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Oeconomia

Geld will sich vermehren Biblische Betrachtungen zwischen Kapitalismuskritik und Zinsgewinn


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Wer Geld hat, der will, dass sich sein Geld vermehrt. Das ist das Prinzip des kapitalistischen Finanzsystems und das ist der Grund, warum man sich als Sparer über niedrige Zinsen ärgert. Wer Geld besitzt, ist immer irgendwie auf der Suche nach einer profitablen Geldanlage. Die Hoffnungen auf hohe Renditen mit Aktien können sich dabei in den Albtraum eines Börsencrashs wandeln. Aus den Hoffnungen auf eine hohe Rendite kann eine Aktienblase entstehen, die einfach platzt. Das Ergebnis: Viele Kleinanleger verlieren ihr Erspartes.1) Man könnte als Antwort darauf die biblische, kapitalismuskritische Keule schwingen und rufen:

Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon. Matthäus 6,24

Aber es gibt auch einen Vers in der Bibel, der dem Stammbuch der freien Marktwirtschaft entnommen sein könnte:

Wer hat, dem wird gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Lukas 19,26

In diesem Satz findet sich scheinbar keine Gerechtigkeit: Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer. Dennoch ist dieser Satz die Zusammenfassung des von Jesus in Lukas 19,11-27 erzählten Gleichnisses – einem Gleichnis, das den Sparer lehrt, sein Geld besser auf der Bank verzinsen zu lassen, als es unter der Matratze zu verstecken.

Das Gleichnis

Das Gleichnis lässt sich einfach zusammenfassen. Ein reicher Mann gibt seinen Dienern je eine Mine2), das heißt ein Geldstück, mit dem Auftrag:

Macht Geschäfte damit, bis ich wiederkomme! Lukas 19,13b

Bei der Rückkehr des Herrn, kann einer der Diener eine Verzehnfachung des Guthabens vorweisen. Der Gewinn wird mit einer Belohnung honoriert:

Sehr gut, du bist ein tüchtiger Diener. Weil du im Kleinsten zuverlässig warst, sollst du Herr über zehn Städte werden. Lukas 19,17

Ein zweiter Diener hat das ihm anvertraute Geld verfünffacht und wird mit fünf Städten dafür belohnt. Der dritte Diener hingegen hat keinen Gewinn erwirtschaftet, sondern er hat das Geld sozusagen nur unter seine Matratze geschoben. Sein Handeln begründet er mit der Furcht vor dem Geldgeber:

denn ich hatte Angst vor dir, weil du ein strenger Mann bist: Du hebst ab, was du nicht eingezahlt hast, und erntest, was du nicht gesät hast. Lukas 19,21

Der dritte Diener gewinnt nicht durch die Großzügigkeit seines Herrn, sondern er wird bestraft. Der Herr befiehlt, ihm das anvertraute Geld wegzunehmen:

Nehmt ihm das Geld weg und gebt es dem, der die zehn Minen hat. Lukas 19,24b

Wer mit ihm anvertrauten Geld spekuliert, wird davon profitieren – diese scheinbar unbiblische Aussage steht am Ende des Gleichnisses. Der Reiche wird reicher und der Arme wird ärmer.

Zwei Perspektiven, oder wer ist der Held des Gleichnisses?

Ohne Zweifel wird der „Mann von vornehmer Herkunft“ – so wird der Herr der Diener in Vers 12 eingeführt – in keinem positiven Licht geschildert. Im Gleichnis wird berichtet, dass die Einwohner seines Landes ihn hassten (Lukas 19,14). Der Grund für diesen Hass wird auch in den Worten des dritten Dieners an seinen Herrn sehr deutlich:

Du hebst ab, was du nicht eingezahlt hast, und erntest, was du nicht gesät hast. Lukas 19,21

