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Oecologica

Beten für das Klima Psalm 8: Der Mensch als Stellvertreter Gottes


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Wieder einmal gibt es eine UN-Klimakonferenz und die dazugehörigen mahnenden Reden. Papst Franziskus spricht gar von der Welt, die “an der Schwelle zum Selbstmord [steht]“1). Es ist höchste Zeit zu handeln – daran zweifelt keiner mehr. Der Mensch ist schuld für den Klimawandel und es muß nun Verantwortung übernommen werden. Bereits in seiner Enzyklika Laudato si‘ hatte Papst Franziskus darauf hingewiesen, dass für Christen „ihre Aufgaben im Bereich der Schöpfung, ihre Pflichten gegenüber der Natur und dem Schöpfer Bestandteil ihres Glaubens sind“2). Aber die seit über 20 Jahren andauernden Verhandlungen führten bisher zu keinem bindenden Ergebnis. Christoph Seidler hat in einem Kommentar auf Spiegel Online die Situation auf den Punkt gebracht: „Seien wir ehrlich: Klimagipfel nerven. Tierisch.“3) Er belegt dies statistisch: Die Klickstatistiken des Nachrichtenportals belegen, wie wenig öffentliches Interesse noch an den Verhandlungen besteht. Generell: Die Verhandlungen sind kompliziert und für einen Außenstehenden kaum noch verständlich. Und das einzige was sicher scheint, ist, dass am Ende mal wieder keine verbindlichen Aussagen gemacht werden. Scheinbar hilft nur noch beten – zum Beispiel Psalm 8:4)

JHWH, unser Herrscher,
wie gewaltig/majestätisch ist Dein Name auf der ganzen Erde,
der Du gibst Deine Hoheit auf den Himmel.
Aus dem Mund der Kleinkinder und Säuglinge heraus hast Du Macht gegründet,
um Deiner Widersacher willen, um ein Ende zu setzen Feind und Rachgierigem.
Fürwahr, ich sehe Deinen Himmel, die Werke Deiner Finger,
den Mond und die Sterne, die Du befestigt hast.
Was ist das Menschlein, dass Du seiner gedenkst
und was ist das Menschenkind, dass Du Dich seiner annimmst?
Du hast ihn (nur) wenig geringer gemacht als Gott
und mit Ehre und Herrlichkeit krönst Du ihn.
Du hast ihn zum Herrschen eingesetzt über die Werke Deiner Hände,
alles hast Du unter seine Füße gelegt.
Schafe und Rinder allesamt
und auch die (wilden) Tiere des Feldes,
Vögel des Himmels und die Fische im Meer,
die entlangziehen die Pfade der Meere.
JHWH, unser Herrscher,
wie gewaltig/majestätisch ist Dein Name auf der ganzen Erde.Psalm 8

Der Mensch im Angesicht Gottes

Wenn man Psalm 8 betet, bekennt man mit dem ersten Satz, dass Gott der im Himmel thronende König und zugleich der Schöpfer der Welt ist.

JHWH, unser Herrscher, wie gewaltig/majestätisch ist Dein Name auf der ganzen Erde, der Du gibst Deine Hoheit über die Himmel. Psalm 8,2

Die Titulierung „unser Herrscher“ (אֲדֹנֵ֗ינוּ, gesprochen: adonenu) verdeutlicht, dass die Betenden als Knechte und Mägde vollends abhängig sind von Gott, ihrem Herren. Die Betenden stehen im Dienst Gottes. Er besitzt königliche Macht über die gesamte Welt. Mit dem biblischen Konzept „Name“ (שֵׁם, gesprochen: schem) ist hier der Ruf Gottes gemeint: Der Name ist die Zusammenfassung dessen, was von Gott bekannt ist – sozusagen sein „image“. Nur er besitzt die spezifisch göttliche Mächtigkeit, die seine vom Anbeginn der Zeit ausgeübte Königsherrschaft auszeichnet. Es ist eine allumfassende Macht.

