Annus Liturgicus·Exegetica

Die Heiligen Drei Könige – eine (un)biblische Tradition Bemerkungen zu Königen und der Geburt Jesu

In diesen Tagen ziehen als Könige verkleidet die Sternsinger von Haus zu Haus und sammeln Geld für eine bessere Welt. „Die Sternsinger – das sind rund 300.000 Mädchen und Jungen, die sich rund um den Dreikönigstag bei Schnee und Kälte in königlichen Gewändern auf den Weg machen, Gottes Segen zu den Menschen bringen und Geld für Kinder in Not sammeln“, heißt es dazu auf der Seite des Kindermissionswerkes, das diese Aktion gemeinsam mit dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend organisiert. Sie folgen nicht dem Stern über Bethlehem, sondern ihrem Herzen und tun Gutes. Spielt es da eine Rolle, dass es liturgisch in der Kirche keinen Dreikönigstag gibt? Ist es von Bedeutung, dass im Matthäus-Evangelium eben keine Könige, sondern Sterndeuter sind, die sich auf den Weg zur Krippe Jesu, des neuen Königs der Juden, machen? Schließlich verbinden doch die meisten Gläubigen den 6. Januar mit eben den Heiligen Drei Königen, deren Reliquien im Kölner Dom aufbewahrt werden, und nicht mit dem an diesem Tag zu feiernden Fest der Erscheinung des Herrn.

In einer Antiphon im Abendgebet am 6. Januar heißt es: „Drei Wunder heiligen diesen Tag: Heute führte der Stern die Weisen zum Kind in der Krippe. Heute wurde Wasser zu Wein bei der Hochzeit. Heute wurde Christus im Jordan getauft, uns zum Heil. Halleluja.“ An diesem Tag wird weder das Wunder auf der Hochzeit zu Kana noch die Taufe Jesu durch Johannes verkündet, sondern das Evangelium des Tages ist Matthäus 2,1-12, das mit folgenden Worten beginnt:

Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem. Matthäus 2,1

Kein Wort steht dort von drei Königen, sondern eine unbekannte Zahl von μάγοι (gesprochen: magoi) wird genannt. Diese ursprünglich aus dem Persischen stammende und im deutschen Wort „Magier“ durchscheinende Bezeichnung steht in der Zeit als das Evangelium geschrieben wurde für östliche Theologen, Philosophen und Naturwissenschaftler – aber sie konnte in der griechischen Sprachwelt auch eine negative Bedeutung haben: Zauberer und Scharlatane. Ohne Zweifel handelt es sich hier um Nicht-Juden, die von Gott zu Jesus geführt werden – und diese verehren den Säugling, indem sie sich vor ihn auf den Boden werden:

Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Matthäus 2,11

Ein solches Verhalten, genannt Proskynese, ist ein Ausdruck der Verehrung gegenüber Göttern und hochgestellten Menschen, wie zum Beispiel Königen. Sie, die Sterndeuter, verhalten sich so gegenüber Jesus, dem Neugeborenen, wie die Jünger auf Jesus, den Auferstandenen, reagieren werden (siehe Matthäus 28,17). Und die Sterndeuter bringen dem scheinbar Machtlosen Geschenke, die eines Königs würdig sind: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Im 3. Jahrhundert schrieb dann der Kirchenvater Tertullian, dass die Sterndeuter mit ihren Geschenken und ihrem Hulderweis, sich selbst „wie Könige verhielten“. Die Darbringung von Gaben für einen anderen König erinnerte die antiken Theologen an Psalm 72, in dem der ideale König beschrieben wird – der davidische Thronnachfolger, der die Welt befriedet und den Armen und Hilflosen hilft. In diesem Psalm heißt es in den Versen 10-11:

Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Gaben, mit Tribut nahen die Könige von Scheba und Saba. Alle Könige werfen sich vor ihm nieder, es dienen ihm alle Völker. Psalm 72,10-11

So wie die Autoren des Neuen Testament Textstellen aus dem Alten Testament herangezogen haben, um die unglaubliche Geschichte des Lebens, des Todes und der Auferstehung Jesu deuten zu können, so zogen auch Tertullian und die anderen antiken Theologen Psalm 72 heran, um das in Matthäus 2,1-12 Erzählte deuten zu können. In der Tradition, nicht im Neuen Testament, sind dann ab dem sechsten Jahrhundert aus den Sterndeutern endgültig Könige geworden, die dann im Laufe der Geschichte der westlichen Kirche die Namen Caspar, Melchior und Balthasar bekommen haben. In der Kunst werden sie oft auch als Jüngling, erwachsener Mann und Greis dargestellt. So schrieb Beda Venerabilis um 730 n. Chr.: „Der erste soll Melchior gewesen sein, ein Greis mit weißem Barte, der zweite Caspar, ein bartloser Jüngling, der dritte Balthasar, mit dunklem Vollbart.

Nein, weder waren die Sterndeuter, von denen Matthäus erzählt, Könige, noch waren es drei – der Text im Neuen Testament blieb und bleibt unverändert. Doch wenn in diesen Tagen drei als Könige verkleidete Kinder oder Jugendliche durch die Nachbarschaften ziehen, dann ist das kein Missverständnis, sondern eine zuspitzende Auslegung der frohen Botschaft. Selbst Könige dienen dem an Weihnachten geborenen König der Juden, sie folgen der Weisung Gottes und tun Gutes.

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Bildnachweis

Titelbild: “Sternsinger/innen sind startklar”, fotografiert von Paul Feuersänger für Katholische Jungschar Österreichs. Lizenz:CC BY-SA 2.0.

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