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Ruhe! Oder: Über die Bedeutung des arbeitsfreien Sonntags


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„Gerade der Sonntag erinnert daran, dass Menschen nicht nur zur Arbeit geschaffen sind und ihre Würde nicht an ihrer Leistung hängt“, mit diesen Worten rief der Vizepräsident der Evangelischen Kirche im Rheinland, Johann Weusman, dazu auf, sich an der Demonstration gegen die Ausweitung der Ladenöffnungszeiten an Sonnabenden und Sonntagen zu beteiligen.1) 100 Personen folgten dem Aufruf der Kirchen und Gewerkschaften unter dem Motto „Unser Sonntag ist uns heilig“ am 1. März vor dem nordrhein-westfälischen Landtag zu demonstrieren.2) Aber der Sonntag ist nicht heilig – zumindest nicht für die Bibel – und eine Pflicht zur Sonntagsruhe gibt es in ihr nicht.

Der heilige Tag

In den Zehn Geboten3) heißt es nicht: „Du sollst den Feiertag heiligen“, wie Martin Luther in seinem Katechismus das Sabbatgebot neu formulierte, um es auf den Sonntag umzudeuten. Für Christen und Christinnen ist der erste Tag der Woche der wöchentliche Feiertag. An ihm entdeckten die Frauen das leere Grab:

Nach dem Sabbat, beim Anbruch des ersten Tages der Woche, kamen Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Matthäus 28,1 (vgl. Markus 16,1-2, Lukas 24,1; Johannes 20,1)

Der erste Tag der Woche entwickelte sich zum Tag des Brotbrechens und zum Gedenken der Auferstehung Jesu Christi (vgl. 1 Kor 16,2, Didache 14).4) Der gemäß den Zehn Geboten heilige Tag hingegen ist der am Freitagabend beginnende und bis Samstagabend gehende Sabbat:

Gedenke, dass du Sklave warst im Land Ägypten und dass dich der HERR, dein Gott mit starker Hand und ausgestreckten Arm von dort herausgeführt hat. Darum hat es dir der HERR, dein Gott geboten, den Sabbat zu begehen. Deuteronomium 5,15

Gott hat nicht das Christentum zu seinem Gottesvolk auserwählt, sondern er hat Israel aus Ägypten herausgeführt, damit sie erkennen, dass er ihr Gott ist. Die Beziehung Gottes zu Israel ist die Grundlage der Zehn Gebote, die auch für Christen als ethischer Grundlagentext gelten. Der erste Satz der Zehn Gebote lautet:

Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Deuteronomium 5,6

Die dieser Beziehungsaussage folgenden Gebote sind die einzigen alttestamentlichen Gesetze, die Gott seinem Volk direkt – ohne die Vermittlung durch Mose – offenbart. Das heute vor allem heidenchristliche geprägte Christentum kann sich nicht mit dem aus Ägypten herausgeführten Israel identifizieren und es kann bzw. muss daher das Sabbatgebot gemäß der Formulierung im Deuteronomium nicht einhalten. Das ändert sich auch nicht, wenn man die Fassung des Sabbatgebotes in den Zehn Geboten im Buch Exodus näher betrachtet:

Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! […] Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der HERR den Sabbat gesegnet und ihn geheiligt. Exodus 20,8.11 (vgl. Genesis 2,2-3)

Angeredet ist auch hier Israel und nicht die gesamte Menschheit. Aber die Begründung für die Heiligung des Sabbats ist eine andere. Gott hat diesen Tag geheiligt und daraus folgt die Forderung diesen Tag selbst durch Ruhe zu heiligen. Hier ist die Begründung nicht israel-spezifisch, sondern das Arbeitsverbot am Sabbat ist schöpfungstheologisch begründet – das heißt: Gott hat bei der Schöpfung einen Siebentage-Rhythmus als Grundlage der Woche eingeführt und den siebten Tag als krönenden Abschluss festgelegt. Dementsprechend sollen nicht nur die Israeliten die Sabbatruhe einhalten, sondern auch die Menschen und Tiere, die für die Israeliten arbeiten und sich bei ihnen aufhalten:

Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin und dein Vieh und dein Fremder in deinen Toren. Exodus 20,10 (vgl. Deuteronomium 5,14)

Durchatmen!

Der Sabbat ist im biblischen Israel ein Grundrecht, das sowohl Arbeitskräften als auch Arbeitstieren zusteht und keine Standesunterschiede kennt. Es handelt sich dabei nicht um eine Vertragsvereinbarung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Zum Beispiel in altbabylonischen Vertragstexten wird festgelegt, dass ein Arbeiter drei Ruhetage pro Monat erhält.5) In den alttestamentlichen Gesetzen ist der Ruhetag keine Vertragsvereinbarung und kein individuelles Recht, sondern ein gesellschaftlich festgelegter Lebensrhythmus zum Schutz der arbeitenden Menschen und Tiere. Im Hintergrund der theologischen Ausdeutung der Sabbatruhe in den Zehn Geboten steht vielleicht folgendes im Buch Exodus zu findendes Gesetz:

Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen. Exodus 23,12 (siehe auch Ex 34,21)

