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Gottgleich! Der Mensch als Ebenbild Gottes in der Politik


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Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) lädt nach Pfingsten zu einem runden Tisch: „Wir wollen über unsere Identität reden, und zwar integrativ, einladend und nicht ausgrenzend. Wir wollen offen intellektuell und emotional diskutieren.“1) Nach der Kritik am bayrischen Kreuz-Erlass sucht er das offene Gespräch mit den Vertretern der Kirchen, anderer Religionsgemeinschaften sowie der Wissenschaft über die Werte, Kultur und Identität des Landes. Ein runder Tisch dreht sich schnell um sich selbst.2) Aber wäre es nicht mal wieder sinnvoll, nicht nur miteinander zu sprechen, sondern konstruktiv zu diskutieren, zu argumentieren, zu streiten, was die Werte und Fundament der Gesellschaft sind?

Die Abgeordneten der AfD zeichnen in ihren Reden im Bundestag eine Gesellschaft kurz vor dem Abgrund: „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern,” sagte Alice Weidel (AfD) vergangene Woche im Bundestag.3) Verunglimpfungen dieser Art, die mit den Mitteln der Verallgemeinerung und Abgrenzung arbeiten, und mit den Ängsten in der Bevölkerung spielen, bieten wenig Konstruktives. Ja, wie Volker Kauder zu recht in seiner Erwiderung klarstellte, steht eine solche verallgemeinernde, diskriminierende Rhetorik der biblischen Aussage, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes sei und deshalb als Person eine besondere Würde besitzt, konträr gegenüber: „Wenn es in diesem Haus Kolleginnen und Kollegen gibt, die das christliche Abendland retten wollen und dann über andere Menschen so sprechen, wie Sie es gemacht haben, Frau Weidel, hat das mit christlichem Menschenbild nichts zu tun.“4)

Im Deutschen Grundgesetz ist im ersten Artikel im ersten Absatz festgeschrieben, dass die Würde des Menschen „unantastbar“ ist. Das ist das Fundament des deutschen Staates. Aber was ist Würde und was ist der Mensch?5)

Der biblische Diskussionsbeitrag

Was der Mensch ist, ist eine Frage, die die Bibel in Psalm 8,5 und Psalm 144,3 selbst wörtlich stellt. Es ist eine Frage, die sich jeder Mensch im Angesicht seiner selbst und im Angesicht der Welt stellt. Der Mensch braucht eine Antwort auf diese Frage, um zu wissen, wer er ist und wie er selbst und in der Beziehung zu anderen dementsprechend handeln kann und darf. Eine Antwort, die die Bibel darauf gibt, ist die sogenannte „Gottebenbildlichkeit“ des Menschen. So heißt es zum Beispiel in Gen 9,66):

Wer Blut eines Menschen vergießt, um dieses Menschen willen wird auch sein Blut vergossen. Denn als Bild Gottes hat er den Menschen gemacht. Genesis 9,6

Das Leben eines Menschen ist ein hohes Gut, da der Mensch „als Bild Gottes“ eine besondere Würde besitzt. Aber was bedeutet, dass der Mensch „Bild Gottes“ ist?

Die alttestamentlichen Antworten

Den modernen Ausdruck „Menschenwürde“ kennt die Bibel nicht und auf die Frage „Was ist der Mensch?“ gibt die Bibel, in ihrer Vielzahl von Büchern nicht nur eine einzige Antwort. Das Buch der Psalmen gibt dem Leser und der Leserin der Bibel diese Frage ins Gebet:

Was ist der Mensch, dass du [= Gott] seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Psalm 8,5; vgl. Psalm 144,3; Ijob 7,16-18

Eine direkte Antwort gibt der Psalm jedoch nicht. Im nächsten Vers folgt vielmehr eine hochschätzende Beschreibung des Menschseins:

Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit. Psalm 8,6

Dieser Psalmvers setzt den Menschen beinahe auf eine Stufe mit Gott selbst und ist im Angesicht des Alten Orient, der den Menschen als Sklaven der Götter sah, und der heutigen Zeit, in der der Mensch oft nur als Produkt der Evolution gesehen wird, eine Provokation. Der Mensch ist mehr als seine reine vergängliche Lebenssituation. Jeder Mensch ist Bild Gottes, wie es an der wohl bekanntesten Stelle zu dieser Thematik in der Bibel, in Gen 1,26-27, heißt:

Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich! Sie sollen walten über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die auf der Erde kriechen. Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie. Genesis 1,26-27

