Ecclesiastica

Das Säuseln der Kirche Oder: Über Erstarren und Schweigen

Während laut über Kirchenthemen gestritten wird, lauschen manche leise nach einem Säuseln, das vom Kommen des Gottesreiches kündet. Dem Propheten Elija verkündete die Ruhe nach dem Sturm, die sich als ein kaum vernehmbares Säuseln hören lässt, dass Gott sich ihm offenbart. Gott kommt zu ihm und er kommt zu Gott (1 Könige 19,12-14) – und er findet Ruhe. Zwischen Kirchenpolitik und Kommentaren, zwischen Krisen und Austritten – mitten im Lärm – entsteht mancherorts ein Vakuum genau dort, wo früher in der Kirche der Raum war, wo das Reich Gottes anbricht und die Begegnung mit Ihm möglich war.

Das hebräische Wort, das aus dem Alten Testament im Deutschen mit „Säuseln“ übersetzt wird, ist דממה (gesprochen: d’mama). Gott selbst ist nicht dieses kaum vernehmbare Geräusch, sondern er schafft diese Ruhe nach dem Sturm (siehe דממה in Psalm 107,29). Es lohnt sich nicht inmitten der Kirchenkrise schweigend nach einem Säuseln zu suchen – Gottes Stimme donnert und lässt sich nicht überhören (Psalm 29), außer er schweigt. Doch inmitten der Kirchenkrise ist doch ein Säuseln zu hören – nicht von Gott, sondern von denjenigen, die glaubend sich dennoch von der Kirche abwenden. Das hebräische Wort דממה leitet sich aus einer Wortwurzel ab, der auch das Verb דמם (gesprochen: damam) entstammt; es bedeutet: „erstarren vor Schreck“ oder „sich still halten/schweigen“.
In der Kirche kann man, wenn man genau hinhört, ein Säuseln derjenigen vernehmen, die im Angesicht der kirchlichen Realität vor Schreck erstarren oder schweigend die Kirche, nicht den Leib Christi verlassen. Eine gute Bekannte von mir, schrieb mir vor Kurzem, dass sie nach ihrem Austritt aus der Kirche nun vollen Herzen mit Psalm 131 beten könne:

…ich habe besänftigt, habe zur Ruhe gebracht meine Seele. Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter, wie das gestillte Kind, so ist meine Seele in mir. Psalm 131,2

In diesen Worten ist dieses Säuseln zu hören – wörtlich heißt es in diesem Vers: „und ich habe zur Stille gebracht [ודוממתי, gesprochen: we‘domamti] mein Leben“. Wir leben in Zeiten, in denen Menschen Ruhe und Kraft in ihrer Gottesbeziehung finden, wenn sie der Kirche den Rücken zukehren. Während es in der Kirche knarzt, lässt er es in der Welt säuseln.

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Bildnachweis

Titelbild: “Pusteblume im Sonnenuntergang“, fotografiert von: Jörg Brinckheger. Lizenz: CC BY 2.0 DE.

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