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Annus Liturgicus·Exegetica

Petrus vs. Maria von Magdala An Ostern ist nichts so sicher wie die Auferstehung – und auch die fordert nicht weniger als den Verstand


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Ostern ist zu selbstverständlich geworden. Kaum noch greifbar erscheinen der Skandal und die intellektuelle Herausforderung der Behauptung, da sei einer von den Toten auferstanden. Sie geht unter in den vielen Floskeln, die von den Kanzeln und Ostersonntagsreden allerorten zu hören sind. Der österliche Jubel und das inbrünstig gesungene Halleluja übertönt nur allzu schnell die Zweifel, die schon die ersten Auferstehungszeugen befielen. Stattdessen wird alle Jahre wieder die Behauptung verkündet, dass nun alles neu sei in dieser Welt. Übersehen wird, dass selbst die Auferstehungszeugen ringen mussten, um zu verstehen, was ihnen da widerfahren ist.

Dabei lohnt es sich, die biblischen Texte genauer anzuschauen. Gerade mit der Osterbotschaft verhält es sich wie mit manchen bekannten biblischen Texten; man glaubt schon zu wissen, was da kommt. Es ist doch klar, dass Maria von Magdala die erste Auferstehungszeugin ist, die dann zur Apostola apostolorum wird und ihrerseits den Jüngern die Auferstehung verkündet. Ist es nicht gerade deshalb schon ein Skandal, dass das in den amtstheologischen Begründungen der Kirche so wenig berücksichtigt wird?

Der Schrecken des (nicht) leeren Grabes

Es lohnt sich, wie gesagt, die biblischen Texte einmal genauer zu betrachten. Schon bei einem ersten Blick fällt auf, dass die Entdeckung des leeren Grabes in der Regel keinen Glauben, sondern Zweifel weckt. Das gilt insbesondere auch für Maria von Magdala, der in der Ostertradition der Evangelien eine Hauptrolle zugewiesen wird. In allen vier Evangelien ist sie an der Entdeckung des leeren Grabes beteiligt. In den synoptischen Evangelien ist sie freilich bei Sonnenaufgang nach dem vorübergegangenen Sabbat, der aufgrund verschiedener Bestimmungen der Thora keinen Besuch des Grabes zuließ, nicht allein unterwegs. Bei Markus, dem ältesten Evangelisten, heißt es:

Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging. Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen. Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß. Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wohn man ihn gelegt hat. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern und dem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr in sehen, wie er es euch gesagt hat. Sa verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich. Markus 16,1-8

Dieser Passus, mit dem das Markusevangelium wohl ursprünglich endete1), zeigt deutlich die intellektuelle Herausforderung des leeren Grabes, das ja eigentlich gar nicht leer war; ein Jüngling füllt das Grab; allerdings ist der Leichnam Jesu, den sie erwartet hatten, nicht mehr da. Das löst Schrecken und Entsetzen (τρόμος καὶ ἔκστασις, gesprochen: trómos kaì ékstasis – vgl. Markus 16,8) aus, keinen Glauben. Auch ist die Entdeckung des leeren Grabes kein Anlass zur Verkündigung, denn die Frauen sagen niemandem etwas von ihrer Entdeckung, obwohl der junge Mann ihnen doch genau das aufgetragen hatte.

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Der Maria von Magdala von Donatello steht der Schrecken ins Gesicht noch ins Gesichts geschrieben. Die Hände versuchen zu begreifen, doch das Grab ist einfach leer. Verzweiflung weckt noch keinen Glauben ...

