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Ethica·Pastoralia·Res publica

Ansehen gibt Ansehen Oder: Es wird Zeit, den Zahlen Gesichter zu geben


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Zahlen geben kein Ansehen. Sie sind nüchterne, neutralisierende Entitäten, aber nur scheinbar neutral. Wer Menschen entpersonalisieren, ja neutralisieren will, wer ihnen das Ansehen nehmen möchte, der macht sie zur Nummer. KZ-Insassen bekamen sie eintätowiert und wurden mit Nummern aufgerufen. Selbst die Schrecken der Schoah werden als bloße Zahl vernebelt, über die man dann auch noch selbstgerecht streiten kann. Ob 6.000.000 Juden umgebracht wurden oder „nur“ 600.000 – darüber können vermeintlich aufgeklärte Personen tatsächlich streiten. Es handelt sich ja nur um eine „0“ mehr oder weniger. Wahrhaftig: Die Entpersonalisierung durch Zahlen überdauert sogar den Tod. Zur Zahl geronnen wird jede Schuld, jeder Schrecken, jede Verantwortung zu einer bloß statistischen Frage, die man in Tabellen organisieren, lochen und abheften kann. Thema erledigt. Zahlen haben keine Gesichter.

Harmonie- und Schönheitssucht

Zahlen nehmen der Wirklichkeit den Schrecken. Sie machen das Unwirkliche beherrschbar. Tabellen haben eine eigene Ästhetik. Dissonantes wird auf diese Weise harmonisch überschaubar. Das Chaos wird zu sortiertem Kosmos. Der Mensch kann mit Sinnlosem und Unsinn nicht leben. Deshalb muss er das Durcheinander beherrschbar machen und das Unkontrollierbare und seine Kontrolle bringen. Zahlen sind da ein hervorragendes Mittel. Man kann diese anthropologische Konstante auch in den Zeiten der Corona-Pandemie wieder beobachten. Man weiß so gut wie nichts über das Virus SARS-CoV-2, schon gar nicht über Langzeitwirkungen, die möglicherweise auch jene betreffen, die nur wenig oder gar keine Symptome zeigen. Flugs aber werden eine Reihe statistischer Maßnahmen getroffen. Vergleiche zwischen Grippe- und SARS-CoV-2-Pandemien werden gezogen, die vorgeben, dass das alles doch irgendwie doch bloß wie eine Grippe sei. Der Schluss ist zwar schon deshalb nicht zulässig, weil die SARS-CoV-2-Pandemie noch gegenwärtig und in vollem Gang ist, während man auf Grippe-Pandemien als abgeschlossene Phänomene der Vergangenheit zurückblick, aber das stört die großen Geister, die ihre Diplome an der YouTube-Akademie erworben haben, in der Regel nicht. Dafür sind sie Spezialisten in der Berechnung von Sterblichkeitsraten und wissen vorzuweisen, dass SARS-CoV-2 weltweit „nur“ (Anführungszeichen vom Autor!) in 4,73% der Fälle zum Tode führen würde. Das ist natürlich (Achtung Ironie!) so gut wie nichts. Da kann man doch beruhigt in den Alltag gehen und weiter Lotto spielen – schließlich liegt dort die Wahrscheinlichkeit, Sechs richtige zu haben, bei 0,000000007142857% – was bedeuten würde, dass es im Fall einer SARS-CoV-2-Infektion gut 662 Millionen Mal wahrscheinlicher wäre, zu sterben als sechs Richtige im Lotto zu haben. Das wiederum ist eine äußerst beunruhigende Zahl, der man flugs entgegen hält, dass die Quote von SARS-CoV-2-Infizierten in Deutschland im Juli 2020 nur bei rund 0,0000781625 % liegt, was schließlich nur unwesentlich höher scheint, als die Chance eines satten Lotto-Gewinns, tatsächlich aber immer noch rund 10.000 Mal wahrscheinlicher ist. Statistiken sind einfach wunderbar. Man kann mit Zahlen zaubern und sich an ihrer Schönheit berauschen. Und schon hat sich jeder Schrecken schnell verrechnet …

