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Ecclesiastica·Pastoralia

Glaube, liberal und konservativ Oder: Was das Alte Testament über Glauben lehrt


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In der österlichen Bußzeit kann man, wie jedes Jahr, viel zum Thema Fasten lesen. In Predigten hört man Aufrufe zur Umkehr zu Gott. Wie zu jeder Jahreszeit hört man von vielen Kirchenaustritten, über Kirchenschließungen und Bistumsfinanzen. Und immer wieder gibt es Aufbrüche, die eine sogenannte Glaubenskrise beklagen und alten Ballast abwerfen wollen. So wie das Kirchenjahr immer wieder denselben Zyklus durchläuft, so scheinen manchmal die Klagen über die Amtskirche und die Situation der Gemeinden in einer Dauerschleife gefangen zu sein. Für die einen ist die Kirche zu liberal, für die anderen ist sie zu konservativ. Aber wenn alle in verschiedene Richtungen aufbrechen, dann steht man am Ende nur mit den Rücken einander gegenüber und entfernt sich voneinander. Es ist ein Trugschluss, wenn man meint, dass ein Aufbruch zu Gott führt. Ein Aufbruch im Glauben beginnt bei Gott.

Fest im Glauben

Glauben bedeutet im Alten Testament beständige Treue. Das hebräische Verb, aus dem sich der Begriff des Glaubens ableitet, ist אמן (gesprochen: aman). Seine Grundbedeutungen sind „fest, beständig, zuverlässig sein“. Mit diesem Wort ruft der Prophet Jesaja König Ahas im Angesicht der feindlichen Armee, die gegen Jerusalem vorrückt, mit einem Gotteswort Mut zu:

Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht!
[Auf Hebräisch: אִ֚ם לֹ֣א תַאֲמִ֔ינוּ כִּ֖י לֹ֥א תֵאָמֵֽנוּ ; gesprochen: im lo taaminu ki lo teamenu]Jesaja 7,9

In der Übersetzung dieses Verses geht das dem hebräischen Text zugrundeliegende Wortspiel völlig verloren. Beide Teile des Satzes verwenden dasselbe Verb, aber in verschiedenen Formen. Das erste אמן, das hier mit „glauben“ übersetzt ist, meint ein innerliches Faktum. Es drückt eine Handlung aus, die die Person in einen Zustand versetzt. Dieser Zustand ist die Festigkeit im Glauben. Man könnte ebenso übersetzen: „Wenn ihr euch nicht in Festigkeit versetzt, […]“. Nun fehlt aber ein Objekt. Was wird geglaubt oder was ist die Grundlage dieser Festigkeit? Der Gebrauch des Verbs ohne ein Objekt findet sich häufig im Alten Testament in Bezug auf Gott und sein Handeln – wie es sich auch aus dem Kontext dieses Verses erschließt. Daher könnte man auch freier übersetzen: „Wenn ihr euer Handeln nicht festmacht / verankert in Gott und seinem Handeln, […]“. Der Rest des Verses zeigt die Abhängigkeit der glaubenden Person an. Das zweite Vorkommen des Verbs אמן, nun in einer anderen Form, wandelt die Aufforderung zum Glauben in eine Mahnung: Wer nicht an Gott und sein Handeln glaubt und darauf vertraut, wird keinen Bestand haben, denn Rettung findest sich nur bei Gott. So könnte man den Vers insgesamt, dem hebräischen Wortspiel annähernd gerecht werdend, folgendermaßen übersetzen: „Wenn ihr Euch nicht fest macht [im Glauben an Gott], dann werdet ihr nicht fest stehen“. Nur wer in Gott seinen zuverlässigen Halt findet, steht auf festem Grund.

Ankerpunkt

Für das Christentum ist die Mitte des Glaubens der Tod und die Auferstehung Jesu – für die Gläubigen ist dies weder konservativ noch liberal, weder links noch rechts. Es ist das, was im Fokus steht und dem alles Weitere entwächst. Man muss nicht zu allem Ja sagen – aber der Glauben ist das gemeinsame Fundament. Er ist das unumstößliche Amen, auf das man von links oder rechts ausgerichtet ist – und wenn man darauf fokussiert bleibt, sieht man durch es hindurch auch die andere Seite und man sieht das Angesicht des Gegenübers im Herzen des Glaubens.


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