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Der ewige Stuhlkreis Oder: Sitzt ihr noch oder verkündet ihr schon?


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Der Zauber, der dem Anfang innewohnt, entfaltet sich für viele auch beim Jahreswechsel. Die bloße Änderung einer Ziffer am Ende der Jahreszahl ist Anlass genug für Rückblicke, Bilanzen, Vorsätze und Verheißungen. Dass es sich dabei allzu oft nur um einen faulen Zauber handelt, dessen Verheißungen schon bei Sonnenaufgang die ersten Anzeichen von Verwesung zeigen, nimmt dem fast schon magischen Ritual nichts von seiner immer wiederkehrenden Macht. Schließlich ist es das Wesen der Bilanz, dass sie Vergangenes aufrechnet, um auf dieser Basis eine Prognose zu entwickeln. Merkwürdig nur, dass der Mensch dazu neigt, aufgrund einer Jahresbilanz, die das Scheitern seiner vorjährig gefassten Vorsätze einberechnen müsste, oft dieselben Vorsätze prognostisch neu aufstellt: Diesmal, diesmal wird alles besser …

Gratia supponit naturam

Was die gemeinen Zeitgenossen in ihrer Bilanz übersehen, ist freilich der Faktor Mensch und die ihm eigene Trägheit. Schon das erste newtonsche Axiom besagt, dass

ein Körper in Ruhe oder in gleichförmiger geradliniger Bewegung bleibt, solange die Summe der auf ihn wirkenden Kräfte null ist.

Wenn sich also innerhalb eines Systems nichts ändert, ändert sich tatsächlich nichts. Die systematische Trägheit treibt immer in die gleiche Richtung. Veränderung wäre nur möglich, wenn ein neuer Impuls hinzukäme, etwas, das bisher nicht Teil des Systems ist, der die Trägheit der Bewegung verstört, ihr eine neue Richtung gibt, sie aber auch ebenso zum Stillstand bringen oder umkehren kann. Nur so lange sich nichts ändert, verändert sich nichts!

Allein aus naturgesetzlichen Gründen kann es daher eigentlich nicht verwundern, dass gut gemeinte Vorsätze Vorsätze bleiben. Der Mensch liebt die Veränderung nicht wirklich. Veränderung bedeutet Ausbruch aus der Gewohnheit, Veränderung und Verantwortung. Ob das, was kommt, besser ist als das, was war, kann niemand sagen. Bei dem, was war, weiß man aber, was man hat. Damit kann man umgehen. Das Abenteuer kann gefährlich sein, die Langeweile garantiert Sicherheit. Im Sessel ist noch niemand vom steilen Pfad des Lebens gestürzt.

Der ewige Kreis

Vielleicht liegt hier der Grund, dass viele Religionen den Kreis der ewigen Wiederkehr als inneres Moment beherbergen. Der Kreis festigt. Die Trägheit wirkt sich in einer Kreisbewegung noch einmal auf besondere Weise aus. Einen um sich selbst kreisenden Körper aus der Ebene zu bringen, in der sich der Drehimpuls befindet, kostet erhebliche Kraft. Die Kreisbewegung ist gerade wegen des ihr innewohnenden Trägheitsmomentes äußerst stabil. Sie ist berechenbar. Man kann vorhersagen, was passiert: So wie die Sonne ihren Kreis vollendet und jeden Morgen neu aufgeht, so fasst auch der Mensch am Jahresende immer die gleichen Vorsätze. Das hat Prinzip, ist verlässlich und gibt Sicherheit. Der ewige Kreis ist langweilig, aber bietet eben Beschäftigung. Man kann sich Vorsätze nehmen, darüber ärgern, dass man die Vorsätze nicht erfüllt hat, die Vorsätze schließlich vergessen, um sie sich dann wieder neu zu stellen.

