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Exegetica

Die Relativität des Vertrauens


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Vertrauen und Glauben stecken in der Krise. Wo ist die Glaubwürdigkeit, wo die Vertrauenswürdigkeit? Sie sind missbraucht worden und haben dadurch vielleicht ihr Fundament verloren. Worauf kann man sich noch verlassen? Woran kann man noch glauben? Vertrauen bedeutet, sich bei jemandem sicher zu fühlen, sich auf ihn verlassen zu können. Dies ist im Alten Testament eine Definition dessen, was Glauben bedeutet. Glauben bedeutet, darauf zu vertrauen, dass Gott eine verlässliche Stütze im Leben und darüber hinaus ist. Das Vertrauen ist die Grundlage der Glaubensbeziehung:

Er selbst wird den Erdkreis richten in Gerechtigkeit, den Nationen das Urteil sprechen, wie es recht ist. So wird der HERR für den Bedrückten zur Burg, zur Burg für Zeiten der Not. Darum vertrauen dir, die deinen Namen kennen, denn du, HERR, hast keinen, der dich sucht, je verlassen. Psalm 9,9-11

Besonders in Not und Dunkelheit erinnern die biblischen Texte immer wieder daran, dass im Vertrauen auf Gott die Ruhe des Glaubens zu finden ist, die Sicherheit schenkt:

Denn so spricht der GOTT, der Herr, der Heilige Israels: Durch Umkehr und Ruhe werdet ihr gerettet, im Stillhalten und Vertrauen liegt eure Kraft. Jesaja 30,15

Bedeutet dies ein blindes Vertrauen, dass in Tatenlosigkeit einen falschen Frieden findet? Nein, der Glauben an Gott ist kein Totschweigen und kein stilles Erleiden. Vertrauen ist eine aktive Haltung, die eine gedankliche und tuende Hinwendung bedeutet. Am Anfang des Vertrauens steht die Umkehr und aus ihr entsteht Vertrauen. So gesehen ist Vertrauen eine Macht, eben eine Kraft, die ihre Wirkung entfaltet. Und das Vertrauen kennt im Alten Testament eine klare, nüchterne und zutiefst pessimistische Grenze.

Wem kann man noch vertrauen?

Auf Menschen zu vertrauen, bedeutet sich gutgläubig, leichtfertig oder auch hochmütig in einer falschen Sorglosigkeit zu wähnen. Dies sagt zumindest der Sprachgebrauch im Alten Testament aus, wenn man die Vorkommen des hebräischen Wortes בָּטַח (gesprochen: batach), das „vertrauen“ bedeutet, betrachtet. Die einzige Ausnahme ist das Vertrauen auf die eigene Ehefrau – dies wird sogar gefordert (Sprichwörter 31,11). Aber ansonsten gilt: Auf Menschen allein ist kein Verlass! Am deutlichsten wird dies im Buch Jeremia formuliert:

Verflucht der Mensch, der auf Menschen vertraut, auf schwaches Fleisch sich stützt und dessen Herz sich abwendet vom HERRN. Jeremia 17,5

Dabei macht es keinen Unterschied, welch hohen Status ein Mensch innehat oder welches Amt er bekleidet.

Besser, sich zu bergen beim HERRN, als zu vertrauen auf Menschen. Besser, sich zu bergen beim HERRN, als zu vertrauen auf Fürsten. Psalm 118,8-9

Ja, im Vertrauen soll der Mensch gar selbstkritisch sein und sich selbst relativieren.

Wer auf seinen eigenen Verstand vertraut, ist ein Tor, … Sprichwörter 28,26

Selbst auf die heiligste, innerweltliche Institution, den Tempel Gottes, darf nicht vertraut werden! Denn auch sie ist gemäß dem Propheten Jeremia nur ein vergängliches Werk, das keine dauerhafte Sicherheit gewährt – ja sogar den Glauben fehlleiten kann.

Vertraut nicht auf die trügerischen Worte: Der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN ist dies! […] so werde ich mit dem Haus, über dem mein Name ausgerufen ist und auf das ihr euch verlasst, und mit der Stätte, die ich euch und euren Vätern gegeben habe, so verfahren, wie ich mit Schilo verfuhr. Jeremia 7,4.14

Der Tempel von Schilo ist in der Bedeutungslosigkeit verschwunden und der Tempel wurde zweimal zerstört, ohne am Ende wieder von Gott aufgerichtet zu werden.

Verlassen

Die Texte des Alten Testament kennen in diesem Fall keinen Zweifel: Wer sich auf Menschen verlässt, auf ihre Macht und ihre Institutionen, ist verlassen. Alles wird relativiert, wenn es nicht zum Vertrauen auf Gott beiträgt.

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Bildnachweis

Titelbild: Natur, fotografiert von Jörg Weitz – Lizenz: gemeinfrei.
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