Auferstehungsgeschwätz

Wahrscheinlich haben die Frauen wohl gewusst, was sie erwartet2). Denn die beiden anderen synoptischen Evangelien Matthäus und Lukas überliefern anders als Markus, dass die Frauen dann doch zu den Aposteln gelaufen sind, um ihnen von ihrer Erfahrung zu berichten. Bei Matthäus heißt es nach der Botschaft des Jünglings, der als Engel vorgestellt wird:

Sogleich verließen sie das Grab voll Furcht und großer Freude und sie eilten zu seinen Jüngern, um ihnen die Botschaft zu verkünden. Matthäus 28,8

Aus dem markinischen „Schrecken und Entsetzen“ sind nun „Furcht und große Freude“ (φόβος καὶ χαρὰ μεγάλη, gesprochen: phóbos kaì charà megále) geworden. Man spürt, wie der Schrecken der österlichen Erkenntnis schon in den Hintergrund tritt. Dabei ist genau das durchaus problematisch, denn die Entdeckung eines leeren Grabes, das dann so leer gar nicht ist, ist nicht nur kein Beweis für die Auferstehung. Die bloße Behauptung, ein jünglingshaft aussehender Engel habe die Auferstehung des Gekreuzigten als Erklärung für das Fehlen des Leichnams angegeben, ist nicht aus sich heraus imstande, den Glauben an die Auferstehung zu wecken. Es verwundert daher nicht, wenn bei Lukas die elf Apostel den Worten der Frauen mit unverhohlener Skepsis begegnen:

Sie [die Frauen] kehrten vom Grab zurück und berichteten das alles den Elf und allen Übrigen. Es waren Maria von Magdala, Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus, und die übrigen Frauen mit ihnen. Sie erzählten es den Aposteln. Doch die Apostel hielten diese Reden für Geschwätz und glaubten ihnen nicht. Lukas 24,9-11

Lukas verwendet hier das Wort λῆρος (gesprochen: lêros), das die Assoziationen von Possenreißerei in sich trägt. Es erscheint den Jüngern Jesu im wahrsten Sinn des Wortes als dummes Zeug, was die Frauen da erzählen, als eine der Situation völlig unangemessen Possenreißerei – es sei denn, die Frauen seien aus Trauer einfach überspannt oder gar verrückt geworden.

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Die Begegnung des Auferstandenen mit Maria von Magdala, wie Johannes sie in seinem Evangelium schildert (vgl. Johannes 20,11-18). Sie hält den Auferstandenen erst für einen Gärtner; erst an der Stimme erkennt sie Jesus. Nur noch schemenhaft scheint die Erfahrung der Maria von Magdala durch die biblische Tradition - verwittert durch vielfältige Einflüsse wie das steinere Mal auf dem Bild.

Misstrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Tatsächlich aber scheint man die Frauen – und mit ihnen Maria von Magdala und die in allen synoptischen Evangelien mit ihr erwähnte Maria, der Mutter des Jakobus – dann doch nicht einfach für verrückt erklärt zu haben. Lukas jedenfalls lässt Petrus die Aussagen der Frauen durch eigene Ortsbegehung und Inspektion des Grabes persönlich kontrollieren:

Petrus aber stand auf und lief zum Grab. Er beugte sich vor, sah aber nur die Leinenbinden. Dann ging er nach Hause, voll Verwunderung über das, was geschehen war. Lukas 24,12

Petrus staunt einfach (θαυμάζειν – gesprochen: thaumázein). Er kann seine Beobachtungen weder einordnen noch verstehen. Wer so staunt, glaubt noch lange nicht. Das bloß vor Augen Liegende, das rein Faktische sagt nur aus, dass der Gekreuzigte nicht mehr im Grab ist. Es liegt nahe, dass man den Leichnam einfach entfernt hat, um keine Kultstätte für die Jesusjünger zu begründen. Zumindest vermutet dies Maria von Magdala im Johannesevangelium, dem einzigen Evangelium, in dem sie allein – ohne Begleitung anderer Frauen – am Sonntagfrüh zum Grab geht:

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Johannes 20,1-2

Unabhängig davon hat man aber wohl auch den Jesusjüngern später unterstellt, sie hätten den Leichnam Jesu selbst entfernt, um den Auferstehungsglauben zu untermauern; denn die Verkündigung der Auferstehung des Gekreuzigten bei einem faktisch vollen Grab wäre doch schnell als absurd abgetan worden. Deshalb berichtet Matthäus:

Am nächsten Tag [nach dem Kreuzestod und der Bestattung Jesu im Felsengrab, WK] gingen die Hohepriester und die Pharisäer gemeinsam zu Pilatus; es war der Tag nach dem Rüsttag. Sie sagten: Herr, es fiel uns ein, dass dieser Betrüger, als er noch lebte, behauptet hat: Ich wird nach drei Tagen auferstehen. Gib also den Befehl, dass das Grab bis zum dritten Tag bewacht wird! Sonst könnten seine Jünger kommen, ihn stehlen und dem Volk sagen: Er ist von den Toten auferstanden. Und dieser letzte Betrug wäre noch schlimmer als alles zuvor. Pilatus antwortet ihnen: Ihr sollt eine Wache haben. Geht und sichert das Grab, so gut ihr könnt! Darauf gingen sie, um das Grab zu sichern. Sie versiegelten den Eingang und ließen die Wache dort. Matthäus 27,62-66

Ein österlicher Streisand-Effekt

Beide Traditionen, die des Matthäus, der die Behauptung abwehrt, das Grab sei leer gewesen, weil die Jünger den Leichnam Jesu entwendet hätten, und die des Johannes, der von der Sorge berichtet, andere hätten den Leichnam Jesu entfernt, erscheinen möglich, sind in sich aber gegenläufig. Die matthäische Tradition sucht den Beweis des leeren Grabes darin faktisch zu untermauern, dass das Grab quasi neutral, ja sogar amtlich unter Bewachung gestellt wird. Der römische Staat und die Gegner Jesu werden damit unfreiwillig zu Gewährsleuten des entleerten Grabes, dessen Leerung sie nicht verhindern konnten, weil sie nicht nach menschlichen Maßstäben zustande kam.

Die hinter der johanneischen Linie stehende Angst, der Leichnam Jesu könnte anderweitig entfernt worden sein, stellt die Frage nach der Motivation eines solchen Vorgehens. Wie zu allen Zeiten, in denen charismatische, aber den Mächtigen unliebsame Protagonisten aus dem Verkehr gezogen wurden, sind die Mächtigen bestrebt, jedwede Erinnerung an den ehemaligen Gegner zu tilgen, um ja keine symbolischen Stätten, an denen sich die Jünger neu sammeln könnten, entstehen zu lassen. Möglich, dass ein solcher Gedanke im Hintergrund der johanneischen Überlieferung steht. Sollte dem so gewesen sein, dann hätte das – wie zu allen Zeiten – einen echten Streisand-Effekt zur Folge gehabt. Die Befürchtung der jüdischen Führer aus dem Matthäusevangelium wäre wahr geworden. Dafür spricht die im Johannesevangelium überlieferte Reaktion des Petrus und des Jüngers, den Jesus liebte, die zu ersten Pilgern an das leere Grab werden:

Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab. Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging jedoch nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sag die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse. Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück. Johannes 20,3-10

Thomas, Petrus, Maria von Magdala – alles Zweifler

Der Text beinhaltet einen kleine, feinen, aber umso bemerkenswerteren Hinweis, wenn er erwähnt, dass der Jünger, den Jesus liebt, nicht nur als erster zum Grab kommt, aus Ehrfurcht vor dem älteren Petrus aber außen vor bleibt und das Grab erst nach ihm betritt, allein durch das Schauen des leeren Grabes glaubt. Alle anderen – und darin sind sich alle vier Evangelien einig – kommen nicht allein aufgrund des leeren Grabes zum Glauben. Im Gegenteil: Sie zweifeln. Maria von Magdala ist voller Schrecken und Zweifel, weil sie glaubt, man habe den Leichnam Jesu entfernt. Sie glaubt noch nicht! Petrus ist bestenfalls erstaunt. Er glaubt noch nicht! Und später, wenn der Auferstandene allen anderen erschienen ist, wird auch Thomas nicht einfach auf das Hörensagen vertrauen (vgl. Johannes 20,24-25). Auch er glaubt noch nicht!