Auch die Kirche der Gegenwart hat die stabilisierend-sedierende Wirkung des Kreises für sich entdeckt. Der Stuhlkreis wird zum Symbol eines beschworenen Aufbruchs, der aber nie über die Grenzen des kreisbegrenzten Systems hinausgehen wird. Die im Kreis Gefangenen befinden sich schließlich auf ekklesiostationären Bahnen, bei der sich zentrifugale und zentripetale Kräfte ausgleichen. So stürzt die Kirche zwar nicht zusammen, sie hat aber auch keine über sie hinaustreibenden Kräfte. Das System ist in sich völlig stabil. Deshalb lieben die Bischöfe der Gegenwart den Stuhlkreis. Er suggeriert eine Bewegung, ohne dass die Bewegten bemerken, dass sie sich im Kreis bewegen. Er suggeriert Fortschritt, ohne dass die Bekreiselten merkten, dass die Ergebnisse vorhersehbar sind. Und damit einem bei aller um sich selbst kreisenden Beschleunigung nicht schwindelig wird, wird immer wieder Entschleunigung beschworen: Es soll sich etwas verändern, aber nicht so schnell – am besten vielleicht aber auch gar nicht. Ein Kreis ist immerhin ein Kreis: Unendlich, vollkommen und eins – so wie die Kirche eins sein soll!

Heute ist nie die Zukunft

Es ist absolut kein Zufall, dass der noch relativ neue Bischof von Aachen, Helmut Dieser, ausgerechnet in seiner Sylvesterpredigt1) einen synodalen Prozess ankündigt. Er habe erkannt,

“dass (…) [er] für das Bistum sorgen muss und zwar dadurch, dass (…) [er] Gelegenheit schaff[t], die gemeinsame Spur zu finden“2).

Die so intendierte Spurensuche umfasst einen Gesprächs- und Veränderungsprozess in drei „Schleifen“ mit – oh Überraschung – „sich wiederholenden Vorgehensweisen“. Der ganze Prozess ist auf die Dauer von drei Jahren konzipiert3).

Bischof Dieser, der mit solchen „synodalen“ Prozessen bereits als Weihbischof im Bistum Trier Erfahrung gemacht hat, schließt sich damit dem Kreis einer Reihe von (Erz-)Bischöfen an, die in ihren (Erz-)Bistümern zu solchen Prozessen aufgerufen haben: Essen, Trier, Limburg, Köln, Hamburg – die Bezeichnungen ändern sich bisweilen. Meist ist auch von „Zukunft“ die Rede, also von einem eher fernen Morgen, nie vom „Heute“. Und meist ist der Stuhlkreis das Mittel der Wahl. Ein Fortschritt auf der Kreislinie bringt einen nie an ein Ziel. So kann die Verheißung bleiben, was sie ist – Verheißung eben.

Faktor Zeit

Wie anders dagegen sind die frühen Christen vorgegangen. Vielleicht liegt das daran, dass sie keine Zukunft erwarteten: Wer die unmittelbare Wiederkunft des Auferstandenen erwartet, plant nicht mehr für die Zukunft. Wohl nicht ohne Grund gehört deshalb das Wort εὐθύς (gesprochen: euthys) zu den Vorzugsworten speziell des Markusevangeliums. Ein Blick in die Konkordanz zeigt, dass dieses Wort im ältesten Evangelium sage und schreibe 42mal verwendet wird. Der weitaus größte Teil davon in den Kapiteln Markus 1-8, also jenem Teil des Evangeliums, der von der Zeit des galiläischen Frühlings erzählt. Es scheint, als habe Jesus dort keine Zeit, zu warten. Alles geschieht εὐθύς – sofort, jetzt, sogleich. Das „Jetzt“ ist die Sphäre, in der sich das Heil ereignet. Da ist keine Zeit zu planen, zu zaudern, abzuwägen. Hic et nunc – hier und jetzt sind Zeit und Ort der Entscheidung, der Heilung, der Verkündigung, der Nachfolge. So heißt es schon zu Beginn des Evangeliums über die ersten Jünger:

Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihre Netze auswarfen; sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Und sogleich (εὐθύς) ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach. Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. Sogleich (εὐθύς) rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach. Markus 1,16-20

Wann? Jetzt!