Aus dem Mund der Kleinkinder und Säuglinge heraus hast Du Macht gegründet, um Deiner Widersacher willen, um ein Ende zu setzen Feind und Rachgierigem. Psalm 8,3

Es scheint absurd, aber Gottes Macht basiert auf den Schwächsten der Schwachen. Er trotzt seinen Gegnern mit dem Lob aus dem Mund von Kleinkindern und Säuglingen. Gemäß dem hebräischen Text schafft Gott gar aus dem Mund der Schutzlosesten und Wehrlosesten eine Macht (עֹ֥ז, gesprochen: os), die den Feinden ein Ende setzt. Nun ergeben sich verschiedene Auslegungsmöglichkeiten, wer mit den Kleinkindern und Säuglingen gemeint sein könnte. In der ägyptischen Königsideologie zum Beispiel gibt es die Vorstellung vom königlichen Kind, das die Feinde kraft der in ihm gegenwärtigen Gottheit besiegt. In Psalm 8 scheint es aber wohl eher die Selbstbezeichnung einer Gruppe von Gott-Gläubigen zu sein, die sich als Festung inmitten der feindlichen Welt versteht. Von besonderer Bedeutung ist, dass mit der Bezeichnung als Säuglinge und Kleinkinder eine Zukunftsperspektive gegeben wird. Gott schafft seiner Macht stets einen Neuanfang als Bewahrer des Menschen und der Schöpfung.

Fürwahr, ich sehe Deinen Himmel, die Werke Deiner Finger, den Mond und die Sterne, die Du befestigt hast. Was ist das Menschlein, dass Du seiner gedenkst und was ist das Menschenkind, dass Du Dich seiner annimmst? Psalm 8,4-5

Im Angesicht des leuchtenden Sternenhimmels verdeutlicht sich diese Macht, von der in Vers 3 gesprochen wird. Die Ordnung des Kosmos ist Ausdruck der Hoheit Gottes. Diese Unendlichkeit ist sozusagen der Fingerzeig Gottes. Er hat alles erschaffen und alles trägt seine persönliche Note, seinen Fingerabdruck.

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GraffitiKrippe2015-Sternenhimmel
Der Sternenhimmel der Wuppertaler Graffiti-Krippe (2015).

Bei der Betrachtung der Schöpfung, fragt sich der Mensch, was für eine Bedeutung er im Angesicht dieses großen Werkes hat. Die Frage selbst ist eine rhetorische Frage und erhält keine direkte Antwort – jedoch die Frage selbst ist beachtenswert. Nicht nur in den beiden Bezeichnungen „Menschlein“ (אֱנֹ֥ושׁ, gesprochen: enosch) und „Menschenkind“ (בֶן־אָ֝דָ֗ם, gesprochen: ben-adam) wird der Abstand zwischen Gott und Mensch noch einmal deutlich. Während „Menschlein“ häufig – vor allem im Buch Ijob und den Psalmen – den vor Gott kleinen Menschen meint, ist mit dem Ausdruck Menschenkind die Vergänglichkeit und das Menschsein als solches gemeint (siehe Psalm 90,3).
Der Niedrigkeitsaussage über den Menschen in Psalm 8 stehen die Handlungen Gottes gegenüber. Die beiden Ausdrücke „gedenken“ und „sich annehmen/kümmern“ bringen ein positives, fürsorgliches Handeln Gottes zum Ausdruck. Die Aufforderung an Gott, des Beters zu gedenken, ist typisch für das biblische Gebet (siehe Psalm 25,6-7 und Psalm 74,2). Dabei geht es um mehr als ein Erinnern oder An-etwas-denken. Vielmehr soll durch das Gedenken das Gedachte in die heilende Gegenwart Gottes (zurück-)gebracht werden. Der zweite Ausdruck „sich annehmen/kümmern“ fasst die Aussageintention des ersten Begriffs noch weiter und steigert sie sogar noch, in dem es den Entschluss zum handelnden Eingreifen hinzufügt. Gott überlässt den Menschen nicht sich selbst, sondern er ist ihm stets anteilnehmend und wohlwollend zugetan. Diese Aufmerksamkeit Gottes gilt allen Menschen und sie gilt, wie der Vorspann zu der rhetorischen Frage in Vers 4 deutlich macht, dem Menschen in seiner Kleinheit und Hinfälligkeit.

Der Mensch als Stellvertreter Gottes

Die göttliche Fürsorge hebt den Menschen aus dem Gesamt der Schöpfung heraus. Diese Sonderstellung wird in den Versen 6-9 erläutert.

