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Ethica

Die Vollstreckung der Todesstrafe Ein alttestamentliches „Ja, aber…“


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Der 10. Oktober ist der Internationale und Europäische Tag gegen die Todesstrafe. Ziel dieses Gedenktages ist die weltweite Abschaffung der Todesstrafe.1) Im vergangenen Jahr wurden gemäß den Angaben von Amnesty International 1.032 Menschen staatlich hingerichtet.2) 141 Länder weltweit haben die Todesstrafe in ihren Rechtssystemen abgeschafft oder wenden sie zumindest nicht mehr an. Die fünf Länder mit den meisten staatlich veranlassten Tötungen aufgrund von Straftaten waren im Jahr 2016: China, Iran, Saudi-Arabien, Irak, Pakistan. Diese Hinrichtungen sind ein Spiegelbild der jeweiligen ideologischen Gesellschaftsordnung: „Die Todesstrafe ist eine unmenschliche und entwürdigende Strafe ohne nachweislich abschreckende Wirkung, durch die Justizirrtümer auf fatale Weise unumkehrbar werden.“3) Es ist aus heutiger Perspektive betrachtet kein Ruhmesblatt des Judentums und des Christentums, dass die Todesstrafe in den religiösen Gesetzen des Alten Testaments verankert ist.

Todesstrafe ohne Henker

Gott selbst führt direkt am Anfang der Bibel in Genesis 9,6 die Todesstrafe als Rechtsprinzip ein:

Wer Blut eines Menschen vergießt, um dieses Menschen willen wird auch sein Blut vergossen. Denn als Bild Gottes hat er den Menschen gemacht. Genesis 9,6

Doch es ist eine offene Frage, ob der Mensch selbst die Todesstrafe vollstrecken darf: Ist der Täter nicht ebenso wie das Opfer ein Abbild Gottes? [vgl. dazu meinen Text „Die Todesstrafe durch Menschenhand“]. Die Gesetze im Buch Exodus formulieren auffallend unpräzise in Bezug auf die Vollstreckungsgewalt des Todesurteils. Auf die Tötung eines Menschen, auf Menschraub, auf das Schlagen oder Verfluchen der Eltern und auf Sodomie steht die Todesstrafe (vgl. Exodus 21,12-18). Die Formulierung der Strafe ist äußerst kurz, poetisch sehr schön und bedeutungsoffen. Durch eine etymologische Figur, der Verwendung zweier aufeinanderfolgender Worte mit dem selben Wortstamm, wird das Urteil prägnant mit nur zwei Worten formuliert: ‎ מ֥וֹת יוּמָֽת (gesprochen: mot jumat). Wörtlich übersetzt lautet dies: „zu sterben wird er getötet werden“. Mit Nachdruck wird verdeutlicht, dass der Täter sich durch seine Tat den Tod verdient hat. Zudem ist die Hinrichtung institutionell normiert und damit gerechtfertigt. Allerdings lässt die passive Formulierung offen, wem es zusteht, das Urteil zu vollstrecken. Darf ein Mensch der Henker des Abbildes Gottes sein oder steht dies nur Gott selbst zu?

Todesstrafe mit allen als Henker

Die Leerstelle der passivischen Formulierung im Buch Exodus wird im Buch Deuteronomium gefüllt. Die Gesellschaft ist sowohl am Todesurteil als auch an der Hinrichtung beteiligt – alles geschieht nicht nur im Namen des Volkes, sondern durch das Volk. In jedem Einzelfall muss von Menschen verantwortungsvoll entschieden werden. Ein Todesurteil kommt nur zustande durch übereinstimmende Aussagen von zwei oder drei Zeugen und die Vollstreckung wird nicht an einen Henker delegiert, sondern die Gemeinschaft selbst, voran die Zeugen, vollstrecken das Urteil durch eine gemeinschaftliche Steinigung des Verurteilten:

Wenn es um Leben und Tod des Angeklagten geht, darf er nur auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen hin zum Tode verurteilt werden. Wenn er hingerichtet wird, sollen die Zeugen als Erste ihre Hand gegen ihn erheben, dann erst das ganze Volk. Deuteronomium 17,16-17

Dieses Gesetz führt vor Augen wie konkret die Vollstreckung der Todesstrafe die Gemeinschaft betrifft. Die Zeugen legen nicht nur ein Zeugnis ab, sondern sie müssen Verantwortung übernehmen für den Tod des Angeklagten. Ein Todesurteil ist nicht abstrakt, sondern dessen Folgen werden real vor Augen geführt und jeder im Volk hat einen aktiven Anteil an der Vollstreckung.

Todesstrafe, aber …

Das Alte Testament bietet kein Plädoyer gegen die Todesstrafe. Während weltweit die Ächtung der Todesstrafe immer mehr Zustimmung findet, war sie nicht nur in der Entstehungszeit der Bibel übliche Rechtspraxis, sondern sie ist weiterhin Bestandteil der Heiligen Schriften des Judentums und des Christentums. Zugleich zeigen sich im Alten Testament entscheidende kritische Überlegungen. Wer hat überhaupt das Recht über das Leben eines Menschen zu urteilen? Und wenn ein Urteil gefällt wird, wer hat die Verantwortung für die Vollstreckung zu tragen? Ein Todesurteil war damals kein leichtfertiger Rechtssystemautomatismus und kein Unterdrückungswerkzeug – und dies darf es heute auch nicht sein. Aus heutiger Perspektive muss man mit der Bibel gegen die Bibel argumentieren: Jemanden zu töten bedeutet immer, ein Abbild Gottes zu töten. Folgt man der Logik des Buches Deuteronomium aus heutiger Perspektive ist in der modernen, europäischen Gesellschaft der Fall undenkbar, dass jeder Einzelne des Volkes überzeugt von der Schuld eines Täters, selbst Steine vom Boden aufhebt und das Todesurteil gemeinsam mit allen anderen vollstreckt.


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3 Replies

  1. 2266 Der Schutz des Gemeinwohls der Gesellschaft erfordert, daß der Angreifer außerstande gesetzt wird schaden. Aus diesem Grund hat die überlieferte Lehre der Kirche die Rechtmäßigkeit des Rechtes und der Pflicht der gesetzmäßigen öffentlichen Gewalt anerkannt, der Schwere des Verbrechens angemessene Strafen zu verhängen, ohne in schwerwiegendsten Fällen die Todesstrafe auszuschließen. Aus analogen Gründen haben die Verantwortungsträger das Recht, diejenigen, die das Gemeinwesen, für das sie verantwortlich sind, angreifen, mit Waffengewalt abzuwehren.

    Quelle: http://www.vatican.va/archive/DEU0035/_P86.HTM

  2. „Das ausnahmslose Nein zur Todesstrafe soll verpflichtendes katholisches Glaubensgut werden und als solches im Katechismus stehen. Das hat Papst Franziskus am Mittwochabend in einer weit ausgreifenden Rede über den Katechismus, den fortschreitenden Glauben der Kirche und die Tradition angekündigt. Er äußerte sich bei einer Audienz für Teilnehmer eines Treffens, zu dem der Päpstliche Rat zur Förderung der Neuevangelisierung geladen hatte.“

    http://de.radiovaticana.va/news/2017/10/11/franziskus_will_nein_zur_todesstrafe_im_katechismus_haben/1342353

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