Die Veränderung, die mit Jesus kommt, duldet von Anfang an keinen Aufschub. Es ist schwer vorstellbar, dass gestandene Fischer und Familienväter so eben ihre Netze liegen lassen können, um einer Verheißung zu folgen, deren Erfüllung sie nicht gewiss sein können. Historisch mag dem viel vorhergegangen sein, was sich nur zwischen den Zeilen erahnen lässt. Jesus ist sicher kein Unbekannter gewesen. Möglicherweise – aber das ist rein spekulativ – gibt es eine schon länger bestehende Sympathie mit seinen Ideen. Jetzt aber ist die Zeit des Aufbruchs. Jetzt wird das Signal gegeben, auf dass die Angerufenen sogleich (!) alles stehen und liegen lassen, um sich mit Jesus auf dessen Mission zuerst in das galiläische Umland zu begeben und das Wort Gottes in Wort und Tat zu verkünden. Dabei wird ihr Weg mit ihm in dieser Zeit, die nach Markus bestenfalls drei bis sechs Monate betragen haben dürfte, zu einer Lehrzeit. Sie lernen im Tun – learning by doing – nicht in Konferenzräumen und Meetingsälen, geschweige denn in Stuhlkreisen. Sie folgen seinen Worten und Taten, fragen, bekommen Antworten, werden eingewiesen, beauftragt, verstehen oft genug nichts und machen doch weiter. Erkennen, wirklich erkennen werden sie erst nach seinem Tod und seiner Auferstehung. Da sitzen sie zuerst noch in einem geschlossenen Raum und bleiben im geschlossenen Kreis:

Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelot, sowie Judas, der Sohn des Jakobus. Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern. Apostelgeschichte 1,13-14

Kreisspiele

Es ist bezeichnend, dass der Kreis der Jünger mit den Worten „bleiben“ (καταμένοντες – gesprochen: kataménontes), verharren (προσκαρτεροῦντες – gesprochen: proskarteroûntes), einmütig (ὁμοθυμαδόν – gesprochen: homothymadón) und Gebet (προσευχή – gesprochen: proseuché) verbunden ist. Der Kreis bleibt. Er verändert sich nicht. Ein Kreis ist nie Zeichen des Aufbruchs. Auch das Gebet verändert das nicht. Bevor deshalb ein Boring out droht, muss etwas geschehen:

In diesen Tagen erhob sich Petrus im Kreis der Brüder – etwa hundertzwanzig waren zusammengekommen – und sagte: Brüder! Es musste sich das Schriftwort erfüllen, das der Heilige Geist durch den Mund Davids im Voraus über Judas gesprochen hat. Judas wurde zum Anführer derer, die Jesus gefangen nahmen. Er wurde zu uns gezählt und hatte Anteil am gleichen Dienst. Mit dem Lohn für seine Untat kaufte er sich ein Grundstück. Dann aber stürzte er vornüber zu Boden, sein Leib barst auseinander und alle seine Eingeweide quollen hervor. Das wurde allen Einwohnern von Jerusalem bekannt; deshalb nannten sie jenes Grundstück in ihrer Sprache Hakeldamach, das heißt Blutacker. Denn es steht im Buch der Psalmen: Sein Gehöft soll veröden, niemand soll darin wohnen! und: Sein Amt soll ein anderer erhalten! Es ist also nötig, dass einer von den Männern, die mit uns die ganze Zeit zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und in den Himmel aufgenommen wurde – einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein. Und sie stellten zwei Männer auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. Dann beteten sie: Du, Herr, kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen! Denn Judas hat es verlassen und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war. Sie warfen das Los über sie; das Los fiel auf Matthias und er wurde den elf Aposteln zugezählt. Apostelgeschichte 1,15-26

Immerhin: Petrus erhebt sich im Kreis – aber er bleibt im Kreis. Es wird hier lediglich die Vollständigkeit des Kreises wiederhergestellt. Der synodale Prozess, der hier stattfindet, dient der Sicherung des Status quo. Es verändert sich: Nichts – noch nicht!

Wer im Kreis läuft, kommt nie an ein Ziel ...

Kreislaufstörung

Das Pfingstereignis wird zur Kreislaufstörung. Der Kontrast zum Verharren, Bleiben und Beten ist mit Händen greifbar. Tatsächlich wird es als Schnappatmung geschildert – ein Sturm, der die Jünger Jesu ergreift und ihnen in Gesicht und Lungen bläst, neues Sein begründet und den Kreis aufbricht:

Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Apostelgeschichte 2,1-6

Das Ereignis kommt plötzlich (ἄφνω – gesprochen: áphno), ungeplant, unvorhersehbar. Es ist der Beginn der Verkündigung, der Anfang eines neuen Tuns, das sie in der Zeit des jesuanischen Sofort (εὐθύς) in Versuch und Irrtum, vor allem aber durch Beispiel, gelernt haben. Jetzt (!) beginnen sie zu reden – in allen Sprachen, mit allem, was sie haben – wie sich am Erfolg zeigen wird eine äußerst effiziente Verschwendung der eigenen Ressourcen!

