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Disput·Res publica

Gärungen Oder: der Weg von der Folklore zu wahrhaft tolerantem Miteinander ist eng und weit


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Es bedarf nur einer kleinen Dosis, um eine umfassende Gärung in Gang zu setzen. Nur ein kleines Stückchen Hefe genügt, um jenen biochemischen Prozess auszulösen, den man als alkoholische Gärung bezeichnet. In Verbindung mit Wasser und unter Abwesenheit von Sauerstoff werden die im Teig enthaltenen Kohlehydrate zu Ethanol – auch Trinkalkohol genannt – und Kohlenstoffdioxid vergoren. Die an der Verstoffwechselung beteiligten Mikroorganismen gewinnen auf diese Weise vorübergehend genügend Energie, um den Mangel an Sauerstoff zu kompensieren. Bäckerinnen und Bäcker hingegen sind erfreut über das durch das Kohlenstoffdioxid-Gas bewirkte Aufgehen des Teiges, der ihn luftig und locker macht. Brauerinnen und Destillateure hingegen sind auf die alkoholbildende Wirkung der hefigen Pilzorganismen aus. Hefe wirkt. Schon kleine Dosen genügen, um eine grundlegende Veränderung zu bewirken.

Gesellschaftliches Gären

Die biochemischen Eigenschaften der Hefepilze lassen sich hervorragend auf systemische Prozesse übertragen. Gerade auch gesellschaftliche Prozesse sind von diesem Phänomen betroffen. Dabei können die einzelnen Glieder der Gesellschaft sich nicht nicht verhalten. Selbst das Schweigen ist eine Aussage. Betrachtet man nun die Gesellschaft als Teig, der durch die Hefe einer wie auch immer gearteten Aktion in Reaktion bzw. Bewegung gebracht wird, dann stellt sich immer auch die Frage nach den Profiteuren solcher Aktionen und Reaktionen. Wohin fließen die Energien, die aus solchen gesellschaftlichen Prozessen entstehen.

Als Beispiel für solche gesellschaftlichen Gärungsprozesse mag die Anti-Terror-Demonstration dienen, die die an einer Dinslakener Schule lehrende islamische Religionspädagogin Lamya Kaddor am 17. Juni 2017 initiiert hatte. Unter dem Motto „Nicht mit uns“ sollte in Köln ein starkes Zeichen der islamischen Community gegen islamistischen Terror gesetzt werden. 10.000 Teilnehmer waren erwartet worden. Gekommen waren letztlich erheblich weniger. Nachdem es zuerst nur wenige hundert Menschen waren nahmen schlussendlich wohl etwa 1.000 Teilnehmer an der Demonstration teil1). Wie auch immer die Teilnehmerzahlen nun definitiv anzugeben sind – sie bleiben deutlich hinter den Erwartungen zurück. Hinzu kommt, dass offenkundig von den faktischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern selbst nur ein Teil muslimisch war2). Das starke Zeichen der muslimischen Community, das ähnlich wie die Reaktion der 130 Imame, die in London den Attentätern vom 4. Juni 2017 demonstrativ das Totengebet Salat al-Janaaza versagten, von Köln aus in die Welt gehen sollte, blieb also trotz aller gut gemeinten Solidarität und Unterstützung der nichtmuslimischen Demonstrationsteilnehmerinnen und –teilnehmer vorerst aus3). Auch wenn die Veranstalter weitere von Muslimen organisierte Demonstrationen ankündigen4), geht von Köln – blickt man etwa auf die großen Islamverbände wie DITIB – ungeachtet der Unterstützung durch den Zentralrat der Muslime in Deutschland ein ambivalentes Signal aus, wenn man der Demonstration trotz ausdrücklicher Einladung die Unterstützung versagt. Mit DITIB ist es gerade jener Verband, der am 31. Juni 2016 in der Lage war, nach dem Putschversuch in der Türkei 40.000 Personen zur Unterstützung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu organisieren5). Die jetzige Begründung für die Versagung der Unterstützung seitens DITIB, der Fastenmonat Ramadan, der vom 26. Mai 2017 bis zum 24. Juni 2017 andauert, vertrage sich ob seiner spirituellen Dimension nicht mit den weltlichen Aktivitäten einer Demonstration gegen den islamistischen Terror, erscheint angesichts der Tatsache, dass am 23. Juni 2017 in Berlin anlässlich des Quds-Tages (Jerusalem-Tag) eine große antizionistische Demonstration stattfindet, mit der man sich gegen eine sogenannte „Israellobby“ wendet, doch fragwürdig. Ausdrücklich heißt es da auf der Homepage der Veranstalter:

„Am letzten Freitag im Monat Ramadan gehen weltweit die Menschen für Freiheit und gegen Krieg und Unterdrückung auf die Straße. Auch in Berlin demonstrieren wir gemeinsam am Freitag, den 23. Juni 2017.“6)

Ambivalenzen

Der islamische Geist ist schwer zu fassen in diesen Tagen. Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit verleitet dazu, nur das wahrzunehmen, was man wahrnehmen möchte. Da sind auf der einen Seite diejenigen, die voller Vertrauen auf die guten Botschaften aus der islamischen Welt hören, die von Frieden und Toleranz reden. Und fürwahr: Die Absender dieser Botschaften sind durchaus glaubwürdig.

Auf der anderen Seite aber stehen diejenigen, die im Islam eine zur Gewalt neigende Religion sehen. Und fürwahr: Man kann nicht abstreiten, dass der Koran hier Suren mit Weisungen enthält, die dahingehend ausgelegt werden können, in den vermeintlich Ungläubigen zu besiegende Feinde zu sehen.

Alleine die redundante Gegenüberstellung dieser beiden Strömungen führt die Gesellschaft keinen Deut weiter, denn die Situation ist höchst ambivalent. Es gibt Musliminnen und Muslime, die in Frieden und aufgeklärtem Streben ihren Glauben in der Gesellschaft leben möchten. Offenkundig gibt es in anderen Teilen der islamischen Community aber auch Tendenzen zu einer gesellschaftlichen Abschottung. Es ist diese Abschottung, die droht, zum Spaltpilz zu werden. Man lädt zwar zum gemeinsamen Iftar-Essen ein und tauscht an runden Tischen der Religionen Festtermine aus. Solange aber Religionen nicht als leben-, kultur- und identitätsprägende Kräfte wahrgenommen werden, bleibt der Diskurs auf der Ebene der Folklore, bei der man sich einer Toleranz rühmt, die keine faktische Erwiderung findet7).

Gärprozesse

Man mag sich an solcher Art der Folklore berauschen, die Energie nutzt anderen Zielen. Es gärt in der Gesellschaft. Jesus wusste um die gesellschaftlichen Prozesse, als er seinen Jüngern folgendes Gleichnis sagt:

Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Sea Mehl verbarg, bis das ganze durchsäuert war. Matthäus 13,33 par8)

Ein alltäglicher Vorgang – die Durchsäuerung des ganzen Mehles, die schon ein kleiner Teil Sauerteig bewirkt – dient als Vergleichsfolie für die Wirkung des Himmelreiches. Ein Sea ist dabei ein Volumenmaß, das etwa 7,3-13 Litern entspricht. Drei Sea sind also schon eine stattliche Menge an Mehl. Es bedarf nicht viel, eigentlich sogar extrem wenig, um eine große Wirkung zu erzielen.

Die Auswirkung des Himmelreiches dient dem Heil der Menschen. Dieser Zusammenhang wird deutlich, wenn man zwei andere matthäische Bildworte von der großen Wirkung offenkundig kleiner Impulse hinzunimmt:

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nicht mehr außer weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen. Matthäus 5,13-16 parr