Die Unfähigkeit zu trauern

Dass die Unfähigkeit zu trauern ein nur allzu menschliches Phänomen ist, wenn es darum geht, sich dem Furor durch Menschen verursachter Realitäten zu stellen, der noch größer wird, wenn man als einzelne Person oder als Gesellschaft die Verantwortung unabweisbar selbst trägt, haben mit Blick auf den Umgang mit den Nazi-Verbrechen Margarete und Alexander Mitscherlich herausgearbeitet1). Die Gräuel verschwanden in der deutschen Nachkriegszeit hinter Zahlen und Tabellen. Die eintätowierten Nummern in der Haut der KZ-Häftlinge bleiben hingegen lebenslang. Zahlen habe weder Gewissen noch Gefühl. Sie sind bloß und blanke Information. Sachlich, nüchtern, neutral. Zahlen sind keine Menschen …

Anders sieht es aus, wenn die Zahlen Gesichter bekommen. Ein eindrückliches Beispiel hierfür ist Nicholas Winton, der im Rahmen des Refugee Children Movement von Dezember 1938 bis September 1939 über 660 jüdische Kinder aus dem schon von Deutschen besetzen Prag nach England bringen konnte und ihnen so das Leben rettete. Die blanke Zahl scheint auch hier nüchtern. Wenn die Zahl aber Gesichter bekommt, wie es 1988 in der BBC-Sendung „That’s Live“ geschah2), wird nicht nur der Wert jedes einzelnen Lebens sondern auch die Größe der Tat Nicholas Wintons deutlich. Jedes einzelne Leben zählt, jedes einzelne Leben hat Würde verdient.

Namen statt Zahlen

Gerade deshalb ergreift Gott immer wieder für die Partei, die schwach sind3). Je größer die Entrechtung und Entmenschlichung, desto größer wird die Parteinahme Gottes sein. So findet sich mit Blick auf die Parteinahme Gottes für das Volk Israel gerade im Erleben von Not, Entrechtung und offenkundig chaotischer Ausweglosigkeit bei Jesaja eine unumstößliche Verheißung:

Jetzt aber – so spricht der HERR, der dich erschaffen hat, Jakob, und der dich geformt hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir! Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, keine Flamme wird dich verbrennen. Denn ich, der HERR, bin dein Gott, ich, der Heilige Israels, bin dein Retter. Ich habe Ägypten als Kaufpreis für dich gegeben, Kusch und Seba an deiner Stelle. Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist und weil ich dich liebe, gebe ich Menschen für dich und für dein Leben ganze Völker. Jesaja 43,1-4

Im Zentrum steht der Name. Er steht für Identität und Personalität. Der Name hat Bedeutung. Nicht ohne Grund gehört die Auswahl eines Namens zu den ersten großen Herausforderungen, denen sich werdende Eltern oft schon vor der Geburt ihres Kindes stellen müssen. Der Name steht für die Person. Er ist eine lebenslange Verheißung, Aufgabe, Identität. Wie sehr die Namensgebung hoheitlich ist und Hoheit verleiht, wird schon im zweiten Schöpfungsbericht deutlich, wenn es dort heißt:

Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Genesis 2,20

Zu diesem Zeitpunkt ist der Mensch noch einer. Die Tiere sind seine ersten Gefährten und sein Gegenüber. Die Gefährtenschaft wird auch in der Benennung der Tiere deutlich. Erst als der Mensch erfahren muss, dass ihm die Gefährtenschaft der Tiere nicht reicht, werden aus dem einen Menschen zwei – männlich und weiblich. Beide müssen sich ihrer selbst aber erst gewahr und bewusst werden. Die oft und vorschnell als „Sündenfallerzählung“ bezeichnete Geschichte in Genesis 3 ist tatsächlich eine mythologische Anthropologie, in der die Reifung der Menschen aus der kindlichen Unmündigkeit zu mündigen Persönlichkeiten dargestellt wird, die ihrerseits in die Findung der eigentlichen Namen mündet:

Der Mensch (האדם – ha-Adam) gab seiner Frau den Namen Eva, Leben, denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen. Genesis 3,20

Der Name gibt dem Menschen Bedeutung. Er steht sogar für die Person selbst. Im Namen scheint die Person selbst gegenwärtig zu sein. Wie sonst kann man sich erklären, dass viele der jüngeren Generation sich die Namen ihrer Kinder unter die Haut ritzen lassen und so offenkundig dem Beispiel Gottes folgen, der sein Volk parteiisch liebt und ihm in der Erfahrung scheinbarer Gottverlassenheit zusagt:

Doch Zion sagt: Der HERR hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, ohne Erbarmen sein gegenüber ihrem leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergisst: Ich vergesse dich nicht. Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände, deine Mauern sind beständig vor mir. Jesaja 49,1-3

