Ecclesiastica

Ertrag für die Anderen Die Kirchenkrise und das Brachjahr


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Krisen werden oft als Chancen schöngeredet. Diese psychologische Reaktion kann hilfreich sein – doch sie führt nicht automatisch zum Wandel. Oft ist es doch so, dass eine Krise kommt und wieder geht – und dann die Welt einfach so wie vorher fortbesteht. Kann es eine Krise als verpasste Chance geben? Man erhofft sich in der Krise das zurück, was zuvor war. Doch der Weg des Menschen hat schon immer aus dem Paradies gen Himmel geführt – und dieser Weg ist steinig und mit zu übernehmender Verantwortung gepflastert. Nicht jeder ist für eine Krise verantwortlich, aber jeder kann in einer Krise Verantwortung übernehmen. Entscheidend ist der kritische Blick zurück, damit man in die Zukunft voranschreiten kann – ein kleines Lehrstück hierfür ist für mich die Interpretation eines Verses in den Sozialgesetzen des Alten Testaments.

Fast schon mit großem Stolz kann man darauf verweisen, wie sozialfreundlich bereits Teile dieser uralten Texte der Hebräische Bibel sind. Ein Paradebeispiel hierfür ist das Gebot zum sogenannten Sabbatjahr:

Sechs Jahre kannst du in deinem Land säen und die Ernte einbringen; im siebten sollst du es brachliegen lassen und nicht bestellen. Die Armen in deinem Volk sollen davon essen, den Rest mögen die Tiere des Feldes fressen. Das Gleiche sollst du mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen tun. Exodus 23,10-11

Immer und immer wieder ein Feld zu bestellen und somit keine Regenerationsphasen zu ermöglichen führt zur Bodenverarmung. Dem Erdboden werden die Nährstoffe entzogen und im schlimmsten Fall führt dies zur Wüstenbildung. Wer also einen Gewinn aus der Erde erwirtschaften möchte, muss den Boden, auf dem er steht, respektieren – auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick unlogisch erscheint. Das Verbot zu säen und zu ernten findet sich auch so in Levitikus 25,4. Doch die Aussage in Exodus 23,10-11 ist radikaler. Das Sabbatjahr dient nicht der Erholung des Bodens, sondern den Armen und den Tieren, für die der Mensch arbeiten soll. Die oben angeführte Wiedergabe der Verse aus der revidierten Einheitsübersetzung ist nicht falsch und auch die Lutherübersetzung von 2017 und die Zürcher Bibel von 2007 übersetzen ähnlich, aber sie bieten nur eine Lesemöglichkeit. Man kann das Gebot auch anders lesen.

Sechs Jahre sollst du dein Land besäen und seinen Ertrag einsammeln; und im siebten sollst Du ihn [den Ertrag] fallen und liegen lassen.

Im Hebräischen sind die Worte, die in der revidierten Einheitsübersetzung mit „Land“ und „Ernte“ wiedergegeben sind, beide feminine Formen – und auf beide können sich die Tätigkeiten im siebten Jahr grammatikalisch beziehen. Und diese beiden Tätigkeiten können die Bedeutung „etwas unbenutzt lassen“ haben. Aus dieser Offenheit ergeben sich die beiden hier aufgeführten Übersetzungen. In der zweiten Variante wird die Forderung des Gesetzes noch radikaler. Es wird nämlich nicht verboten, das Land zu besäen, sondern die daraus entstehenden Erträge zu ernten. Aus der Arbeit entsteht dann kein Gewinn, sondern sie ist Gabe an die Armen und die Tiere. Der Mensch solle somit im siebten Jahr nicht nur passiv Gutes tun, sondern für die Bedürftigen und die Natur im Angesicht seines Schweißes arbeiten. Das ist ein radikaler Unterschied zwischen den beiden möglichen Übersetzungen.

Diese Textstelle lehrt nicht nur die Offenheit biblischer Texte, sondern sie ist auch ein Lehrstück dafür, wie einengend es sein kann, wenn man meint, sich auf der eigenen geglaubten Radikalität ausruhen zu können. In der Kirchenkrise wäre es nun fatal, darauf zu vertrauen, dass die schrumpfenden Gemeinden „der heilige Rest“ sind. Zwar wird ein kritischer Blick auf die gegenwärtige Kirche auch nicht direkt zum Volkskirchentum führen – aber nun alles brachliegen zu lassen, das ist keine Lösung. Verschenkt den Ertrag Eures Glaubens! Wendet Euch den Bedürftigen und der Natur zu! Dieser Weg wird ein hartes Stück Arbeit.

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Bildnachweis

Titelbild: door, open, light, veröffentlicht auf pxfuel – Lizenz: gemeinfrei.

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