Dem griechischen Wort für beginnen (ἄρχειν – gesprochen: árchein) wohnt dabei ein direkter Bezug zu ἀρχή (gesprochen: arché) inne: Jeder Anfang ist einmalig, der Ursprung selbst, unwiederholbar – eine Chance, die sich so nie wieder bietet. Es ist der καιρός (gesprochen: kairós), der Zeitpunkt, der einfach da ist, an dem der Beginn möglich ist. Wer den Zeitpunkt verpasst, wer zu spät kommt, an dem geht des Leben vorüber.

Veränderung - jetzt!

Petrus wird in der Apostelgeschichte schließlich eine ganz eigene Erfahrung des εὐθύς machen. In Joppe erfährt er eine Vision (vgl. Apostelgeschichte 10,9-22), die ihn zuerst ratlos zurücklässt. Innerhalb dieser Vision sieht er, dass aus dem offenen Himmel ein Gefäß herabkommt, das unreine Tiere beinhaltet. Petrus wird aufgefordert die Tiere zu schlachten und zu essen. Petrus weist das zurück, muss sich aber belehren lassen, dass er nichts unrein nennen soll, was Gott für rein erklärt hat. Da heißt es:

Das geschah dreimal und sogleich (εὐθύς) wurde das Gefäß in den Himmel hinaufgenommen. Apostelgeschichte 10,16

Petrus begreift den Sinn der Vision zuerst nicht. Erst in dem darauffolgenden Abschnitt, der die Taufe des heidnischen Hauptmanns Kornelius schildert (vgl. Apostelgeschichte 10,23-48), wird ihm der Sinn der Vision deutlich werden: Das Heil soll auch zu den Heiden kommen. Jetzt ist die Zeit, in der sich die Verheißungen erfüllen und die Völker sich zu dem einen Gott bekehren. Es ist die Aufgabe des Petrus, in diesem speziellen Fall dem heidnischen Hauptmann Kornelius, das Evangelium zu verkünden. Dazu muss Petrus über seinen Schatten springen – er muss mit Heiden, die für ihn als frommen Juden doch eigentlich unrein sind, verkehren. Die Vision zeigt ihm, dass jetzt (εὐθύς) die Zeit für eine fundamentale Veränderung ist.

Synode? Ja, aber Tempo!

Mit der Schilderung der Taufe des Hauptmanns Kornelius führt Lukas in der Apostelgeschichte das Interesse der Leser auf einen Hauptkonfliktpunkt der frühen Christenheit. Der Zwölferkreis der Apostel um ihr Führungsgremium Jakobus, Petrus und Johannes dachte ursprünglich wohl nicht an eine über Israel hinausgehende Verkündigung. Nicht ohne Grund betont Lukas wohl:

Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Lauterkeit des Herzens. Apostelgeschichte 2,46

Die Apostel verharren auch nachpfingstlich in alten ausgetretenen Kreiswegen, die durch die Vision von Joppe eine weitere massive Kreislaufstörung erfahren. Diese Störung weitet sich nicht zuletzt durch die Umtriebe der hellenistischen Christen in Antiochien zu einem massiven Konflikt aus. Dort hatte man begonnen, Heiden zu taufen. Eine Gemeinschaft von Heiden und Juden stellte die frühen Christen freilich vor eine schier unlösbar scheinende Aufgabe: Kann es Gemeinschaft zwischen Reinen und Unreinen geben?

Zur Lösung dieser Frage wird eine Zusammenkunft, ein σύνοδος (gesprochen: synodos) einberufen – das sogenannte Apostelkonzil. Das Neue Testament berichtet an zwei Stellen von dieser Zusammenkunft Abgesandter aus Antiochien und dem Kreis der Zwölf in Jerusalem: In Apostelgeschichte 15,6-29 und in der autobiografischen Rückschau des Paulus in Galater 2,1-10, in der Paulus erwähnt, dass neben ihm auch noch Barabas und Titus mit nach Jerusalem gingen. In der Apostelgeschichte werden außerdem (über die Zwölf hinaus) noch ein gewisser Judas, genannt Barsabbas, und Silas erwähnt.