Nachspielzeit

Gerade das Bildwort vom Licht, das man nicht unter den Scheffel stellen darf, ist hier als komplementäres Motiv zum Gleichnis vom Sauerteig von Bedeutung. Das Gleichnis vom Sauerteig trifft ja in jedem Fall zu. Eine nur geringe Aktion (oder auch Nicht-Aktion) bewirkt immer etwas Größeres. Jede noch so kleine Handlung verändert das Umfeld. Das gilt nicht nur für das Himmelreich, sondern eben auch für die Haltung, aus der Religionen in multireligiösen Gesellschaften anderen Bekenntnissen oder auch Nicht-Bekenntnissen begegnen. Genau deshalb ist die Absage von DITIB und des Zentralrates der Muslime Deutschlands, an der Demonstration teilzunehmen ebenso wirksam wie die Tatsache, dass auch sonst nur wenige Muslime dem Aufruf Lamya Kaddors gefolgt waren. Das starke Zeichen von Musliminnen und Muslimen von Köln gegen den Terror der Islamisten blieb am 17. Juni 2017 jedenfalls vorerst aus. Auch wenn man Lamya Kaddor nur darin unterstützen kann, ihr Ziel weiter beharrlich zu verfolgen und so zur Hefe innerhalb der islamischen Community zu werden – auch das Ausbleiben dieses Zeichens ist angesichts der demonstrativen Potenz, zu der die Islamverbände sonst in der Lage sind, ist ein Zeichen für sich. Es bleibt nur die Frage, welches Licht dort leuchtet und auf den Leuchter gestellt wird.

Der Weg wird kein leichter sein

Menschen neigen zur Vereinfachung. Speziell in Deutschland entspring sowohl die unkritische exklusive Beachtung gemäßigter Muslime als auch die angstgetriebene Ablehnung alles vermeintlich Fremden dieser Sehnsucht nach Vereinfachung, vor der Jesus in der Bergpredigt warnt:

Geht durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen. Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden. Matthäus 7,13-14

Die Frage, ob der Islam nach Deutschland gehört, ist in diesem Wortlaut falsch gestellt. In Deutschland leben Muslime. Der Islam ist in Deutschland präsent. Er ist da, so wie andere Religionen da sind. Der Islam ist aber weder Folklore noch in sich schlecht. Er blickt auf eine große Tradition zurück, die schon im Mittelalter weite Teile Europas beeinflusst hat. Vor allem aber sind es Menschen, die diese Religion leben – als Sunniten, als Schiiten, als Sufis, als Aleviten oder als Alawiten, manche auch als Salafisten. Der Islam ist vielfältig und nicht einfach zu fassen. Die Vereinfachung selbst ist diabolisch. Die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime hingegen lässt aber nicht zu, nicht über und mit den Muslimen zu kommunizieren. Seit dem 17. Juni 2017 sollte klar sein, dass tatsächlich erheblicher Gesprächsbedarf besteht. Es wird Zeit, sich von einer Toleranz der Folklore zu verabschieden und in einen ebenso konstruktiven wie kritischen Diskurs mit dem Islam zu treten. Da es „den“ Islam als abstrakte Größe nicht gibt, muss deser Diskurs dringend und konkret mit den führenden Vertretern des Islam in Deutschland geführt werden. Zu viele Lichter werden da noch unter dem Scheffel gehalten, so dass man nicht weiß, welchen Weg sie weisen. Es wird Zeit, die Scheffel von den Lichtern zu nehmen. Nicht jeder Pilz ist geeignet, den Teig gut aufgehen zu lassen. Manch ein Pilz erweist sich auch als Spalter. Erst wenn die Decke vom Teig gehoben wird, wird sichtbar, ob er genießbar ist oder nicht. Dazu ist die christliche Tugend der Unterscheidung der Geister (vgl. 1 Korinther 12,10) wieder gefragt. Wie das gehen kann, entfaltet Paulus im 1. Thessalonicherbrief:

Wir bitten euch, Brüder und Schwestern: Erkennt die an, die sich unter euch mühen und euch vorstehen im Herrn und euch zurechtweisen! Achtet sie äußerst hoch in Liebe wegen ihres Wirkens! Haltet Frieden untereinander! Wir ermahnen euch, Brüder und Schwestern: Weist die zurecht, die ein unordentliches Leben führen; ermutigt die Ängstlichen nehmt euch der Schwachen an, seid geduldig mit allen! Seht zu, dass keiner dem anderen Böses mit Bösem vergilt, sondern bemüht euch immer, einander und allen Gutes zu tun! Freut euch zu jeder Zeit! Dankt für alles denn das ist der Wille Gottes für euch in Christus Jesus. Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles und behaltet das Gute! Meidet das Böse in jeder Gestalt! 1 Thessalonicher 5,12-22

