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Bedrängt, verfolgt, aber nicht alleingelassen Christen im Angesicht der Terrororganisation "Islamischer Staat"


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Um 12 Uhr am 15. August läuteten in ganz Frankreich die Kirchenglocken. Nein, kein einfaches Mittagsgeläut und auch nicht die Aufforderung zum Angelus-Gebet. Jeder Glockenschlag war eine Erinnerung, an den momentanen Überlebenskampf der Christen im Angesicht des Islamischen Staates. Jeder Glockenschlag war eine Aufforderung, der Christen zu gedenken, die im Nahen Osten aufgrund ihres Glaubens verfolgt werden.1)

Für Daniyel Demir, den Vorsitzenden des Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland scheint die Welt tatenlos das grausame Schicksal der verfolgten Christen hinzunehmen: „Was mit Christen und Andersgläubigen bzw. gar Andersdenkenden derzeit im Nahen Osten unter der IS-Terrorherrschaft geschieht, scheint auch die westliche Welt abgestumpft zu haben.“2) In einem Schreiben an den Patriarchalvikar für Jordanien verweist Papst Franziskus neben dem Leid anderer religiöser Minderheiten vor allem auf das Leid der Christen, die durch den Terror des Islamischen Staates zu Opfern von Fanatismus, Intoleranz und Verfolgung werden – er schreibt: „Sie sind die Märtyrer von heute, gedemütigt und diskriminiert wegen ihrer Treue zum Evangelium.“3)

Bedrängnis, Not, Verfolgung …

Im Angesicht der Gefahr, die vom Islamischen Staat für die Christen im Nahen Osten ausgeht, klingt es nicht wie ein Lippenbekenntnis oder eine romantische Schwärmerei, wenn Paulus im Brief an die Römer fragt:

Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Römer 8,35

Die Frage ist Realität in Syrien, im Irak, in Lybien und an anderen Orten in der Welt. Es ist eine Frage, mit der jeder einzelne Christ konfrontiert ist – und Paulus formuliert die Frage auch bewusst wie eine Anrede. Die Betonung liegt auf dem Wort „uns“, das im griechischen Satz direkt auf das Fragewort folgt. Paulus redet hier nicht nur über seinen eigenen Glauben, sondern er richtet die Frage bewusst an sich und die gesamte Gemeinschaft, der an Christus Glaubenden (siehe Römer 8,32). Die Frage thematisiert das Verhältnis der Christen zu der Liebe Christi. Diese Liebe ist für Paulus kein abstraktes theologisches Konzept.

Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. Christus ist schon zu der Zeit, da wir noch schwach und gottlos waren, für uns gestorben. Römer 5,5-6

Der Tod Christi am Kreuz ist die Manifestation der Liebe Christi zu den Menschen. Für Paulus ist der Tod Jesu eine Liebesgabe, von der der Mensch nicht mehr getrennt werden kann. Diese Liebesgabe besteht in der Beziehung des Menschen zu Christus. Dies wird deutlich im verwendeten Verb. Das griechische Wort, das hier mit „scheiden“ (ἐγκαλέω – gesprochen: egkaleo) übersetzt wird, hat die Grundbedeutung „anklagen, beschuldigen“. Wörtlich bedeutet es „herausrufen“ und wird im Neuen Testament als rechtlicher Scheidungsterminus verwendet (vgl. 1 Korinther 7,10-11.15). Paulus fragt somit in Römer 8,35a, ob es überhaupt eine Macht geben kann, die die an Christus Glaubenden von Christus selbst trennen kann. Die Frage ist dabei auf zweifache Weise verstehbar: Das Fragewort τίς (gesprochen: tis) kann nämlich sowohl mit „wer“ als auch mit „was“ übersetzt werden. Die Übersetzung mit „was“ legt sich aufgrund des zweiten Teils der Frage nahe.

Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Römer 8,35b

Diese Aufzählung ist eine rhetorische Frage, auf die man ein klares Nein erwartet: Nein, all dies kann Christen nicht von der Liebe Christi trennen.

Paulus erfährt selbst, dass zu seinem Leben als Christ das Bedrängt-Sein gehören kann. So schreibt er an die Thessalonischer:

Ihr wisst selbst: Für sie [die Bedrängnisse] sind wir bestimmt. 1 Thessalonicher 3,3b (siehe auch 1 Thessalonicher 2,14)

Diese Aussage findet bei Paulus sogar noch eine Steigerung. Nicht nur die Bedrängnis sondern auch Not und Verfolgung können die christliche Existenz prägen:

Dreimal habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von mir ablasse. Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. 2 Korinther 12,8-10

Das Christ-Sein, das Paulus erlebt und lebt, ist wenig glorreich:

Ich erduldete Mühsal und Plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße. 2 Korinther 11,27