Es war also eine wohl eher überschaubare Gruppe, die über die wichtige theologische Frage, die entscheidend für die Zukunft der Kirche sein sollte, zu beraten hatte. Und die Beratungen können nicht lange gedauert haben. In der Diktion der Apostelgeschichte scheint es sich um eine Sitzung gehandelt zu haben. Auch Paulus berichtet nicht von langen Prozessen. Bei der Beschlussfindung werden dann übrigens laut der Apostelgeschichte die Vision des Petrus vor Joppe und seine Erfahrung mit dem Hauptmann Kornelius eine entscheidende Rolle spielen.

Offenkundig aber war allen Beteiligten wohl klar, dass die Zeit drängt. Vor allem Paulus weiß, dass seine Aufgabe in der Verkündigung, weniger in der Beratung besteht. Er will das Evangelium in der ganzen Welt verkünden – dafür will er seine Zeit einsetzen. Und die Zeit drängt, denn die Wiederkunft Jesu steht für ihn unmittelbar bevor. Deshalb schreibt er:

Ihr erinnert euch, Brüder und Schwestern, wie wir uns gemüht und geplagt haben. Bei Tag und Nacht haben wir gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen, und haben euch so das Evangelium Gottes verkündet. 1 Thessalonicher 2,9

Petrus-Paulus
Petrus und Paulus - im leidenschaftlichen Streit um die Sache Jesu miteinander verbunden.

Stuhlkreisvisionen

Tag und Nacht zu verkünden – stets im Hier und Jetzt – das ist die paulinische Auffassung kirchlicher Tätigkeit. Beratungen sind da manchmal notwendig – aber eben nur, um wieder dem eigentlichen Auftrag nachzugehen. Die Kirche der Gegenwart hat das verlernt. Sie ist zu apostolisch im Jerusalemer Sinn – sie sitzt zu viel und wartet. Sie hat den Stuhlkreis zum Urbild erhoben, einem Urbild, in dem die Rollen immer schon verteilt sind und feststehen. Da wählt man vielleicht mal einen Apostel nach – aber es steht immer schon fest, dass es neben den Schwestern und Brüdern eben auch welche gibt, die Brüderer sind4). Und diesen Brüderern obliegt die eigentliche Entscheidungshoheit, denn sie sind die, von denen Paulus sagt:

Aber auch von denen, die Ansehen genießen – was sie früher waren, kümmert mich nicht, Gott schaut nicht auf die Person – , auch von den Angesehenen wurde mir nichts auferlegt. Galater 2,6

Solange es an einem Paulus mangelt, der mit einer fundamental neuen Erfahrung auftritt, für sie eintritt und streitet und sich einen Kehricht um das Ansehen kümmert, gerade deshalb mit beharrlicher Sturheit im Wissen darum, dass die Zeit drängt und die Entscheidung keinen Aufschub duldet, in den Konflikt geht, solange Laien – Ehrenamtliche wie Hauptamtliche – stolz sind, mit den Angesehenen im Kreis sitzen zu dürfen, solange werden die Ergebnisse in den kirchlichen Stuhlkreisen schon feststehen wie die neuen Vorsätze diejenigen des Vorjahres beleben: Ehrenamtliche werden zu Beerdigungszeremoniaren qualifiziert und beauftragt, Pfarrgebiete werden vergrößert und euphemistisch „Sendungsräume“, „Gemeinschaft der Gemeinden“ oder anders den Tatbestand der Ratlosigkeit verschleiernd genannt, hier und da gibt es Wort-Gottes-Feiern, wo vorher Messen waren, ja – und man sucht nach neuen Wegen, etwa indem man Neugeborene segnet. Das war natürlich noch nie da!

Alle werden sich freuen, weil sie mitmachen durften im Kreistanz – und manchmal böse erwachen, weil die Zahl gemeindlicher Zusammenlegungen die vereinbarte dann doch bei weitem übersteigt, so dass mittlerweile ganze Städte wie Saarbrücken plötzlich eine Gemeinde sein sollen. Der Paradigmenwechsel ist mit Händen greifbar. Nur eins wird sich allein schon aus Gründen des Kirchenrechtes und der dort verbrieften Kluft zwischen Klerikern und Laien sowenig ändern wie die Zahl π (Pi): Die Zusammensetzung und das Drehmoment des Kreises – das dreht sich nämlich um die Angesehenen – ein Fehler, auf den Paulus schließlich in Antiochien aufmerksam machen musste, als er dem Petrus ins Angesicht hinein widerstand, weil der mit den unreinen Heiden dann doch nichts mehr zu tun haben wollte (vgl. Galater 2,11-21).