Das ist die Haltung, in der Christinnen und Christen mit den Anfragen der Zeit umgehen sollen – ohne Angst und Harm, aber mit der Bereitschaft, alles zu prüfen und das Gute zu behalten. Erst so kann ein ehrlicher Dialog auch mit dem Islam auf Augenhöhe gelingen. Um der Toleranz willen muss dieser kritische Dialog, der auch die gegenseitige Zurechtweisung nicht scheut, geführt werden – jetzt!

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Bildnachweis

Titelbild: Maischen (Die deutschen Brauer) – Quelle: flickr – lizenziert als CC BY-NC 2.0.

Video: Kath 2:30 – Episode 32: Bekenntnisfreiheit (Christoph Schönbach/Katholische Citykirche Wuppertal) – Quelle: Vimeo – alle Rechte vorbehalten.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Vgl. hierzu etwa http://www.faz.net/aktuell/politik/nicht-mit-uns-nur-wenige-muslime-demonstrieren-in-koeln-15065218.html [Stand: 18. Juni 2017] oder https://www.derwesten.de/politik/muslime-rufen-zu-marsch-gegen-islamistischen-terror-auf-id210940219.html [Stand: 18. Juni 2017], von über 2.000 Teilnehmer die Rede ist.
2. Vgl. hierzu den Spiegel-online Beitrag unter http://www.spiegel.de/politik/deutschland/koeln-1000-teilnehmer-bei-muslimischer-demonstration-gegen-terror-a-1152640.html [Stand: 19. Juni 2017], der darauf hinweist, dass neben dem Zentralrat der Muslime und der türkischen Gemeinde auch christliche Gruppen und deutsche Parteien den Aufruf Lamya Kaddors unterstützt haben. Das ist sicher ein Zeichen großer Solidarität. Tatsächlich aber schmälert die offenkundige Teilnahme nichtmuslimischer Demonstranten – so wünschenswert sie ist – den anteil muslimischer Unterstützerinnen und Unterstützer zusätzlich.
3. Anders dagegen der Tweet der Veranstalter unter dem Twitteraccount @Nicht_Mit-Uns vom 17. Juni 2017 gegen Ende der Demonstration: „Zurück auf dem Heumarkt! Von Köln geht ein Signal aus! Die nächsten Demos von Muslimen organisiert kommen. Schon nächste Woche! #NichtMitUns“ (Quelle: https://twitter.com/Nicht_Mit_Uns_/status/876077171781107712 [Stand: 18. Juni 2017]).
4. Siehe https://twitter.com/Nicht_Mit_Uns_/status/876077171781107712 [Stand: 18. Juni 2017].
5. Vgl. hierzu https://www.welt.de/politik/deutschland/article157410205/40-000-Tuerken-demonstrieren-in-Koeln-fuer-Erdogan.html [Stand: 18. Juni 2017].
6. http://www.qudstag.de/widerstand-in-deutschland-als-verfassungshilfe/ [Stand: 18. Juni 2017]
7. In Wuppertal etwa rühmen sich manche Muslime, der Oberbürgermeister der Stadt sei ja schon einer der Ihren, weil er selbst doch zu einem Iftar-Essen einlade.
8. Das Gleichnis findet sich auch bei Lukas 13,21.
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2 Replies

  1. Hallo Herr Dr. Kleine,
    mit großem Interesse habe ich Ihren Beitrag gelesen. Gute, klare Worte, die sie schreiben. Ich würde der islamischen Religionspädagogin Lamya Kaddor wünschen, dass sie mit dem Aufruf: „Nicht mit uns“ ein deutliches Zeichen gesetzt hat. Wenn es denn auch nur kleineres war als erwünscht, so heißt das ja nicht, dass sich da nichts getan hat. Vielleicht hat sie aber den Gärprozess zumindest in Gang gesetzt.

    Mit freundlichen Gruß
    Maria Schneider

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