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Ecclesiastica

Die Kinder gehören Gott! Anmerkungen zum sexuellen Missbrauch an Minderjährigen in der Kirche


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Ein Brief des Papstes vermag es nicht, die von Priestern und Bischöfen gerissenen Wunden zu schließen, an denen die Kirche ausblutet. Die päpstlichen Schambekundungen über die Verfehlungen des Klerus reihen sich aneinander, während mehr und mehr Gläubige ihr Schweigen brechen. „Der Schmerz dieser Opfer ist eine Klage, die zum Himmel aufsteigt und die Seele berührt,“1) schreibt Papst Franziskus. Diese Anklage erklingt mitten aus dem Herzen der Kirche und erschallt in der ganzen Welt. Zwar richtet der Papst bewusst sein Schreiben „an das Volk Gottes“ und somit an die ganze Kirche und verurteilt den klerikalen Macht- und Gewissenmissbrauch, aber: „Spricht der Papst nicht allzu leicht in der Wir-Form und nimmt damit diejenigen in der Kirche mit in Haftung, die aufgrund des skandalösen Verhaltens von Priestern selbst eher zu den Leidtragenden gehören?“2), fragt Bischof Stephan Ackermann kritisch.

Eine Vielzahl von Priestern, Ordensleuten hat sich an der Kirche versündigt und Bischöfe haben die Taten verheimlicht und vertuscht. „Inwieweit taugen Bischofssynoden, Ad-limina-Besuche, Auswahlverfahren für Bischofsernennungen und die Arbeit der Nuntiaturen, wenn schwere Missstände in den Ortskirchen über Jahrzehnte hinweg weder benannt noch angepackt werden?,“3) fragt Regina Einig in ihrem Kommentar zum Papst-Schreiben. Nun müssen radikale Maßnahmen folgen. Die den Missbrauch ermöglichendem Strukturen müssen beseitigt werden. Dem Papst-Schreiben müssen Taten folgen, ansonsten wird die Kirche aus Sündern völlig zur sündigen Kirche. Der Missbrauch lässt sich nicht lokal oder temporal relativieren. Priester, Ordensleute und Bischöfe haben gegen Gott gesündigt, sie haben sich an seinem Erbe vergangen.

Vererbt!

Siehe, ein Erbteil vom HERRN sind Söhne, ein Lohn ist die Frucht des Leibes. Psalm 127,3

Kinder sind in der Bibel ein Zeichen für ein gottgesegnetes, erfülltes Leben. In der patriarchalen Gesellschaftsstruktur der alttestamentlichen Zeit bedeutet die Geburt eines Sohnes den Fortbestand einer Familie. Er ist der Erbe, der den familiären Besitzstand absichert. Die Wohlfahrt der Familie liegt jedoch in den Händen Gottes, denn die Vererbungslinie läuft nicht direkt von den Eltern zu den Kindern, sondern Söhne – und aus heutiger Perspektive auch Töchter – sind ein Segensgeschenk Gottes. Und zugleich haben sie eine besondere Würde, denn sie sind unverfügbar. Sie sind der Besitz Gottes. Der hier im Hebräischen zu lesenden Begriff נחלה (gesprochen: nachala) ist mit der Angabe Gottes als Besitzer im Alten Testament ein Ehrentitel Israels:

Euch aber [sagt Mose] hat der HERR genommen und aus dem Schmelzofen, aus Ägypten, herausgeführt, damit ihr sein Volk, sein Erbbesitz [נחלה] werdet – wie ihr es heute seid. Deuteronomium 4,20

Für Gott ist sein Volk ein unveräußerbarer Besitz, um den er sich sorgt. Seine Fürsorge zeigt sich in der Gabe von Kindern, durch die das Volk durch die Generation hindurch nach dem Willen Gottes lebt. Die Gabe muss aber „erarbeitet“ werden. Kindern sind nicht nur ein Geschenk, sondern auch ein Lohn aus dem Verantwortung erwächst. An den Kindern zeigt sich die Beziehung zu Gott (siehe Markus 10,13-16). Wie können Menschen, die in ihrem Leben Jesus Christus repräsentieren sollen, Kindern die Hölle auf Erden bereiten, anstatt zur Liebe Gottes zu führen? Die missbrauchten Kinder werden ihren Schmerz vererben und so wird aus dem göttlichen Segen ein göttlicher Fluch gegen die Kirche.

Wurzelstock

Im Alten Orient wurden neue Olivenbäume nicht aus Kernen gezüchtet, sondern häufig wurde ein alt gewordener Baum gefällt, so dass aus dem übrigbleibenden, festverwurzelten Stumpf neue Sprösslinge herauswachsen konnten. Mit diesem Bild beschreibt Psalm 128 den Segen durch viele Kinder:

Wie Schösslinge von Ölbäumen sind deine Kinder rings um deinen Tisch herum. Psalm 128,3

Die Kirche darf ihre Wurzel nicht vergessen, deshalb muss sie nun die Axt am Stumpf ansetzen und neue Sprösslinge ermöglichen. Nur dann kann sie selbst als Besitz Gottes wieder aufblühen.

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Bildnachweis

Titelbild: Mädchen, zur Verfügung gestellt von pxhere. Lizenz: gemeinfrei.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Schreiben von Papst Franziskus an das Volk Gottes” 20.08.2018 [Stand: 27. August 2018]
2. Aufrüttelndes Schreiben“, Die Tagespost, Seite 11, 23.08.2018
3. Papstbrief mit offenen Fragen“, Regina Einig, Die Tagespost, Seite 9, 23.08.2018
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