Ab in die Mitte

Die Reaktionen vieler in Deutschland angesichts der hierzulande bisher relativ glimpflich verlaufenden Corona-Pandemie zeigen, dass das Leid, das diese Krankheit zu verursachen im Stande ist, nicht im Bewusstsein ist. Während in Italien am Höhepunkt der Corona-Krise im Frühjahr 2020 die Namen der Verstorbenen ganze Zeitungsseiten füllten, in Brasilien und den USA die Toten der Pandemie in Massengräbern bestattet werden4), der spanische König in einem Staatsakt der an dem neuen Corona-Virus Verstorbenen gedenkt5), fragt Margarete Stokowski in ihrer Spiegel-Kolumne, warum in Deutschland angesichts von über 9.000 Toten (Stand Juli 2020) nicht öffentlich über die Verstorbenen getrauert würde und diagnostiziert ebenfalls eine „Unfähigkeit zu trauern“6), während für Evelyn Finger hier insbesondere die Kirchen versagt haben, als die Alten und Kranken sie in der Pandemie brauchten:

„Der Glaube ist vernünftig geworden, gerade in Deutschland. Selbst das Weltweitvirus Covid-19 verleitete keinen deutschen Bischof zum Triumph über die gottlose Moderne oder zu trotzigem Beharren auf einem Ritual. Gott sei Dank! Aber war das genug?“7)

Nun ist das Urteil Evelyn Fingers als solches, wie die vielen Briefe von Leserinnen und Lesern zeigen, nicht unumstritten. Tatsächlich gibt es gute Beispiel, dass Bischöfe sich dezidiert den Herausforderungen und an die Seite der Schwachen gestellt haben. Als Beispiel sei hier nur der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki erwähnt, der sein Priesterseminar für die Versorgung Obdachloser öffnete, die zwar in entsprechenden Notschlafstellen übernachten können, angesichts des Lockdowns tagsüber aber keine Versorgungsmöglichkeiten hatten8). Auch haben unzählige Seelsorgerinnen und Seelsorger in Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen treu ihren Dienst getan und sind bei den Alten, Kranken und Sterbenden gewesen. Das Urteil, die Kirchen hätten fromm geschwiegen, mag zwar medial en vogue sein, es trifft aber die pastorale Realität nicht. Und doch könnte sich den Kirchen hier eine noch zu wenig genutzte Gelegenheit bieten, ihrem Vorbild, dem sie nachfolgen will, noch ähnlicher zu werden. Nicht, dass es darum ginge, aus einer Krise Kapital zu schlagen, auf dass sie zu einer Chance wird. Von Krisen als Chance zu reden, verbietet sich angesichts des unsichtbaren Leidens und Sterbens vieler, die von Skeptikern dann gerne zu Zahlenkolonnen degradiert und kleingerechnet werden. Aber genau hier ist der springende Punkt. Wie wäre es, wenn die Kirchen einem anschaulichen Beispiel Jesu folgen würden, das in den synoptischen Evangelien überliefert ist:

Als er wieder in die Synagoge ging, war dort ein Mann mit einer verdorrten Hand. Und sie gaben Acht, ob Jesus ihn am Sabbat heilen werde; sie suchten nämlich einen Grund zur Anklage gegen ihn. Da sagte er zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte! Und zu den anderen sagte er: Was ist am Sabbat erlaubt – Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? Sie aber schwiegen. Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz, und sagte zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er streckte sie aus und seine Hand wurde wiederhergestellt. Da gingen die Pharisäer hinaus und fassten zusammen mit den Anhängern des Herodes den Beschluss, Jesus umzubringen. Markus 3,1-6 parr

Ansehen geben

Die Begegnung scheint zufällig. Der Mann mit der verdorrten Hand ist einfach da. Sein Name wird nicht genannt. Er ist definiert durch seine Behinderung. Wie es Behinderten so ergeht, wird er begafft. Niemand spricht mit ihm, alle begaffen ihn. Sie schauen ihn nicht an, sie gaffen. Und sie wollen sehen, wie dieser Jesus nun handeln wird. Es ist ja Sabbat. Man weiß ja, dass sich dieser Wanderprediger um den Sabbat nicht schert. Nur eine Perikope vorher wird erzählt, wie die Jünger Jesu am Sabbat Ähren von den Kornfeldern abrissen (vgl. Markus 2,23-28) – ein ungeheuerlicher Verstoß gegen die göttlichen Gebote. Zur Rede gestellt antwortet Jesus den anklagenden Pharisäern lapidar:

Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat. Markus 2,27-28

Nun wurde, obwohl sich die Begegnung Jesu mit dem Mann mit der verdorrten Hand in der Synagoge schon im dritten Kapitel des Markusevangeliums – also noch sehr am Anfang der markinischen Dramaturgie – zuträgt, in den beiden Kapiteln davor schon mehrfach von den Heilungen Kranker durch Jesus berichtet – angefangen mit der Heilung eines Besessenen in der Synagoge von Kafarnaum (vgl. Markus 1,21-28) und die Heilung der Schwiegermutter des Petrus (vgl. Markus 1,29-34) über die Heilung eines Aussätzigen (vgl. Markus 1,40-45) bis hin zur Heilung eines Gelähmten (vgl. Markus 2,1-12). Dieser Jesus von Nazareth scheint nicht nur ein Herz für die Kranken und Schwachen gehabt zu haben, sondern auch die Vollmacht, heilende Partei für sie zu ergreifen. Was liegt also näher, als diesen Showdown in der Synagoge am Sabbat abzuwarten. Eine Heilung am Sabbat – unmöglich!

Jesus sieht sich in der Zeit seines öffentlichen Wirkens immer wieder dilemmatischer Situationen ausgesetzt, die seine Gegner nutzen, um ihm eine Falle zu stellen. Bemerkenswert ist jedes Mal, wie er diese Situationen löst. Auch hier spürt er, wie die Anwesenden nicht nur den Behinderten begaffen, sondern auch auf seine Reaktion lauern. Wie kann man da Gutes tun, ohne in die Falle zu tappen? Seine Reaktion ist frappierend und zwar in Tat und Wort:

Da sagte er zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte! Und zu den anderen sagte er: Was ist am Sabbat erlaubt – Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? Markus 3,3-4

Im zweiten Schritt spiegelt er das Dilemma an seine Gegner zurück: Verbietet der Sabbat eine gute Tat? Wohl kaum! Wichtiger aber ist der erste Schritt, als er den Behinderten auffordert aufzustehen und sich in die Mitte zu stellen. Da geschieht zweierlei. Im Aufstehen aktiviert er – wie so oft bei den Heilungserzählungen zu beobachten ist – die Eigenkräfte der noch Schwachen. Er beugt sich eben nicht einfach herab. Er ist nicht herablassend. Er ist aufrichtig aufrichtend. So wird echte und aufrechte Augenhöhe hergestellt. Das ist der erste Schritt zur Heilung. Aber hier geschieht noch mehr. Es geht hier nicht nur um das Gegenüber zu Jesus, sondern um die Anwesenden selbst, die bisher bloß einen Namenlosen begafft haben. Jesus stellt den Mann in die Mitte – nicht in irgendeine Mitte, sondern in die Mitte (εἰς τὸ μέσον – gesprochen: eis tò méson). So stehend gewinnt der Mann an Ansehen – aufrecht, aufrichtig, angesehen wird aus einem begafften Behinderten eine angesehene Person.

Bemerkenswerterweise wird nirgendwo erwähnt, dass Jesus es wäre, der den Mann geheilt hätte. Das bleibt im Text offen. Es heißt nur, dass Jesus den Mann auffordert, seine Hand auszustrecken und die Hand dann wiederhergestellt wird. Die Hand ist jetzt auch nicht mehr wirklich wichtig. Die Behinderung tritt hinter dem Ansehen der Person zurück.

Den Menschen ansehen, gibt Menschen Ansehen. Leitsatz des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) Bergisch Land e.V.

Und nun?

