spiel des Windes – ein Schelm, wer da an den Umgang von Politikern mit Umfragewerten denkt.

Gravitationszentrum

Der Mensch ist immer in der Gefahr, sich selbst zu Gravitationszentrum der Welt zu machen. Er kann vielleicht sogar gar nicht anders, betrachtet er die Welt doch immer nur aus seiner Perspektive. Er definiert die Welt gewissermaßen von seinem Punkt aus, so dass er immer im Mittelpunkt steht. Für unreife Kinder mag diese Weltsicht noch normal sein. Erwachsene hingegen,

deren Sinne durch Gebrauch geübt sind, Gut und Böse zu unterscheiden, Hebräer 5,14

sollten doch über ein gewisses Maß an Selbstrelativierung verfügen. Das Kind mag vom Spiel des Mobile noch vorwissentlich fasziniert sein. Erwachsene hingegen sollten um die Gesetze des Mobiles, die aus dem Zusammenwirken von Gleichgewicht und Schwerkraft bestehen, wissen. Immer neu die eigentliche Mitte zu suchen, ist deshalb die Aufgabe, der sich Erwachsene in den großen und kleinen Herausforderungen des Alltags zu stellen haben – wissend, dass man selbst meist eher nicht der Mittelpunkt der Welt ist.

Genau das macht übrigens Jesus selbst in seiner Lehre tatkräftig immer wieder vor. Als ein Rangstreit unter den Jüngern ausbricht, wer der Größte sei, tadelt er sie nicht nur mit Worten:

Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Markus 9,35

Er unterstreicht seine Mahnung zudem noch ganz konkret:

Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat. Markus 9,36-37

Der Vorgang ist von empirischer Wucht: Indem Jesus ein Kind in ihre (!) Mitte (ἐν μέσῳ αὐτῶν – gesprochen: en méso autôn) stellt, schafft er einen neuen Bezugspunkt, der jedwedes machtbezogene Kalkül der Jünger relativiert. Der folgende Satz muss als Deutesatz verstanden werden: Die Schwachheit des Kindes konterkariert eben nicht nur die Kraftmeierei der Jünger. Ihnen wird auch zu Bewusstsein gebracht, dass sich Jesus selbst mit diesem Kind identifiziert. Wer ihn und seine Botschaft aus dem Blick verliert, kann nicht sein Jünger sein. Umgekehrt: Jeder der ein Kind aufnimmt, muss sich gewiss sein, dass er an dem Kind so handelt, als wenn er Jesus selbst begegnen würde. Jeder, der das aus dem Blick verliert, verschiebt den Gravitationspunkt von der Botschaft Jesu auf sich selbst – er setzt sich an seine Stelle, er repräsentiert ihn nicht mehr, er macht sich selbst zu Gott.

Perspektivwechsel

Die Mitte spielt auch sonst in der wort- und tatkräftigen Verkündigung Jesu eine Rolle. Bereits am Beginn des Markusevangeliums begegnet seine Strategie, die Perspektiven zurecht zu rücken:

Als er wieder in die Synagoge ging, war dort ein Mann mit einer verdorrten Hand. Und sie gaben Acht, ob Jesus ihn am Sabbat heilen werde; sie suchten nämlich einen Grund zur Anklage gegen ihn. Da sagte er zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte! Und zu den anderen sagte er: Was ist am Sabbat erlaubt – Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? Sie aber schwiegen. Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz, und sagte zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er streckte sie aus und seine Hand wurde wiederhergestellt. Da gingen die Pharisäer hinaus und fassten zusammen mit den Anhängern des Herodes den Beschluss, Jesus umzubringen. Markus 3,1-6

Auch hier spielt das „In-die-Mitte-Stellen“ eine wesentliche Rolle. Es lenkt den Blick auf das Eigentliche. Die Pharisäer sind nur an der strikten Einhaltung der Gesetze interessiert. Die stellt Jesus nicht grundsätzlich in Frage, wohl aber justiert er die Haltung zu ihnen neu: Das Gesetz muss dem Menschen dienen. Deshalb gehört der Mensch in die Mitte. Das faktische Handeln Jesu gerät zur Bloßstellung für seine Kritiker. Ihr Gravitationssystem hat eine schwere Störung erlitten. Sie könnten es neu justieren, müssten dann aber sich selbst in Frage stellen.