Wer arbeitet, muss sich erholen, ausruhen und zu Atem kommen dürfen. Die lebenswichtige Bedeutung dieser Arbeitsruhe wird im Hebräischen durch das verwendete Verb betont:‎ וְיִנָּפֵ֥שׁ (gesprochen: ve-jinafesch). Die Wortwurzel, aus der dieses Verb im Hebräischen abgeleitet wird, hat die Grundbedeutung „Kehle / Atem“, aber es hat sich zum allgemeinen Ausdruck für das, was Menschen und Tiere zu einem Lebewesen macht, entwickelt: das Leben und die Lebenskraft. Gemäß Exodus 23,12 soll der Sohn der Sklavin und der Fremde, sich nicht einfach nur entspannen, sondern das Ausruhen dient dem Leben. Die Ruhe soll das Leben ermöglichen. Aber warum wird das nur in Bezug auf den Sohn der Sklavin und den Fremden gesagt? Am Anfang des Gesetzes wird das Ruhegebot für jeden Israeliten ausgesprochen und die beiden erwähnten Personengruppen verdeutlichen, dass dieses Gesetz im Besonderen den Ärmsten und Schwächsten dient. Als Sklaven Geborene konnten, anders als Menschen, die durch Schulden zu Sklaven wurden, in ihrem Leben keine Freiheit erlangen (vgl. Exodus 21,2-4) – und der Nicht-Israelit, der als Immigrant in den israelischen Städten lebte, war Zeit seines Lebens als Fremdling auf den Schutz der Israeliten angewiesen.

Ruhe!

Sonntag ist nicht Sabbat – und Christen sind nicht Juden. Aber man kann aus den alttestamentlichen Gesetzen lernen, dass dem Menschen ein fester Ruhe-Rhythmus zusteht, damit er und sie aufatmen und leben können. Dies ist kein individuelles Recht, sondern eine gesellschaftliche Grundordnung, die der Gemeinschaft dient. Gott hat einen Tag in der Woche dadurch geheiligt, dass sein Tageswerk die Ruhe war. Die Krone der Schöpfung ist der Ruhetag, den Gott der Welt geschenkt hat. Auch wenn im Christentum der Sonntag als Tag des Herrn geheiligt wird und nicht der Sabbat, so ist der wöchentliche Ruhetag, der den Rhythmus der Gesellschaft bestimmt ein notwendiges kollektives Atemholen, das Leben ermöglicht und die schwächsten und ärmsten Arbeiter und Arbeiterinnen schützt. Die Ruhe darf nicht eingeschränkt werden, sondern sie sollte ausgeweitet werden – wie kann es sein, dass uralte Gesetze das Recht auf einen allgemeinen Ruhetag selbst Nutztieren zugestehen, aber heute diese Institution auf dem Altar des Konsums geopfert werden soll?


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1. Demo für den Sonntagsschutz“, ekird.de [Stand: 3. März 2018].
2. Siehe die SocialWall der EKIR zu diesem Motto: http://unsersonntag.ekir.de/; hier ein Bericht zur Demonstration: “Gewerkschaften und Kirchen protestieren gegen Sonntagsöffnungen. ‘Der Sonntag ist mir heilig’, Johannes Nitschmann, domradio.de, 01.03.2018 [Stand: 05. März 2018].
3. „Im hebräischen Alten Testament wird der Text der üblicherweise im Deutschen als die Zehn Gebote bezeichnet wird, עשרת הדברים (gesprochen: aseret ha-davrim) genannt (siehe Exodus 34,28). Es sind keine Gebote, sondern zehn Worte.“ (“Gesetz als Gnade“, Till Magnus Steiner, praedicatio.de, 01.03.2018 [Stand: 03. März 2018].
4. Einen ersten Beleg für den Sonntag als wöchentlichen Feiertag der Christen findet sich bei Justin dem Märtyrer in seiner Apologie: „An dem nach der Sonne benannten Tage findet die Zusammenkunft von allen, die in Städten oder auf dem Lande herum weilen, an einem gemeinsamen Ort statt. Es werden die Aufzeichnungen der Apostel und die Schriften der Propheten vorgelesen, soweit es die Zeit erlaubt. Wenn dann der Vorleser aufgehört hat, hält der Vorsteher eine Ansprache, in der er ermahnt und auffordert, diesen schönen Lehren und Beispielen nachzufolgen. Sodann stehen wir alle zusammen auf und schicken Gebete zum Himmel * für uns selbst […] und für alle anderen auf der ganzen Welt, auf daß wir würdig werden, […] auch in Werken als gute […] Menschen und als Beobachter der Gebote befunden zu werden, um so das ewige Heil zu erlangen. Nachdem wir die Gebete beendet haben, grüßen wir einander mit einem Kusse. Dann wird dem Vorsteher der Brüder Brot gebracht und ein Becher mit einer Mischung von Wasser und Wein. Dieser nimmt es, sendet durch den Namen des Sohnes und des Heiligen Geistes Lob und Preis zum Vater aller Dinge empor und verrichtet eine lange Danksagung dafür, daß wir dieser Gaben von ihm gewürdigt wurden. Ist er mit den Gebeten und der Danksagung zu Ende, stimmt das ganze anwesende Volk ein, indem es spricht: Amen. Nachdem der Vorsteher die Dankhandlung vollbracht und das ganze Volk eingestimmt hat, reichen die Diakone, wie sie bei uns heißen, jedem Anwesenden vom dankgesegneten Brot und vom mit Wasser vermischten Wein zum Genuß dar und bringen davon auch den Abwesenden.“
5. Vgl. Julius G. Lautner, Altbabylonische Personenmiete und Erntearbeiterverträge, Leiden 1936.
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