Thomas, Petrus und Maria von Magdala – sie sind nicht einfach Glaubende, sie sind zuerst Zweifler. Und das ist gut so! Denn ihr Zweifel begründet einen wesentlichen Bestandteil des österlichen Glaubens: Die existentielle Erfahrung des Auferstandenen. Es ist dies existentielle Erfahrung, die den Glauben begründet, einen Glauben, der eben nicht einfach bloß glaubt, sondern auf Erkenntnis gründet – einer Erkenntnis, die man bezeugen und begründen kann, so, wie Paulus es im 1. Korintherbrief tut, wenn er sich den korinthischen Zweiflern gegenüber eben auf jene existentielle Erfahrung der Auferstehungszeugen beruft, denn es ist der Glaube an die Auferstehung des Gekreuzigten, die die existentielle Basis der christlichen Verkündigung und des christlichen Bekenntnisses ist (vgl. 1 Korinther 15,14.17):

Ich erinnere euch, Brüder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet werden, wenn ihr festhaltet an dem Wort, das ich euch verkündet habe; es sei denn, ihr hättet den Glauben unüberlegt angenommen. Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Zuletzt erschien er auch mir, gleichsam der Missgeburt. 1 Korinther 15,1-8

Österliche Konkurrenz

Paulus führt also über 513 Zeugen an, von denen er betont, dass sie zum größten Teil auch von den Korinthern noch persönlich befragt werden könnten. Dabei sind vor allem die über 500 namenlosen Brüder von Bedeutung, insofern man ja gerade dem zweimal erwähnten Zwölferkreis eben jene Verschwörung hätte unterstellen können, gegen die sich auch die matthäische Begebenheit von der Bewachung des Grabes wendet. Offenkundig war ein solcher Vorwurf in der frühen Zeit der Christenheit durchaus virulent.

Aber noch etwas ist an der paulinischen Überlieferung, die der der Evangelien um gut 20-30 Jahre vorausgeht, bemerkenswert: Er nennt Maria von Magdala nicht nur nicht als erste, denen der Auferstandene erscheint. Er erwähnt sie gar nicht. Bei ihm ist Kephas der erste, dem der Auferstandene erscheint. Kephas ist der hebräische Name des Petrus.

Neben die Linie der Überlieferung der Evangelien, die in Maria von Magdala die erste Auferstehungszeugin sieht, die sie dann zur Apostola apostolorum werden lässt, kennt das Neue Testament also auch eine zweite Linie, die bei Paulus durchscheint. Nach ihr ist Petrus der erste Auferstehungszeuge. So entsteht eine Konkurrenz zweier Traditionsstränge, die weit über das Neue Testament hinaus wirksam sein wird und sich nicht zuletzt in den apokryphen Auferstehungsevangelien niederschlägt.

Die Konkurrenz zwischen Maria von Magdala und Petrus scheint besonders in dem aus dem 2. Jahrhundert stammenden apokryphen Evangelium nach Philippus3) auf:

Die Weisheit, die die Unfruchtbare genannt wird, sie ist die Mutter der Engel und die Gefährtin des Erlösers. Der Erlöser liebte Maria Magdala mehr als alle Jünger, und er küsste sie oftmals auf ihren Mund. Die übrigen Jünger … Sie sagten zu ihm: „Weswegen liebst du sie mehr als uns alle?“ Der Erlöser antwortet und sprach zu ihnen: „Weshalb liebe ich euch nicht so wie sie?“ EvPhil 55

Die kurze Passage berichtet von einer besonderen, über bloße Wertschätzung weit hinausgehende Intimität, die Jesus mit Maria von Magdala verband. Hinter ihr stehen die anderen Jünger weit zurück. In dieser Perspektive läge es also nahe, dass Maria von Magdala nicht nur als erste dem Auferstandenen erscheint, sondern dass sie auch besondere Mitteilungen von ihm erhält. Es verwundert daher nicht, dass diese vermeintlichen Mitteilungen in einer apokryphen Schrift, dem aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts stammenden Evangelium nach Maria Magdala4). Dort gesteht Petrus zwar zu, dass der Erlöser Maria von Magdala in besonderer Weise zugetan war:

Schwester, wir alle wissen, dass der Retter dich lieber hatte als die anderen Frauen. Sage du uns Worte des Retters, derer du dich erinnerst und die du kennst, wir aber nicht, weil wir sie auch nicht gehört haben. EvMar p.14

Auf diese Bitte hin offenbart Maria von Magdala die ihr exklusiv zuteil gewordene Botschaft, in der von einem Seelenaufstieg die Rede ist, wobei unklar ist, ob es sich um die Seele Jesu oder ihre eigene handelt. Am Schluss ihrer Rede wendet sich allerding Andreas brüsk gegen sie:

Andreas aber entgegnete und sprach zu den Brüdern: „Sagt, was meint ihr über die Dinge, die sie gesagt hat? Ich jedenfalls glaube nicht, dass der Erlöser dies gesagt hat. Denn wahrhaftig, diese Lehren sind andere Gedanken.“ Petrus antwortete und sprach über die so gelagerten Dinge und befragte sie (die Brüder) über den Erlöser: „Hat er etwa mit einer Frau ohne unser Wissen und nicht öffentlich geredet? Sollen etwa wir selbst umkehren und alle auf sie hören? Hat er sie uns gegenüber bevorzugt?“ Da weinte Maria und sprach zu Petrus: „Mein Bruder Petrus, was denkt du da? Denkst du, dass ich mir dies selbst in meinem Herzen ausgedacht habe oder dass ich über den Erlöster lüge?“ Levi entgegnet und sprach zu Petrus: „Petrus, du warst von jeher jähzornig. Nun sehe ich, dass du dich gegen die Frau ereiferst wie die Widersacher. Wenn aber der Erlöser sie würdig gemacht hat, wer bist denn du, sie zu verwerfen? Gewiss kennt der Erlöser sie ganz genau. Deshalb hat er sie mehr als uns geliebt. Vielmehr sollten wir uns schämen, den vollkommenen Menschen anziehen und ihn uns erwerben, wie er uns befohlen hat, und das Evangelium verkündigen, ohne dass wir eine andere Bestimmung oder ein anderes Gesetz erlassen außer dem, was der Erlöser sagte.“ EvMar p.17.15-22;18.1-20

Petrus vs. Maria von Magdala

Die harsche Zurückweisung, die in den Worten des Andreas durchscheint, spiegelt den im zweiten Jahrhundert offenkundig äußerst lebendigen Konflikt der Auferstehungstraditionen wider. Das Evangelium der Maria von Magdala weist in sich tiefe gnostische Tendenzen auf und spielt daher in der orthodoxen, d.h. rechtgläubigen Tradition der Kirche keine Rolle. Aber es zeigt eben, dass die Rolle der Maria von Magdala in sich nicht unumstritten war. Gleichzeitig macht der so offenbar werdende Konflikt um diese besondere Frau nur dann einen echten Anlass zur Konkurrenz mit Petrus gibt, wenn die Traditionslinie, die in Maria von Magdala die erste Auferstehungszeugin sieht, ein starkes Fundament hat. Wie stark diese Konkurrenz noch Anfang des dritten Jahrhunderts gewesen sein muss, zeigt sich im koptischen Thomasevangelium5), das jeden weiblichen Einfluss in der Verkündigung zurückzudrängen sucht:

Simon Petrus sagte zu ihnen: Mariham6) soll aus unserer Mitte fortgehen, denn die Frauen sind des Lebens nicht würdig. Jesus sagte: Seht, ich werde sie ziehen, um sie männlich zu machen, damit auch sie ein lebendiger Geist wird, vergleichbar mit euch Männern. Denn jede Frau, die sich männlich macht, wird in das Himmelreich gelangen. Logion 114 EvThom

Zu Beginn des dritten Jahrhunderts gibt es also zumindest in Teilen der Kirche eine starke Tendenz, den Traditionseinfluss der Maria von Magdala massiv zurückzudrängen. Das wird sich in der Tradition der Kirche fortsetzen, wenn sie etwa seit dem 6. Jahrhundert immer stärker mit der eigentlich anonymen salbenden Sünderin aus Lukas 7,36-50 identifiziert wird.