Eine ähnliche und doch ganz andere Rolle spielt die Mitte in der johanneischen Erzählung von der Ehebrecherin (vgl. Joh 8,1-11). Diesmal ist es nicht Jesus, der die Frau in die Mitte stellt, sondern deren Ankläger:

Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte (ἐν μέσῳ – gesprochen: en méso). Johannes 8,3

Die Mitte wird hier zuerst zum Ort der Anklage, den die Wortführer des Mobs schaffen: Seht her, was das für eine ist. Jesus aber belässt die Frau in der Mitte, in dem er relativ zu ihr, aber auch zu ihren Anklägern, seine Position beibehält. Würde er sich zu den Anklägern bewegen, würde er die Mitte aufheben. Der Mensch in der Mitte, die vom Tode bedrohte Frau, ist das, worum es auch ihm geht. Nur mit ihr in der Mitte kann er den notwendigen Perspektivwechsel vollziehen:

Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Johannes 8,7

Dass er danach, die Ankläger brüsk ignorierend weiter mit dem Finger in den Sand schreibt, relativiert die Ankläger und ihr Anliegen zusätzlich. Der gefallene Mensch in seiner Schwachheit in der Mitte – das ist der Bezugs- und Gravitationspunkt des Handelns und Lehrens Jesu.

Auf den Tisch!

Was in die Mitte muss, gehört auf den Tisch. So kann es offen und von allen Seiten betrachtet werden. Wie zu allen Zeiten, braucht auch die Welt von heute keine Menschen, die Probleme machen, die man ohne sie nicht hätte, sondern Problemlöser. Wenn Politiker Probleme suggerieren, von deren Schaffung sie erhoffen, an der Macht zu bleiben, erweisen sie sich letztlich nur als Menschen, die den Souverän hinter das Licht führen wollen. Sie gleichen Betrügern, die nur an ihren eigenen Vorteil denken. Derweil bleiben die echten Probleme liegen. Die aber gehören auf den Tisch der Ministerinnen und Minister und in die Mitte der Parlamente. Die ältere und jüngere Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass die vom Leben bestraft werden, die zu spät kommen. Die nächste Wahl kommt bestimmt. Und es gibt wirkliche, echte, richtige Probleme, die die Menschen betreffen. Ab damit – in die Mitte!

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Bildnachweis

Titelbild: NGC 4414 (NASA-med) – Quelle: Wikicommons – lizenziert als gemeinfrei.

Video: Miyoko Shida Rigolo (SRF IITM) – Quelle: Youtube – lizenziert als Youtube Standardlizenz.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Vgl. hierzu https://www.br.de/nachrichten/bayern/bayerische-grenzpolizei-vier-illegale-einreisen-festgestellt,R10PbW5 [Stand: 19. August 2018].
2. Vgl. hierzu https://www.n-tv.de/wirtschaft/Bayerns-Grenzkontrollen-sind-Belastung-article20578839.html [Stand: 20. August 2018].
3. Zeit online, Viele Bayern halten Markus Söder für ein Problem, 13.8.2018, Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-08/forsa-umfrage-csu-markus-soeder-landtagswahl-negativ-trend [Stand: 19. August 2018].
4. Zeit online, Viele Bayern halten Markus Söder für ein Problem, 13.8.2018, Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-08/forsa-umfrage-csu-markus-soeder-landtagswahl-negativ-trend [Stand: 19. August 2018].
5. Vgl. hierzu als entlarvendes Beispiel das ZDF-Sommerinterview mit Alexander Gauland (Quelle: https://www.zdf.de/politik/berlin-direkt/berlin-direkt—sommerinterview-vom-12-august-2018-100.html [Stand: 19. August 2018].
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