Nein, auch Hunger und Kälte trennen nicht von der Liebe Christi. Das Gleiche gilt für jegliche Gefahr (vgl. 2 Korinther 11,26) bis hin zum Tod durch das Schwert – sowie es das Schicksal des Jakobus war, der, weil er ein Christ war, durch das Schwert gestorben ist (Apostelgeschichte 12,2). Gemäß Paulus kann selbst der Tod durch Hinrichtung niemanden von der Liebe Christi trennen. Daraus entsteht im Umkehrschluss die absolute Forderung selbst für diese Liebe einzustehen, so wie es in der Offenbarung gefordert wird:

Wer zur Gefangenschaft bestimmt ist, geht in die Gefangenschaft. Wer mit dem Schwert getötet werden soll, wird mit dem Schwert getötet. Hier muss sich die Standhaftigkeit und die Glaubenstreue der Heiligen bewähren. Offenbarung 13,10

Aus dem Tod Christi für die Menschen, kann der Tod des Christen aufgrund seines Bekenntnisses folgen. Dies verdeutlicht Paulus mit einem Zitat aus den Psalmen (siehe Psalm 44,23), mit dem er auf die beiden rhetorischen Fragen in Römer 8,35 antwortet:

In der Schrift steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat. Römer 8,36

Der Glaube an Christus ist zu der Zeit Paulus‘ kein einfaches Lippenbekenntnis. Es ist kein Glaube an den weltlichen Sieg über Feinde. Es ist ein Glaube, der im Angesicht erfahrenen Leids zum Bekenntnis wird:

Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat. Römer 8,37

Paulus Worte wirken absurd. Das hier mit „überwinden“ übersetzte griechische Verb ὑπερνικάω (gesprochen: hypernikao) bedeutet „einen triumphalen Sieg erringen“. Zudem benutzt Paulus das Verb im Präsens. In Bedrängnis, Not, Verfolgung, Hunger, Kälte, Gefahr und sowie im Angesicht des Todes durch das Schwert zeigt sich der Sieg der Liebe Christi. In der Gegenwart siegt das Bekenntnis zu Gott, weil in der Vergangenheit am Kreuz, sich Gottes Liebe zu den Menschen geoffenbart hat. Dies verdeutlicht Paulus durch die Verwendung der Vergangenheitsform „den, der uns geliebt hat.“. Das bedeutet: Im Bekenntnis zu Christus sind Bedrängnis, Not, Verfolgung, Hunger, Kälte, Gefahr und der Tod besiegt.

Leid wahrnehmen und reagieren

So wie Paulus die Thessalonischer preist, die trotz Bedrängnis und Not standhaft am christlichen Glauben festhalten (siehe 2 Thessalonicher 1,4), so müssen heute die christlichen Gemeinden das Leid der Christen im Angesicht des Islamischen Staates nicht nur wahrnehmen, sondern sich zu Herzen nehmen – denn ihr Leid ist auch unser Leid. Damit ist keine Romantisierung der Situation gemeint. Das Leid ist Leid und lässt sich nicht als eine Erfolgsgeschichte verstehen oder gar verkaufen – Christ-Sein ist kein Streben zum Leid. Aber in dem Leid zeigt sich christliche Identität – nicht nur für die Christen im Nahen Osten, sondern für jeden Christen. Die Frage ist, wie Christen sich gegenüber dem Leid der Christen und aller Menschen, die unter dem Terror des Islamischen Staates leiden, verhalten. Drei Worte von Paulus, die am Ende des Römerbriefs stehen, sind in diesem Kontext von besonderer Bedeutung:

1.) Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung! Römer 12,10

2.) Helft den Heiligen, wenn sie in Not sind; gewährt jederzeit Gastfreundschaft! Römer 12,13

3.) Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden! Römer 12,17-18


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Bildnachweis

Titelbild: „Betende Hand“ von ikolotas0. Eigenes Werk. Lizenziert unter CC0 1.0.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Mediale Aufmerksamkeit erregte im Februar die Hinrichtung von 21 koptischen Christen in Lybien durch die Terrororganisation „Islamischer Staat“. In Syrien befinden sich ganze christliche Dörfer auf der Flucht und Christen werden gefoltert und getötet, weil sie Christen sind. Momentan befinden sich 270 aramäische Christen in der Gewalt von IS und Ihre Zukunft ist mehr als ungewiss.
2. Zahl der Entführungsopfer steigt – 270 aramäische Christen in der Hand der Islamisten“, Pressemitteilung des Bundesverband der Aramäer in Deutschland, 11.08.2015 [Stand: 16. August 2015]. Gegen diese Lethargie hat auch Papst Franziskus seine Stimme erhoben: „Ich erneuere meinen Wunsch, dass die Internationale Gemeinschaft nicht stumm und untätig bleibt angesichts solcher inakzeptabler Verbrechen [an den orientalischen Christen].“ (zitiert nach: “Sie sind Märtyrer von heute. Papst Franziskus ruft zu Solidarität mit verfolgten Christen auf“, katholisch.de, 06.08.2015 [Stand: 16. August 2015]).
3. Zitiert nach: “Sie sind Märtyrer von heute. Papst Franziskus ruft zu Solidarität mit verfolgten Christen auf“, katholisch.de, 06.08.2015 [Stand: 16. August 2015].
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