Gleichwohl zeigt die hohe wirkungsgeschichtliche Valenz, die sich eben auch den apokryphen Traditionen zeigt, dass die Traditionslinie, die in Maria von Magdala die erste Zeugin der Auferstehung erblickt, ein sehr starkes Fundament besitzt.

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Was erfuhr Paulus bei seinem Besuch in Jerusalem von Petrus? Eine offene Frage ...

Eine Konkurrenz ohne Sieger

Angesichts dieses Befundes stellt sich freilich die Frage, warum Paulus von ihr nichts weiß. Gerade er weiß doch die Teilhabe von Frauen an der Verkündigung zu schätzen, wie alleine seine Grußliste in Römer 16,1-16 zeigt.

Der Grund hierfür mag in Unkenntnis über die wahren Hintergründe liegen. Verschiedentlich zeigt sich Paulus ja über die konkreten historischen Kontexte uninformiert, etwa wenn er über die Geburt Jesu ohne auch nur den Namen der Mutter Jesu zu nennen lapidar feststellt:

Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt. Galater 4,4

Tatsächlich betont er im 2. Korintherbrief sein Desinteresse an derart fleischlichen Umständen des Lebens Jesu:

Also kennen wir von jetzt an niemanden mehr dem Fleische nach; auch wenn wir früher Christus dem Fleische nach gekannt haben, jetzt kennen wir ihn nicht mehr so. 2 Korinther 5,16

Für ihn selbst war offenkundig entscheidend, dass der Auferstandene ihm selbst erschienen ist (vgl. 1 Korinther 15,8). Darauf beruft er sich gerade in seinen Briefanfängen immer wieder; von hier aus leitet er seinen eigenen apostolischen Anspruch ab.

Bemerkenswert ist aber auch eine autobiografische Anmerkung des Paulus im Galaterbrief. Dort schreibt er im Zusammenhang der Erörterungen um die Legitimation seiner Verkündigung:

Als es aber Gott gefiel, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, in mir seinen Sohn zu offenbaren, damit ich ihn unter den Völkern verkünde, da zog ich nicht Fleisch und Blut zu Rate; ich ging auch nicht sogleich nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück. Drei Jahre später ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennenzulernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. Von den anderen Aposteln sah ich keinen, nur Jakobus, den Bruder des Herrn. Was ich euch hier schreibe – siehe, bei Gott, ich lüge nicht. Galater 1,15-19

Paulus trifft persönlich nur Petrus (Kephas) und Jakobus – just diese beiden, die er in 1 Korinther 15,5.7 als diejenigen erwähnt, denen der Auferstandene bei seiner Erscheinung der Zwölf zuerst begegnet. Die Frage ist höchst spekulativ, stellt sich aber trotzdem: Könnte es sein, dass bereits in diesem sehr frühen Stadium der Verkündigung die Konkurrenz zwischen Petrus (und Jakobus) auf der einen und Maria von Magdala auf der anderen Seite so groß war, dass man ihre Existenz dem Paulus einfach verschwiegen hat? Fünfzehn Tage der Anwesenheit sind eine lange Zeit des Kennenlernes, aber Paulus betont, dass der nur diese beiden getroffen hat, sonst niemanden – weder Maria, die Mutter Jesu, noch Maria von Magdala. Werden diese beiden wichtigen Personen im Leben Jesu nach Galiläa zurückgekehrt sein, wo die eine besondere Auferstehungstradition ihre Wurzeln hat (vgl. Matthäus 28,10.16; Johannes 21), während eine andere Linie eher auf Jerusalem fokussiert (vgl. Markus 16,9-20; Lukas 24,13-53; Apostelgeschichte 1,4-12), wo sich eben Petrus und Jakobus zur Zeit des paulinischen Besuches befinden? In jedem Fall lassen sich zwei miteinander konkurrierende Überlieferungslinien der Auferstehung bereits im Neuen Testament nachweisen, wobei einiges für die Linie spricht, in der Maria von Magdala die erste ist, der sich der Auferstandene offenbart, so wie es auch Johannes in seinem Evangelium überliefert:

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. Diese sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sei antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen. Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich Jesus zu7) und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinausgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte. Johannes 20,11-18

Keine Zeit zum Ausruhen

Die Osterbotschaft wirft immer noch Fragen auf, die auf Antworten harren. Sie fordert immer noch heraus. Niemand sollte sich auf falschen Gewissheiten ausruhen, denn das leere Grab nährt immer noch die Zweifel. Wo niemand mehr angesichts der intellektuellen Herausforderung, die das leere Grab bedeutet, in Schrecken und Entsetzen gerät, wo das verwunderte Staunen ausbleibt, da wird die Osterbotschaft auch heute noch schnell zum Geschwätz. Wer sich darauf ausruht und die Auferstehung als Sedativum eigener Ängste missbraucht, hat nicht verstanden, dass Ostern einen Aufstand einschließt. Wie lebendig jedenfalls waren die Auseinandersetzungen in der frühen Kirche – menschliche (und vielleicht muss man betonen: männliche) Eitelkeiten inklusive. Die Herausforderung Gottes jedenfalls steht – nehmt ihr sie an, ihr Christen? Auf, sonst geht er vorüber.

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Bildnachweis

Titelbild: Ausschnitt Deckblatt der Gesammelten Gedichte von Else Lasker-Schüler (Else Lasker Schüler, 1917) – Quelle: Wikicommons – lizenziert als gemeinfrei.

Bild 1: Detail der Statue „Maria Magdalena“ von Donatello, Florenz 1455 (Foto: Jastrow)- Quelle: Wikicommons – lizenziert als gemeinfrei.

Bild 2: Saint-Jean-Trolimon (Bretagne, Finistère) Calvaire bei der Kapelle Notre-Dame-de-Tronoën, Ostseite: (oben) Die Erscheinung des auferstandenen Christus vor Maria Magdalena (Foto: Manfred Escherig) – Quelle: Wikicommons – lizenziert als CC BY-SA 3.0.

