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conditio humana·Res publica

Amnesie ist der Anfang vom Untergang Ein Beitrag wider die strukturell bedingte Vergesslichkeit


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Erinnerungslücken haben pathologische Dimensionen. Amnesie kann verschiedene Ursachen haben. Sie passiert aber nicht einfach. Die Gründe für eine Amnesie sind oft traumatisch – oder aber demenziell. Die Amnesie kann gar zur Dissoziation führen – also der Trennung von Wahrnehmungs- und Gedächtnisinhalten. Sich auf Erinnerungslücken zu berufen, ist also keine Kleinigkeit. Im Gegenteil: Erinnerungslücken können Hinweise auf grundlegende pathologische Störungen sein, die abgeklärt werden sollten. Immerhin gehört die Erinnerung zu den wesentlichen Fundamenten, aus denen Menschen ihre Identität bilden. Bei aller Befähigung zum Wandel und zur Veränderung: Das einmal Geschehene und Gesagte bleibt; es determiniert die Geschichte eines Menschen und deren Fortgang.

Irrwichtigkeiten

Irrlichternd suchen auch die selbsternannten Verfechter des Abendlandes nach immer neuen Möglichkeiten, sich selbst in Szene zu setzen. Ist das eine Thema durch, muss ein neues her, mit dem man die niedrigsten Emotionen schüren kann, derer der Mensch fähig ist. Hauptsache man bleibt im Gespräch. Geht der Schuss einmal nach hinten los, wird relativiert, was das Zeug hält. Nicht selten ist man sich dabei für keine Peinlichkeit zu schade. Jüngstes Beispiel sind die Ausfälle Alexander Gaulands, der in einem Interview für die Frankfurter Allgemeinen am Sonntag (F.A.S.), das am 29. Mai 2016 veröffentlich wurde, mit Blick auf den deutschen Nationalspieler und Fußball-Weltmeister Jerome Boateng feststellt:

„Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.1)

Die Reaktionen auf diesen Tiefpunkt kommunikativer Kultur im Land der ehemaligen Dichter und Denker waren deutlich. Selbst Frauke Petry, Parteichefin der AfD, entschuldigte sich via BILD-Zeitung für die Äußerung ihres Stellvertreters und macht nonchalant Erinnerungslücken geltend:

„Herr Gauland kann sich nicht erinnern, ob er diese Äußerung getätigt hat. Ich entschuldige mich unabhängig davon bei Herrn Boateng für den Eindruck, der entstanden ist.“2)

Irrlichternd wird hier versucht Schadensbegrenzung zu betreiben. Während Frau Petry ihrem Vize amnetische Störungen bescheinigt, versucht dieser – ahnend, dass ein alter Mann mit Amnesie wohl kaum noch ernst zu nehmen ist – die altbekannte Strategie der Unterstellung der Verleumdung zu aktivieren: Er habe nie Herrn Boateng beleidigt3). Er habe doch nur beschrieben, was die Leute denken würden4). Gauland sieht sich also weniger als Amnetiker, sondern als Analytiker, der den Leuten nach dem Mund redet. In der Tagesschau vom 29. Mai 2016 fasste er das so zusammen:

„Ich habe nur deutlich gemacht, und dabei mag der Name Boateng gefallen sein – möglicherweise von den FAZ Kollegen, denn ich kenne mich im Fußball gar nicht aus -, dass viele einen Fremden in der Nachbarschaft nicht für ideal halten.“5)

Eine solche unbewiesene Behauptung ist nicht nur billig; letztlich zieht sich auch Alexander Gauland hier auf Erinnerungslücken zurück, denn er weiß offenkundig nicht mehr, was die FAZ-Redakteure offenkundig belegen können, nämlich wer wann was gesagt hat.

Erinnerung und Identität

Erinnerung – lateinisch: memoria – ist aber eine wesentliche Kategorie für die Vergewisserung von Identität. Für Johann Baptist Metz gehört „Erinnerung“ zu den drei zentralen Kategorien der Politischen Theologie; ihr folgen die „Erzählung“ und die „Solidarität“. Die „Erinnerung“ gehört dabei nach J.P. Metz zu den „schwachen“ Kategorien:

„Was erinnert werden muss, bleibt allemal vom Vergessen bedroht, bleibt der Gefahr des Versiegens, des Verbrauchtwerdens der Ressourcen des geschichtlichen Eingedenkens ausgesetzt, bleibt der Furie des Vergessens ausgeliefert, kann schließlich im Vergessen des Vergessens zum Verschwinden gebracht werden, so dass auch nichts mehr vermisst wird.“6)

Gerade, weil Erinnerung ein absoluter Identitätsmarker ist7), muss sie deshalb vor dem Vergessen geschützt werden. Erinnerung kann dabei nur erzählend bewahrt werden. Erinnerung ereignet sich also im praktischen Vollzug8).

