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conditio humana

Der, der dich hasst… Hass und Solidarität im Alten Testament


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Nach dem Selbstmordanschlag des syrischen Flüchtlings in Ansbach stand am nächsten Morgen in der Altstadt ein Schild, auf dem stand: „Meinen Hass kriegt ihr nicht!“.1) Diese Botschaft, mit blutroter Schrift geschrieben, erinnert an die Überschrift des Facebook-Posts von Antoine Leiris, dessen Frau bei den Anschlägen in Paris getötet wurde: „Vous n’aurez pas ma haine“ („Meinen Hass bekommt ihr nicht!“). Er schrieb an die Mörder seiner Frau: „Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht.“2) Hass ist ein massiver Ausdruck, der mehr als eine bloße Zurückweisung bezeichnet. Es ist eine deutliche Feindschaft mit boshaften Absichten. Der hebräische Begriff, der gemeinhin mit Hass übersetzt wird, lautet שנאה (gesprochen: sin’a) und beschreibt umfassender einen „emotionalen Zustand der Aversion“3).

Hass als Ausdruck des Glaubens

In der Gebetssprache der Psalmen4) ist Hass keine negative Charaktereigenheit, sondern Hass kann gar zum Ausdruck von Gottesfurcht werden

:

Soll ich die nicht hassen, Herr, die dich hassen, die nicht verabscheuen, die sich gegen dich erheben? Psalm 139,21

Der Beter stellt sich auf die Seite Gottes und bekennt sich zu ihm. Aus dem Bekenntnis erwächst die Aversion gegen die Gegner Gottes. In den Psalmen werden diejenigen gehasst, die Götzen verehren (Psalm 31,7) und diejenigen, die Unrecht tun (Psalm 26,5). Gottesfurcht bedeutet im Umkehrschluss, das Böse zu hassen (vgl. Sprichwörter 8,13). Anscheinend verbleibt kein Raum für Grauzonen, sondern das Leben spielt sich in Extremen ab mit

Zeit zum Lieben und Zeit zum Hassen, Zeit des Kriegs und Zeit des Friedens. Kohelet 3,8

Hass und Liebe sind Konsequenzen dessen, woran man sein Herz hängt; Entscheidungen die allumfassend sind.

Die ethische Perspektive

Jemanden zu hassen, kann aus der Perspektive der Psalmen der Beweis für die eigene Gottesfurcht des Beters sein. Aber in den Gesetzestexten des Alten Testament findet sich auch eine zweite Perspektive. Im Buch Exodus wird folgende ethische Forderung aufgestellt:

Wenn du siehst, wie der Esel deines Gegners unter der Last zusammenbricht, dann lass ihn nicht im Stich, sondern leiste ihm Hilfe! Exodus 23,5

Selbst einem Gegner, wörtlich „einem Dich Hassenden“ (שנאך, gesprochen: sona‘acha) soll man, wenn er in Not gerät, helfen. Die Forderung der Solidarität kennt keine Grenze und umschließt selbst diejenigen, die einen hassen. Das Gesetz in Exodus 23,5 behandelt zwar eine konkrete Situation, aber die Grundlage ist eine ethische Forderung, die die positive Gesinnung des Angesprochenen in einer Entscheidungssituation einfordert: In der Not ist Hass kein Kriterium.

Hass und hassen

Die Psalmen zeigen, dass Hass ein Teil des Menschseins ist. Es ist menschlich zu hassen. Der Hass kann sogar zum Beweis des Gottglaubens werden und erhält so eine positive Konnotation. Es ist nicht verboten zu hassen. Aber Exodus 23,5 zeigt auch, dass Hass als Handlungsmaxime die Solidarität der Menschen untereinander als Grenze haben kann. Man darf jemanden, der Unrecht tut, hassen und man kann Hass mit Hass begegnen, aber auch dieser Hass hat Grenzen. Eine der Grenzen von Hass ist die menschliche Solidarität in Not. Diese Maxime wird im Matthäusevangelium in den Worten Jesu radikalisiert, wenn gefordert wird:

… Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen. Matthäus 5,44


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Bildnachweis

Titelbild: „Anger“, gezeichnet von LilRoloHere. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Siehe das Titelbild zum Artikel „Meinen Hass kriegt ihr nicht“, Bayerische Staatszeitung, 27.07.2016 [Stand: 29. Juli 2016].
2. Siehe „Der Mann, der die Mörder seiner Frau nicht hassen will“, Martin Meister, welt.de, 10.05.2016 [Stand 29. Juli 2016].
3. Artikel „שָׂנֵא śāne’“, Eduard Lipiński, in: ThWAT VII, Stuttgart u.a., S. 828-839, hier S. 829.
4. Zum Folgenden vgl. Artikel „Hass“, Miriam von Nordheim-Diehl, in: WibiLex [Stand: 29. Juli 2016].
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