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conditio humana

Miteinander! Was Kain und Abel mit der Flüchtlingsdebatte zu tun haben


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Es gibt Menschen, die auf der Straße und auf Facebook gegen Flüchtlinge protestieren, und es gibt die anderen, die mit Flüchtlingen ein Sommerfest organisieren.1) Die einen fühlen sich durch Flüchtlinge bedroht2), die anderen helfen Flüchtlingen in ihrer Not. Manche fragen sich, warum die Bundesregierung so viel für die Flüchtlinge tut, aber angeblich so wenig für die eigenen Bürger und so werden Rufe laut wie „Kindergärten statt Flüchtlingsheime!“3). Viele andere hingegen fragen sich, was sie für Flüchtlinge tun können und gehen zu ihnen anstatt nur über sie zu sprechen. Dass oft mehr über Flüchtlinge gesprochen wird, anstatt mit ihnen zu sprechen, ist eine Crux der Flüchtlingsdebatte. Durch fehlende Kommunikation bleibt der Fremde fremd, nicht die Erfahrung sondern Neid, Angst und Zorn werden als Ratgeber herangezogen und daraus kann Gewalt entstehen. So kann aus einem „besorgten Bürger“ ein Kain werden.

Kain und Abel

Aus einer scheinbaren Ungleichbehandlung folgt gemäß der Bibel der erste Mord in der Menschheitsgeschichte. Beide Brüder, sowohl Kain als auch Abel, bringen Gott ein Opfer dar.

Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich. Genesis 4,3-5

Für das Geschehen gibt es verschiedene Interpretationsmöglichkeiten, zum Beispiel:

(1.) Die scheinbare Ungerechtigkeit löst sich innerhalb des Textes selbst auf. Es gibt einen klaren Unterschied zwischen dem Opfer Abels und dem Opfer Kains. Während Abel Gott ein Erstlingsopfer darbringt, opfert Kain nur einen unbestimmten Teil seiner geernteten Früchte. Im Alten Testament ist das Opfer der Erstlinge (auf Hebräisch בִּכּוּרִים, gesprochen: bikkurim), sei es von der Ernte (Erstlingsfrüchte) oder sei es von einer Herde (Erstlinge/das zuerst geborene Jungtier), als Angeld für das Ganze zu verstehen. Das Erstlingsopfer ist die Anerkenntnis, das alles, was dem Mensch gegeben ist, eigentlich Gott gehört und ihm zu verdanken ist. Daraus erklärt sich, dass das Opfer Abels das Wohlgefallen Gottes gefunden hat.4)

(2.) Wenn man hingegen zwischen dem Erstlingsopfer und dem Opfer eines Teils der Früchte keine Unterscheidung in der Wertigkeit des Opfers annimmt, dann gibt die Bibelstelle eine präzise und realistische Beschreibung der Weltläufe: Ohne Gründe werden manche benachteiligt, während andere bevorzugt werden. Für diese Interpretation spricht, dass sowohl Kains als auch Abels Gabe durch das hebräische Wort מִנְחָה (gesprochen: mincha) gleichwertig als Geschenkopfer definiert werden.

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Kains und Abels Opfer dargestellt an der Kathedrale Notre-Dame-et-Saint-Castor in Nîmes.

Unabhängig davon, ob Kain ein unpassendes Opfer gab oder ob Gott unbegründet Abels Opfer bevorzugte – was folgt, ist die Schuldgeschichte Kains. Er wendet sich nicht an Gott und hinterfragt nicht dessen Handeln, sondern er empfindet Ungerechtigkeit und reagiert mit Wut. Weil Gott das Opfer Abels anschaut, wendet Kain seinen Blick von Gott und Abel ab. Dem Zorn Kains kann selbst durch eine Warnung Gottes nicht Einhalt geboten werden.

Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick? Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn! Genesis 4,6-7

Gott spricht mit Kain, aber Kain antwortet nicht. Es scheint so, als ob das Gefühl der Ungleichbehandlung jedwede Kommunikation verhindert. Der Zorn Kains führt ihn in Distanz zu Gott und auch zu seinem Bruder.

Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn. Genesis 4,8

Die Einheitsübersetzung folgt hier dem griechischen Text der Septuaginta. Im hebräischen Text jedoch wird deutlich, dass der Zorn Kains zu einer Sprachlosigkeit führt, die im Mord endet. Statt einem versöhnenden Dialog folgt tödliche Gewalt. Der hebräische Text beginnt mit dem Wort וַיֹּ֥אמֶר (gesprochen: va’jomer). Übersetzt bedeutet es: „und er sprach“. Es leitet in der bibelhebräischen Sprache üblicherweise eine direkte Rede ein.5) Es ist daher besonders auffallend, dass hier keine direkte Rede folgt. Der hebräische Text fährt einfach fort „und als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und tötete ihn“. Durch das Fehlen einer direkten Rede scheint somit der erste Teil des Verses vom zweiten Teil getrennt zu sein. Wenn man das erste Wort des Verses als Redeeinleitung ernst nimmt, dann ergibt sich folgende Übersetzung:

Und es sprach Kain zu seinem Bruder Abel: „… .“ Als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und tötete ihn. Genesis 4,8 – eigene Übersetzung

So gelesen sucht Kain in seinem Zorn das Gespräch mit seinem Bruder, dem Bevorteilten. Aber anstatt dass Kain den Zorn verbalisiert, erstickt sozusagen der Zorn jedes Wort. Der Zorn löst sich nicht im Dialog auf, sondern entlädt sich in Gewalt.

Miteinander sprechen

Wenn Kain und Abel miteinander gesprochen hätten, wäre es dann nicht zum Mord gekommen? Der Bibeltext lässt diese Frage offen. Ein ernüchternder Blick in die Menschheitsgeschichte lehrt, dass nicht jeder Konflikt mit einem guten Gespräch beendet werden kann. Aber wo nicht zumindest eine Dialogbereitschaft gegeben ist, dort wird es unmenschlich. Neid, Angst und Zorn sind kein guter Ratgeber. Erfahrungen sammelt man nur in der Begegnung – selbst wenn Sprachbarrieren ein Gespräch mit Flüchtlingen erschweren. Wer den Blick senkt, kann nicht in die Augen seines Gegenüber schauen. Man läuft Gefahr den Blick auf das Lebensrecht des Anderen zu verlieren.


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Bildnachweis

Titelbild: „Conversation“ von Camille Pissaro, entstanden ca. 1881. Das Original befindet sich in The National Museum of Western Art, Tokyo. Lizenziert unter CC0 1.0.

Bild im Textverlauf: „Sacrifices of Cain and Abel. Cathédrale Notre-Dame-et-Saint-Castor, Nîmes, Languedoc-Rousillon“ von Nick Thompson. Eigenes Werk. Lizenziert unter CC 2.0.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Zum Beispiel in Freimann: „Pegida will gegen Flüchtlinge demonstrieren – neben deren Sommerfest“, Anja Perkuhn, Abendzeitung, 26.08.2015 (Stand: 11. September 2015).
2. Als ein Beispiel für viele Beiträge auf facebook, die die Ängste von Bürgern verbalisieren, siehe https://www.facebook.com/busfahrer.hannes/posts/634569923352976?fref=nf – auf der anderen Seite stehen viele Beiträge, die auf der Begegnung mit Flüchtlingen basieren und um Hilfe für sie werben, zum Beispiel: https://www.facebook.com/groups/1537521673147443/permalink/1671424306423845/
3. Vgl. gegen diese Forderung den Beitrag der Bundesregierung auf ihrer Facebook-Seite: https://www.facebook.com/Bundesregierung/posts/884825834942487?comment_id=884842674940803&reply_comment_id=884901608268243&total_comments=5&comment_tracking={%22tn%22%3A%22R9%22}, dort schreibt die Bundesregierung: „Es stimmt, die Menschen, die kommen, brauchen viel Unterstützung. Doch wer dauerhaft bei uns bleibt, gibt eines Tages zurück. Der in manchen Kommentaren unternommene Versuch, Leistungen für Migranten und Deutsche gegeneinander aufzurechnen („Kindergärten statt Flüchtlingsheime!“) geht deshalb nicht auf. Die in den Kommentaren regelmäßig wiederholte Behauptung von einem Heer von Obdachlosen, von hungernden Schulkindern und verarmten Rentnern, die bei uns angeblich zu Zehntausenden Pfandflaschen sammeln, zeichnet ein stark verzerrtes Bild von unserem Land. Um es klar zu sagen: Jedes einzelne tragische Schicksal ist eines zu viel. Den allermeisten Menschen bei uns geht es jedoch so gut wie nirgends sonst in Europa. Wer es wissen will, kann das nachlesen: http://www.sozialkompass.eu. Wer entgegen seriöser Studien ein Zerrbild von der Wirklichkeit malt, muss dafür andere Gründe haben.“
4. Dass Abels Opfer als „wertvoller“ galt, kann auch aus dem Zusatz gesehen werden, dass er auch das Fett opferte. Die Bibel schreibt dem Opfer des Fettes eine beschwichtigende Wirkung auf Gott zu, vgl. Levitikus 3,3-5.
5. Den Hinweis darauf verdanke ich einem Vortrag von Prof. Thomas Römer.
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