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Ethica

Die Todesstrafe durch Menschenhand Alttestamentliche Anmerkungen


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Nach dem Putsch in der Türkei fordert Staatspräsident Tayypip Erdoğan die Wiedereinführung der Todesstrafe und stößt damit auf großen Zuspruch bei seinem Volk.1) Die deutsche Regierung hingegen hat diesbezüglich eine klare Warnung ausgesprochen: “Deutschland und die EU haben eine klare Haltung: Wir lehnen die Todesstrafe kategorisch ab. Ein Land, das die Todesstrafe hat, kann nicht Mitglied der Europäischen Union sein. Die Einführung der Todesstrafe in der Türkei würde folglich das Ende der EU-Beitrittsverhandlungen bedeuten.”2) Jedoch in Bezug z.B. auf die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP besteht für die Europäische Union kein Problem darin, dass im Jahr 2015 in den USA insgesamt 28 Menschen aufgrund der Todesstrafe hingerichtet wurden.3) Gemäß Amnesty International sind im vergangenen Jahr mindestens 1.634 Gefangene in 25 verschiedenen Staaten exekutiert worden4) – und auch im Alten Testament stellt die Todesstrafe eine selbstverständliche Praxis dar, deren Berechtigung nicht angezweifelt wird.5) So werden zum Beispiel die Tötung eines Menschen (Exodus 21,12), Menschenraub (Exodus 21,16), das Schlagen oder Verfluchen der Eltern (Exodus 21,15-17), Sodomie (Ex 22,18), Zauberei und Fremdgötterverehrung (Ex 22,17-19) mit dem Tod des Täters bestraft.

Das theologische Fundament der Todesstrafe

Kaum ist die Menschheit erschaffen, geschieht in der biblischen Geschichte bereits der erste Mord. Kain ermordet Abel.6) Gott bestraft ihn nicht mit dem Tod. Es folgt eine Geschichte der Menschheit voller Sünde, die zur Sintflut führt. Gott will alles Lebendige aufgrund der Bösartigkeit auf Erden zerstören (Genesis 6,5-7) – und nur Noach findet Gnade in seinen Augen. Noach wird nach der Sintflut zum Urvater aller Menschen und eine neue Weltordnung beginnt, zu der die Todesstrafe dazugehört. Gott spricht zu Noach:

Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut wird durch Menschen vergossen. Denn: Als Abbild Gottes hat er den Menschen gemacht. Genesis 9,6

In diesen Worten erlässt Gott ein Gesetz, das für die gesamte Menschheit gilt. Der hier wiedergegebene Text der Einheitsübersetzung aus dem Jahr 1978, stellt eine Lesemöglichkeit des Hebräischen Texts dar, die zwei klare Aussagen beinhaltet:

1.) Das menschliche Leben ist unantastbar, da es heilig ist. Als Abbild Gottes hat der Mensch eine besondere Würde und steht unter dem Lebensschutz Gottes. Daher muss an einem Mörder die Todesstrafe vollstreckt werden.

2.) Die Menschheit ist dazu beauftragt die Todesstrafe zu vollstrecken. Die Todesstrafe ist göttlicher Wille und die menschliche Gemeinschaft ist der Vollstrecker Gottes Willen.

Diese Auslegung ist im Einklang mit der Vielzahl der biblischen Gesetze, in denen die Todesstrafe gefordert wird. Aber auf der Grundlage des hebräischen Textes von Genesis 9,6 gibt es noch eine zweite Lesemöglichkeit.

Zwischentöne

In der Auslegung von Gen 9,6 entscheidet das Verständnis eines einzelnen Buchstaben über die Aussage.7) Der Anfang des Verses lautet auf Hebräisch: ‎ שֹׁפֵךְ֙ דַּ֣ם הָֽאָדָ֔ם בָּֽאָדָ֖ם דָּמ֣וֹ יִשָּׁפֵ֑ךְ (gesprochen: schofech dam ha’adam, ba’adam demo jischfoch). Die ersten drei Wörter bereiten in der Übersetzung keine Probleme: „Der, der Menschenblut vergießt, …“ – und dann kommt das Wort בָּֽאָדָ֖ם (gesprochen: ba’adam). Es besteht aus zwei Teilen: einer Präposition, die durch den Buchstaben ב angezeigt wird und dem Wort אדם, das „Mensch“ bedeutet. Es gibt zwei mögliche Übersetzungen der Präposition:

1.) „durch den Menschen soll sein Blut vergossen werden“: ein Mensch soll den Mörder hinrichten.

2.) „um des Menschen willen, soll sein Blut vergossen werden“: weil das Blut des Opfers vergossen wurde, wird auch das Blut des Täters vergossen werden; der Täter wird sterben.

Die erste Auslegungsmöglichkeit sagt deutlich, dass ein Mensch die Todesstrafe ausüben soll, während die zweite Lesemöglichkeit es offenlässt, wer das Subjekt der Tötung des Täters ist. In beiden Möglichkeiten wird dem Täter des Lebensschutzes entzogen, aber in der zweiten Lesemöglichkeit wird die Todesstrafe, die von Menschenhand vollstreckt wird, weder als notwendig begründet noch wird ihr Vollzug eingefordert.

Menschen, Tiere und die Todesstrafe

Die Welt ist nach der Sintflut eine andere. Gemäß Genesis 1,29-30 sollten sowohl der Mensch als auch alle Tiere sich vegetarisch ernähren. Aber nachdem die Welt von Gewalt erfüllt und verdorben war (Genesis 6,11-13) ist ein Neuanfang nötig. In der Welt nach der Sintflut darf der Mensch Fleisch essen (Genesis 9,3) und das friedliche Miteinander zwischen Mensch und Tier wandelt sich. Gott setzt Furcht und Schrecken in die Tiere, damit sie für den Menschen nicht zur Gefahr werden (Genesis 9,2). Damit die Welt nicht mehr von tödlicher Gewalt erfüllt wird, verkündet sich Gott als oberster Richter.