Du hast ihn (nur) wenig geringer gemacht als Gott und mit Ehre und Herrlichkeit krönst Du ihn. Psalm 8,6

Während im altorientalischen Denken die Menschen als Sklaven der Götter definiert wurden und lediglich der König als Gottesbild oder Gottessohn angesehen wurde, universalisiert der Psalm diese Aussage. Das Prinzip wird demokratisiert. Jeder Mensch ist ein Stellvertreter Gottes auf Erden. Dem Menschen kommt somit eine quasi-göttliche und königliche Würde zu – nicht durch Verdienst, sondern allein durch den Willen Gottes. Besonders auffallend ist die Aussage, dass der Mensch mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt ist. Diese Attribute kommen in der Hebräischen Bibel eigentlich nur Gott (siehe Psalm 21,6) oder dem König zu (siehe Psalm 45,4). Gemäß Psalm 8,6 kommt dem Menschen eine allumfassende, die Welt stabilisierende und schützende Rolle zu.

Du hast ihn zum Herrschen eingesetzt über die Werke Deiner Hände, alles hast Du unter seine Füße gelegt. Schafe und Rinder allesamt und auch die (wilden) Tiere des Feldes, Vögel des Himmels und die Fische im Meer, die entlangziehen die Pfade der Meere. Psalm 8,7-9

Der Mensch ist König von Gottes Gnaden. Er herrscht über die Natur. Das heißt einerseits, dass die Tiere der Welt keine Gefahr für den Menschen darstellen, sondern dem Menschen als Stellvertreter Gottes untergeordnet sind. Andererseits bedeutet dies, dass der Mensch gegenüber der Tierwelt die Verantwortung hat, seine königlichen Pflichten und Aufgaben im Angesicht Gottes zu erfüllen. Die Macht- und damit die Verantwortungsfülle ist allumfassend und beinhaltet nicht nur die eigenen Nutztiere, sondern alle Säugetiere sowie alle Vögel und Meeresbewohner. Das gesamte Ökosystem liegt in seiner Hand. Und es ist auch interessant, was der Psalm nicht sagt: die Herrschaft über andere Menschen wird nicht erwähnt. Dementsprechend schließt der Psalm auch mit der Aussage, dass nur Gott der eigentliche König über die gesamte Erde ist:

JHWH, unser Herrscher, wie gewaltig/majestätisch ist Dein Name auf der ganzen Erde. Psalm 8,10

Der Psalm preist Gott als den Weltenkönig, der sich dem Menschen zuwendet und ihn erhebt zu seinem Stellvertreter auf Erden. In menschliche Hände legt Gott die Schöpfung und gerade darin wird die besondere menschliche Würde deutlich.

Würde und Verantwortung

Psalmen bieten nicht nur Worte zu Gott, sondern sie sind zugleich auch Worte an den Menschen. Das Gebet mit den Psalmen erfüllt so eine zweifache Funktion. Es dient auch zur eigenen Positionsbestimmung. Das Geschöpf spricht zum Schöpfer und wird sich in Psalm 8 seiner Würde und Verantwortung bewusst. Die eigene Kleinheit und Vergänglichkeit erwächst zur großen Aufgabe. Der Mensch ist nicht nur Teil der Schöpfung, sondern seine menschliche Würde geht einher mit Pflichten und Aufgaben gegenüber der Schöpfung. Gott, der Schöpfer, hat den Menschen zum Bewahrer der Schöpfung eingesetzt.


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Bildnachweis

Titelbild: „Only a 3minutes earth“ von Ralph. Lizenziert unter CC0 1.0.

Bild im Textverlauf: „Der Sternenhimmel der Wuppertaler Graffiti-Krippe (2015)”, Fotograf: Christoph Schönbach – alle Rechte liegen beim Fotografen. Mehr Informationen zur Wuppertaler Graffiti-Krippe gibt es auf facebook unter: https://www.facebook.com/graffitikrippe.

Einzelnachweis   [ + ]

1. Vgl. „Der Papst zum Klimagipfel: ‚Die Welt steht an der Schwelle zum Selbstmord‘“, Spiegel Online, 30.11.2015 [Stand: 4. Dezember 2015].
2. Siehe Abschnitt 64 in: „Enzyklika Laudato si‘. Über die Sorge für das gemeinsame Haus“, Papst Franziskus, 24.05.2015 [Stand: 4. Dezember 2015].
3. Klimagipfel in Paris: Der Sinn des Irrsinns“, Christoph Seilder, Spiegel Online, 30.11.2015 [Stand: 4. Dezember 2015].
4. Im Folgenden ist eine eigene Arbeitsübersetzung angegeben, auf die im Text Bezug genommen wird. Zugleich finden sich mit den Bibelstellenangaben Links zur Einheitsübersetzung.
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