Man kann der Menschen in der Kirche wahrlich nicht den Vorwurf machen, sie hätte angesichts der Corona-Pandemie nichts getan oder geschwiegen. Vielleicht haben die, die in der Kirche Verantwortung tragen, nicht immer den Erwartungen derer entsprochen, die jetzt Kritik üben. Andererseits wäre ein Vorpreschen sicher auch auf Kritik gestoßen. Man stelle sich nur vor, die Kirchen hätten zu großen öffentlichen Trauergottesdiensten aufgerufen. Wie groß wäre der Aufschrei gewesen, da würde man sich des Leides anderer bemächtigen, viele der Verstorbenen wären gar nicht gläubig oder gar aus der Kirche ausgetreten gewesen usw. Kritik allein lässt sich leicht üben, wenn man keine alternative Handlungsmöglichkeit benennt. Dabei haben die Kirche laut gehandelt – sehr laut sogar. Sie hat für Wochen auf das verzichtet, was ihr mit das Allerheiligste ist: auf die öffentliche Feier von Gottesdiensten. Warum? Weil sich die Gesellschaft in den ersten Wochen an den Krisenmodus gewöhnen musste und Abstand halten sowie das Meiden öffentlicher Zusammenkünfte – und dazu gehören Gottesdienste nun einmal – die Gebote der Stunde waren. Die Kirche hat ein lautes Zeichen der Solidarität gesetzt – und sich in dieser Zeit selbst sortiert. Jetzt aber gilt es, den Kranken und Schwachen egal welcher Couleur Gesicht und Stimme zu geben. Wenn es in der Nachfolge Jesu jetzt einen Auftrag gibt, dann liegt er darin, den Zahlen, die viele gerne vorschieben, Gesichter zu geben. Es geht darum, einen neuen guten Umgang miteinander zu lernen. Es wird eine neue Kultur des Miteinanders entstehen. So wird man bei der nächsten Influenza-Pandemie wohl nicht mehr sagen können: Die paar Toten, ist doch nur eine Grippe. Nein: Es geht um Leben jetzt, Leben vor dem Tod, Leben in Würde. Da darf die Kirche in der Tat noch lauter sein, damit auf das Schicksal Alter, Kranker und Schwacher nicht nur bedauernd herabgeschaut wird, sondern damit bei aller Vorsicht ein Leben in Würde möglich ist. Gott ist parteiisch, die Kirche sollte es auch sein und noch lauter Partei für die ergreifen, deren Stimme zu schwach ist. Wer die Menschen so ansieht, gibt den Menschen ansehen!

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Bildnachweis

Titelbild: Viel zu tun 20/365 (Dennis Skley) – Quelle: flickr – lizenziert als CC BY-ND 2.0.

Video: Story of Nicholas Winton BBC That’s life – Short version – Quelle: Youtube – lizenziert mit der Youtube-Standard-Lizenz.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Vgl. hierzu Alexander und Margarete Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu Trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 1977.
2. Vgl. hierzu die BBC-Kurzdoku unter https://www.youtube.com/watch?v=M1JEuQfMZfY [Stand: 19. Juli 2020].
3. So auch Till Magnus Steiner, Angst und Furcht. Eine Perspektive auf Christen in der Gesellschaft und in der Kirche, Dei Verbum, 14.7.2020, Quelle: https://www.dei-verbum.de/angst-und-furcht/ [Stand: 19. Juli 2020]: „Da Gott parteiisch ist, muss der Mensch sich entscheiden – für das Böse oder das Gute. Es geht um eine Lebensentscheidung, die zu einer radikalen Mission wird. Die Christen sind nicht nur Bürger und Kirchenmitglieder, sondern Friedensjäger und Gutmenschen – wird sind Gottesfürchtige, Getriebene von der Furcht.“
4. Vgl. hierzu etwa Tagesspiegel online, Arbeiter heben Massengrab auf New Yorker Insel aus, 11.4.2020, Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/coronavirus-epidemie-in-den-usa-arbeiter-heben-massengrab-auf-new-yorker-insel-aus/25733992.html [Stand. 19. Juli 2020] sowie tagesschau.de, Ein trauriger Rekord für Brasilien, 20.5.2020, Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/corona-brasilien-101.html [Stand: 19. Juli 2020].
5. Siehe hierzu Deutsche Welle, Staatsakt für die Corona-Toten in Spanien, 16.7.2020, Quelle: https://www.dw.com/de/staatsakt-für-die-corona-toten-in-spanien/a-54197131 [Stand: 19. Juli 2020].
6. Siehe hierzu Margarete Stokowski, Von der Unfähigkeit zu trauern, Spiegel online, 14.7.2020, Quelle: https://www.spiegel.de/kultur/stokowski-kolumne-die-unfaehigkeit-zu-trauern-a-349fdb96-4ac5-440e-8a40-41368cd6f4b9 [Stand: 19. Juli 2020].
7. Evelyn Finger, Frommes Schweigen, Zeit online, 27.5.2020, Quelle: https://www.zeit.de/2020/23/kirche-corona-krise-seelsorge-gottesdienstverbote-bischoefe [Stand: 19. Juli 2020].
8. Siehe hierzu etwa die DOMRADIO-Reportage vom 30.3.2020 unter https://www.domradio.de/video/kardinal-woelki-oeffnet-priesterseminar-fuer-obdachlose-0 [Stand: 19.7.2020].
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