Anamnesis schützt vor Amnesie

Die erzählte Erinnerung ist gerade auch für das Christentum identitätsstiftend. Das Christentum ereignet sich gerade in der Erinnerung an das Leiden, Sterben und die Auferstehung Jesu Christi9). Das griechische Äquivalent zum deutschen Wort „Erinnerung“ ist dabei die ἀνάμνησις (gesprochen: Anámnesis). Die Vorsilbe ἀν- (gesprochen: an-) deutet dabei an, dass, ἀνάμνησις der ἄμνησις (gesprochen: ámnesis) entgegengesetzt ist.

Die dem Vergessen entgegenwirkende erzählte Erinnerung bewirkt aber noch mehr. Sie vergegenwärtigt das Erinnerte. Die lebendige Erzählung bewirkt ein Eintauchen in die Erzählung. Die Erinnerung wird Teil der Gegenwart. Das gilt auch und insbesondere für das Wort Gottes. Die Verheißung, die am Beginn des Johannesevangeliums steht, bleibt:

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Johannes 1,14

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Erinnerung als gegenwärtige Gestaltgebung

Grammatikalisch handelt es sich bei dem Wort ἐγένετο, das die Einheitsübersetzung von 1978 mit „ist geworden“ wiedergibt, um einen Aorist. Der Aorist ist eine griechische Zeitform, die für eine einmalige, punktuelle Handlung steht10). Die Fleischwerdung des Wortes ist also eine einmalige, unwiederholbare Handlung in der Zeit. Sie hat sich in Jesus Christus endgültig ereignet.

Die Ausdrucksweise des Johannesevangeliums ist dabei drastisch. Auf der einen Seite ist das Wort – oder besser: der Logos (λόγος). Von ihm sagt der Evangelist unmittelbar am Beginn des Evangeliums:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Johannes 1,1-4

Das Wort – der λόγος – ist nicht nur göttlichen Ursprungs; der λόγος ist Gott. Gott ereignet sich im λόγος. Wo der λόγος vergegenwärtigt wird, ereignet sich Gott.

Der λόγος als solche ist also eine eher geistige Kategorie. Der λόγος genügt sich aber nicht selbst. Er ist zwar im Anfang bei Gott, kann aber nicht bei Gott bleiben. Der λόγος drängt zur Konkretion. Er ist kreativ. Durch ihn wird alles. Im λόγος ereignet sich alles. Der λόγος ist das Leben selbst. Von hier aus erhellt sich auf der anderen Seite auch die Rede von der Fleischwerdung des λόγος, denn mit Fleisch (griechisch: σάρξ – gesprochen: sárx) wird eine dem λόγος scheinbar wenig entsprechende Kategorie eingebracht. In σάρξ schwingt eine deutliche materielle Konnotation mit, dem dem λόγος doch eigentlich zu widersprechen scheint.

Es ist aber gerade die fleischliche Gestalt, die das göttliche Wort annimmt – die Theologen sprechen hier auch von der „sarkischen Existenz“ –, durch die es überhaupt erst möglich wird, dass das Wort unter den Menschen wohnen kann, wie in Johannes 1,14 ausgeführt wird. Erst durch die Fleischwerdung des Wortes wird es in der Welt sichtbar und kann sich mitteilen. Gottes Wort ereignet sich eben durch Menschen nach Menschenart in der Welt11). Sonst wäre es für Menschen nicht wahrnehmbar.