Wenn aber euer Blut vergossen wird, fordere ich Rechenschaft, und zwar für das Blut eines jeden von euch. Von jedem Tier fordere ich Rechenschaft und vom Menschen. Für das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft von jedem seiner Brüder. Genesis 9,5

Dreimal wiederholt Gott in diesen kurzen Satz die Formel „Ich fordere Rechenschaft ein“. Wenn ein Mensch ermordet wird, sei es durch ein Tier oder durch einen Menschen, muss sich „der Täter“ vor Gott verantworten. Aber anders als in der zweiten Lesemöglichkeit für Genesis 9,6, „durch den Menschen soll sein Blut vergossen werden“, fordert Gott hier nicht ein, dass der Mensch ein Tier, das einen Menschen umgebracht hat, jagen und töten soll. Die Strafe wird eingefordert, aber es wird nicht ausgesagt, wer die Strafe vollstreckt. Dies könnte darauf hindeuten, dass auch in Genesis 9,6 nicht festgelegt wird, wer die Tat vollstreckt. Genesis 9,5 beschreibt das Grundverhältnis zwischen den Menschen positiv. Die Bezeichnung „Brüder“ verdeutlicht, dass die gesamte Menschheit sich als Familie verstehen soll. In diesem Sinne gibt es nicht einfach „irgendeinen“ Menschen, sondern alle sind Geschwister und jeder Mord ist ein Bruder-/Schwestermord. Die Würde des Menschen ist in seiner Existenz als Abbild Gottes verankert und in den Augen der anderen Menschen durch die familiäre Bande gegeben.

Fragezeichen

Die Betonung der Würde des Menschen und der Hinweis auf das Konzept der Menschheitsfamilie verweisen vor allem auf die präventive Wirkung, die die Todesstrafe haben soll. In biblischer Zeit ist die Todesstrafe ein Mittel zu Sicherung des friedlichen und gerechten menschlichen Zusammenlebens. Dieses Argument findet sich auch in der heutigen Diskussion um die Todesstrafe. Man kann jedoch auch mit Genesis 9,6 fragen, 1.) ob ein Mörder aufhört Abbild Gottes zu sein und 2.) ob ein Mörder nicht trotz seiner Tat auch zur Menschheitsfamilie gehört. Welche Bedeutung für Genesis 9,6 vom Autor intendiert ist, lässt sich nicht herausfinden. Entweder wird die Vollstreckung der Todesstrafe durch Menschenhand göttlich legitimiert – oder es wird bewusst offengelassen, ob es Gott oder der Mensch ist, der die Todesstrafe vollstreckt. Letztere Lesemöglichkeit würde stärker betonen, dass der Mord einer Person, die von Gott gegebener Würde des Opfers zerstört hat und der Täter den Tod verdient, damit Gerechtigkeit widerfährt. So oder so verurteilt Genesis 9,6 die Todesstrafe nicht. Generell ist für das Alte Testament die Todesstrafe eine übliche Rechtspraxis – aber vielleicht stellt die Aussage in Genesis 9,6 ein kleines Fragezeichen hinter die Frage, ob ein Mensch die Todesstrafe vollstrecken darf.


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Bildnachweis

Titelbild: „Death Noose“, fotografiert von Fraser Mummery. Lizenziert unter CC BY-SA 2.0.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Siehe „Zustimmung zur Todesstrafe in der Türkei steigt“, faz.net, 19.07.2016 [Stand: 22. Juli 2016].
2. Bundesregierung zur Türkei: ‚Ein Land mit Todesstrafe kann nicht Mitglied der EU sein‘“, SPIEGEL ONLINE, 18.07.2016 [Stand: 22. Juli 2016].
3. Vgl. „Hinrichtungen in den USA nach Bundesstaaten in 2015 und 2016“, Das Statistik-Portal [Stand: 22. Juli 2016].
4. Vgl. „Zahlen und Fakten über die Todesstrafe“, Amnesty International [Stand: 22. Juli 2016]. „In dieser Bilanz sind nicht die Exekutionen enthalten, die in der Volksrepublik China durchgeführt wurden. Von China wird angenommen, dass dort im vergangenen Jahr tausende Menschen hingerichtet worden sind, so dass die tatsächliche weltweite Gesamtzahl mit Sicherheit deutlich höher liegt. In China werden Angaben zur Todesstrafe als Staatsgeheimnis behandelt.“
5. Vgl. dazu: „Will Gott die Todesstrafe?“, Johannes Schnocks, in: ders., Das Alte Testament und die Gewalt. Studien zu göttlicher und menschlicher Gewalt in alttestamentlichen Texten und ihren Rezeptionen (WMANT 136), Neukirchen-Vluyn.
6. Siehe „Miteinander! Was Kain und Abel mit der Flüchtlingsdebatte zu tun haben“, Till Magnus Steiner, Die Verbum [Stand: 22.Juli 2016].
7. Zum Folgenden vgl. „Will Gott die Todesstrafe?“, Johannes Schnocks, in: ders., Das Alte Testament und die Gewalt. Studien zu göttlicher und menschlicher Gewalt in alttestamentlichen Texten und ihren Rezeptionen (WMANT 136), Neukirchen-Vluyn.
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