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Gedanken zum Gedenken an die Shoa Der Lukasprolog gelesen im Angesicht des 27. Januar


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Am 27. Januar jährt sich der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee zum 71. Mal. Und auch wenn der älteste derzeitig lebende Mann ein Auschwitz-Überlebender ist,1) so ist die heutige Zeit doch geprägt von einem zunehmend abstrakten Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Es droht die Gefahr des starren Gedenkens, das ein persönlich-betroffenes Erinnern nicht mehr ermöglicht.2) Das, wofür Auschwitz steht, droht in den Geschichtsbüchern zu versinken. Aber das sich in der Shoa3) ereignete Leid, das Ausdruck der fast vollends gescheiterten positiven Menschlichkeit ist, bleibt eine Herausforderung für die Gestaltung der Zukunft. Elie Wiesel, der Philosoph, Judaist und Shoa-Überlebende, fasst die Bedeutung von Auschwitz für das Christentum mit sehr drastischen Worten zusammen: „Der nachdenkliche Christ weiß, dass in Ausschwitz nicht das jüdische Volk gestorben ist, sondern das Christentum.“4) In Mitten einer vom Christentum geprägten Gesellschaft hat der Mensch seinen Gegenüber, dem anderen Menschen die Würde und das Leben abgesprochen. Aus dem Ebenbild Gottes wurde eine verwaltete Zahl in den Akten. Das bedeutet auch, dass „christliche Theologie nicht gleichlautend sein [kann] mit einer Theologie vor Auschwitz“5). Die Shoa ist nicht nur einfach irgendein Datum in der Menschheitsgeschichte. Es ist ein trauriges Fundament, auf dem eine bessere Zukunft aufgebaut werden muss.

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Torgebäude des KZ Auschwitz-Birkenau, Aufnahme kurz nach der Befreiung 1945

Die Voraussetzung dafür, dass die Shoa nicht nur als eine mehrteilige TV-Dokumentation wahrgenommen wird, ist das eigene Betroffensein. Es geht um die Einsicht, dass das Geschehene direkt mit dem eigenen Leben zu tun hat. Einen Menschen zu treffen, der in Auschwitz, den Rachen der Sheol6), überlebt hat, lässt menschliche Betroffenheit erfahren. Zu verstehen, dass die eigenen Großeltern ideologisch den Hass mitgetragen haben, kann zur Wahrnehmung eigener Verantwortung führen. Ohne diese persönliche Erfahrung, ohne die eigene Betroffenheit, besteht die Gefahr, dass das Leid der Shoa seine Bedeutung verliert und dass aus den Menschen, die zu Zahlen in Akten degradiert wurden, nur noch Zahlen in Geschichtsbüchern ohne Relevanz werden. Da es Menschen waren, die dieses Leid anderen Menschen angetan haben, betrifft die Shoa jeden Menschen. Auschwitz ist in seiner Bedeutung das negative Erbe aller Menschen: Es ist unter uns geschehen.

Was sich unter uns ereignet hat

Im Prolog des Lukasevangeliums schreibt ein Autor, der vermutlich selbst kein Augenzeuge der Geschehnisse war, einen Bericht über das, „was sich unter uns ereignet […] hat“. Der erste Vers des Evangeliums und der dazugehörigen Apostelgeschichte lautet:

Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat. Lukas 1,1

Der Verfasser des Lukasevangeliums war nicht der Erste, der die Geschichte des Lebens Jesu aufgeschrieben hatte. Beim Lesen merkt man schnell, dass seine Darstellung auf dem Markusevangelium aufbaut. Er verweist selbst darauf, dass bereits „viele“ (griechisch: πολλοἲ; gesprochen: polloi) vor ihm Berichte über das Leben Jesu abgefasst haben.

Dabei hielten sie [die Vielen – TMS] sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. Lukas 1,2

Das Evangelium ist kein Zeugenbericht. Sondern ein Dritter stützt sich auf die Aussagen derjenigen, die die Geschehnisse miterlebt haben. Die eigentlichen Zeugen bezeichnet der Verfasser als Augenzeugen (griechisch: αὐτόπτης; gesprochen: autoptes) und zugleich als diejenigen, die aufgrund dessen, was sie mit ihren eigenen Augen gesehen haben, zu Dienern/Gehilfen (griechisch: ὑπηρέτης; gesprochen: hyperetes) geworden sind. Diese Personen beziehungsweise „Quellen“ werden als Augenzeugen des Wortes und Diener des Wortes bezeichnet. Es handelt sich um Personen, die aufgrund ihrer Erlebnisse zu Verkündern geworden sind.7) Der Verfasser des Lukasevangeliums versteht sich selbst als Verkünder – aber er gibt die Geschehnisse nach eigener Auskunft erst nach kritischer Begutachtung der Erzählungen wieder. Er folgt dem verkündeten Wort nicht einfach nach, sondern er hat es überprüft und auf der Grundlage dieses Forschens neu aufgeschrieben:

Nun habe auch ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben. Lukas 1,3

Das in dieser Aussage verwendete Verb παρακολουθέω (gesprochen: parakolouthéo), das hier mit „nachgehen“ wiedergegeben ist, gehört zum Wortschatz der antiken Historiographie. Der Verfasser des Lukasevangeliums stellt somit seine Schrift auf das Fundament eigener gründlicher und kritischer Vorarbeiten. Und dies hat er nicht für sich alleine getan, sondern auch für einen Anderen, namens Theophilus. Sein kritisches Forschen wird zur Verkündigung beziehungsweise Angebot zur Festigung im Glauben für einen, der bereits durch andere Quellen in dem Inhalt unterrichtet wurde:

So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest. Lukas 1,4

Weder der Verfasser des Lukasevangeliums noch Theophilus, für den das Werk geschrieben wurde, haben das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu miterlebt. Was sie glauben, ergibt sich aus den Berichten von Augenzeugen und denen die aufgrund der Augenzeugen die Geschehnisse verschriftet haben. Aber trotz des zeitlichen Abstands und trotz der geforderten kritischen Distanz, steht am Anfang des Prologs, dass der Inhalt der Schrift, das behandelt, „was sich unter uns ereignet und erfüllt hat“. Aus der Sicht des Autors hat die Heilsgeschichte im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu ihren Höhepunkt erreicht und die heilsgeschichtlichen Verheißungen haben sich erfüllt. Dieses geschichtliche Ereignis hat für die folgende Geschichte der Menschheit eine grundlegende Bedeutung, weil es jeden Menschen betrifft.

Die Shoa ist keine Heilsgeschichte, aber …

Die über sechs Millionen getöteten Juden sind keine Wegmarke Gottes in der Heilsgeschichte. In der Shoa erfüllt sich keine Verheißung, sondern sie ist der Höhepunkt des durch Menschen verursachten Leids. Die Haupttäter dieses Abgrunds der Menschlichkeit waren Deutsche: deutsche Ideologen, deutsche Soldaten und die breite passive Masse des deutschen Volks. Das bedeutet nicht, dass jeder Deutsche schuld ist an der Shoa, denn „Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich“8). Man ist als Deutscher nicht automatisch verantwortlich für das, was in der Shoa geschah, aber als Deutscher ist man „verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird“9). In diesem Sinne betrifft das Gedenken an die Shoa jeden Deutschen – aber darüber hinaus auch jeden Menschen. Denn das was in Deutschland geschehen ist, ist durch Menschen unter Menschen geschehen. Die Menschheit hat ihre dunkle Seite vollends offenbart. Damit diese Fratze sich nicht noch einmal in der Geschichte zeigt, bedarf es das Bewusstsein des Autors des Lukasevangeliums:

1.) Das, was sich in der Geschichte ereignet hat, betrifft auch die nachfolgenden Generationen. 2.) Man muss den Geschehnissen selbst nachgehen: Aus dem zeitlichen Abstand muss vermittelt durch eine kritische Distanz eine Annäherung erfolgen, die die Relevanz für das Hier und Jetzt offenlegt. 3.) Die Beschäftigung der „Vielen“ mit den Geschehnissen, ersetzt nicht die eigene Auseinandersetzung mit dem Thema.

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Bildnachweis

Titelbild: „Yad Vashem, Hall of Names“, fotografiert von David Shankbone. Lizenziert unter CC 3.0.

Bild im Textverlauf: „Torgebäude des KZ Auschwitz-Birkenau“, Bundesarchiv, B 285 Bild-04413 fotografiert von Stanislaw Mucha am 27. Januar 1945. Lizenziert unter CC 3.0.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Yisrael Krystal ist ältester Mann der Welt“, Katharina Schmidt-Hirschfelder, Jüdische Allgemeine, 21.01.2016 [Stand: 24. Januar 2016].
2. Vgl. zum Thema Erinnerung im Alten Testament den Beitrag „Erinnern ist mehr als Gedenken“.
3. Der Begriff „Shoa“ bedeutet auf Hebräisch „Unheil“ oder „Heimsuchung“. Er ist dem Begriff „Holocaust“ vorzuziehen, da dieser im Altertum eine Brandopferung von Tieren bezeichnete (das griechische Partizip ὁλόκαυστος [gesprochen: olokaustos] bedeutet „vollständig verbrannt“). Der Begriff „Shoa“ für die Massenvernichtung der Juden in der NSDAP-Zeit wurde bereits ab 1940 von jüdischen Zeitzeugen verwendet – vgl. „Enzyklopädie des Holocaust“, Eberhard Jäckel: Enzyklopädie des Holocaust, 1998, S. 18.
4. Zitiert nach „Kirche nach Auschwitz“, Johann Baptist Metz, in: W. Stegemann (Hg.), Kirche und Nationalsozialismus, Stuttgart-Berlin-Köln 21992, S.65.
5. „‘Theologie nach Auschwitz‘. Eine Programmskizze“, Franz Mußner, in: Kirche und Israel 10 (1995), S. 8-23.
6. Der Begriff „Sheol“ bezeichnet im Alten Testament, den Ort der Gottesferne nach dem Tod.
7. Hierbei ist der Begriff „Wort“ (griechisch: λόγος; gesprochen: logos): Ohne die die Spezifizierung als „Wort Gottes“ (griechisch: λόγος τοῦ θεοῦ; gesprochen: logos tou theou) bezeichnet es es auch die erzählte Heilsgeschichte.
8. Zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“, Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker, die er am 8. Mai 1985 in der Gedenkstunde im Plenarsaal des Deutschen Bundestages hielt.
9. Zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“, Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker, die er am 8. Mai 1985 in der Gedenkstunde im Plenarsaal des Deutschen Bundestages hielt.
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