Heilsame Erinnerung

Es ist bemerkenswert, dass Johannes mit dem Terminus σάρξ für die Fleischwerdung des Wortes den gleichen Begriff verwendet wie in der sogenannten „Brotrede“ in Johannes 6,22-59. Dort sagt Jesus über sich selbst:

Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch (ἡ σάρξ μού – gesprochen: he sárx moú) für das Leben der Welt. Johannes 6,51

So wie das Brot hier Brot des Lebens ist, ist auch das fleischgewordene Wort aus Johannes 1,14 Wort des Lebens. Die Begegnung mit dem Wort Gottes ist deshalb heilsam. In der erzählenden Erinnerung wird das Wort Gottes wieder gegenwärtig. Es ereignet sich und gewinnt neue Gestalt. Es besteht kein Zweifel:

„Die Sakramentalität des Wortes lässt sich so in Analogie zur Realpräsenz Christi unter den Gestalten des konsekrierten Brotes und Weines verstehen. (…) Christus, der unter den Gestalten von Brot und Wein wirklich gegenwärtig ist, ist in analoger Weise auch in dem Wort gegenwärtig, das in der Liturgie verkündet wird.“12)

Erinnerung ist Vergegenwärtigung

In der erzählt-erinnerten Vergegenwärtigung ereignet sich der λόγος neu. Er drängt immer wieder neu danach, Gestalt anzunehmen, eben Fleisch zu werden. Darauf spielt auch das Johannesevangelium an. Der ursprüngliche Schluss des Johannesevangeliums13) bringt das ins Wort:

Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen. Johannes 20,30-31

In den Zeichen und Worten Jesu ereignete sich die Fleischwerdung des göttlichen Wortes „vor den Augen seiner Jünger“. Sie konnten die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater sehen, wie es am Beginn des Johannesevangeliums in Johannes 1,14 hieß. Das gesamte Johannesevangelium wird durch diese Sichtbarwerdung des göttlichen λόγος, seine Fleischwerdung gerahmt und bestimmt. Hier aber geht es um noch mehr. Der Evangelist hat sein Evangelium geschrieben, damit seine Adressaten zum Glauben daran gelangen, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Durch den Glauben haben die Glaubenden das Leben. Ähnlich hieß es ja bereits in am Beginn des Evangeliums über den göttlichen λόγος:

In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Johannes 1,4

Glaube braucht Verkündigung

Der Johannesevangelist schreibt sein Evangelium nicht einfach aus dokumentarischen oder archivarischen Gründen. Er schreibt es, damit die Leserinnen und Hörer zum Glauben kommen. Das griechische Wörtchen ἵνα (gesprochen: hína) ist ein Finalpronomen. Es zeigt einen Zweck bzw. eine zwingende Folge an. Gleichzeitig kann die Fleischwerdung Gottes nicht wiederholt werden. Sie ist ein einmaliges Ereignis, dass in Jesus Christus, seinem Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen Gestalt angenommen hat. Wenn es aber nicht mehr wiederholt werden kann, kann es nur vergegenwärtigt werden. In jeder erzählenden Verkündigung ereignet sich eben diese unwiederholbare Gestaltwerdung. Und diese Erinnerung – daran lässt der Evangelist Johannes keinen Zweifel – ist glaubens- und damit lebensnotwendig. Der Glaube braucht deshalb die Verkündigung mehr als alles andere. Es ist die Verkündigung, die zum Glauben führt!

Wider die selbstauferlegte Demenz!

Die peinliche Spontandemenz Alexander Gaulands zeigt nicht nur die Lächerlichkeit argumentationsbedingter Erinnerungslücken an. Amnesie ist der Anfang vom Untergang. Christsein hingegen ist eine wesentlich anamnetische Existenz. Lukas und Paulus überliefern in ihren Abendmahlsberichten sogar einen anamnetischen Befehl Jesu:

Tut dies zu meinem Gedächtnis! 1 Korinther 11,24-24/Lukas 22,19

Mit diesen Worten übersetzt die Einheitsübersetzung von 1978 das griechische τοῦτο ποιεῖτε εἰς τὴν ἐμὴν ἀνάμνησιν (gesprochen: toûto poieîte eis tèn emèn anámnesin). Gedächtnis ist Anamnesis. Anamnesis aber ist erzählte (und hier sogar getane!, also vollzogene!) Erinnerung. Erinnerung, die getan wird, ist Vergegenwärtigung.