Bereits die ersten Worte Gottes verwirren den Leser: Gott spricht von sich selbst in der Wir-Form („Lasst uns…“). Und dann folgt die Aussage, dass der Mensch, als Mann und Frau, das Bild dieses „Wir“ ist. Aber was heißt es nun, „Bild Gottes zu sein? Der hebräische Begriff צלם (gesprochen: zäläm), der in der Einheitsübersetzung mit „Bild“ übersetzt ist, bezeichnet an anderen Stellen eine Statue im Sinne eines „Repräsentationsbildes“ – das Gott ähnlich ist, aber ihm nicht gleicht. Der Kontext dieser Aussage zeigt, dass es hier nicht um die Qualität des Menschen geht, sondern um seine Funktion: Der Mensch ist an Gottes Statt in der Welt beauftragt, die von Gott gut erschaffene Welt in Ordnung zu erhalten. Der Mensch ist der Statthalter Gottes auf Erden. Diese dem Menschen verliehene Gewalt ist eine lebensfördernde, die nicht nur Königen zusteht, sondern demokratisiert ein Auftrag an jeden Menschen darstellt (siehe auch Jesus Sirach 17,1-10).
Später, vielleicht unter dem Einfluss des platonischen Denkens verschiebt das Buch der Weisheit die Aussage von Genesis 1,26-27. Die Gottebenbildlichkeit sei keine Funktionsaussage, sondern eine besondere Eigenschaft des Menschen:

Denn Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht. Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt und ihn erfahren alle, die ihm angehören. Weisheit 2,23-24

Die Ebenbildlichkeit bedeute, dass der Mensch zur Unsterblichkeit erschaffen sei – er diese besondere Eigenschaft aber durch den sogenannten Sündenfall verloren habe: Er ist nicht unsterblich wie Gott, sondern am Ende seines Lebens steht der Tod.

Ausblick

Bereits der Theologe Irenäus von Lyon im 2. Jahrhundert sah, dass die Bibel verschiedene Antworten darauf bietet, was der theologische Begriff der „Gottebenbildlichkeit“ bedeutet: Kommt sie allen Menschen zu aller Zeit zu, wie es die Schöpfungsgeschichte in Genesis 1,26f. betont (selbst nach der Vertreibung aus dem Paradies und der Sintflut, siehe Genesis 9,6)? Oder hat der Mensch seine Gottebenbildlichkeit verloren (Weisheit 2,23-24) und gemäß dem Neuen Testament erst durch Jesus Christus wiedererlangt?

Belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Taten abgelegt und habt den neuen Menschen angezogen, der nach dem Bild seines Schöpfers erneuert wird, um ihn zu erkennen. Kolosser 3,9-10

Sei es seit der Schöpfung oder erst (wieder) seit Jesus Christus – der Mensch soll sich als „Bild Gottes“ in der Welt verhalten und eine lebensfördernde Ordnung aufrechterhalten, die von Gott in die Schöpfung hineingelegt wurde. Der christliche Beitrag zur Debatte über die Identität, Werte und Kultur des Landes, die Markus Söder führen möchte, ist ein radikales Ideal: um Gottes willen barmherzig und gerecht an der gesamten Schöpfung, jedem Menschen und jedem Tier, zu handeln. Und jeder Mensch ist ein Bild Gottes (Jakobus 3,9). Darüber müsste mal diskutiert werden!

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Titelbild: Eye, fotografiert von Porsche Brosseau. Lizenz: (CC BY-SA 2.0).

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1. Söder will Runden Tisch zu Werten, Kultur und Identität“, katholisch.de, 17.05.2018 [Stand: 18. Mai 2018].
2. Zum Thema Runder Tisch bzw. Stuhlkreis, vgl. „Der ewige Stuhlkreis“, Werner Kleine, dei-verbum.de, 9.01.2018 [Stand: 21. Mai 2018].
3. Kauder knöpft sich Weidel vor“, n-tv, 16.05.2018 [Stand 21. Mai 2018].
4. Kauder knöpft sich Weidel vor“, n-tv, 16.05.2018 [Stand 21. Mai 2018].
5. Der christliche Beitrag zur Beantwortung dieser grundlegenden Frage ist die Lehre des Menschen als Gottes Ebenbild: „Was ist aber der Mensch? Viele verschiedene und auch gegensätzliche Auffassungen über sich selbst hat er vorgetragen und trägt er vor, in denen er sich oft entweder selbst zum höchsten Maßstab macht oder bis zur Hoffnungslosigkeit abwertet, und ist so unschlüssig und voll Angst. In eigener Erfahrung dieser Nöte kann die Kirche doch, von der Offenbarung Gottes unterwiesen, für sie eine Antwort geben, um so die wahre Verfassung des Menschen zu umreißen und seine Schwäche zu erklären, zugleich aber auch die richtige Anerkennung seiner Würde und Berufung zu ermöglichen. Die Heilige Schrift lehrt nämlich, dass der Mensch “nach dem Bild Gottes” geschaffen ist, fähig, seinen Schöpfer zu erkennen und zu lieben, von ihm zum Herrn über alle irdischen Geschöpfe gesetzt, um sie in Verherrlichung Gottes zu beherrschen und zu nutzen“, so fasst das katholische Konzilsdokument Gaudium et Spes 12 die Lehre der Gottebenbildlichkeit des Menschen zusammen.
6. Siehe zur Auslegung dieses Verses: „Die Vollstreckung der Todesstrafe“, Till Magnus Steiner, dei-verbum.de, 10.10.2017 [Stand: 21. Mai 2018].
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