Steht auf!

Die Stuhlkreise von heute sind professionell moderiert. Eine ganze Industrie von Organisations- und Gemeindeberatern kümmert sich um die optimale Betreuung. Das wird toll werden in den Stuhlkreisen, denn Stuhlkreise strahlten schon in Kindergartenzeiten so viel Vertraulichkeit und Geborgenheit aus. Wo man berät, braucht man nicht zu verkünden. Das Leben aber ändert sich permanent. Wo wird die Welt in drei Jahren sein, wenn die Kirche von Aachen nach drei Selbstschleifenbekreisungen ans Ende der Kreisspiele gekommen sein wird? Muss man dann wieder von vorne anfangen mit den Beratungen, weil nichts mehr ist, wie es war?

Wenn sich etwas ändern soll, muss sich etwas ändern! So aber bleibt der synodale Stuhlkreis ein professionelles, gleichwohl aber hohl-pastorales Placebo, in dem die Kirche sich im warmen Raum mit sich selbst beschäftigt, damit sie sich nicht mit dem kalten Wind der Welt auseinandersetzen muss. Das aber wäre die eigentliche Aufgabe der Verkünderinnen und Verkünder, wie das Neue Testament sie sieht: Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde zur Verkündigung. Wäre es nicht besser, endlich an Qualität und Rhetorik eben dieser Verkündigung zu arbeiten? Ist da jemand, der sich mit rhetorischer Finesse und theologischer Kompetenz lautstark und mit Mut in die Fragen der Zeit einmischt? Steht die Kirche fest in der Welt und liefert sich ihren Fragen aus – Fragen, die Antworten verdient haben? Gibt es den Mut, Antworten zu geben – ob gewünscht oder unerwünscht, wie es mit Blick auf die Wiederkunft Christi nötig ist? Erwartet die – auch in der Kirche – überhaupt noch jemand ernsthaft?

Wer das Neue will, muss neuen Impulsen folgen. Neue Impulse geben dem Weg eine neue, andere Richtung. Der Geist aber ist längst über und in alle ausgegossen … Paulus, wo bist du? Ora pro nobis! Die Zeit läuft uns davon …

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Titelbild: chairs (wollyvonwolleroy) – Quelle: pixabay – lizenziert als CC0.

Bild 1: “Petrus umarmt Paulus”: Peter Schäfer – Ökumenisches Heiligenlexikon – Lizenz: gemeinfrei

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1. Gemeint ist wahrscheinlich die Predigt in der Jahresschlussmesse. Der Gedenktag des hl. Sylvester entfiel im Jahr 2017 wg. der Kollision mit dem Fest der Heiligen Familie – gleichwohl sprechen alle, auch die innerkirchlichen Medien von der „Sylvesterpredigt“ Bischof Helmut Diesers.
2. Zitiert nach: katholisch.de, Bischof Dieser kündigt Veränderungsprozess an, 1.1.2018, Quelle: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/bischof-dieser-kundigt-veranderungsprozess-an [Stand: 7. Januar 2018].
3. Vgl. hierzu katholisch.de, Bischof Dieser kündigt Veränderungsprozess an, 1.1.2018, Quelle: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/bischof-dieser-kundigt-veranderungsprozess-an [Stand: 7. Januar 2018].
4. Vgl. hierzu auch die kritische Analyse der oft nur achtlos verwendeten Anrede „Schwestern und Brüder“ von Martin Ebener in seiner Predigt zum 31. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A (2017) „Einfach lächerlich, die kirchliche Titelei“, Quelle: https://www.ktf.uni-bonn.de/Einrichtungen/neutestamentliches-seminar_alt/personen/prof.-dr.-martin-ebner/predigten/einfach-laecherlich-die-kirchliche-titelei/at_download/file [Stand: 7. Januar 2018].
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1 Reply

  1. […] könnte eine Übung helfen, ohne die keine Verantwortliche und kein Verantwortlicher zu kirchlichen Sitzungen oder Stuhlkreisen einladen sollte: Folgen Sie dem Beispiel Jesu. Benennen Sie in maximal zwei Sätzen ohne […]

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