Die strukturelle Vergesslichkeit der Welt ist pathologisch. Die Großmutter Europa ist von der dementiellen Amnesie offenkundig ebenso befallen wie die vergesslichen Abendlandsversessenen. Sie versuchen, durch ständige Neubildung von Erzählungen, sogenannten „Narrativen“, ein Abendland zu konstruieren, dass es so nie gegeben hat. Es verwundert daher nicht, dass man sich nicht erinnern kann. An etwas, das es nicht gegeben hat, kann man sich nicht erinnern. Es braucht deshalb die heilsame Erinnerung von Faktischem, um wieder ihre die wahre Identität finden zu können. Das Wort Gottes muss wieder Fleisch werden; hier und heute muss es Gestalt annehmen durch die, die im Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi erkennen, dass Gott sich gerade mit denen identifiziert, die die Vornehmen nicht in ihrer Nachbarschaft haben wollen. So ist nämlich der Mensch!

Solidarität ist für die Glaubenden ein Tatwort. In ihr wird das Wort Gottes konkret gegenwärtig. Es ist keine Frage, dass ein solches Christentum immer auch politisch ist. Das duldet keine Alternative!

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Bildnachweis

Titelbild: elecTRONic – jock+scott / photocase.com (Ausschnittbearbeitung: Werner Kleine) – Quelle: photocase – lizenziert mit der photocase Basislizenz

Bild 1: Old Jerusalem, Antependium of altar in the church of the Redeemer, Jerusalem. Inscription in Arabic: Joh. 1,14 – Reinhard Dietrich – Quelle: Wikicommons – lizenziert als gemeinfrei

Video: Kath 2:30 – Episode 25: eucharisteîn – Katholische Citykirche Wuppertal/Christoph Schönbach – Quelle: Vimeo

Einzelnachweis   [ + ]

1. M. Wehner, Gauland beleidigt Boateng, FAZ am Sonntag vom 29.5.2016, Quelle: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/afd-vize-gauland-beleidigt-jerome-boateng-14257743.html [Stand: 29. Mai 2016].
2. Bild.de, Ich habe Herrn Boateng nicht beleidigt, 29.5.2016, Quelle: http://www.bild.de/politik/inland/em-2016/weltmeister-boateng-von-afd-vize-beleidigt-46023978.bild.html [Stand: 29. Mai 2016].
3. Bild.de, Ich habe Herrn Boateng nicht beleidigt, 29.5.2016, Quelle: http://www.bild.de/politik/inland/em-2016/weltmeister-boateng-von-afd-vize-beleidigt-46023978.bild.html [Stand: 29. Mai 2016].
4. Vgl. http://www.presseportal.de/pm/70111/3338641 [Stand: 29. Mai 2016].
5. Tagesschau, 29. Mai 2016, Ausgabe 20.00 Uhr – Quelle: http://www.tagesschau.de/multimedia/video/livestreams-109~_end-20%3A16_start-20%3A00_title-tagesschau.html [Stand: 29. Mai 2016].
6. J.P. Metz, Im Eingedenken fremden Leids Zu einer Basiskategorie christlicher Gottesrede, in: ders./J. Reikertstorfer/J. Werbick, Gottesrede, Münster 1996, S. 3-20, hier S. 6.
7. Vgl. hierzu auch hier auf Dei Verbum: Till magnus Steiner, Erinnern ist mehr als Gedenken: http://www.dei-verbum.de/erinnern-ist-mehr-als-gedenken/ [Stand: 30. Mai 2016]
8. Vgl. hierzu J.P. Metz, „Politische Theologie“ in der Diskussion, in: H. Peukert (Hrsg.), Diskussion zur „politischen Theologie“, Mainz 1969, S. 267-301, hier: S. 286.
9. J.P. Metz spricht von der memoria passionis, mortis et resurrectionis Jesu Christi – vgl. J.P. Metz, „Politische Theologie“ in der Diskussion, in: H. Peukert (Hrsg.), Diskussion zur „politischen Theologie“, Mainz 1969, S. 267-301, hier: S. 286.
10. Vgl. hierzu: F. Blass/A. Debrunner, Grammatik des neutestamentlichen Griechisch (bearb. Von F. Rehkopf), Göttingen 1990, § 318,1.
11. Vgl. hierzu: Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Dei Verbum über die göttliche Offenbarung, Nr. 12.
12. Benedikt XVI, Nachsynodales Schreiben „Verbum Domini“ (2010), Nr. 56.
13. Johannes 20,30-31 bilden einen Buchschluss. Johannes 21 erscheint als Nachtrag, zumal sich der Verfasser der Zeilen in Johannes 21,24-25 deutlich von dem der Verse Johannes 20,30-31 abhebt.
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