Diese Worte qualifizieren den vornehmen Mann als Ausbeuter, der sich am Besitz Anderer bereichert. Ein solches ökonomisches Gebaren kritisiert bereits der Prophet Habakuk. Reichtumsvermehrung, die auf Kosten von anderen geschieht, zerstört Solidaritätsbeziehungen:

Weh dem, der zusammenrafft, was nicht ihm gehört, und sich hohe Pfänder geben lässt. Wie lange wird er es noch treiben? Plötzlich werden vor dir deine Gläubiger stehen, deine Bedränger werden erwachen und du wirst ihre Beute. Habakuk 2,6b-7

Aber der Diener kritisiert nicht das Wirtschaften des Herrn, sondern er fürchtet sich vor seiner Strenge.3) Das vom Sicherheitsdenken geprägte Handeln des dritten Dieners könnte als vernünftige Handlung angesehen werden. Aber das durch Angst geprägte Sicherheitsdenken steht im klaren Kontrast zum Auftrag an den Diener. Der Herr übergibt das Geld und gibt die Anordnung:

Macht Geschäfte damit, bis ich wiederkomme. Lukas 19,13b

Die Anweisung ist klar und zugleich weiß der Diener, dass der Herr ein strenger Mann ist. Daher kann einen die Bestrafung des Dieners nicht verwundern (siehe Lukas 19,22). Der Vorwurf gegen den Diener ist zudem ökonomisch völlig berechtigt:

Warum hast du dann mein Geld nicht auf die Bank gebracht? Dann hätte ich es bei der Rückkehr mit Zinsen abheben können. Lukas 19,23

Dieser Satz könnte einer Werbung für eine Bank entstammen. Der Diener hat die schlechtmöglichste Geldanlage gewählt, die ihm zur Verfügung stand. Er hat Sicherheit dem Risiko vorgezogen. Er hat auf die Chance der Vermehrung verzichtet und die Sicherheit des Behaltens gewählt. Aber dies entspricht eben nicht dem Auftrag des Herrn, wie mit dem Geld umzugehen sei. Das Gleichnis lässt auch offen, wie der Herr mit seinem Diener verfahren wäre, wenn dieser alles riskiert und alles verloren hätte.4)

Die Figur des Dieners dient nicht gut als Held des Gleichnisses. Sein Handeln ist falsch. Aber auch der Herr des Gleichnisses kann nicht als rein-positive Person gesehen werden. Sozialökonomisch betrachtet sind beide Protagonisten eine Enttäuschung.

Die Moral von der Geschichte

Bevor Jesus mit seinen Jüngern nach Jerusalem zieht und seine Leidensgeschichte beginnt, erzählt er den ihm folgenden Menschen dieses Gleichnis vom anvertrauten Geld. Sie ihm folgenden Menschen glauben, dass das Gottesreich bevorsteht und auf diese Erwartungshaltung reagiert Jesus mit seinen Worten. Man darf also bei der Auslegung nicht vergessen, dass es um mehr geht als nur um die Frage nach dem richtigen ökonomischen Verhalten. Im Zentrum des Gleichnisses stehen zwei Aspekte: 1.) Die Forderung, die der Herr an das Geld knüpft: Es soll vermehrt werden. 2.) Die Vorsicht beziehungsweise Angst des Dieners, die ihn die falsche Entscheidung treffen lässt. Wie dies mit dem Gottesreich zusammenhängt ist eine offene Frage: Wenn man den Herrn mit Gott oder dem wiederkommenden Jesus identifiziert, dann würde Gott als menschenfeindlicher Wucherer beschrieben. Positiv würde in dem Gleichnis die Verantwortung des Menschen für sein eigenes Verhalten vor Gott betont. Wenn man das Geld als Gabe Gottes versteht, ist die Moral von der Geschichte scheinbar klar: Der Mensch muss mit der Gabe Gottes – sei es der Glaube, seien es Talente – wirtschaften; sie ist kein ruhender Besitz, sondern sie muss lebendig wirken und sich vermehren.5) Ökonomisch betrachtet spricht das Gleichnis in Lukas 19,11-27 auf andere Art und Weise in die heutige Zeit. Obwohl man als Leser sowohl den Herren als auch den dritten Diener je in ihrem Handeln verurteilen kann, so sympathisiert man doch zugleich auch mit Beiden. Auch wenn der Diener eher aus Angst handelt, kann man in ihm eine Verweigerung gegenüber kapitalistischer Raffgier entdecken. Sein Handlungsdiktum „Sicherheit geht vor Gewinn“ ist symphatisch und erinnert an ältere Personen, die ihr Geld lieber unter der Matratze bewahren als es einer Bank anzuvertrauen. Zugleich ist der Einwand seines Herrn berechtigt. Das Geld einfach rumliegen zu lassen, führt zu keinem Gewinn – modern gesprochen: die Inflation frisst den Geldwert. Man will nicht wie der Herr sein, man will selbst nicht durch Ausbeutung seinen Gewinn vermehren. Aber man will auch nicht der Diener sein, der nur aus Angst das Geld nicht vermehrt und am Ende alles verliert. Der Vorwurf des Herrn an seinen Diener ist daher von bestechender Logik:

Warum hast du dann mein Geld nicht auf die Bank gebracht? Dann hätte ich es bei der Rückkehr mit Zinsen abheben können. Lukas 19,23

Aber damals wie heute gilt es auch zu fragen, wie ethisch Zinsen sind. Welche Art von Geldvermehrung ist ethisch gut?6) Eine Richtschnur dafür bietet die Bibel zum Beispiel im Zinsverbot gegenüber Armen:7)

Wenn dein Bruder verarmt und sich neben dir nicht halten kann, sollst du ihn, auch einen Fremden oder Halbbürger, unterstützen, damit er neben dir leben kann. Nimm von ihm keinen Zins und Wucher! Fürchte deinen Gott und dein Bruder soll neben dir leben können. Levitikus 25,35-36


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Bildnachweis

Euroscheine und -münzen.” von Avij. Eigenes Werk. Gemeinfrei.

Einzelnachweis   [ + ]

1. China: Die Börse erholt sich, die Kleinanleger sind verloren“, Bernhard Zand, Spiegel Online, 09.07.2015 (Stand: 10. Juli 2015).
2. Das Wort „Mine“ bezeichnet eine Größenangabe innerhalb des griechischen Münzsystems (ca. 430 Gramm). Eine Mine entsprach 100 Drachmen. Geläufiger als das griechische Münzsystem ist in den Schriften des Neuen Testaments das römische Münzsystem. Die im Neuen Testament am häufigsten vorkommende Münze ist der Denar. Eine Mine entsprach etwa 100 Denar. Zur Zeit des Neuen Testaments entsprach ein Denar ungefähr dem Tagelohn eines ungelernten Arbeiters (vgl. Matthäus 20,1-15).
3. Im Gleichnis selbst wird auch keine wertende Aussage darüber gemacht, wie die anderen Diener das Geld vermehrt haben. Es wird nur festgestellt, dass sich das Geld vermehrt hat.
4. Man darf beim Lesen des Gleichnisses nicht übersehen, dass es sich nicht um das Geld des Dieners sondern um den Besitz des Herrn handelt.
5. Vgl. zum Beispiel die pastorale Auslegung der Parallelstelle Matthäus 25,14-30 im Blog „Raumrauschen“: „Ich mach mein Ding“, Raphaela Reindorf, 01.07.2015 (Stand: 11. Juli 2015).
6. Vgl. die Handreichung vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken und der Deutschen Bischofskonferenz „Ethisch-nachhaltig investieren. Eine Orientierungshilfe für Finanzverantwortliche katholischer Einrichtungen in Deutschland“.
7. Vgl. meinen Beitrag „Von Armen nimmt man keine Zinsen“ hier auf Dei Verbum.
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