Bild 3: Petrus und Paulus als Gravur in einer römischen Katakombe (4. Jahrhundert) – Quelle: Wikicommons – lizenziert als gemeinfrei.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Der Zusatz Markus 16,9-20, der davon berichtet, wie der Auferstandene der Maria von Magdala und später den elf Aposteln erscheint, wobei er sie beauftragt, das Evangelium allen Geschöpfen in aller Welt zu verkünden, fehlt in den ältesten Textzeugen. Textkritisch erscheint er daher als späterer Zusatz.
2. In diesem Zusammenhang wird häufig mit Bezug auf Flavius Josephus darauf aufmerksam gemacht, dass das Zeugnis von Frauen als nicht zuverlässig galt. In seinen Antiquitates schreibt er: „Ein einziger Zeuge soll nicht gelten, sondern es sollen deren drei oder wenigstens zwei sein, deren Wahrheitsliebe durch ihren Lebenswandel verbürgt wird. Auch soll das Zeugnis der Weiber nicht zulässig sein wegen der ihrem Geschlechte eigenen Leichtfertigkeit und Dreistigkeit.“ (Flavius Josephus, Antiquitates, L. 4, c. 8, §15 – zitiert nach: Falvius Josephus, Jüdische Altertümer, übersetzt von Dr. Heinrich Clementz, Wiesbaden 1989, S. 231). Fraglich bleibt allerdings, ob diese Einschätzung auch für den hier gegebenen Zusammenhang relevant ist. Hätte man nicht komplett auf das Zeugnis der Maria von Magdala verzichten müssen, wenn es in sich aufgrund ihrer Weiblichkeit nicht glaubwürdig wäre? Auch beruft sich niemand auf ein solches Gesetz. Im Gegenteil: Überlieferungsgeschichtlich wird Maria von Magdala zur Hauptzeugin der Auferstehung, worin sich die besondere Neuerung und Wertschätzung gerade des frühen Christentums der Frau gegenüber ausdrückt, die eben nicht mehr aufgrund ihrer Weiblichkeit hinter dem Mann zurücksteht – eine Einschätzung, die auch bei Paulus in Galater 3,28 zum Ausdruck kommt, wenn er schreibt: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Fraua; denn ihr alle seid ‚einer’ in Christus Jesus.“
3. Der Textbestand ist greifbar bei: Wilhelm Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen, Bd. I Evangelien, Tübingen 1990, S. 155-173.
4. Der Text ist online verfügbar unter http://www.rene-finn.de/Referate/mariaevangelium.html [Stand: 16. April 2017].
5. Der Text ist greifbar bei: Wilhelm Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen, Bd. I Evangelien, Tübingen 1990, S. 98-113.
6. Das koptische „Mariham“ wird in der Regel nur für Maria Magdala verwendet.
7. Das hier verwendete adriatische Passivpartizip στραφεῖσα (gesprochen: strapheîsa) wird üblicherweise mit „umwenden“ übersetzt. Dadurch entsteht freilich das viel diskutierte Phänomen der doppelten Umwendung der Maria von Magdala, was hier bedeuten würde, dass sie sich von Jesus wieder abwenden würde. Tatsächlich aber kann das Verb στρέφειν (gesprochen: stréphein) als Passiv in reflexiver Bedeutung auch den Sinn von „sich zuwenden“ annehmen. Dieser Aspekt passt hier insgesamt besser, zumal er mit der folgenden Mahnung Jesu, Maria von Magdala möge ihn nicht festhalten, korrespondiert, die eine intensive Zuwendung der Maria von Magdala dem Auferstandenen gegenüber konnotiert.
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3 Replies

  1. Mir fällt eine Ungereimtheit im Matthäus-Evangelium auf:
    Angeblich gehen danach am Sabbath(!) die Ältesten zu Pilatus wg. einer Grabwache.
    Sie übertreten danach als doch rechtgläubige pharisäische (?) Juden das Gebot der Sabbathruhe.
    Ist das wirklich glaubhaft?

    • Das ist an und für sich gut beobachtet – und m.E. ist diese Ungereimtheit von Matthäus subtil intendiert. Diejenigen, die Jesus immer wieder des Gesetzesbruchs geziehen haben (man denke nur an das Ährenraufen an Sabbat – Matthäus 12,1-8 – oder die Heilung eines Mannes am Sabbat – Matthäus 12,9-14) scheuen sich nicht, da der, den sie bekämpft haben, tot ist, selbst den Sabbat zu brechen. Das ist an sich also eigentlich keine Ungereimtheit bei Matthäus, sondern offenbart in seiner Diktion die Heuchelei derer, die sich gegen Jesus gewandt haben. Ob das historisch glaubhaft ist, mag dahingestellt sein. In der matthäischen Dramaturgie spielt dieser Hinweis eine wichtige Rolle, weil sie offenlegt, dass auch diejenigen, die sich der Gesetzestreue rühmen, letztlich Sündern sind. So gesehen kommt hier der praktische Beweis für die Wehe-Worte Jesu – etwa in Matthäus 23,13: „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Ihr selbst geht nicht hinein; aber ihr lasst auch die nicht hinein, die hineingehen wollen.“ oder Matthäus 23,3: „Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen.“ Es erfüllt sich also gewissermaßen nur, was Jesus ohnehin gesagt hat – und das an einem pointierten Punkt im Angesicht des Todes Jesu, an dem sie sich – in matthämischer Diktion – selbst Lügen strafen.

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